Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1924-05-29 · 22 (29.5.1924) · p. Seite 321

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
22 (29.5.1924)
Date
1924-05-29
Page
Seite 321 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2277379-2277464-2277485--01194-2280422
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

321 Die „fiushälter öer Zreiheitspartei". Warum die „Großdeutsche Zeitung" ihr^. Erscheinen einste'Ilt. Die Münchener „Großdeutsche Z e i t u n g", das bekannte HiLlier-Blatt, stellt ihr Erscheinen ein. Die Gründe sind undurchsichtige Verschiedene Zeitungen meinen: Aus Geldmangel. Nun ist Arthur Herbert Wollnzihn, der Hauptschriftleiter des Kunze- Blattes „Die Neue Zeitung" (27. Mai 1924), in der Lage, Näheres über die wahren Gründe auszuplaudern. Die Deutschevölkische Freiheitspartei habe der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei ihre Unterstützung entzogen. Und warum: ■ „Die Bayern erkennen jetzt, daß sie eine höchst unglückliche Ehe eingegangen sind, als sie sich mit der Freiheitspartei zum völkischen Block zusammenschlossen. Sie vermissen in dieser die wahre Volksfreundlichkeit, von der sie selbst beseelt sind. Bei der Freiheitspartei dagegen glaubte man, die Nation alsvzralfften nicht nur bei der Reichstagswahl als Stimmvieh benutzen, sondern sie auch nachher noch den freiheitsparteilichen Sonderinteressen, Die mit denen Der LMfrmdienhesitzer einig gehen, gefügig machen zu können. Jetzt kommt aus beiden Seiten die Ernüchterung. Da die Nationalsozialisten von ihrem Programm des wahrhaften deutschen. Sozialismus nicht abweichen, haben Die inesklenbuvgischen und vorpochnmerschen Rittergutsbesitzer, die man Myhl als die Anshalter der -Freiheitspartei bezeichnen darf, natürlich kein Geld mehr für das unter dem Haupte-influß der Bayern stehende Blatt übrig. So ist die „Großdeutsche Zeitung" ein Opfer dieser unglück- Sen Mischehe geworden. Hoffentlich ziehen die ehrlichen baye- M Nationalsozialisten recht bald die erforderlichen Folgerungen aus dem Vorfall und machen sich Mieder frei von der Geldmacht des Wertzen Fndentnms." ' Die Dmtschsozialen müssen ja ihre Brüder von heute am besten kennen. Die „Verjuduna" in 'Schwarz und Weiß scheint unter den „Arischsten der Arischen' rasende Fortschritte zu machen: Erst die Deutschnationalen, nun die deutschvolkrschen Freih-eitsmänner. Wenn sie bloß nicht noch Richard Kunze und seinen Heerhausen erfaßt. Feuer unö Waffer. Monarchisten in Deutschland und Monarchisten in Oesterreich. Wir haben schon früher einmal Gelegenheit genommen, daraus hinzuweisen, wie völlig anders als in Deutschland die Monarch i st i s ch e n K r e i s. e O e st e r r e ich s zu den deutsch-österreichischen Juden eingestellt sind. Die österreichischen Monarchisten sind sich ersichtlich darüber klar, daß auch in Deutschösterreich Juden vorhanden find, die ebenso monarchistisch eingestellt sind wie viele Christen, und sie wollen sich, was ihr gutes Recht ist, die Mitarbeit dieser monarchietreuen Juden zunutze machen. In der österreichischen Zeitschrift „Die Monarchie" Pom 16. April d. I. befindet sich ein Aufsatz „Zur Judenfrage", aus dem wir folgende Stellen wiedergeben: „Wenn wir Legihimisten der österreichischen Staats-Partei zur Judensräge Stellung nehmen wollen, müssen wir unsere Haltung durch drei Punkte präzisieren: Vom Standpunkt des Rechtes des Verstandes und des Gefühles. Die daraus gezogenen Resultate, deren logische Richtigkeit dann wohl unverrückbar feststcht, müssen ein für allemal maßgebend für unser Verhalten sein. 'f, Im Jahre 1867 sanktionierte Kaiser Franz Joseph I. das Staats-- gesetz, welches auch heute unverändert in Geltung steht und dessen Artikel 2 lautet: „Vor dem Gesetze sind alle gleich." > Wir Legiiirnisten, die wir uns deshalb so nennen, weil wir mit allen Mitteln gegen jegliche Verletzung der Gesetze (leges) auftreten, ersehen aus dem zitierten Artikel genau, daß es nicht die Absicht Seiner Majestät und des allerhöchsten Erzhauses war, die Untertanen nach Nation, Rasse oder Konfession in solche erster oder zweiter Kategorie zu teilen, sondern in strengster Objektivität die Gleichheit aller Völker durch den prägnanten Satz des Staatsgrundgefetzes festzulegen. > Wir können daher aus Prinzip schon nicht eine andere als die durch das Gesetz bestimmte Haltung einnehmen . . . Aber auch der gesunde Menschenverstand sagt uns, daß eine parteiische Haltung mit unseren Grundsätzen in diametralem Gegen- . satze stehen müßte. Wir gründen unsere Macht nicht aus die Verhetzung der Massen, haben wir doch die Folgen der unseligen NationalitätenPoMk und Rassenbekämpfung mit grausiger Deutlichkeit am Verfall der Monarchie gesehen, als daß wir aus diesem Beispiel nicht Hütten lernen sollen. . . Und jene konservativen Parteiführer, die heute noch immer den Antisemitismus als Schlagwort gebrauchen, sind entweder unfähig. jeden klaren Denkens, oder sie verfolgen damit kleinliche, vereinsmäßig anmutende Biertischpolitik, die nur ihnen für den Augenblick Anerkennung und Erfolg bringt, nicht aber der Sache — der sie im Gegenteil dadurch schadet — und für die Dauer. Politik machen heißt aber Vorsorgen, nicht für die Gegenwart, bloß, sondern für die Zukunft schaffen." Es wäre zu wünschen, daß unsere Djeutschnationalen sich diesen vernünftigen Worten nicht verschließen würden. Mit dem Antisemitismus arbeiten, bedeutet mit Feuer spielen, und die Deutschnationalen sehen ja an den Deutschvölkischen, daß diese das deutschnationale Haus am liebsten in Brand gesteckt und eingeäschert hätten. Rrieg den Schlagworten! Der Mißbrauch mit dem Wort „National". In der Berliner „Vossi scheu Zeitung", Nummer 220, nimmt Dr. Franz Wolfs das Wort zu einem anziehenden Aufsatz „Krieg d e n S ch l a g w o r t e n". Er sührt darin aus: „Unter allen Schlagworten, denen das deutsche Volk wie nie zuvor nachläuft, ist das „überzeugendste" und zugleich das bedenklichste das von der „n a t i o na len Polit >r k". Dreiser schiefe und verbogene Begriff, dessen Bildung vornehmlich auf dem Mchbranch des Wortes beruht, das zur Kennzeichnung der in Frage stehenden politischen Haltung untauglich ist, zieht vor allem die Uw ge Generation in seinen Bann, aber auch in besonderem Mansie die Schichten, die in einem privilegierten Verhältnis zum zusammengebrochenen kaiserlichen Staat gestanden haben. Man wird bei aller Heftigkeit eines englischen Wahlkampfes nicht feststellen können, daß die Parteien sich ausdrücklich als „national" und ihre politischen Gegner als antinational bezeichnen. Ganz im Gegenteil/ als Labour zur Regierung kam,. da konnte man in den „Times", aber auch in den Monatsberichten großer Finanzinstitute (denen damals noch gar nicht geheuer vor dev Arbeiterregierung war) lesen, daß MacDonald nur: als englischer Ministerpräsident genau so ehrlich und uneingchchrankt die englischen Interessen vertreten werde wie irgendein konservativer oder liberaler Staatsmann. Will ein Deutscher sich so wegwerfen, daß er behauptet, die Anerkennung des sittlichen Wollens beim politischen Gegner seiin England angebracht, in Deutschland nicht? Denn nur so wollen die Interessen der „nationalen Politik" verstanden werden, daß ihr Begriff eine moralische Qualifikation einschließt, unter Verleugnung der Erkenntnis, daß Politik die Verfolgung von Interessen, Wrllensrichtung und -kundgebung, Bemühung zur Erreichung eines Zieles ist, während das Attribut „national" im unverfälschten Sinne nur Zweierlei bezeichnein kann: erstens, daß die Bemühung dem staatlichen Gemeinwesen zu gewandt ist; zweitens, daß die Bemühung von einer Person oder einem -Personenkreis aus geht, die Teile eines Staatsvolkes sind., das den Begriff der Nation durch gemeinsame Sprache und bewußte Schicksalsgemeinschast auf sich anwenden läßt." Seine weiteren wertvollen Ausführungen schließt er mit den Worten: „Das deutsche Volk schien einmal nach seinem äußerlichen Zusamimenbruch neue Wege zu suchen. Es war Ideen zugänglich. Nun scheint es ermüdet und enttäuscht und bereit, sich dem UngeistigM auszuliefern. Die Phrase regiert, nach Schemen hascht man. Seit zehn Jahren gehen wir durch eine Schule des Leids — und verhärten. Wenn aber gerade der junge, deutsche Mensch der junge akademische Bürger zumal, sich den: Wortschwall hingibt, sich von vornherein den Klischees .ausliefert, Selbstbeweihräucherung treibt und nicht mehr offen nach Wahrheit strebt, dann — mag et noch soviel Talent und Neigung zum Landsknecht haben — handelt er nicht mehr national. Wenn man dem Deutschen einen Inhalt gibt, kann es, wie Fichte es gefühlt hat, nur ein s i t t l i ch e r sein. Ich glaube, daß das Streben nach Sittlichkeit der allgemein menschliche Inhalt ist; im deutschen Menschen wird dieses Streben eine eigene Form haben. Diesen sittlichen Inhalt als Notwendigkeit des deutschen Menschen zu fühlen — d a s i st n a t i o n a l" Was öie Ehre bayerischer Richter gilt... Der frühere Lehrer und jetzige antisemitische Hetzer Julius Streicher war am 14. März d. I. wegen übler Nachrede und Beleidigung des Oberbürgermeisters Dr. Luppe -in Nürnberg durch die dortige Strafkammer zu einem Monat Gefängnis mit Bewährungsfrist verurteilt worden. Anstatt daß sich Streicher diese Verurteilung zur Lehre dienen ließ,^ hat er seine Verleumdungen fortgesetzt. Seine Opfer waren diesesmal zwei Mitglieder d e s Landgerichts N ü r n b -er g, ein OberlandesgerichtsraL Ehrend er ge und ein Land gerichtsrat Sachs. Herr Streicher hielt es für richtig, diesen beiden Richtern, angesehenen, in ihrem Asirte ergrauten Männern, nicht mehr und nicht weniger als den Vorwurf der Rechtsbeugung zu machen. _Sie sollten in einer Strafsache gegen einen Glaubensge <n o s s e n entgegen dem Recht für Freisprechung gestimmt haben. Die^ ausführliche Gerichtsverhandlung ergab die völlige Haltlosigkeit dieses Borwurss. Landgerichtsrat Sachs hatte seinerzeit gegen die Freisprechung gestimmt; außerdem aber ist diese Freisprechung noch vom Reichsgericht bestätigt worden. Das Schöffengericht hat, obgleich voll erwiesen war, daß Streicher sich diese unglaubliche Behauptung glatt aus den Fingern gesogen hatte, den Angeklagten mit -ganzen 200 Mark G el d st r a s e belegt. Höher taxieren offenbar die bayerischen Gerichte die Ehre ihrer Mitalieder nicht ein . , *

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.