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Central-Verein-Zeitung · 1924-06-05 · 23 (5.6.1924) · p. Seite 337

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
23 (5.6.1924)
Date
1924-06-05
Page
Seite 337 (sequence 1)
Language
German
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Einzelnummer 10 Sol-pfermkg Serlin, 5. Juni 1424 III. Jahrgang *» Nr. 23 VMller fürHeulsclitum^' unvluöentum wryan -es lLntnüir^erems vLuticder Staatsvüryer iiwifcken Vlouvens'Lv. Verlag u. Schriftleitung: Eentral-Verein deutscher Staatsbürger jüöischen Glaubens e.V» Gerlin SW 68, Lin)enftr.l3 Fernsprecher: Amt Dönhoff 3594, 3595 Telegrammadresse: „Cenkralglauben Berlin" .'. Postscheckkonto: Berlin 30472 Bankkonto: Dresdner Bank, Wechselstube G, Berlin SW 68, Lindenstr. 7 Monatsabonnement (ein vieriegähr liches gibt es vorläufig nicht) 40 Goldpfennlg Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expedilion Rudolf Mosse, Berlin 8W19, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0.75 Goldmark für die 7 gespaltene Zeile nach Rudolf Mosses Normalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche für Mitglieder des Central-Vereins 0,40 Goldmark, die 90 mm breite Reklamezeile 4 Goldmark. Rasse, Nation und Geist. von Dr. Hans Driefch, Professor an -er Universität Leipzig. Wenn wir auch nicht mit allen Einzelheiten der nachfolgenden Ausführungen des hervorragenden Gelehrten einverstanden sind, so bringen wir sie doch unverkürzt, weil sie dazu beitragen sollen, die Wahrheit zu suchen. DieSchriftleitung. Europa, ja fast die ganze bewohnte Erde, ist heute zerrissen und zerwühlt von Kampf und Zwist. Wirtschaftliche Gründe sind dafür verantwortlich, aber sie sind es nicht allein. Gerade bei tieferen Naturen liegt häufig etwas anderes, das sie subjektiv für viel höher halten, zugrunde, so oft sich auch gewiß Egoismus in Form des Eigennutzes oder des Verlangens nach „Prestige" hinter tönenden Worten verbergen mag. Dieses andere drücken die Worte Rasse und Nation aus. Ja, man kann geradezu sagen, daß an Stelle der Zwiste und Kämpfe um die Konfession, welche der Zeit der Kreuzzüge und der Reformation bei uns ihren Stempel gaben, die Kämpfe und Zwiste um die Suprematie der Rasse oder der Nation getreten sind. Das sogenannte jüdische Problem ist ein Unterfall des allgemeinen. Das R a s s e p r o b l e m ist letzthin biologisch, und zwar phylogenetisch. Nun wissen wir von den Gesetzen der Phhlogenie so gut wie gar nichts; wir wissen zwar, daß die unter dem Namen Darwinismus und Lamarckisrn u s gehenden Theorien nur Lehren von sekundärer Bedeutung, aber keine Grundlehren sind; was das grundlegende phylogenetische Prinzip ist, wissen wir aber nicht. Und noch ein anderes wissen wir nicht, nämlich dieses: ob alle Spezies- And Varietätenausprägungen im Tier- und im Pflanzenreich, kurz gesägt, weltwes entliche Formausprägungen sind, oder nur unwesentliche, zufällige, so etwa wie die Form eines Gebirges als zufällig, d. h.-als nicht in ihrer Besonderheit im Plan der. Welt liegend, angesehen wird. Wrr sollten Weltwesentliches nur dann hypothetisch zulassen, wenn wir gar nicht anders können. Das aber heißt, daß wir, mit Rücksicht auf das Rasseproblem, Deutsche, Franzosen, Juden, Inder, Chinesen und Japaner als nur in Nebensachen, nicht ä b e r i n W e sentlichkeiten verschieden ansehew müssen. Gewiß sind diese Rassen körperlich im Durchschnitt ein wenig verschieden, obwohl es viele Einzelfälle gibt, in denen man, auch bei Chinesen, unter gleichen Umständen, d. h. bei gleicher Kleidung und gleichem äußeren Benehmen, oft wirklichnicht weiß, wen man vor sich hat. Aber Kaukasus, Alpen und Pyrenäen sind auch verschieden und bedeuten darum doch keine Wesentlichkeiten im Rahmen des Begriffs „Kettengebirge". . Geistige Durchschnittsverschiedenheiten sind gewiß auch da. Aber gerade hier findet man im letzten Grunde in-je d er Rasse alle Typen der Geisteshaltung, nur vielleicht in verschiedenem Prozentsatz. Man pflegt z. B. von einer Verschiedenheit „der" britischen und der deutschen Philosophie zu reden, wobei man nur leider vergißt, daß Hegel heute mehr in Großbritannien als bei uns blüht, und daß Deutschland recht viele Vertreter, des Pragmatismus gehabt hat und hat. Auch sollte es zu denken geben, daß die Griechen in ihrer Philosophie alle überhaupt möglichen Philosophentypen vertreten gehabt haben; und die waren doch wohl „rasserein". Sagen wir gerade hier auch ein Wort über die I u den, und halten wir uns dabei an den h ö ch st e n A usdruck jüdischen G e i st e s l e b e n s, an das A l t e T e st a m e n t und auch an Spinoza. Ja, was ist denn da „jüdisch"? Ist es der zornige, unerbittliche Nationalgott Jehoväh, oder -der liebende Vater, den der Israelit Jesus lehrt? Atmen die engen Gesetzesvorschriften des fünften Buches Mose „jüdischen" Geist, oder die Propheten und der Verfasser der Psalmen, oder Spinoza? Und was die heutige Zeit angeht so will es uns scheinen, als seien gerade die „Völkischen" aller Länder, die sich so jndenseindlich gebärden, jüdisch im Sinne des fünften Mosesbuches und des Glaubens an den Nationalgott, während ich unter ungetansten Israeliten sehr oft die ethische Einstellung der Bergpredigt gefunden habe. So seltsam es klingt: viele Antisemiten, nämlich die völkischen, wollen die rassemäßig nichtjüdischen Nationen geradezu geistig-„jüdisch" im Sinne des engen Volksgottglaubens machen! Eben das mußte von einem, der selbst gar kein jüdisches Blut in sich hat, einmal offen und klar gesagt werden. Daß, zumal int Osten, der jüdische D u r ch s ch n i t t s - typ ns ein spezifischer ist, der oft recht markante, und zwar neben guten, wie dem Familiensinn rrnd der Hilfsbereitschaft, auch wenig angenehme Seiten hat, soll natürlich gar nicht geleugnet werden und wird auch von keinem verständigen Israeliten geleugnet. Aber spezifiziert ist der jüdische Dnrchschnittsthpus immer nur da, wo die Juden isoliert waren und noch sind, und wo sie eng beieinander wohnen; und da scheint mir denn viel mehr als die Rasse die Schicksalsgemeins ch a f t, also die „G e s ch i ch te", eine Rolle gespielt zu haben, und zwar die den Israeliten von außen durch Gewalt aufg e z w u n g cnc Geschichte. Damit komme ich denn aus das P r o b l e m d e r N a t i o n und sage über die Rasse nur noch, daß dieses Wort auf den heutigen Deutschen, Franzosen und Briten wirklich niemals angewendet werden sollte, denn diese sind derart gemischt, daß' man geradezu sagen kann, Briten, Westdeutsche, Ostfranzosen und dazu Norditaliener seien eigentlich dieselbe, natürlich . ganz und gar nicht „reine" Rasse. Die Nation ist. ein g e sch i ch t l ich e s Ergebnis, welches ' mit Rasse grundsätzlich gar nichts zu tun hat, ja nicht

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