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Central-Verein-Zeitung · 1924-06-05 · 23 (5.6.1924) · p. Seite 341

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
23 (5.6.1924)
Date
1924-06-05
Page
Seite 341 (sequence 5)
Language
German
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beantragen sie die Erhebung der Anklage gegen die Urheber des U m st u r z e s von 1918. Meines Erachtens, und ich teile darin die Meinung der überwiegenden Mehrzahl der Politiker, hatten wir im November 1918 keine Revolution, sondern nur den Zusammenbruch des alten Systems, Die Männer, die aus dem Zusammenbruch Volk und Staat gerettet haben, verdienen alles andere als eine Anklage. Wenn man aber die Dinae anders sieht und in dem Ereignisse vom November 1918 eine Revolution und einen Hochverrat erblickt, dann muß man logischer wer so auch so weit gehen, daß mau alle früheren Monarchen in ihre alten Rechte wieder einsetzt. Dann muß mau den Fürsten von Schamnburg-Lippe- Bückeburg wieder einsetzeu; denn sein Recht war genarr so gut wie das Recht der Hohenzollern. Hier aber beginnt die Heuchelei der Nationalisten und der Völkischen. Keiner von innen denkt 'daran. Sie wollen höchstens ein zentrales deutsches. Kaisertum, aber nicht die Restauration der ehemaligen Landessürsten. Wenn sie aber dies nicht wollen, dann wollen sie also den „Hochverrat" von 1918 verlängern. In Wirklichkeit erstreben sie nichts anderes als über die Diktatur s i ch selb st zur Herrschaft zu bringen. An den früheren Dynastien liegt ihnen nichts. Sie sind gewillt den „Hochverrat" sortzusetzen. Sodann folgen die antisemitischen Anträge. Zunächst sollen die Angehörigen der'„jüdischen Rasse" unter Sonderrecht gestellt werden. Was i st n u n a b er e i n A n gehört g e r der jüdischen Rasse? Wenn es jemand ist, dessen Vater oder Mutter Jude ist oder war, so trifft dies auch auf den Freiherrn v. Lersner und den Abgeordneten Qnaatz zu. In einer deutschnationalen Wahlzeitung, die in meiner badischen Heimat verbreitet wurde, war auf der dritten Seite ein Wahlaufruf, in dem die Reinhaltung der germanischen Rasse gepredigt wurde, und auf der ersten Seite prangte ein Leitartikel von Freiherrn v. Lersner. Logischerweise müßten also die Deutschvölkischen manche Führer der ihnen, wenn nicht befreundeten, so doch verwandten Deutsch nationalen ebenfalls unter Fremdenrecht stellen wollen! Im Münchener Prozeß hat Hitler ein Wort gesprochen, das, wie man auch zu dem Manne stehen mag, unsere Zustimmung verdient. Nach seiner Staatsaugehörigkeit befragt, sagte er. er sei zwar von Geburt Oesterreicher, aber er habe auf dem Schlachtfelde sich die deutsche Staatsangehörigkeit erworben. Dies ist ein gutes Wort. Soll es nicht auch für die Juden gelten? Aber der jüdische Soldat soll nach dem Willen der Deutschvölkischen unter Fremdenrecht gestellt werden. Wir haben im Kriege tausendfach uns der deutschen Staatszugehörigkeit würdig gezeigt. (Stürmischer, sich wiederholender Beifall.) Weiter verlangen die Völkischen die A u s w e i s u n g a l l e v seit 1914 eingewanderten Ostjuden unter Konfiskation eines Teiles' ihres Vermögens. Sie stehen dabei, wie bei einem Ausweisungsbefehl die Münchener Polizeidirektion, auf dem Standpunkt, daß der Erwerb von Vermögen schädlich ist für die Allgemeinheit. Dies ist ein Standpunkt, den man bei den Kommunisten vielleicht verstehen kann. Wer aber den Marxismus bekämpft, wie die bayerische Regierung und die Völkischen, der kann die Bildung von Kapital nicht als volksschädlich betrachten. Die Völkischen sollten einmal sich in den Anfangsgründen der Volkswirtschaftslehre etwas Umsehen oder sie sollten noch einmal auf die Schule gehen und Logik lernen, bevor sie derartige Behauptungen aufstellen. Was die Ostjudenfrage angeht, so wird oft von Juden und Nichtjuden, die nicht Antisemiten sind, behauptet, daß die Ostjuden die Quelle des Antisemitismus in Deutschland seien. Ich habe daran nie geglaubt; .denn die antisemitische Welle hat bereits im Kriege, als -cs Lei uns noch keine Ostjudensrage gab, eingesetzt. Außerdem ist die Anschauung, daß die Ostjuden Sünder und die deutschen Juden die reinen Engel wärtzn, mir zu abgeschmackt. Ich verstehe es, daß man sich gegen die Zulassung von Ausländern wendet, wenn es bei uns an Wohnung und NahrrMg fehlt. -Dann aber müssen wir alle Ausländer fernhalten. Nur die Ostjuden auszuschließen, andere Ausländer aber, die im Kriege gegen uns gekämpft haben, aufzunehmen, ist mindestens unlogisch. Ich kenne die Ostjuden aus meiner Verwaltungstätigkeit in Warschau und muß sagen, daß sie die deutsche Sprache, die sie im Mittelalter aus Deutschland mitbrachten, besser bewahrt haben, als viele aus Deutschland eingewanderte Nichtjuden, wie z. B. die Familie Fugger, die heute stockpolnisch ist. Wo die jiddische Sprache gesprochen wird, die zu 80% deutsches Sprachgut enthält, findet sich immer selbst im kleinsten Dorf ein Haus, in dem ein Schiller oder ein Goethe zu finden ist. Dieses deutsche Kulturgut, das sich bis nach Asien hinzieht, könnten wir sehr gut in deutschem Sinne verwerten. Was würden die Engländer daraus machen, wenn es bis nach Asien englisch sprechende Juden geben würde? , Wir gehen als Deutsche und Juden schweren Zeiten entgegen. Die antisemitische Welle wird wieder abebben. Durch die allzu wilde Agitation kehrt heute schon vielfach die Selbstbesinnung zurück. Dex Anti semitismus kann uns unser Vaterlands- Gefühl nicht nehmen. Die jüdischen Familien, die wissen, wie lange. sie in Deutschland leben, verbitten es sich, daß unreife : Burschen ihnen das Recht auf das Vaterland bestreiten. Wer im Kriege war, verbittet es sich erst recht. Sie mögen toben, soviel sie wollen, deutsch bleiben wir doch, weil wir es sind. Als D e u s ch e . kämpfen wir gegen den Antisemitismus, weil wir unser Vaterland lieben, mtb als Juden, weil wir unsere Ehre verteidigen müssen. (Minutenlanger stürmischer Beifall.) Landgerichtsrat Stern schließt die begeisterte Versammlung mit einem Appell an das Pflichtbewußtsein des deutschen Judentums. B, A, HeobschLlmgen aus dem Wahlkampf. Von OttoNuschke, M. d. L. I. Die d e u t s ch n a t i o n a l e Reichstagsfraktion. Man kann annehmen, daß die d e u t s ch n a i i o n a l e F ü h - r u n g im wesentlichen den A n t i s e m i t i s m u s nur darum i n d e n - V o r d e r g r u n d der Agitation rückte, um den Völkischen den Wind aus den Segeln zu nehmen. Darum hat man auch Antisemiten von reinster Färbung auf aussichtsvolle Stellen der Kandidatenlisten gestellt. In der gegenwärtigen deutschnationalen Reichstagsfraktion sitzt Herr Alfred R o t h, der Führer und Begründer des DeutschvöMschen Schutz- und' Trutzbundes, sitzt Herr Dr. Werner (G i e ß e n), einer der wildesten Nass-eantisemiten, der vor dem Kriege bereits als Antisemit dem Reichstage angehörte. Das gleiche gilt von dem Amtsgerichtsrat Graes (Eisenach), und ebenso befinden sich die beiden früheren Mitglieder der alten Wirtschaftlichen Vereinigung, M u m m und Behrens, einst bekannt als Anhänger Stöckers, wieder in der deutschnativnalen Reichstagsfraktion, und schließlich ist auch Herr B r u h n, der Mann der „Wahrheit", wieder deutschuatwnaler Neichstagsabgeordn-eter, der'einst wegen seiner Ritualmordhetze eine Freiheitsstrafe zu verbüßen hatte. Aber Herr Hergt ist nach zwei Seiten hin auf die Vergrößerung seiner Fraktion bedacht gewesen. Indem sich die Deutschnationalen die Männer der „Nationalliberalen Vereinigung" angliederten, ist bei ihnen, um im völkischen Jargon zu reden, das „jüdische E l e m e n t" bedenklich verstärkt worden. Zwar wurde Herr v. R i ch t h o f e n, der eine jüdische Mutter gehabt hat, in Breslau als Deutschnationaler gewählt. ebenso setzte man Herrn Dr. Qnaatz, der gleichfalls eine jüdische Mutter chatte, auf die Reichsliste. Zu diesen beiden aber kommen jetzt noch als Fraktionsgenvssen Herr Maretzky, angeblich der Sohn eines Breslauer jüdischen Zahnarztes, und der Freiherr v. Lersner, dessen Mutter eine geborene Jacobsohn war. Die Fraktionssitzungen der „stärksten Reichstagsfraktion", wie Herr Hergt so stolz sagt, müssen immerhin interessant verlaufen, sobald die Herren Roth, Werner, Bruhn und Konsorten mit rassenantisemitischen Anträgen hervortreten. Es ist ganz sicher, daß Herr Hergt an seiner antisemitischen Spekulation selbst in der eigenen Fraktion wenig Freude erleben wird. In der Politik rächen sich Unwahr-; Hastigkeit und Skrupellosigkeit immer! II. Die Völkische Wahlagitation. In der Agitation spitzen sich bereits die Gegensätze innerhalb der Rechten sehr empfindlich zu. Es blieb allerdings noch genügend Raum, um die antisemitische Propaganda zu pflegen. Man kann hier vielleicht feststellen, daß der' relative M i ß e r f o l g der Völkischen darauf zurückzuführen gewesen ist, daß sich ihre Agitation über s ch l u g. Ihre Gehässigkeiten haben sicher in letzter Stunde viele Wühler vor den Kopf gestoßen. In Groß-Berlin konnte man das deutlich seststellen. Die Art ihres Auftretens verscherzte ihnen selbst die Sympathien solcher Leute, die sonst in der Frage des Antisemitismus die albernsten Märchen glauben. Daß aber die Völkischen mit ihren jugendlichen Kolonnen anrückten, Versammlungen systematisch störten, Hochrufe auf Ludendorff und Heilrufe auf Hitler ausbrachten und das Ehrhardt-Lied sangen, stieß doch viele ruhige Menschen vor den Kopf. Sobald es wirklich zu einer Aussprache kam, zeigte sich eine geradezu erschreckende Unwissenheit bei den völkischen Agitatoren. Selbst ein deutschnationaler Studienrat in Steglitz operierte mit den gefälschten Rathenau-Zitaten von den 300 Männern, die die Weltwirtschaft beherrschen, und dein verlorenen Sinn der Weltgeschichte, wenn der Kaiser als Sieger durchs Brandenburger Tor eingezogen wäre. Daß Rathenau niemals von 300 Juden gesprochen hat, und daß die Beherrschung der Wirtschaft durch wenige Männer von ihm kritisiert wurde, setzte selbst mittelparteiliche Wähler in Erstaunen. Ebenso wußten viele politisch neutrale Leute nichts davon, daß Rathenau mit dem zweiten Zitat lediglich die Unzulänglichkeit der „P a I I a d i n c" des Kaisers gegeißelt hat. III. Was muß geschehen? Ueberhaupt zeigte sich in der Wahlagitation, wieviel an Aufklärung noch zu leisten ist. Die Parteien der Mitte haben hier unendlich viel nachzuholen, wenn man ihnen auch zugestehen muß, daß durch den Zielbewußten und systematischen Ankauf der Presse durch die Schwerindustrie die Aufklärungsarbeit ungemein erschwert ist. Es müßte aber bei fortlaufender Unterrichtung und unausgesetzter Agitation möglich sein, Vorgänge zu verhüten, wie sie in dem Wahlkreise, in dem ich kandidierte, vorgekommen sind. Die Ortsgruppe Zossen der Deutschen Volkspartei trat dort geschlossen zu der Kuntze-Partei über! Gerade nach den Wahlen darf die Arbeit aller Freunde der Wahrheit und Gerechtigkeit nicht erlahmen. Es besteht sehr wohl die Gefahr, daß die Deutschnationalen — trotz ihrer halbjüdischen Beimischung — um von ihren politisch schwachen Stellen abzulenken, eine skrupellose antisemitische Hetze auch außerhalb der Wahl betreiben. Sie würben dann von ihren Konkurrenten rechts abermals überboten werden. Im ganzen aber würde die völkische Einstellung der Rechten noch um einiges schärfer. Wenn man auch hoffen kann — der Wahlausfall berechtigt durchaus dazu —, daß das deutsche Volk dann den Zweck der Uebung um so klarer erkennen wird, so ist es doch notwendig, den breiten Schichten im deutschen Volke zum Bewußtsein zu bringen, daß der Antisemitismus nicht nur eine Uebertreibung, sondern auch eine niedrige Unwahrheit und nationale Schädigung Deutschlands ist.

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