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Central-Verein-Zeitung · 1924-05-29 · 22 (29.5.1924) · p. Seite 322

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
22 (29.5.1924)
Date
1924-05-29
Page
Seite 322 (sequence 6)
Language
German
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322 Mus -erwahlarbeit eines Lanöesverbanöes. iV Von einem Helfer. Es entspricht der ganz besonderen Eigenart des C.-V., daß seine Wahlarbeit, nicht wie die der Politischen Parteien,. erst wenige Wochen vor den Wahlen einsetzt. Die Arbeik der Parteien wirkt sich Zumeist dahin aus, daß sie durch Eingehen-auf die Psyche der Menge zur Massensuggestion wird. Dadurch, daß man aber allzufrüh mit ihr einsetzte, würde mm sie selbst zur Unwirksamkeit verurteilen. Denn darauf kommt es doch an, daß der Wähler immer und immer wieder mit denselben Mitteln „bearbeitet" und ihm auf diese Weise sein Parteizettel geradezu in die Hand suggeriert wird. Daß dem Parteizettel nun nicht auch noch der a n t i - s e m i t i sch e S t e m pe l aufgedrückt wird, dafür hat der C. V. durch sehr frühzeitigen Begilm seiner Arbeit zu sorgen. Aus solchen Gednnkengäugen heraus wurde die gesamte Landesverbandsarbeit, von der in den folgenden Zeilen die Rede sein soll, seit Beginn des Jahres 1924 unter dem Gesichtspunkt der im Mai stattfindenden Wahlen geleistet. Um diese Arbeit mit wenigen Worten zu kennzeichnen, ließe sich ganz allgemein von ihr sagen: sie wandte sich mit gesprochenem und geschriebenem Wort aufklärend an I u d e n und R i ch t j u d e n. Schon sehr rechtzeitig wurden in zwei der größten Städte des Landesverbandes vom Syndikus bzw. von ihm und von einem Herrn der Berliner Leitung sogenannte Rednerkurse veranstaltet. Hier wurde einem größeren Kreise von geladenem jüdischen und nichtjüdischen Publikum, zumeist Leuten, die im Kampf der Parteien eine Nolle zu spielen berufen waren, die Kenntnis unseres Rüstzeugs gegen antis tau itische Lüge n und Verl e u m - d u n g e n vermittelt. Diese Kurlst, die ein bis zwei Tage dauerten und von zirka,60 bis 80 Personen aller P a r t e i s ch a 11 i e r u n g e n und Konfessionen besucht waren, hatten in jeder Beziehung den gewünschten Erfolg. Mehr als einmal wurde mit dem Dank für das Gehörte der außerordentlichen Befriedigung darüber Ausdruck gegeben, daß man einen Einblick tun könnte in'die „Psyche des jüdischen Menschen", von der ja die meisten unserer christlichen Mitbürger oft ohne jede böse Absicht so ganz entstellte oder gar verzerrte Vorstellungen besitzen. Daneben wurden, ebenfalls mit gutem Erfolge, Notabe I n - und große öffentliche Volksversammlungen mit jüdischen und nichtjüdischen Rednern einberufen. Das gesprochene Wort hatte sich aber auch an die Mitglieder des C. V. selbst zu wenden und so wurden seit Beginn des Jahres in fast allen Ortsgruppeu des Landesverbandes Mitgliederversammlungen abgehalten. Bon mindestens der gleichen Bedeutung wie die Aufklärung. von Mund zu Mund war die unserer jüdischen und nichtjüdischen Mitbürger durch B r o s ch ü r e n , „C. V. - Z e i t u n g", R und - s ch reiben und Flugblätter. Wir zählten, um nur ein Beispiel zu nennen, 866 Briefausgänge während der Zeit vom 1. April bis 6. Mai, das sind durchschnittlich 26 täglich. Nicht eingerechnet ist dabei die Versendung der „C. V.-Zeikmrg", die aus unsere Veranlassung allwöchentlich schon allem in eirm* Ortsgruppe zirka 360 Personen zuaestellt wird. 2000 Broschüren, die wir ganz individuell nach Beruf, Konfession und Parteizugehörigkeit des Empfängers auswahlteig sind von uns weitergeleitet, 400 Rundschreiben in Umlauf gesetzt. Außer den unendlich vielen C.-V.- und R.-J.-F.-Flugblättern und Klebezetteln haben wir noch zwei Tage vor den Wahlen ein Flugblatt, das auf die vom völkischen Block erhobenen Anwürfe antwortete, entworfen und in Druck gegeben. Dieses Flugblatt, das sich, wie uns von Juden und Nichtjuden bestätigt wurde, besonders, wirkungsvoll gegen völkische Lügen wandte, haben wir vor einer völkischen Versammlung in mehreren Lausend Exemplaren verteilen lassen, haben es den Zeitungen beigelegt und außerdem viele Tausende einer Anzahl Ortsgruppen für gleiche Fälle weitergegeben. In ähnlicher Weise haben wir zu wiederholten Malen"auf ganz besondere Anschuldigungen, für die sich unsere Flugblätter allgemeinen Inhalts nicht eigneten, extra .darauf Zugeschnittene herausgegeben. Wie außerordentlich wirksam unsere Brosch ü r c n und F lugs ch r i f t e n waren, erkannten‘ wir, als sich in wiederholten ' Fällen Privatpersonen unb Parteien an uns mit der Bitte wandten, ihnen über diese oder jene Frage genaueres oder authentisches Material zu verschaffen. Auf diese Weise wurden, da beide Teile Interesse an der Wahrheit hatten, Unklarheiten und Unwahrheiten gar bald aufgeklärt. Was aber taten die Gegner? Entweder sie schlossen Juden überhaupt aus von ihren Versammlungen, oder aber sie ließen sie herein und erklärten dann: Juden dürfen nicht reden! Die Erregung, die eine solche Erklärung gewöhnlich hervorries, zeigte den Hetzern klar und deutlich, wie die Versammlungsbesücher aus allen Schichten und Kreisen über diese Feigheit dachten. In unseren Versammlungen dagegen legten wir nachdrücklich Wert darauf, diese Herrschaften zur Diskussion zu veranlassen. Aber wie in den allermeisten Füllen, wenn es galt, für seine Taten auch im Ernstfälle einzusteheu, so hielten sich auch in diesen Versammlungen die Führer schön im Hintergründe; bie.jungen, verhetzten Burschen aber traten vor, um für d i e zu sprechen, die in ihren Versammlungen, von denen Juden geflissentlich serngchälten werden, den Mund nicht weit genug aufreißen können. Noch unendlich weit ließe sich dieser Bericht nach allen möglichen Seiten hin vervollständigen, — ich will darauf verzichten und-statt dessen versuchen, ein möglichst lebendiges Bild eines der letzten Tage vor der Wahl m mc&mri: ' Morgens, bereits um 6 Uhr, klingelt der Telegraphen'bote: Telegramm der Zentrale in Berlin: Heute abend, 5 Uhr, völkische Versammlung in L., sendet Redner! — Ja, woher nehmen? Alles ist unterwegs. — A. spricht in O., M. in L-, N. haben wir nach N. geschickt — was nun? Versuchen wir, ob H. Helsen kann. Das Telephon spielt nach H.: Könnt Ihr uns einen Diskussionsredner für L. stellen? Ja, was wollt Ihr denn? Wir sind in derselben Angelegenheit auch von L. und B. angerusen und haben erklärt, daß wir niemanden haben. (Typisch! Alle Welt wird von L. aus in Bewegung gesetzt, nur die nächste- und berufenste Stelle, der Landesverband, wird übergangen.) Aber geholfen muß werden! — Wir fragen in B. an. — St. ist bereit, für 5 Uhr, muß aber um 8 Uhr zu einer politischen Versammlung in W. sein. Er muß eventuell Per Auto von L. nach W. gebracht norden, ist das möglich? — Wir verbürgen uns dafür, geben unseren Freunden in L. telephonischen Bescheid, und dieser Fall ist erledigt! Telephon: Könnt Ihr für heute abend Auto nach H. zur Verfügungstellen? — Vier bis fünf Anrufe, und wir können mit bejahendem Bescheid dienen. — Eilbrief aus Berlin: Reichsgeschüftsstelle der X-Partei hat für Gruppe L. nach statistischen Zahlen über Ostjuden gefragt. Authentisches Material, das dem Briefe beiliegt, wird aus telephonischem Wege weitergegeben. Inzwischen bringt der Briefträger neben Zeitungen, die, soweit sie das Landesverbandsgebiet betreffen, auf Anzeigen völkischer Versammlungen usw. durchgesehen werden müssen, 34 Briefeingünge. Das Wichtige wird gleich beantwortet — Unwichtiges muß liegen bleiben. Inzwischen kommt in großer Aufregung ein Herr aus der Stadt — seinem Zettelverteiler sind die Blätter entrissen — kann man aus Diebstahl oder Raub verklagen? Nun kommt noch einer und noch einer, schließlich.sind es sechs! Sie alle wollen etwas anderes, — jeder hat ein besonderes Anliegen. — Einer macht aufmerksam, ein anderer erbittet Verhaltungsmaßregeln — ein dritter verlangt Einschreiten, und ihrer aller Abfertigung verzögert sich, weil einer es noch eiliger hat als der andere. Dazwischen geht unaufhörlich das Telephon. Eine Anfrage hetzt die andere, eine Meldung die andere! Ferngespräch aus M.: Wir wollen noch heute abend 2000 Flugblätter verteilen lassen: wie ist das möglich? — Wir schicken euch Boten per Bahn. — Gott sei Dank, ein Gewitter! Jetzt werden wir eine Zeitlang wenigstens vor. dem Telephon Ruhe haben, — ja, vor dem Telephon schon; aber: die 70 Briese an die Ortsgruppe H. müssen sertiggestellt werden, die zum letztenmal an die Wahlpflicht eines jeden einzelnen erinnern sollen. Mit dem Vermerk: „Zur Nachahmung empfohlen" geht noch früh genug eins dieser Schreiben auch an 70 Ortsgruppen heraus. Im vorhergehenden Schreiben hatten wir die Ortsgruppen auf Flugblätter und Broschüren, die von Berlin aus eingelausen waren, aufmerksam gemacht. Wir haben sie gesichtet und nach ihrer Eignung rubriziert, den Ortsgruppen also ihre Auswahl nicht zu schwer gemacht. Wir sind noch bei der Schreibarbeit, da hält ein Auto vor dem Hause: zwei Herren aus G. mit der Mittagszeikung, die in einem offenen Brief an den C. V. Anpöbelungen und dreiste Lügen enthält. Schnell die Antwort entworfen, die jeden Punkt schlagend widerlegt und die noch r>Ciu4e abend als Flugblatt hergusgehen soll. Das Auto rast zurück. — Telephon aus der Stadt: Neue Wünsche, neue Anfragen! Da kommt Herr A.; er spricht heute abend in L. gegen N., dem er nachreist. Herr R. hat dies behauptet,'— jenes bestritten, wie liegen die Dinge tatsächlich? Herr A. wird' aufgeklärt und reist ab. ' Als sie weg sind, ist der Tag zu Ende, und wir freuen uns. des Abends, der vor uns liegt. Es ist 249 Uhr — man atmet auf — nun hat man Ruhe-* da kommt ein Bote aus der Stadt: in. der ^-Parteiversammluug sind viele Völkische und es ist mit ihnen als Diskussionsrednern zu rechnen. Der Syndikus muß vorsichtshalber anwesend sein! Wir kommen — jetzt gillls, sich vielleicht noch mit deuischvölkischen „Helden" in Wortgefechte ein lassen — — aber schließlich hat die Nacht ein Einsehen und deckt ihre schützende Hand auch über den Wahlkampf.-.■ Wer diese ungeschminkte Darstellung nur eines einzigen Tages und den vorhergehenden Bericht über die Wahlarbeit eines Landesverbandes liest, wird sich schwerlich noch zu denen gesellen wollen, die ja die Sache ganz anders, bestimmt aber viel besser ausgezogen hätten. Er wird in Anbetracht der Tatsache, daß ja a l l e L a n d e s v e r b ä n d e und vor allem die Z e n t r a l e in B e r l i n in ihrer Arbeitdas M e n s ch e n m ö g l i ch e gar o s t ü b e r s ch r i t t e n haben, kaum noch die Frage auswerfen wollen: Was tut der Central- B e r e i it? Und doch scheint den G r u p Pen, denen, soweit unser Central- Verein in Frage steht, getrost zugegeben werden soll, daß auch sie ihr redlich Teil Wahlaroeit geleistet Haben, noch nicht klar, zum Bewußtsein gekommen zu sein, wo ihre Verpflichtungen dem Landesverband gegenüber liegen. Sonst könnte und dürste es nicht Vorkommen, daß sich immer und wieder Schwierigkeiten in der B.e i - t r.a,g s-e r h e b u n g zeigen, daß trotz immer wiederkehrender Aufforderung nur etwa 5 Prozent der Gruppen die so notwendigen Berichte. und Be l eg e über G ru p p e n a rb e i t beibringen. Fehlt aber einmal ein Redner/ dann kennt man den Landesverbands dann besinnt' man sich plötzlich auf ihn. Unb er — erkennt seine Pflicht — besorgt den Redner, und der Rest ist --Schweigen! Aber wie gesägt, zur Wahl wurde gearbeitet, und das überall, wie aus gelegentlichen Berichten hervorgeht, und das beweist uns, daß wirstnit unserer Arbeit aus dem richtigen Wege sind. Darum können wir auch eine Kritik unserer Tätigkeit vertragen; Kritik ist gut, sie soll und muß sein, denn sie belebt das Werk. Aber bitte keine Negation, nur um der 'Negation willen. Das gilt vor allem für die, die in Versammlungen Mehrheitsbeschlüsse mit'herbeiführen Helsen'und nachher dagegen' wettern, , . - F r i me le. .

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