Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 23 (5.6.1924)
- Date
- 1924-06-05
- Page
- Seite 344 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Jugend und Neutralität. Von Tr. G u st a v L ö s s l e r (Frankfurt c». M.). Der Aufsatz Kurt Alexanders zur „Iugendfrage" in der „L. V.- Zeitung" vom 15. Mai hat, was zu erwarten war, erfreulicherweise eine ganze Reihe von Zuschriften veranlaßt. Wir drucken als erste die folgenden Darlegungen Löfflers ungekürzt ab. Daß wir manches anders beurteilen, ist verständlich. Die Schriftleitung. Aus der jüngsten Hmlptversammlung des Central-Vereüls wur.d der Erörterung der Jug-endfrage ein breiter Raum gegönnt. Wie könnte es auch anders, sein, als daß im heißen Kamps stehende Menschen nach „Ers atzres erve n" beizeiten Ausschau halten! Für den Menschen, der in der Jugendbewegung stand und dauernd mit bewegter Jugend Fühlung zu wahren sucht, war's erfreulich, mit welch vornehmer Sachlichkeit die jungen Referenten zu den unterschiedlichen Gruppet heutiger jüdischer Jugend Stellung nahmen und Urteil gewannen, obwohl sie sich bewußt auf die Plattform des Central-Vereins begaben und damit sein politisches Programm bejahten. Um so peinlicher mußte es berühren, daß in dem Berichte über bk' Aussprache, die den Referenten folgte, sich der lapidare Satz findet: .,N e n t r a l i t q t wird al s in i t den: Willen und Wesen der Jugend unvereinbar ab ge lehnt/ Nicht verletztes Gefühl und Verantwortlichkeit für eine große Schar vorzüglicher Menschen, mit denen ich mich heute noch in der H o ch s ch n tz st n g des Prinzips der Neutralität als bindender Kraft jüdischer Jugend unterschiedlicher Kreise geeint weiß, sind Anlaß zu den nachfolgenden Ausführungen; vielmehr entspringen sie der Ansicht, daß eine Organisation wie der Central-Verein, von dem immer dringlicher Vergeistigung verlangt wird, und der an dieser Forderung nicht wird Vorbeigehen können, ein solch folgen-- schweres Wort wie das von der Unvereinbarkeit der Neutralität mit Willen und Wesen der Jugend nicht durchgehen lassen darf. Das Wort erscheint mir bedenklich in psychologischer und ethischer Hinsicht. Wie steht es mit der Möglichkeit „neutraler" Haltung im Stande der Jugend? Diese Frage aufwersen, bedeutet die Notwendigkeit, die Borfrage nach Wesen und Sinn der Neutralität zu beantworten. Dem einfachen Wortsinn nach bedeutet Neutralität freilich nichts anderes, als unterbleibende oder bewußt unterdrückte Stellungnahme im Streite zweier Meinungen, zweier Menschen; zweier Gruppen. Der Begriff des Wortes aber, klar erfaßt, — und für tiefer denkende Menschen geht es letzten Endes immer um die Erfassung des Begriffs, — umschließt als Folge der Negation stärkste Bejahung. Die Bedeutung der Negation für die volle Erfassung eines Begriffs und die Zwangläüsigkeit der Bejahung aus ihr ist feit Hegels tief eindringendem Denken unumstrittener Besitz der Erkenntnis geworden. Darum geht es nicht an, in dem Begriff der Neutralität lediglich oder auch nur vorwiegend die oben gesetzte Erscheinung erblicken zu wollen, sondern es sind die positiven Wendungen in ihm zu suchen und zu finden. Positiv gewendet aber bedeutet Neutralität im Denken und bewußten Fühlen der Menschen, die sich zu diesem Begriff bekennen: Willen und Vermögen a u Versöhnung, E i u nng, Brüderschaft, Gemeinschaft. Ist nun die Jugend vermöge der Eigenart, die dieses Entwicklungsstadium des Menschen mit sich bringt, in der Lage, solchen Begriff der Neutralität sich zu eigen zu machen und durch Wirklichkeit zur Wahrheit zu führen? Es ist richtig: die im Stande der Jugend stärker vorwaltende Triebhaftigkeit drängt de: Streitigkeiten zur Parteinahme für oder gegen. Auf der anderen Seite aber ist die Weite des Fuhlens und die Unvoreingenommenheit bei unverbildeten jungen Menschen unzweifelhaft größer als bei reisen und erwachsenen. Das befähigt sie zu ihren oft überschäumenden Aeußerungen Von Sympathie, von Liebe^sreilich auch von Haß; es gibt ihrem Mitleiden auch größere Schöpferkraft, mildert die Strenge gegenüber dem Unterliegenden, und — was an dieser Stelle das Entscheidende fein dürste — ckegt ihnen Zurückhaltung bei strittigen Fragen nahe, soweit ihre eigene Leidenschaft nicht unmittelbar angepackt wird. Nur aus der Seele des j u n g e n Friedrich Schiller konnte ein glühendheißes Wort wie das „Seid umschlungen Millionen, diesen Kuß der ganzen Welt" entspringen. Nur.im Herzen des allzu jung verblichenen Ludwig Rubiner konnte in den Tagen der Revolution die Vision von der „Menschheitskathedrale, aus Weltenschoß geboren" erblühen! So scheint mir also, unterdem Gesichtswinkel der psychologischen Betrachtung, Neutralität mit dem Wesen der Jugend nicht nur vereinbar, sondern der Natur dieses Standes gemäß zu sein. Der Wille der Jugend ist eine Angelegenheit ihres Ethos. Um die Gestaltung einer wahrhaften Sittlichkeit, die sie als Eigengesetzlichkeit ernpfindet und weiß, wird vielleicht keine junge Generation so gerungen haben, wie die heutige. Der wahrhaft junge Mensch weiß, daß'der reine Wille, der allein ein sittlicher Wille ist, kritischen Verstand zur Voraussetzung hat. Darum wird er inwesenhasten Fragen seine letzte Willensbildung aussetzen, bis ihm auf Grund seiner in der Welt gewonnenen Erkenntnisse eigenes Urteil möglich geworden ist. Und so legt auch das Streben nach reiner Willensbildung und damit nach reiner, wahrer Sittlichkeit, der echten. Jugend wiederum die Wahrung der Neutralität Wesenssragen gegenüber nahe. Gegenüber diesen, zunächst bewußt theoretisch gehaltenen Darlegungen ist natürlich mit Leichtigkeit der Einwand zu erheben, daß in der Wirklichkeit des Lebens solckß „ideale" Jugend kaum zu sinden sei, und daß die Wirklichkeit der Ausfassung dieser Möglichkeit zur Neutralität im Lager der Jugend Hohn spreche. Leider ist es wahr, daß der Ausbruch der Jugend, auch unserer jüdischen, der vor etwa elf Jahren erfolgte, und Lei dem es um nichts weniger als um Erreichung eines Lebens in wahrhaft wesenhaster Haltung ging, mit durch die Geschicklichkeit der alteren Generation ins Stocken geraten ist. In den Kreisen der Jugendbewegungsbünde hat man es bedauerlickrerweise nicht beizeiten erkannt, wie sehr man unter dem geschickten Minieren der Parteien der älteren Generation der Idee untreu wurde, um die es den Erweckern der Jugend» bewegung in Deutschland zu tun war. Man hat es seitens unterschiedlichen Gruppen im christlichen wie im jüdischen Deutschland der Jugend nicht vergönnt, daß sie aus menschlicher Wesenhaftigkeit heraus und ohne Bereitschaft zu Kompromissen mit ihrem alles und alle umschlingenden Gefühl die chaotische Welt neu aufzu» barlen suchte. So fam% daß man im jüdischen Menschenkreise, zunächst seitens des Zionismus, nicht nur bei Studenten mit der Fähigkeit zu eigener Urteilsbildung, sondern auch bei noch jugendlichen Menschen, oftmals im Schüleralter, die Wendung zur jüdischnationalen Weltbetrachtung und zum Zionismus hin betrieb, und mit Erfolg betrieb. So erstand der Blau-Weiß. Seitens der zu ihm gehörenden größtenteils seinen jungen Menschen geht man gewöhnlich mit einem überlegenen Lächeln darüber hin, wenn die palüstinazentrische Einstellung der vom Blau - Weiß umschlossenen Menschen als mit dem natürlichen Empfinden eines in deutscher Atmosphäre geborenen und lebenden Menschen in Widerspruch stehend bezeichnet wird. Aber der Umstand, daß es im Blau-Weiß zu einer Spaltung kam, nicht nur, weil von einer Gruppe das strenge Ordensprinzip gefordert wurde, sondern auch weil eben diese Gruppe die Bedeutsamkeit der geistigkünstlerischen Gestaltung aus der deutschen Kultur heraus für ihre eigene Entfaltung als Menschen erkannte und betrieb, war mir immer ein Beweis für die Richtigkeit meiner Anschauung, daß das Wort von der Wurzellosigkeit und dem fehlenden Heimatgefühl des jüdischen Menschen auf deutscher Erde im Blau-Weiß im Widerspruch zur „inneren Wahrhaftigkeit" stand, und daß damit die Jugendbewegtheit des Blau-Weiß trotz aller feiner Vorzüge und Tugenden in jüdischer Beziehung bedenklich Abbruch erlitt, vielleicht in nicht ferner Zeit noch mehr erleiden wird. Unschwer ließe sich dartun, wie auch in anderen Jugendbewegungsbünden — es sei getont, durchaus unbewußt — unverkennbar unter äußeren Einflüssen das reine Menschentum, aus junger Seele erwachsend, getrübt worden ist. Die verschiedenem anderen Gruppen heutiger jüdischer Jugend in Deutschland, die eingestandenermaßen auf Anregung der unterschiedlichen Parteien in den letzten Jahren in Erscheinung traten, können ja ihrer ganzen Haltung nach nicht Anspruch daraus erheben, mit den Maßstäben der Jugend bewegung gemessen zu werden. Bei ihnen tritt klar zutage, wie von vornherein die Einstellung zu den parteireligiösen und Parteipolitischen Fragen innerhalb der Judent)eit (zu Zionismus, Central-Verein und „Deutschnationalen Juden", vielfach auch zur Orthodoxie, Trenmmgsorthodoxie und Liberalismus) lediglich unter dem planmäßigen Einfluß der jüdischen Parteigruppen sich bildete. Ihre nnneutrale Haltung ist darum keineswegs natürliches Gewächs am eigenen .Lebensbaum, vielmehr von unjunger Hand aufgepfropft. Kann man sich darum auch scheinbar im Augenblick darauf berufen, daß die Wirklichkeit, .die im Leben und gar im Politischen Leben allein Gültigkeit und Wert besitze, die FähiAeit und den Willen der Jugend zur „Neutralität" nicht entwickelt habe, so besteht unseres Erachtens kein Grund zur Freude über diese Entwicklung. Das Ergebnis ist die noch keineswegs beendete Zersplitterung der heutigen deutschen Judenheit, die bis weit ins Lager der jungen Generation hineinreicht, und anderseits, bei den „Viel-zu-Vielen", der Hang zur Sensation und Ungeistigkeit. Aber am wenigsten, glaube ich, hatte der Eentral-Verein Anlaß zum Frohlocken und zu einer überheblichen Haltung gegenüber dem Prinzip der Neutralität. Denn vor Jahren, als noch namhafte Persönlichkeiten — jüngere und ältere — aus den Reihen des Central-Vereins innerhalb des neutralen jüdischen Jugendverbandes rnitarbeiteten und um die innerjüdischen und innerweltlichen Probleme mitrangen, bestand für ihn die Möglichkeit, lebendige junge Menschen, die der politischen Auffassung des Central-Vereins widerstrebten, mit dem Feuer und der Wucht eigener Ueberzeugung anzugehen. Heute ist es weiten Kreisen jüdischer Jugend, die vom Blau-Weiß "und I. I. W. B. ersaßt sind, gegenüber dem Central-Verein nicht mehr möglich, sich Gehör zu verschaffen. Gerade von ihnen und ihren Führern ist sein Dasein am stärksten mit dem Makel der Ungeistigkeit behaftet worden. Man möge auch den Einfluß auf den jugendbewegten Kreis der „Kameraden" in dieser Beziehung nicht allzusehr überschätzen, denn auch dort hat man wenig Neigung zu einer Politik herkömmlichen Stils, wie sie im Umkreis der älteren jüdischen Generation beliebt und rmumgänglich erscheint. Am bedenklichsten aber — nunmehr lediglich unter dem Gesichtswinkel der Belange des Central-Vereins betrachtet^ — erscheint es mir, daß man auch die Möglichkeiten, die sich dem reiferen und reisen Menschen mit der jüdisch-politischen Anschauung des Central-Vereins gegenüber den politisch noch Unentschiedenen, den wirtlich Neutralen innerhalb des I. I. V., bieten, arg verkannt hat. Cs sei gegenüber den Darlegungen von Kurt Alexander („C. V.- Zeitung" vom 15. Mai) gesagt, daß es mit dem Aushören dieser Jugendbünde mit der Parole der Neutralität nicht seine Richtigkeit hat. Ein Blick nach dem westdeutschen und rheinisch-westfälischen .Bezirk, also gerade nach Gegenden, wo die Jugendarbeit in den letzten Jahren keineswegs leicht war, ein Blick auf die dort bestehenden und wirkenden Glieder des „neutralen Verbandes" hätte Dr. Alexander belehren müssen, daß er hier eine irrige Anschauung wieder gab. Es ist allerdings bedauerliche Tatsache, daß durch den