Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 22 (29.5.1924)
- Date
- 1924-05-29
- Page
- Seite 324 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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324 »Ich hack einen Rameraöen . . / Gedächtnisrede von Justizrat Max Ehodziesner. %nt 18. Mri 1924 fandauf dem Friedhof in. Weißenfee die Bei» setzung der -aus Frankreich hierher gebrachten Ged eine des im Felde gef-ollenerr Frontsoldaten Fritz Gr rin da um statt. Bei der vom R. j. Fauf dem Ehrerrfriedhof dargebrachten Ehrung hat Ir. Lhodziesner vom Vorstande die nachstehende Gedächtnisredegehalten. Die Schriftleitung. Verehrte £xauerüer{ammIu ng! Am 26. September 1920 hatten wir uns hier draußen zur Weihe des Ehrenfriedhoss versammelt. Ich ergriff damals wie heute namens des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten das Wort und sprach zu unseren gefallenen Brüdern und Kameraden, die hier unter dem grünen Rasen schlummern, und zu denen, die draußen liegen geblieben sind in fremden Landen, fern von der Heimat, denen keine liebende Hand den Grabhügel mit Blumen schmückt. Wir gedenken auch heute ihrer wie damals mit wehmütigem Stolze, wie sie hinaus gezogen sind, als das Vaterland sie rief. Wie sie draußen standen, Schulter an Schulter, Leib an Leib mit unseren christlichen Waffenbrüdern und aushielten im Donner der Geschütze, das Auge feindwärts, den Sinn nur auf das Ziel gerichtet, dem Vaterlande z u di eneu und die Heimat zu sch ü tz e xl Sie wurden verwundet, ihr Blut mischte sich mit dem Blute ihrer Waffenbrüder, und die Mutter Erdesog beides auf. Täglich stündlich, in jeder Minute umwehten sie die Schauer des Todes, und dann trat er selbst an sie heran. Er fragte nicht: W e r bist du, wes Stammes bist du, bist du hoch oder niedrig, bist du Jude oder Christ? Er nahm sie alleunter seine Fittiche und geleitete sie in das Reich der Schatten. So gaben sie ihr junges Leben hin, so starben sie für Deutschlands Einigkeit, für Deutschlands Recht, für Deutschlands Freiheit! Einigkeit und Recht und Freiheit! — Ein schöner Traum! Schon 19 2 0 konnten wir mit Bitternis feststellen, daß man uns Juden, wie immer, zum Sündenbock für alles U n g t ück zu machen trachtete, und di-e Flut des Haffes und der Lüge nicht einmal vor den Gräbern unserer Toten haltmachie. ' Und lymte stehen wir wieder hier vor einem offenen Grabe: Du junger .Held, Fritz Grünbaum, Musketier der 9. Kom- - pagnie In sanierte-Regiment Nr. IM, gefallen am 28. September 1918 zwischen Jooirtz und Cierges in wogender Schlacht, du bist für uns nicht nur der einzelne, nicht nur Fritz Grünbaum, du bist ^uns heute und immerdar der Inbegriff der jüdischen Krieger, jener mehr a l s 1 2 O O O j ü d i s ch e n Soldaten, die. im Weltkriege mit ihrem Herzblute und durch ihren Heldentod besiegelt haben ihre und unsere Zugehörigkeit und Treue zum deutschen Vaterlandes Fritz Grünbaum, du treuer jüdischer Soldat, wie heilig war deine Begeisterung, als du, fast noch ein Knabe, zu den Fahnen eiltest. Wie stolz zogst du hinaus, Blumen am Helm, Blumen am Gewehr, Blumen au f der Brust, und Tücherwehen am Bahnhöfe und Abschl^sgrüße und AbschiedsLränen und aus den Fenstern des dahmAeitenden Zuges verwehte im Abendwinde das letzte Lied: „Nun ade, du mein lieb Heimatland, lieb Heimatland, ade"-And heute bist du z u r ü ck g e k e h r t ins Heimatland, zu ruhen den ewigen Schlaf in heimatlicher Erde als deutscher Held, du treuer, jüdischer Soldat. Deine Hingebung und TreM haben dir deine Kameraden und Vorgesetztenhat dir besonders dein Divisionskommandeur Gene r alleutnant v. Eberhard t bezeugt, als er an deinen schmerzgebeugten Vater am 17. Oktober 1918 unter anderem schrieb: „Sie aber, geehrter Herr Grünbaum, wögen das Bild Ihres Sohnes, der in Erfüllung seiner Pflicht für das Vaterland das L ebenhi n ga b, mit dem beigefLkgten Eisernen Kreuz schmucken, und mit Stolz in stiller Wehmut wird Ihr Auge und das Ihrer werten Gattin ihn zu den deutschen Helden zählen, die opferbereite Wern freudig Hingaben für des deutschen Heimatlandes Schutz und Ehre." — So schrieb damals ein deutscher General. — Und je tz t?! Aufwallen möchte das Herz, aufschreien der Mund. — Doch es ist hier nicht der Ort, es ist heut nicht die Stunde, all das aufzuzählen, was an Haß und Verunglimpfung gegen uns Juden aufgetürmt wird. Nicht entweihen mochte ich die heilige Stimmung, die uns heute beherrscht, wenn sich auch der gequälten Brust ein verzweifeltes: Umsonst! Alles umsonst l entringen möchte. — Doch nein, nicht umsonst, nicht vergeblich sollen unsere Helden gefallen sein. Ms Juden stände solche Resignation am wenigsten an. Der jüdische Opitimrsmus, gegründet auf eine sittliche Weltanschauung, gestützt aus die Ueberzeugrmg göttlicher Fügung mb göttlichen Willens, stärkt uns mit der Zuversicht der Prophezeiung im 53. Kapitel -des Jesaja, die Israel zum Gotteszeugen bestem und chm die Pflicht auferlegt, um der Zukunft der Menschheit willen der Menschheit Leid auf seinen Schultern zu tragen! Wahrlich, aus dieser Ueberzeugung wollen wir die Kraft schöpfen, fetzt auch Deutschlands Leid aus unsere Schultern zu nehmen. Denn Schickfalsgemeinfchast macht deutsches Leid und deutsches Glück zu unserem Leid und unserem Glück. — „Wahret Recht und übet Gerechtigkeit, denn nah ist meine Hilfe zu kommen- und meine Gerechtigkeit wird sich offenbaren." An diesem göttlichen Worte sesthaltend, „wollen wir schreiten und schreiten und schreiten. Tiefer hinein in die eigene Kraft, die sich aus Erden die Ewigkeiten und aus ihrem Leeden den Gott entrafft." So wollen wir dir, Fritz Grünbaum, wollen wir allen unseren verklärten Helden die Treue halten, wollen wir einstehe'n mit Recht und Gerechtigkeit für eure und unsere Ehre, bis Haß und Lüge zer f l a tte r n und es anerkannt werben wird, daß jüdische Treue und jüdische Ehre genau soviel gilt wie Treue u n d E h r e irgendwo in der Welt! So ehren wir unsere Toten! Und nun rufe ich dir. Friß Grünbamn, namens des Reichsbnndes jüdischer Frontsoldaten ein letztes Lebewohl zu. Wir senken vor dir itn se r Ba n n e r,, dein Name ist unvergeßlich, eingemeißelt irr das Buch deutschen Heldentums. Hab' Dank, du treue jüdischer Soldat! Dstlev v. LMezrcrorr. Zum 8 0. Geburtstag des Dichters am 3. Juni 1924. Im Beginn des Weltkrieges, als das gleiche Gefühl des gemeinsamen Schicksals, derselben Not und derselben Hoffnung das ganze deutsche Volk durchströmte, als sich alle Deutschen ohne Unterschied — vielleicht zum erstenmal — nur als ein Volk empfanden, da habe ich oft gedacht: Wenn Liliencron das erlebt hätte! Wie würde sein tapferes, stolzes Herz gejuibM haben! Später daun, ach, gar zu bald, mußte ich mir sagen: Gut, daß er das nicht erlebt hat. Und noch später, in unfern Tagen, kam mir umoillkürlich der Gedanke, wie würde er sich zu den Fragen, die von so vielen Kurzsichtigen als die wichtigste unseres Geschickes angesehen wird, zu der „Judenfrage" gestellt haben? Hätte auch er sich, wie so manche andere, von der Zettströmung mitreihen und sein reines Gefühl von dem trüben Gewässer der ANagsmeimm-g beflecken lassen? Ich glaube zuversichtlich, nie und nimmermehr! Dafür war er zu freiheitlich gesinnt, dafür hrtte er ein zu lebhaftes Gefühl für Reckst rm'S Unrecht, dafür blickte er zu tief in die menschliche Seele. Von jeher war ihn; die B i be l fe i n lxeb ft es B u ch. Bei einer Uebersicht über die Bücher der Weltliteratur nennt er sie an erster Stelle. Die B ü ch er der Makkabäer erregen feiere helle Begeisterung. „Ich nehme meine Bibel", sagt er in der Erzählung „Auf meinem Gute", „fetze mich aus die Veranda und lese in einem Zuge die beiden Bücher der Makkabäer. Ich An hingerissen. Das ist ein EhroniHchrei'ber. Weshalbhaben wir kein Wort: „Tapfer'wie -die Makkabäer"? Welche Bilder!" Bei jeder Gelegenheit fallen ihm Worte, Zitate aus der Bibel ein. Mitten in einer -Krier-snovelle, im. GetMrmel der Schlacht erinnert er sich, wie gewaltig das Rotz im Hiob geschildert ist. Die mächtige Poesie des Jesara nimmt ihn ganz gefangen, und nachdem er ein halbes Kapitel aus Esther zitiert hak. fragt er begeistert, ob das nicht eine Farbenpracht sondergleichen sei. Seine ganze Liebe aber gehört dem königlichen Psalmensänger. „-Heute meine liebsten Psalmen gelesen, den 31 „ 38., 51., 104., 126., 140., 142. David, der Dichterkönig, muß bis an seine letzte Stunde wie ein naives Kind gewesen sein. W i e lieb t ch t h n. Hätte ich an feinem Sterbelager gestanden, ich würde ihm schluchzend die Händegeküßt haben." So in seinen Werken. Was würde er wohl von unfern Bibelverächtern und Wotanverchrern g-ef-agi haben! — Bor mir liegen Hunderte von Briefen und Karten von seiner Hand. Ich greife einige heraus, die Meine Meinung von ihm erhärten mögen. „Bin auf sehr anstrengender Vorlesereise. Wenn Du ime!) mal brauchen kannst für die russischen Juden, so schreib's mir nur. Bin gern bereit." „Ich las hier (in Kattowitz) im Verein junger Kaufleute. Diese jungen Herren waren ohne Ausnahme Mofaisten. Du ahnst nicht, mit welcher Liebe, Verehrung, Nachsicht, Enthusiasmus ich von ihnen ausgenommen wurde. Sie wußten nicht, was sie mir alles zu Liebe tun konnten. Du weißt, ich bin kein Anti- und kein Philosemit. Aber diese prächtigen, lieben Kerls werde ich nie vergessen könne n." In einem Brief, in dem er Nietzsche erwähnt, fügt er hinzu: „Nietzsche haßte übrigen s dre Antisemiten, woran er recht h at te." Aus einem Brief, in dem er sich über mein Buch „Aus jüdischer Seele" ausspricht, möchte ich aus naheliegenden Gründen nur eine Stelle ansühren: „Am schwersten ift?s mir, über Deine „Lieder eines Semiten" Dir zu schreiben. Gott sei Dank: Du übertreibst darin. Es wäre ja entzetzlich, Wäps so, wie Drr*s darin Lund» gibst. Und doch und doch: Ich habe mit tiefer Rührung darin gelesen." Es war' entsetzlich, wircks so. Mein guter Liliencron, es ist viel entsetzlicher geworden, als ich damals, vor Zwei Jahrzehnten, ahnen konnte. Was würdest du heute zu dem Gebaren unsrer „Völkischen" sagen? Ich blättre weiter in deinen Briefen. Erinnerung auf Erinnerung steigt mir aus. Und mit Wehmut und Stolz, mit heißer Dankbarkeit gedenke ich dein. Iakob Loewenberg (Hamburg).