Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 23 (5.6.1924)
- Date
- 1924-06-05
- Page
- Seite 340 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Reichstag, Völkische und wir -eutschen Juden. Ein Vortrag von Ludwig Haas. Am 28. Mai sprach, eingeladen vom Verbände Groß-Berliner Ortsgruppen, Reichstagsabgevrdneter Ludwig Haas ün dem völlig überfüllten „Hackeschen Hof" über das Thema „Neichsta g, Völkische und wir deutschen Jude n". Nach Begrüßungs- Worten des Versammlungsleiters, Lnndgerichtsrats I. S t -e r n, nahm Reichstagsabgeordneter Dr. Ludwig Haas, mit lautem Beifall begrüßt, das Wort. „Die letzten Tage haben mich," führte er aus. „mit großer Sorge erfüllt! Die widerlichen Szenen, welche die Kommunisten gestern im Reichstage ausgeführt haben, müssen jeden Anhänger des parlamentarischen Systems mit schwerer Besorgnis für die ruhige -Fortentwicklung unseres Politischen Lebens erfüllen. Wenn die Würde des Reichstags nicht mehr geachtet wird, dann besteht die Gefahr, daß noch weitere Kreise unseres Volkes als bisher dem an sich sicher irrigen Glauben sich hingeben, daß eine Ordnung auf parlamentarischer Grundlage nicht möglich sei. Weil nun zufälligerweise der eine Ruhestörer K c tz und ein anderer S ch o l e rn heißt, besteht die Gefahr, daß alle Juden mit Katz und Schalem identifiziert werden. Dabei weiß doch jeder, daß die überwältigende Mehrheit des deutschen Judentums den Kommunismus überhaupt in Theorie und Praxis weit von sich weist. (Lebhafter Beifall.) Im übrigen ist es bei den Juden wie bei'anderen Menschen auch. Es gibt unter uns Vertreter der verschiedensten Anschauungen. Die antisemitischen Zeitungen aber machen aus der Gesamtheit der Juden etwas ganz Merkwürdiges. Nach ihnen sind wir gleichzeitig die brutalsten Kapitalisten und die wildesten Kommunisten. Tie Gesamtheit der deutschen Juden M)ut Ausschreitungen einzelner nachdrücklich ab. Mit den häßlichen Szenen, die g e st e r n u n d heute i nt Deutschen Reichstag stattsa n den, haben die deutschen Juden nichts gemein. (Erneuter stürmischer Beifall.) Aber eine andere An-gelcaenheit ist es, die mir noch größere Sorge bereitet. Das ist die Politik, die der neugewühlte Reichstag einschlagen wird. Wenn das deutsche Volk am 4. Mai anders gewählt hätte, so wären die Möglichkeiten, die innenu n d v o r allem die außenpolitische Lage zum Vorteile unseres Vaterlandes auszugestalten, sehr viel größer. Die furchtbare Lage, daß wir die außenpolitischen Möglichkeiten, die sich aus denn englischen und französischen Regierungswechsel für uns ergeben, nicht ausnutzen können, verdanken wir zum Teil der anfifemttt s ch e n Hetze. Diese Folge des Antisemitismus macht mir, als Deutschen, die schwersten Sorgen. Als Juden macht mir der Antisemitismus keinen erheblichen Kummeraber er erfüllt mich m.it Dorge für mein deutsches Vaterland. (Zustimmung.) Die Juden haben im Lause der Jahrhunderte schon mehr überstanden als die heutige antisemitische Welle. Wir würden der antisemitischen. Hetze gegenüber eine ruhigere Haltung gewinnen, wenn wir Mehr Gemeinsamkeitsgefühl hätten. Der einzelne, der unter antisemitischen Uebergrifsen zu leiden hat, muß sich immer bewußt sein, daß nicht er allein das Opfer dieser Welle ist, sondern er muß sich mit seinen Leidens¬ und Glaubensgenossen in eine Reihe stellen. (Lebhafte Zustimmung.) In dieser Zeit wäre es für uns Deutsche dringend nötig, Sympathien im Auslände zu erwerben und auszunutzen. Wenn die Völkischen ihr Vaterland so sehr lieben würden wie sie vorgeben, dann müßten sie sich überlegen, wie schweren Schaden sie durch ihre Hetze dem deutschen Ansehen zufngen. Schon Hitler und Kahr haben durch ihre verfehlte Politik im Auslande den Eindruck erweckt, daß Bayern kein Kultur- und Rechtsstaat im modernen Sinne mehr sei. Wenn, wie in München, ein alterjüdischer Mann, der niemandem etwas zuleide getan hat, von 17 jungen Burschen niedergeschlagen wird, so muß dies im Auslande den Eindruck erwecken, als ob das deutsche Volk von seiner stolzen Kulturhöhe auf das Niveau der Halbwilden herabgestiegen wäre. Wie furchtbar hat die Ermordung Erzbergers und Rat Henaus unserem Ansehen in der Welt geschadet: die Schuld an diesen Morden trifft die r e ch t s r a d ik a l e Hetze. Die Hetzer sind moralisch mehr schuld als die von ihnen verführten jungen Leute. Im Auslande aber sagt man, daß diese Art, politische Meinungsverschiedenheiten mit der Waffe auszutragen wohl bei halbwilden Völkerschaften üblich ist, daß sie aber bei einem Kulturvolk unmöglich fein müßte. Auch dieMildeder Gerichte gegenüber völkischen Hochverrätern hat ein großes Stück Ansehen Deutschlands verloren gehen lassen. Ferner: Ludendorff hatte in der Welt noch einen Namen zu verlieren, und der Name des Feldhern und des Führers Deutschlands im Weltkriege war mit dem deutschen Ansehen eng verknüpft. Wenn ein solcher Mann die „W eisen von Zion" als bare Münze nimmt, die jeder ernste Mensch sofort als grobe Fälschung erkennt, so wirkt dies auch gerade nicht förderlich für das deutsche Ansehen. (Lebhafter Beifall.) Auch in der i n n e r e u P o l i t i k sehe ich schwarzi Die antisemitische Hetze ist gleichzeitig auch eine Hetze gegen die Republik und die Staatsautvrität. Die Politiker der Rechten, die stündlich von der Aufrechterhaltung der Staatsautorität sprechen, sollten doch auch in der Praxis mehr an die Aufrechterhaltung dieser Autorität denken. Es gibt unter Juden, genau so wie unter Christen, Männer und Frauen, denen der monarchische Gedanke sympathisch ist. Dies ist eine Privatangelegenheit des einzelnen. Ueber allem aber steht de? Staat, und man muß die Forderung erheben, daß seine Autorität unangetastet bleibt. Wir in Baden z. B. waren mit unseren Großherzögen sehr zufrieden, und wenn es nach uns gegangen wäre, so brauchte die Republik nicht ausgerichtet zu werden. Nachdem wir aber einmal die Republik haben und das Vaterland eine republikanische Verfassung hat, müssen wir auch darauf sehen, daß die vom Volke geschaffene Staatssorm und ihre Träger respektiert werden. U e b e r a l l e m S t r e i t der Bürger stehtder Staat als höchstes Gut. Wenn die privilegierten Kreise Rechte, die sie früher hatten, verloren, so jammerten sie schon in früheren Zeiten nicht ehrlich öffentlich über den Verlust, sondern sie verursachten eine antisemitische Hetze. So wurde die preußische Regierung des Freiherrn vom S tei n als Judenregierung verschrien. Wenn die nationale Jugend ihre erste Pflicht gegenüber dem Vaterland erfüllen würde, die Geschichte Deutschlands zu studieren, so müßte sie sich fragen, wie es denn kam, daß gegen Stein eine ebenso wilde antisemitische Hetze betrieben wurde wie gegen die jetzige republikanische Regierung. Die Völkischen aber scherrerr sich, in fcic Geschichte ernzudringerr. So bekämpfen sie die alten Farben des Gedankens deutscher Freiheit und Einheit. Es gibt Christen und Juden, denen die Farben Schwarz- Weitz-Rot aus Herz gewachsen waren, und man kann durchaus verschiedener Meinung sein über die Zweckmäßigkeit des Flagaenwechselsaber man muß dem Volke sagen, daß S ch w a r z - R o t - G o l d die alten F a r b e n d es beut schen Gedankens w ar e rm bevor es die Farbe Schwarz-Weiß-Rot gab. Schwarz-Rot-Gold ist das 'Symbol, unter dem in Oesterreich von jeher das Deutschtum gekämpft hat. Wenn die Völkischen die deutsche Geschichte kennen würden, so würden sie die schwarz-rot-goldene Fahne, die einst auch die Fahne der Burschenschaft war, die inzwischen so ehrlich reaktionär geworden ist, nicht als Judenfahne bezeichnen. - (Zustimmung.) Jahre voll schwerer Not stehen uns bevor. Wenn wir darüber hinwegkommen wollen, w brauchen wir den Geist einer w ähren und e cfr t e u Volksgemeinschaft, der betont, was uns eint und nicht was uns trennt. Die Völkischen säen aber blutigen Haß gegen die eigenen Volksgenossen. Das ist keine ausbauende. sondern eine zerstörende Kraft. Wenn man auf die Reden derer um Ludendorsf hört, so bleibt vom deutschen Volke nicht mehr viel übrig. Sozialisten, Katholiken und Juden werden vom deutschen Volke ausgeschlossen. und weiterhin alle die, die sich nicht zum engsten Kreise'der völkischen Parteien rechnen. Um der deutschen Bolksgememschaft willen muß Stellung genommen werden gegen den R asfenöl ödsinn der V ö l k i f ch e n. Diese sollten sich einmal mit dem Problem wissenschaftlich beschäftigen und sich alle einzeln selbst aus ihre Rasse untersuchen lassen. Die wissen es nicht, daß dort, wo die meisten Völkischen sind, der germanische Einschlag im Volke am geringsten ist, nämlich -in den Gegenden östlich der Elbe. Bei uns in Baden könnte man eher von einer germanischen Grundlage im VoWstamme reden, obgleich die Keltischen, romanischen und durch Zuwanderung aus dem Norden auch slawischen Einflüsse sehr stark sind. Im Osten aber finden wir unter einer dünnen germanischen Oberschicht nur Slawen, Wenden und Finnen. D i e M affe der Ostelbier i st jeden - salls keine Nachkommenschaft von Hermann dem Cherusker. Damit ist nichts gegen die Nichtgermanen gesagt. Vielleicht beruht gerade auf der guten Blutmischung deutsche Kraft, deutscher Fleiß und deutsche Tüchtigkeit. Wenn man weiß, wie stark die Blutmischimg in Deutschland ist, dann sollte man sich hüten, Andersblütige. die aber nach Gesinnung und Kultur voll zum deutschen Volke gehören, auszuschlreßen. (Lebhafte Zustimmung.) Die dentschvsMsche Reichstagsfraktrorr verlangt in ihren ersten Anträgen die Entlastung des in München wegen Hochverrats verurteilten K riebe l aus der Hast. Wenn man einen Mann, der den Bürgerkrieg vorbereitet hat und so milde verurteilt wurde, in Freiheit setzen will, so ist dies eine Verhöhnung der Gerechtigkeit. FGer man verlangt sogar die Freilassung der Küstriner Hochverräter! Die Völkischen fordern also, daß sie Recht und Staat ungestraft zerstören und zerschmettern dürfen. Dazu paßt es, daß sie die A ushebuntz des R e p u b l i k s chutzgesehes verlangen. Sie, die selbst Gerichte vorbereitet hatten, denen nur das Recht zustehen sollte, auf Freisprechung oder Todesstrafe zu erkennen, wollen, daß die Republik sich nicht gegeen ihre Feinde schützen kann. Dann