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Central-Verein-Zeitung · 1924-05-29 · 22 (29.5.1924) · p. Seite 323

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
22 (29.5.1924)
Date
1924-05-29
Page
Seite 323 (sequence 7)
Language
German
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323 Die Wichten öer Mischen Elternschaft. Elternbeiratswahlen in G r o fz - B e r l i n. Am 22. Juni werdet: in Grosz-Berlin die Elternbeiräte neugewählt. Es lohnt wohl Zn untersuchen, loas dieser Tag für die jüdische Elternschaft bedeutet, welche Gefahren er ankündigt und welche Aufgaben er stellt. Denn oft genug ist nun in diesen Blättern vom dem Leidenswege j üb i's ch e r S ch n l e r in unseren h ö h e re:: S ch u l e n gesprochen worden, und dieselben höheren Schulen haben jetzt bei der Nelchstagswahl tausende jugendlicher Schlepper und Helfer gestellt für die Wahl der antisemitischen Abgeordneten. Wer in der glücklichen Lage ist. fein Kind auf einer Schule Zu wissen, die von diesen Fänlniserscheinnngen unseres Knlturtiefstnndes vorläufig noch verschont ist, der lasse sich erzählen, wie anderwärts bei der letzten Elternbeiratswahl die Frage im Zentrum des Kampfes stand: Werden die 50 jüdischen Eltern der Anstalt im Elternbeirat eine Vertretung haben oder nicht? Das war in der 5. Oberrealschule, Weiumeifterstrasze 15, wo am 11. Juni 1922 der sechsköpsige Elternbeirat neu gewählt wurde. Der 'Wahlaufruf der „christlich-unpolitischen Liste Börner" sprach es mit unverhüllter Offenheit ans, das; die jüdischen Eltern für sie nicht vorhanden seien: „Keine S t i in me den Feindendes .Christentums!... Unsere Kinder benötigen zu ihrem moralischen Halt die christliche Religion. Die Religion (welche? die christliche) ist das Fundament für das ganze spätere Leben des Menschen." Auf der Gegenseite standen — Z e h n Christen und ganze Zwei Juden! Alle einig in der liebe rzeugung, daß jeder Konfession ihr Religionsunterricht voll erhalten bleiben müsse. Und wenn man dem deutschen Menschen die Religion erhalten will, dann darf man die Front nicht gegen die I üben nehmen — die ch r i st e n t n m s f e i n d l i ch e n Wotans-Anbeter unter den Völkischen sind die F e inde! Doch mit dieser Irreführung der Wähler war es den „Christlich- Unpolitischen" nicht genug, sie leisteten sich noch eine gröbere: sie ließen ihre Stimmzettel r n a m t lichen Wahl u m schlügen durch S ch ü l er in den Klassen verteilen, zusammen mit ihren oben zitierten Flugblättern (als Ergänzung des Deutschunterrichts). Mit Mühe und Not kriegten die Antisemiten eine kleine Mehrheit, aber eben doch die Mehrheit und damit die Führung. Ich weiß, daß sich solche Vorgänge bei den bevorstehenden Wahlen wiederholen werden. Jodle Schule, in der jüdische Lehrer oder Schüler find, wird das Ziel derartiger „christlich-iln Politischer" Angriffe sein. Daran: hat jedes jüdische Elternpaar ein starkes Interesse daran, sofort folgendes festzustellen: 1. Wieviel Wahkvorschlüge liegen für den Elternbeirat vor? 2. Sind so viel jüdische Kinder an der Anstalt, daß ihren Eldorn zahlenmäßig e i n oder mehrere Sitzeim Elternbeirat zukämen? 3. Wenn ja: sofort eine Versammlung dieser Eltern 'einberufen und sich von einem Fachmann über die Rechtslage unterrichten lassen! 4. Wenn nein: jeden, der öffentlich für eine Liste wirbt, öffentlich befragen, ob seine Kandidaten bereit sind, die j üdische Nt i n d e r h e i t und ihre Interessen zu sch ätzen — und größtes Mißtrauen in leere Versprechungen setzen! Viele Eltern höre ich sagen: „Ach, wozu überhaupt wählen, die Elternbeiräte haben ja doch gar nichts zu sagen; die ganze Einrichtung ist ein Wort ohne Inhalt!" — Schlimm genug für die Träger dieser Einrichtung, wenn das zutrifst! Denn so gering auch die Ansprüche auf Mitbestimmung am Schulteben für den Elternbeirat tatsächlich sind, — bei aufrichtigem Verständigungswillen auf beiden Seiten können die Elternvertreter durch Rat und Anregung vieles tun, die Lehrerschaft beim Ausbau des Schulbetriebes in jugendgemäßern Sinne zu unterstützen. Und so wende ich, der Nichtjude, der evangelische Christ und Lehrer, mich mit Absicht an die j ü d i s ch e Elternschaft mit der Bitte: Sichern Sie sich nicht nur gegenüber antisemitischen Angriffen den Ihnen Zahlenmäßig z u st e h e n d e n Einfluß auf die öffentlichen Einrichtungen innerhalb der Schule, sondern benutzen Sie diesen Einfluß dann auch Hand in Hand mit der Lehrerschaft zur Allsgestaltung Ihrer Schulen zu Stätten jugendlichen Gemeinschaftslebens. Denn ich weiß, wie stark dem Juden das Einfühlungsvermögen in andere Art eigen ist, ich kenne seine natürliche pädagogische Begabung für Familienwie Schulerziehung. Wir sind anchen höheren Schulen jetzt nämlich in keiner leichten Lage: die umfassende Reform, die das preußische Kultusministerium uns jetzt zu Ostern beschert hat, gibt nicht nur jeder Schulgattung ihr bestimmtes Gepräge, sondern stellt so ziemlich jeden Unterricht vor völlig neue Voraussetzungen: Lehrpläne wurden außer Kraft gesetzt, Stundenzahlen verringert und erhöht, neue Fächer eingefügt, andere abgesetzt ober zusammengesaßt; viele Lehrbücher sind nicht mehr gültig, eine Unzahl Erlasse, auch aus der letzten Zeit, kassiert. Wir Lchrer sind sämtlich gezwungen, unfern Unterricht, dessen Stundenzahl für uns etwas erhöht ist, auf neue Aufgaben, vor allem aus die Erke n n t n i s sr a g e n und Bildnngswünsche der Jugend umzustellen. Hier können die Elternvertreter mit ihren Wünsch en und Anregungen wertvolle Arbeit leisten: ob sich's nun um staatsbürgerliche Aufklärung schon in den Mittel- und Unterklassen, ob sich's um Werkunterricht oder Gartenbau handelt, oder um die Einrichtung von Schul- und Ferienheimen, — ob's um eine Einstellung des Unterrichts auf das wirtschaftliche und das künstlerische Gegenwartsleben oder um eine Betonung von Sonderbegabnngen und Sonderinteressen geht — das ist völlig gleich. Die ministerielle Reform läßt all diesen Möglichkeiten Raum, und es wäre gut, wenn sich jedes Elternbeiratsmitglicd mit den neuen Richtlinien des Ministers bekannt inachte. warten allenthalben ernste Aufgaben der Lösung: Aufgabe n der A b w e h r, Aufgaben des Ä u f b a u e s. Es sollte mir eine frohe Genugtuung sein, zu wissen, daß meine Anregungen hie und da Widerhall finden und zu praktischer Zusammenarbeit von Ellernschaft und Lehrerschaft führen. Rudolf Zweetz. # Zn den Elternbelvatswahlen! Groß-Berlruer Mitglieder! An sämtlichen Schulen Preußens finden in den nächsten Wochen die Wahlen zu den Elternbeiräten statt. Für G r v ß - B e r l i n am 2 2. Inni 192R Es ist Pflicht aller jüdischen Eltern, Väter und Mütter, ihr Wahlrecht ausznüben, damit die neuen Elternbeiräte auch die Interessen der jüdischen Eltern nnd Schüler vertreten. Es genügt j e d o ch ni ch t, daß die Wahlberechtigten am Abstimmungstage ihr Wahlrecht ausüben, sondern es ist rrnbedingt notwendig, daß sie bereits vorher an den vorbereitenden Sitzungen teilnehmen, in denen die Kandidaten ausgestellt werden. Wir werden zu gegebener Zeit nötigenfalls unsere Mitglieder über die von den verschiedenen Richtungen ausgestellten Listen unterrichten, mahnen jedoch jetzt schon zur Vorsicht. Wir bitten dringend, unser Bureau schriftlich oder telephonisch über den Verlauf der bisherigen Sitzungen zu unterrichten. (Dönh. 3594.) Daheim unö draußen. Siegfried Wagner in Amerika. Einer der feurigsten Verehrer Hitlers ist Richard Wagners Sohn Siegfried Wagner. Bekannt ist, daß er dem Hitler-Lndendorffschen Unternehmen, um seine herzliche Teilnahme an ihm zu bekunden, in den letzten Monaten Geldspenden ostentativ zuführte. Das ist sein gutes Recht. .Er muß dann aber auch die Folgen ziehen und sich nicht von Juden in Amerika feiern lassen, auf die er in Deutschland Pech und Schwefe! herabwünscht. Die „New Uorker S t a a t s z e i t u n q" berichtet nämlich von einem Festessen, das man dem Wagnerschen Ehepaare in New Port veranstaltete. In diesem Berichte heißt es: „Auch Dr. Otto König und' Frau T. Israel, Frau Wm. Knauth, Herr Emil Thiele, Herr August Walther, Dr. W. H i r s ch und Dr. E. H o r w i tz waren unter den Gästen... Dr. H o r w i tz hielt eine Rede über Richard Wagner, und Herr Dr. H i r s ch ^verstand es meisterhaft, in seiner Ansprache von Richard Wagner auf den Sohn überzugehen." Mögen auch die amerikanischen Inden in Siegfried Wagner nur den Sohn des großen Richard Wagner feiern, dessen Musik vielen von ihnen gewiß etwas Erhabenes bedeutet, so dürfen sie doch nicht vergessen, daß Siegfried Wagner sich als Förderer ausgesprochener Judenfeinde öffentlich bekennt. Es scheint uns in solchen Fällen der Würde zu entsprechen, daß aufrechte Juden derartigen Festlichkeiten fernbleiben, selbst wenn sie dadurch ihren herzlichen Wunsch, deutsche Heimatsmusik zu ehren, zurückzustellen gezwungen sind. Michael Nußbaum zum Eeöächtms. Im 82. Lebensjahre ist in M ü n ch e n der Privatier Michael N u ß b a u m verschieden Nußbaum gehörte Zn den markantesten Persönlichkeiten feiner Heimatstadt. Jahrzehntelang hat er seine volle Arbeitskraft dem . Wohle der Stadt München und insbesondere feinen jüdischen Mitbürgern gewidmet. Die Zeit der Entwicklung der Israel itis ch e n K u l t u s ge m e i n d e in München, welche durch die Namen Werner, Ofner und Nnßbamn gekennzeichnet ist, hat mit Nußbaums Heimgang einen geschichtlichen Abschluß gefunden. Man wird sich die Kultusgemeinde ohne Michael Nnßbaum nur schwer vorstellen können. Mit klarer Erfassung des Notwendigen und Zweckmäßigen und der ihm eigenen praktischen Begabung führte er 'die Gemeinde durch die Jahre des Krieges. Er beschränkte sich aber keineswegs auf die Leitung: Wer die Gemeindekanzlei betrat, sah stets den Men Herrn in fleißiger Kleinarbeit beschäftigt. Nußbaum war nicht nur der Vater seiner Gemeinde, sondern weit über den Burgfrieden der Stadt hinaus ein Mentor der deutschen Juden. Wir, die wir jahrelang mit ihm Zusammenarbeiten durften, haben von ihm den Willen zur Tat und die Notwendigkeit eines unermüdlichen Fleiszes gelernt. Nußbaum war ein lebendiger Beweis dafür, daß man mit Redensarten dem Judentum nicht helfen kann. Während bei uns im allgemeinen viel zu viel gesprochen wird, war er e i n M a n n d e s H a n d e l n s. In Erinnerung ist es uns noch, wie prachtvoll er namens der Kultusgemeinde München ans Anlaß der Fahnenweihe der Münchener K.-C.-Verbindung unser jüdisches Wort: „Jeder stehe zu seiner Fahne" auseinandersetzte und uns, der damaligen Jugend, zur Pflicht machte/nach diesem Satze zu leben und zu handeln. Er hach es getan. Ehre seinem Andenken! L. H.

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