Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 23 (5.6.1924)
- Date
- 1924-06-05
- Page
- Seite 338 (sequence 2)
- Language
- German
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einmal mit dom. oftso wesentlichen Jsoliernngsfaktor der Sprache, wie das zum Beispiel die Schweiz zeigt, .und, nach der entgegengesetzten Seite hin, die nationale Trennung der Niederlande vom Deutschen Reiche. Station ist durchaus geistige. Einheit, gewannen -durch das Beieinanderleben irn Lauf der Generationen, durch ge- , meirrsame Schicksale, gemeinsame Landschaft, gemeinsames Klima, und oft.in der Tat auch, aber, lote gesagt, nicht immer, gemeinsame Sprache. Bon Jugend "an in gleicher, eng umgrenzter physischer und seelischer Gemeinsamkeit leben, das modelt die Menschen in gleicher Richtung, und eine gewisse Inzucht, die meist uuauZbleiblich ist, tut das Ihre dazu. Denn biologische Vererbung ist etwas sehr Wesentliches, das aber mit der Reinrassigkeit, heute jedenfalls, wenig zu tun hat. Keiner kann aus seiner Haut, weder aus der physischen noch aus der seelischen, sei sie angeboren oder von Geburt an erworben. Er soll es auch gar nicht. Blag ruhig jeder Provinzler, ja jeder Städter und Dörfler s e i n e n T y p n s behalten und aus ihm weiter bauen. Dagegen zu kämpfen wäre meist vergebens und würde Zeit für Besseres wegnehmen. Nur bilde er sich nicht ein, das; er nun gerade etwas ganz Besonderes an Vortrefflichkeit ist. Um eine hannlose Allzumenschlichkeit handelt es sich hier. Ich empfehle also geradezu einen gewissen Partikularismus, der nur nie selbstüberheblich oder garaggressiv werden darf. Wir sind einmal erdgebnudeue Menschen; machen wir das Beste daraus, ohne unsere Kräfte im Kamps gegen Uebermächtiges zu Vergeudern Vom Partikntarismus der Landschaft, der Stadt und des Dorfes geht das Gemeinsamkeitsbewußtsein nun weiter, bis zum e^taaf dem ich angehöre, einerseits, bis zur Sprachg e m c i n j cf) a f t, in manchen Fällen wenigstens, anderseits; und im ^ersten Falle haben wir nun den Begriff der Nation vor uns, einen durchaus geistigen Begriff, weil die Faktoren, welche „Nation" stiften,, ganz vornehmlich geistig sind. Nation ist die sich als Einheit wissende Gesamtheit der Bürger. Das; jeder seinen Staat achten und mit allen Kräften fördern so ll, ist für jeden moralisch Normalen selbstverständlich. Und mit Rücksicht ans jene andere höhere Einheit, die Sprachgemeinschaft, ist es als Tatsache selbstverständlich, daß man sich ihr enger verbunden fühlt als einer fremden, so gut man fremde Sprachen beherrschen mag. Aber wie fördert man nun den Staat? Sehen wir zunächst 'einmal, wie man ihn sicherlich nicht fördert. Man fördert ihn nicht durch imperialistische Gedanken, überhaupt durch M a ch t e n t f a 11 u n g n a ch a it ß e n. Man fördert ihn weiter sicherlich n i ch t durch B e d r ü ck u n g c i n - z e l n e r besonderer sozialer Klassen oder K o n - sessio n e n oder fremdsprachlicher Minoritäten, die doch einmal ldazugehöreu-, oder gewisser isolierter sogenannter „Rassel-Bestandteile, falls es solche gibt. Von der Macht haben S ch l o s s e r und Jacob B u r ck h a r d t gesagt, daß sie „böse an sich" sei. Sie ist es sicherlich als bedrückende Gewalt, wenn schon innere Macht, zur Wahrung der Gesetze, eine allzumenschliche Notwendigkeit' ist; denn die Menschen sind nicht heilig. Jede Gewaltentsesselung nach außen ist brutal, jede gewalttätige Bedrückung und Entrechtung im Innern gemein. Ganz besonders gemein aber ist B.edrängung fremder Sprache oder gar fremder Rasse wegen. Tenn der Begriff des Staatsbürgers ist wie derjenige der Nation auf geistigem Boden gewachsen; man zieht ihn herunter, wenn man ihn zu einein zoologischen Begriff macht, ganz abgesehen davon, daß man, wie wir gezeigt haben, über die Bedeutung des Rassemäßigen gar nichts weiß. Und nun wissen wir wohl, wie wir Staat und Nation wahrhaft fördern, also unseren Pflichten Nachkommen können. Und zwar laßt sich alles, was da zu sagen ist, ansdrücken in einem einzigen Satz: Fördere deinen Staat, im Innern und in seinen Beziehungen nach außen, unterst r e n g e r W a h t* u n g d e r V o r s ch r i f t e n d c r all - ge meinen M o ra llehre. Hier wahrlich liegt das Geheimnis des guten Staates und zugleich eine Vorschrift, gegen die so oft praktisch und unbegreislicherweise sogar gelegentlich theoretisch verstoßen wird. Praktische Verstöße mögen noch allenfalls mit der Schwäche der menschlichen Natur entschuldigt, obschon nicht dum gerechtfertigt werden. Aber wer den Geivaltstaat theoretisch verherrlicht, wer von „zwei Moralen" redet, einer Privat- und einer Staatsmoral, der ist unentschuldigt, es sei denn, daß er intellektual minderwertig sei. Und besonders widrig ist es, wenn sich ein Verteidiger der Zweimoraleulehre „Christ" nennt. Alles" Moralische ist nämlich auf letzte ariomatische Einsichten gegründet, und von „zwei" Moralen reden, von denen man bald die eine, bald die andere „auwendet", ist ebenso, als wenn der Geometer „zwei euklidische Geometrien" annehmen wollte und beim praktischen Feldmessen nun „aiuoendet", welche Geometrie ihm gerade jeweils genehm ist. Die n a t u r a I i ft i s ch -dar w i n i st i s ch e n T h e o - r i e n der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts haben sich wahrhaft g r a u e u v o l l p r a k t i s ch ausgewirkt. Man sah im Alenschen nur das zoologische Wesen und ging, ja geht heute noch darauf aus, Europa „rassemnäßig" einznteileu ivie einen zoologischen Garten. Und man sah Moral als durch die Zufälligkeiten des Kampfes ums Dasein „gezüchtete" Eigentümlichkeit au, die darum ohne Verbiudtichfcit sei. Nicht als ob Männer ivie Darwin, Hurley, Loaeckel hier ethisch zu tadeln wären; sie lehrten, was sie für richtig hielten; nur sahen sie die P i* a t f i s ch e n K on - s e q n c n z e u nicht, hatten sie die gesehen, so hätten sie vielleicht doch noch einmal geprüft, ob ihre Zufallslehre wohl richtig sein könne; denn sie waren Männer von hohem moralischen Verbiudlichkeitsgesühl. Aber es lag damals sin der Zeit, an der tieferen introspektiven Erforschung des Seelischen vorbeizugehen. Doch wir kehren noch einmal zur. Stellung des einzelnen zur Nation zurück. Daß Nation geistige Einheit ist, wissen wir schon: ebenso, daß eine Nation zur anderen in ethischen B e z i e h u n g e n stehen soll. . Daß Nation D n r ch g a n g s - ei uh eit, aber nicht höchste Einheit überpersönlicher Art für den einzelnen ist, fügen wir nun noch hinzu. Es folgt aus ihrem geistigen Charakter. Tenn das Geistige ist Eines, und als geistige Wesen sind alle Bleuscheu eine große Gemeinschaft ganzheitlichen Wesens. Wie die Provinzen eines Staates ans praktischen Bedürfnissen der Verwaltung geschaffene Teilein- . Heiken sind, so sollten auch die Staaten stets gefaßt werden als praktische Teileinheiten in einem Ganzen, aber nie als Letztes, wohl gar „Göttliches". Bei solcher Gesinnung kommt die Anwendung von Gewalt nach außen oder von Unterdrückung nach innen' gar nicht in Frage. Unmöglich wird auch das größte alter Uebet, der Krieg. Toleranz im Innern und Würdigung fremderEigenart nach außen folgen von selbst. Hätten alle Völker den edlen s i t t l i ch e u P atriotis - m u s und N a t i o n a l i s m n s, welchen wir hier geschildert haben, so könnte es gut-um die Menschheit stehen. Geht es aber weiter aus der 'Bahn, die sich h e u t e meist „national" oder „patriotisch" nennt und im günstigsten Falle unklare a m o r a l i s ch e Schwärmerei, im schlimmeren verkappter und hinter der „Gesamtheit", nicht gerade mutig, verschanzter Egoismus ist, so geht Europa, um das es sich hier ja j vornehmlich handelt, rasch zugrunde. Daß Europa an seiner Sünde zugrunde gegangen sei, wird man dann einst mit Recht sagen können. . Schön Kaut, dessen .zweihundertsten Geburtstag wir gerade gefeiert haben, hat bekanntlich den Gedanken eines Völkerbundes klar gefaßt; der Gedanke scheint heute endlich berufen zu sein, sich in Wirklichkeit umzusehen. Leider muß bekannt werden, daß ihm größere Sympathie in Amerika, Großbritannien und China entgegengebracht wird als bei uns kontinentalen Europäern, obwohl gerade wir, die wir innen und nach außen die 'Schmerzenskinder der Welt sind, seiner am meisten bedürfen. Jeder einzelne bei uns, bei uns Deutschen zumal, sollte wahrlich mit allen Kräften an seiner Verwirklichung arbeiten: hier sollten alle Parteien einig sein. Aber man tut uns immer wieder von neuem Unrecht, höre ich sagen. Eben das würde für ein Glied eines Völkerbundes, wenn'es ein moralisch hochstehendes Glied ist, anders werden. Und sollten wir uns, solange es noch nicht anders geworden ist, nicht trösten in dem wahrhaft s i t t f t ch e n Gedanken, daß Unrecht leiden besser als Unrecht tun ist, und daß zuletzt doch immer der, welcher das sittliche' Fühlen allein zur Richtschnur seines Handelns macht, triumphiert? Eine Politik, welche im Innern und nach außen sittlich ist, ist auch die einzige echte und v oll st ä n di g e „RealS Politik. Denn aus Vernunft und sittliche Schau gegründete Tat ist ein wesentlicher, wenn nicht der wesentlichste dynamische Faktor im Rahmen der „Realität". Was sich heute meist — bei den Europäern wenigstens Realpolitik nennt, ist gerade eine n n v o l l st ä n d i g e ' Wertung der realen