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Central-Verein-Zeitung · 1924-06-05 · 23 (5.6.1924) · p. Seite 345

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
23 (5.6.1924)
Date
1924-06-05
Page
Seite 345 (sequence 9)
Language
German
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345 Mangel an lebendigen jungen Menschen, die mit eigener Ueberzeugung und mit Ueberzeugungskrast die Anschauung des Central- Vereins vertreten, das Weltbild des Zionismus in manchen „neutralen" Jugendbünden an Ansehen und Geltung gewonnen hat: eine solche „Neutralität", die in Wirklichkeit nationnljüdische Arbeit betreibt, ist selbstverständlich fragwürdig geworden. Aber wenn der Central-Verein den jungen Menschen mit führerischer Fähigkeit, zu denen er Fühlung hat, davon abrät, sich in den „neutralen" Jugendbünden zu betätigen, deren Wiederbelebung gerade in diesen Wochen mit Eifer betrieben wird, so schadet er weit mehr, als er vielleicht im Augenblick zu ermessen vermag, sich selbst und der Ausbreitung feiner Gedanken als dem Kreis der diesen Jugendbünden angeschlossenen Menschen. So möge man im Kreise des Central-Vereins unter Erwägung der vorstehenden Darlegungen und Tatsächlichkeiten die Jugendfrage erneut und eingehender einer Prüfung unterziehen und möge aus theoretischen mtb. praktischen Gründen in Zukunft mit solch allgemeinen Prägungen, wie sie vorstehende Ausführungen veranlaßen, bei seinen Entschließungen vorsichtiger fein. 7*110 -er Zeitungswelt. In der Ausgabe der „Riederrheinischen BolkszeiLnng" vom 28. Mai wendet sich der katholische Pfarrer Dr. Doergens Traar (Krefeld) in einem Aufsatz „Vom wahren^ völkischen Gemeinschaftsleben" gegen den völkischen Mißbrauch dieses Begriffs. Er sagt zum Schluß: „Ja, es ist wahr, die höchsten Güter des Familien- und Staatslebens stehen und fallen mit den zehn Geboten. So ist der Mißbrauch des Wortes völkisch, das Bekenntnis zum „deutschen Gott" und „deutschen Christentum" unter gleichzeitiger Schwächung des Alten Testaments eine Sünde wi-der unser Volkstum, ein Zeichen der Begriffsverwirrung, der Zeit." V Zum 30. Geburtstag Ludwig Franks bringt die Badische Kandeszeitung" am 23. Mai einen Aufsatz von Dr. Gustav Hecht: „In memoriam". In diesem wird auch des 1 ü d i f ch e n Frontsoldaten Ludwig Frank gedacht: „Im Sommer 1914 sollte Frank eine Vortragsreise nach den Vereinigten Staaten von Amerika unternehmen. Alles ist schon vorbereitet, umfangreiche Literatur über Amerika studiert. Die Reise sollte nicht stattsinden . . . Der entsetzliche Weltkrieg bricht aus. Der L a n d st u r m mann Ludwig Frank ist einer der ersten, die sich freiwillig zur Fahne melden. Am 13. August tritt er in das Mannheimer Grenadierregiment ein. Er ist ein eifriger und gewissenhafter Soldat; er will keine Bevorzugung. Sein Platz ist bei der Mannschaft in der Kaserne. Am 23. August schreibt er an eine befreundete Schriftstellerin: „Ich bin in der Kaserne einquartiert und schlafe auf dem harten Feldbett, wie mein Stammvater Jakob, zu Häupten den Stein, traumlos von 10 bis 5; der Trompeter weckt mich. Die Strapazen der Felddienstübung und des Marsches ertrage ich mühelos . . . Der Körper ist wirklich der Knecht der Seele. Ich stehe in der Front, wie jeder andere. Ich werde von allen mit größter Rücksicht behandelt. . . . Aber ich weiß nicht, ob auch die französischen Kugeln meine parlamentarische Immunität achten. ... Ich habe den sehnlichen Wunsch, den Krieg zu überleben und dann am Jnnenban des Reiches mitzuhelsen. . . .Aber jetzt ist für mich der einzig richtige Platz in der Linie in Reih und Glied, und ich gehe wie alle andern freudig und stegessicher . . . Der Gedanke an meine Eltern ist schmerzlich . . . Aber ich habe schon mehr als einmal in entscheidenden Augenblicken meines Lebens ihnen weh tun müssen, und ich kann es nicht bereuen. Ich mußte mir mein eigenes Leben zimmern, und jetzt geht es um mehr, nicht um die persönliche-Existenz, sondern vielleicht um das Leben. Das Huttenlied wird die Jahrhunderte hindurch immer wieder erlebt: , ,Ob auch die liebe Mutier weint. Daß ich das Ding hab^ sangen an. Ich hab's gewagt? Ain 31. August in der Abenddämmerung marschiert Ludwig Frank mit einer Kolonne Grenadiere zum Bahnhof, um ins Feld zrr rücken. Tausende geben ihm das Geleit und jubeln ihm zu: „H o ch L u d w i g F r a n k l Frank wieder kommen!", schallt es aus Hunderten von Kehlen. Väter und Mütter heben ihre' Kinder in die Höhe und zeigen ihnen voll Stolz den gefeierten Mann . . . Am Bahnhof ein letzter Händedruck . . . Eine Feld- Postkarte, während der Nachtfahrt geschrieben, berichtet mir, daß Frank „auf Zaberns klassischem Boden" angekommen sei, aber „es gehe noch viel weiter" . . . Bereits am 3. September besiegelt Ludwig Frank bei Nossencourt die Treue zum Vaterlande mit dem Leben. ... Eine Jugenöerinnerung. Vou Rabbiner Dr. Kaatz (Hindenburg, O.-S.). Es war gegen Ende der siebziger Jahre. Ich saß in der unteren Klasse der kgl. preußischen jüdischen Volksschule meiner Geburtsstadt S ch w e r s e n z im Kreise Pvsen--Ost. Das Städtchen, von Juden gegründet, wies eine große jüdische Gemeinde auf. Die jüdische Volksschule bestand zu jener Zeit aus zwei starkgefüllten Klassen. In der zweiten, in der ich damals saß, unterrichtete der in allen Kreisen der Bevölkerung hochgeschätzte Lehrer G r ü n f e l d, ein ausgezeichneter Schulmann, den längst der kühle Rasen deckt, und der sich bei allen, die ihn kannten, ein Andenken , der Ehre gesichert hat. Er wirkte nicht nur als Lehrer der Volksschule, sondern erteilte auch Vorbereitungsunterricht für höhere Schulen. Und mehrere Generationen von Schülern, jüdische wie christliche, nahmen an diesen Vorbereitungskursen teil. Darunter besonders die Söhne der Gutsbesitzer der Umgegend. Eines Tages, es dürfte um das Jahr 1878 gewesen sein, saßen wir in der Klasse beim deutschen Unterricht. Es war eine Wiederholnngsstunde. Wrr repetierten die Gedichte, die wir aus dem Lesebuch, welches, wie ich glaube, „Preußischer Kiudersrennd" hieß, im Lause, des Jahres auswendig gelernt hatten. Der Lehrer nannte den jeweiligen Titel eines Gedichtes und rief den Namen des Schülers aus. der es aufsagen sollte. Die Schulstube lag zu ebener Erde. Ihre Fenster gingen nach der Straße. Sie waren zwar geweißt, um fie undurchsichtig zu machen. Aber dank unserer Taschenmesser, Kniffek, genannt, war die Farbe an den geeigneten Stellen abgeschabt, und wen die Vorgänge in der Klasse nicht interessierten, der hatte Gelegenheit, sich eine Abwechslung zu verschaffen und durch die zerkratzten Scheiben die Außenwelt zu betrachten. Ich saß sin der Nähe des Fensters und verfolgte mit reger Aufmerksamkeit, wie in dem der Schule gegenüberliegenden Hause der Schneidermeister Schloime L., ein würdiger Herr, der durch seine Schriftkenntnis und seine Frömmigkeit sich in der Gemeinde großer Achtung erfreute und uns Kindern besonders durch seinen lang herabwallenden Bart imponierte, einem Kunden, der hemdärmelig vor ihm stand. Maß zu einem Rock nahm. Meine Schneiderstudien wurden aber jäh durch den Lehrer unterbrochen. Er ries meinen Namen imb sagte: „D eutsche r T r o st". Ich stand auf und deklamierte schmetternd: Deutscher Trost, von E r n st Moritz Arndt. Deutsck)es Herz, verzage nicht, Tu, was dein Gewissen spricht. Dieser Strahl des Himmelslichts: Tue Recht und fürchte nichts. Wohl steht dir das gerade Wort, Wohl der Speer, der gerade bohrt. . . Ich blieb mitten im Wort stecken. Denn die Tür öffnete sich und ein junger Kadett in Marineuniform trat herein. Wir sperrten Mund und Nase ob der Ueberraschung auf. Der Ankömmling ging auf das Katheder zu, ergriff und schüttelte die Hand des L e h r e r s , der freudig aufgesprungen war und eine lebhafte Unterhaltung in Rede und Gegenrede mit dem Gast führte. Der schmucke Kadett war ein früherer Schüler, den Herr Grünfeld vorbereitet hatte, und der nun, da sein Weg ihn in die Nähe seiner Heimat geführt hatte, nicht verfehlte, seinem alten Lehrer seine Dankbarkeit zu bekunden und chn durch einen Besuch zu erfreuen. Er war auf dem Rittergut Kruszewnia bei Schwersenz geboren und war vom Lehrer G r ü n s e l d unterrichtet worden. Sein Vater fyatte inzwischen das Gut verkauft und war mit seiner Familie nach einem anderen Landesteil übergesiedelt. Es waren Jahre vergangen. Aber der Schüler hatte seinen Lehrer nicht vergessen und brachte seine Dankbarkeit zum Ausdruck, indem er während einer Urlaubszeit, die ihn nach der Stätte seiner Kindheit sührte, seinen Lehrer ausiuchte. Der Besuch dauerte etwa ein Viertelstündchen. Dann verabschiedete sich der Gast und der Lehrer begleitete ihn bis aus die Straße. Als er zurückkehrte, leuchtete ihm die Freude aus den Augen. Mein anspruchsloser Bericht ist eigentlich nun zu Ende. Der Vollständigkeit wegen will ich aber noch den Namen des Kadetten nennen, der so dankbar seines alten jüdischen Lehrers gedachte. Er hieß — Ludendorfs. Wie sein Vornamen lautete, weiß ich nicht. Es ist möglich, daß er Erich hieß. Es kann aber auch fein, daß er einen anderen Vornamen führte, da der Ritte r g u t s b e s i tz e r L u d e n d o r s s aus Kruszewnia bei Schwersenz, der den Unterricht seines Sohnes einem jüd i - sche n Lehrer anvertraute^ mehrere Söhne hatte. Seit jener Szene aus den Tagen meiner Kindheit ist fast ein halbes Jahrhundert verflossen. In Wehmut gedenke ich der vergangenen Jugendzeit. Die jüdische Gemeinde und die jüdische Schule meiner Heimatstadt sind ausgelöst. Gedichte von Ernst Moritz Arndt werden dort wohl kaum noch ausgesagt. Es ist vieles, vieles anders geworden.

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