Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 23 (5.6.1924)
- Date
- 1924-06-05
- Page
- Seite 343 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Grundsatz der Lebensnähe. Eine literarifche Betrachtung von Ludwig Holländer. Rechtsanwalt Dr. Julius Ofner in Wien gehört zu den führenden Juristen des österreichischen Staates. Weit über sein Heimatland ..hinaus sind die Schriften des nun bald 80jährigen Gelehrten im gesamten Sprachgebiete deswegen berühmt, weil sie weit über den .Rahmen der üblichen Rechtspolitik hinaus das rechtliche und soziale (Zusammenleben der Menschen bis in seine Tiefen ergründen. In feinem letzten Werke „Das soziale Rechtsdenken" I hat Ofner, der übrigens dem Vorstand der österreichischen Schwesterorganisation des .Central-Vereins seit langem angehört, ein Bekenntnis abgelegt, welches ' für die Arbeit, die wir zu leisten haben, in Richtung und Inhalt von großer Bedeutung ist. Ofner führt aus: „Im Laufe der Entwick- :!nng verstärke sich die Idee der einen Menschengesellschaft, der -Mensch werde im Denken und Fühlen, mindestens wenn er nicht lstberschäumender Leidenschaft zum Opfer fällt, mehr sozial i sch ' oder m o r a l i s ch (sittlich)" und fährt dann fort: „Es war für mich eine mein Denken entscheidende Entdeckung, als .ich die Identität der beiden Begriffe erkannte, die derzeit oft durch chine zu enge, zu spezialisierte Auffassung von „sozial" und „Sozialisie-;,nmcf verdunkelt wird. Beide bezeichnen denselben Gedanken, sie erfassen ihn nur von anderem Standpunkt. Sozialisch ist der innere Gehalt jenes Verfahrens gegen andere, das sich nach austen in der guten Sitte nilsdrückt." Ist also hier das notwendige und einzig berechtigte Streben des Menschengeschlechtes der Schaffung einer ''sittlichen, gleichgestellt mit dem Begriff der sozialen Gemeinschaft, so ist diese Gleichstellung durch einen Grundsatz näher erläutert, den Ofner als den Grundsatz d er Leb e ns n ä h e bezeichnet. Der einzelne must darauf verzichten, sein Leben frei zu schaffen, er uulß sich einfügen, nur so wird er Glied der organisierten Gemeinschaft. „Durch diese Sozialisierung seiner Tatkraft, die ihm den eigenen Schutz seines Lebens zunr großen Teil nimmt, entsteht als Korrelat der Anspruch des Menschen gegen die organisierte Gesellschaft auf deren Schutz. Er ist das allgemeinste, allen einzelnen Ansprüchen des Menschen zugrundeliegende Recht (Lebensrecht), sein Ausdruck ist der tiefste Rechtsgrundsatz. Er lautet: ,J e n ä h e r ei n Bedarf de m Lebe n st eht, d e st o st ä r k e r i st der A n s P r u ch ü m R e ch t? Ich nenne ihn den Grundsatz der Lebensnähe. In allgemeiner Geltilng — für alles, was Menschenantlitz trügt — drückt er den leitenden .Gedanken des Menschenrechts aus, des Rechts im idealen Sinn." Dieser Grundsatz der Lebensnähe bedeutet für den indischen Menschen unserer Tage die Notwendigkeit, der Mitwelt den Anspruch auf Gleichwertung wie Gleichachtung iln Staats- und Gesellschaftslcben immer mehr und mehr zum. Bewußtsein zu bringen. Denn entscheidend im Staatsleben lvird inuuer der Grundsatz der Lebensnühe sein, und derjenige, der diesen seinen sittlich begründeten Anspruchauf Gleichwertung nicht der Masse seiner Mitbürger darzutun versteht, wird aus Erfüllung auch seiner berechtigten Ansprüche verzichten müssen. Darum ist es kein Luxus, keine überflüssige Arbeit, .die von uns geleistet wird, sondern es ist die Arbeit, welche für den jüdischen Menschen erste Lebensnotwendigkeit bedeutet und mit zu Befriedigung seiner Elementarbedürfnisse gehört oder wenigstens gehören sollte. Der Grundsatz der Lebensnähe verlangt die Ein-- stellung unseres Anspruches auf Gleichartung in alle Gemüter. Kann diese Gleichartung aller erreicht werden in einem Staate, der tastenmüstig nach Art des alten Feudalstaates zusammengesetzt ist? Wer das Problem tiefer bedenkt, wird diese Frage verneinen müssen. Es wird dem Beschauer klar werden, daß eine Demokratie nicht im parteimäßigen, sondern im wissenschaftlichen Sinne notwendig wird, um das sozial-sittliche Denken zum Gemeingut zu ' machen. Es ist zur Vertiefung dieser Wahrheit deshalb besonders zu begrüßen, daß in einer kleinen Studie „U e b e r D e m o k r a t i e, An die Gebildeten unter ihren Verächtern"^), Carl B r i n k m a n n die völlig falsche Wertung des wahrhaft demokratischen Gedankens in jüngster Zeit kritisch zu mustern versucht hat. Brinkmann erkennt richtig, daß der große Rückschwung der europäischen Jugend zu Kampf und Volkstum im Gefolge der französischen Revolution mit; der heutigen, fälschlich national genannten Jugendbewegung nicht zu vergleichen ist, weil die alten Burschenschafter und Philareten hinter der Morgenröte ihrer werdenden Nationen ein neues Europa . träumten, „wo sich das junge Deutschland von heute aus nichts als aus Verachtung nicht nur gegen die Nachbarn im Westen und Osten, sondern gegen die Masse des eigenen Volkes ausbanen möchte". In einer seltsamen Mischung verbinde sich der Sehnsucht nach Freiheit in der Außenpolitik die Sehnsucht nach Wendung im Innern und Aristokratismus werde fast Kulturmerkmal. Das wäre an sich gar nicht unbedingt zu bedauern, wenn nicht das größere Hebel, der Groll über soziale und politische Entthronung im allgemeinen und der des enteigneten Mittelstandes, von Beamten und geistigen Arbeitern im besonderen, der Grund für die geistige Umstellung des Menschen und seiner Abneigung gegen die Demokratie wäre. Der jetzige „Aristokratismus" unterscheide sich sehr wesentlich von dem des Mittelalters. Damals habe schon infolge der kirchlichen Herrschaft jeder Rang der großen Stufung'den anderen und jeder sich selbst vor dem anderen in ruhevoller Beharrung achten gekonnt, weil vor Gottes hohem Blicke jedes Uebereinander sogleich in ein Nebeneinander *) Friedrich Andreas Perthes A.-G., Stuttgart-Gotha 1923. 2) „Der Neue Merkur", Maiheft 1924, Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart. sich ansgebreitet habe. Im italienischen Fascismus zeige sich heute keineswegs der Aristokratismus. den man heute in Deutschland anbete. Hier habe ein diktatorischer Wille in Wahrheit nur tausend verstockte, verärgerte, verschlagene aus- und doch wieder Zueinander strebende Kräfte befreiend zusammengerissen. Was habe man denn an der Demokratie auszusetzen? Man beklage sich darüber, daß sie das Wort „Volkes Sliinme ist Gottes Stimme" zur Staatswahrheit machen wolle. Aber in dieser Gleichsetzung, Volkesstimme — Gottes stimme, darin läge nicht bas Spezifische der demokratischen Deut- und Gesühlsweise und ihrer bis in die Diktatur durchreicheuden Gewalt über die moderne Welt. Ter moderne Mensch sei ans dein Mittelalter so entstanden, daß er im Gegensatz zu seiner früheren Lage, nämlich der Lage des Mittelalters mit ihren Billdungen, zunächst 31t einem Kritiker und dadurch zu einem Schöpfer geworden sei.' Deshalb aber wäre jener kritische und aktive, stahlhnrte und biegsame Geist entstanden, der das beste Erbteil der europäischen Menschheit geworden sei. Die Kritik des heutigen Menschen sei keine bloße Denkübung, sein Schaffen nicht bloß „Geschäftigkeit und Fortschrittlichkeit". In Wirklichkeit sei der heutige Mensch aus die W e i t e r b i l d n n g der Kultur eingestellt. Es werde für die Kritik der Demokratie nichts entscheidender sein als die Frage, ob der unbestrittene Herrscher der mittelalterlichen staatlichen und gesellschaftlichen Auffassung, das Christentum, sich selbst und seine gegenwärtige Daseinsform ausschließlich als Gegensatz oder auch als zwar Gegensätzliches, aber gerade deshalb mitwirkendes Element zu der modernen Welt des Ratiouatismus und der Tat verstehen und erweisen wird. Der Zentralpuukt sei Christentum und Demokratie. Dainit meint Brinkmann nicht etwa irgendein . konfessionelles Christentum, sondern er stellt die Frage, ob die heutige bürgerliche Gesellschaft nach den Grundsätzen der sittlichen Verantwortung, wie. sie in den heutigen Kultnrstaaten anerkannt und geübt wird, bestehen kann. In dem Augenblick, in dem die Menschen sich aber zur Grundlage ihrer sittlichen Weltanschauung bekennen, die so, wie sie bisher geherrscht hat, sich weiter ausschließlich vertiefen soll und muß, ist ein Staatsinhalt notwendig, b e i dem die s ü h r ende n P e r sö nl i ch ke r ten s ich b e w u ß t sind, daß biene r c inte Arbeit der Gesamtheit a I s Inbegriff aller ideellen Werte noch immer die Berge der ö k 0 n 0 m i s ch e n „Natur" versetzt hat, und daß Kultur gerade als Schöpfung und Ueberfluß stets mehr als Beharrung.und Zucht, daß sie Ruhelosigkeit und Erneuerung, ein wirkliches Ueberströmen und Rückströmen auf ihrer gesellschaftlichen Grundlage ist. Indem sich der heutige Staat dessen bewußt wird, muß er eine Demokratie vertreten, die an dem g e s a m t e n K ult u rieben alle Menschen im Staate ohne Ausnahme teilnehmen läßt. Diese von Brinkmann angestellte wichtige Betrachtung führt uns wieder zu der Frage, wie alle soziale und politische Grundlegung sich zu unserem j ü d i s ch e n E r b gute einstellt. Da ist uns eine Belehrung erneut worden, die wir in der Herausgabe einer älteren Schrift des Direktors Dr. L. Lazar u s , d e s älteren Br u d e r s 11 nseres v e r st 0 r b e n e n Moritz Lazarus, unter dem Titel „Zur Charakteristik der Talmndischen . EthiEch nach jahrelanger Verschollenheit auf dem Büchertisch wiederfinden. Kaum finden wir ein Werk, das in 48 Seiten einen so ungeheuren Inhalt in einer für die Gebildeten durchaus verständlichen Weise verarbeitet. Muß es im Zusammenhang mit den vorgetragenen Gedanken nicht geradezu erstaunlich sein, wenn wir bei Lazarus lesen, wie sehr es für das alte Judentum schon bemerkenswert ist, daß die Rabbiner die Gesinnung des Menschen ebenfo lote seine Handlung nicht als die Sacke des einzelnen, sondern als die der Gesamtheit angesehen haben. Wie sehr also das heute mit dem Wort soziales Verantw 0 r t n n g s g e f ü h l bezeichnete geistige Ringen schon 31t einer Zeit bei uns vorhanden gewesen ist, als es die griechische und römische Umwelt noch nicht kannte. Belehrung wird uns auch der Umstand' bringen, daß schon im alten Judentum das „Tlin", die Tat, das Letzte und Höchste im. Leben bedeutete. Hier wird auseinandergelegt, lvie sehr unsere Religion, durch und durch sittlich 'gerichtet, den Willen im Menschen besonders anruft, einen Willen, den in sich jeder, ob arm, ob reich, aufbriugen kann. So haben schon unsere älteren Lehrer bnrgitf aufmerksam gemacht, d a ß zur p h i l 0 s 0 P h i s ch e n und tal m u d i s ch c n G e - l e h r s a m k e i t n i ch t jeder geeignet sei, u n d da ß i n s 0 l g e d c \ s c n n u r A usge w ählte, das heißt in ihrer Art and) Ar ist 0 krate n, zum Endziel des W i s s e ns ge l a u gen k ö nute n. Die Masse müsse zurückstehen. Dieses Zur ü ck stehen bedeute aber keine W e r - t u n g, maßgebend ist allein der Wille zur Ta t, denn das Wesen der jüdischen Religion ist eine g e l ü it t e r t c Demokratie. Darum ist das Höchste die Heiligung des göttlichen Namens durch die Tat; nicht der Erwerb des Wissens. Diesen Willen zur Tat könne aber jeder aufbringen. Die geläuterte Demokratie des Judentums erleichtert seinem Anhängern Durchführung aller Bestrebungen, die mit dem Grundsatz der Lebensnahe verbunden sind. Jüdische Erkenntnis und jüdische Sittlichkeit sind sozialer Natur. Sie weben das Gewand der Gleichheit für alle Menschen und sie bringen die Würde des Menschen dem Leben nahe und.können insofern wie alles,.was im Staate willig, .folg-: fam und getreu denkt, Achtung und Ehre als ewige Lebensprinzipien beanspruchen.;'■') .*) I. Muffmann, Frankfurt a. Main, 1922.