Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 22 (29.5.1924)
- Date
- 1924-05-29
- Page
- Seite 320 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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320 Vor öer neuen bayerischen Regierung. EinMünchenerBrief. Geistreiche Leute, die ihre Kombinationsgabe erproben wollen, sind nicht mehr auf Schachprobleme angewiesen; sie können sich auch mit Pen verschiedener^ Möglichkeiten befassen, aus den zehn Parteien, die in wechselnder stärke von einem bis zu 46 Mitgliedern aus den bayerischen L a n d t a g s w a h l e n hervorgegangen sind, eine regierungsfähige Mehrheit Zu bilden. Die Schwierigkeit ist kaum geringer als im Reich, und die Kundigen finden jeden Tag neue reizvolle Zusammenstellungen. Fest steht nur das eine, daß die Bayerische Volkspartei mit ihren 46 von 129 Sitzen den Kern der künftigen Regierungsmehrheit bilden muß und auch will, obwohl sie sich anfänglich ein wenig geziert hat, als ob sie freudig die Macht den „vereinigten" Oppositionsparteien überlassen möchte. Eine Regierungaus Völkischen, Deutsch nationalen, Sozialdemokraten — das wäre aber doch nur ein schlechter Witz. Die Bayerische Volkspartei kann mit der nationalen Rechten und dem Bauernbund — ihren früheren Koalitionsgenossen — eine knappe Mehrheit bilden, braucht aber für die unausweichlichen Versassungsabstimmungen Unterstützung von rechts oder links, will sich aber in ihrer Mehrheit weder rechts noch links binden. Dazu kommen die P e r s o nen f r a ge n , die nicht minder schwierig sind als die sachlichen Hindernisse. Heute geben die „M. R. N." in einem Anfall von Aufrichtigkeit die früher krampfhaft geleugnete Tatsache zu, daß in Bayern schon seit dem im Gefolge des Kapp-Putsches eingesetzten Ministerium Kahr nicht rein parlamentarisch, das heißt also nicht ganz verfassungsmäßig, regiert worden sei, sondern daß die „überparteilichen" vaterländischen Verbünde wachsenden Einfluß auf die Regierung geübt haben. Der Vertrauensmann dieser Nebenregierung war vor allem der bisherige Ministerpräsident Knillin g, den. trotz feiner Belastung durch das Generalstaatskommissariat des Herrn v. Kahr und den Hitler - Putsch manche für außerparlamentarische Lösungen schwärmende Kreise am Ruder halten möchten. Die Kreise der B. B. P. dagegen, die eine restlose Liquidierung der Rückstände des Novemberputfches fordern und dazu eine Wieder her st ellung des schwer erschütterten Vertrauens zur Rechtspflege als unumgänglich rechnen, reizen damit sofort den Widerstand der Rechten, die ihren Justizminister höchstens zugunsten des nun bei den Völkischen sitzenden früheren Ministers Roth fallen lassen wollen, den Posten aber nicht den Händen eines Mannes anvertrauen wollen, der sich dem Schrei nach umfassender Begnadigung der verurteilten Hochverräter verschließen könnte. Der bisherige Innenminister S ch w e y e x , dev sich trotz der heftigen Anfeindung durch die Völkischen vielleicht hätte behaupten können, hat sich mit seinem Brief an die Welfen allzu weit vorgewagt und wird jetzt fallen gelassen; so tobt jetzt der Streit außer um den Ministerpräsidenten vor allem um die zwei Ministerien, deren Besetzung mit aufrechten, den Parteige fch ä s t e n der Völkischen unzulänglichen M ä nn e r n für uns besonders wichtig ist; denn unsere verfassungsmäßige Stellung in Bayern kann nur dann gesichert erscheinen, wenn Polizei und Justiz nicht mehr wie unter P ö h n e r sich zum Schirmherrn der Völkischen berufen glauben. Niemand wird uns vorwerfen können, daß wir damit jüdische Sonderwünsche anmelden möchten. Denn alle von Verantwortung und ernster Sorge für das Staatswohl getragenen Presseäußerungen gehen in der gleichen Richtung, daß wirkliche Ordnung in Bayern nur wiederkehren kann, wenn man auf den Rechtsboven zurückkehrt; es ist deutlich genug, wenn der „Bayerische Kurier" den Deutschvölkischen, und zwischen den Zeilen auch beinahe denjenigen Deutschnationalen, die um jeden Preis die Völkischen in die Regierungsmehrheit hereinziehen möchten, die Befugnis abstreitet, sich eine Rechtspartei im Sinne konservativer bayerischer Staatspolitik zu nennen. Um die allzu stürmischen Forderungsanmeldungen auf Ministerposten abzuwehren, sieht sich die herrschende Partei genötigt, die Koalitionsverhandlungen von den Personenfragen zu befreien. Die Hauptsorge fei es, einen geeigneten Ministerpräsidenten zu finden. Ihm solle man dann zur Wahrung der Homogenität des Kabinetts die Auswahl der übrigen Personen überlassen. Wenn als Ministerpräsident der in letzter Zeit genannte Justizrat Pfleger aus der Wahl hervorgeht, kann man, nach seiner früheren Haltung im Reichstag zu schließen, der Wahl seiner Mitarbeiter mit einigem Vertrauen entgegensetzen. Man sieht, daß der „Parlamentarische Sumpf" gegen den die Nationalsozialen, solange sie draußen standen, so tapfer zu wettern verstanden, noch nicht reinlicher geworden ist, seit sie ins Parlament einzuziehen im Begriff sind. Einer ihrer hoffnungsvollsten jungen Leute, Ludendorffs „flüchtiger Bekannter" Kleo Pleyer, betont zwar gerade in diesen Tagen in der „Deutschen Presse", 'dem deutschen Volk sei Deuts ch sein und Charakter haben eins, aber bis zur Besetzung der Ministersessel können ja solche unerschütterliche Wesenszüge des arischen Menschen bei solchen Parteifreunden, die weniger idealistisch sind als Pleyer und die deshalb mehr Aussicht auf Parteiämter haben, zeitweise suspendiert werden. Anders ließe es sich auch kaum erklären, daß man den Stolz der Münchener Nationalsozialen, die „Großdeutsche Zeitung", Knall und Fall hat eingehen lassen, obwohl doch Geld genug vorhanden zu sein scheint, um die übrigen Tageszeitungen der Münchener Völkischen am Leben zu erhalten. Sollte die Behauptung der „Münchener Post" wahr sein, daß Hitler zu ihrer Rettung nichts getan habe, weil sie zu sehr Organ Ludendorffs und seines Nomhasses geworden? Sollte zwischen den Völkischen selbst nicht mehr nur holde Eintracht herrschen? Ausfällig ist mindestens die unverfälscht arische Geschäststüchtigkeit, mit der der „Völkische Kurier" sofort nach dem Eingehen der „Groß-deutschen Zeitung" und ihres Augsburger Kopfblattes deren bisherigen Lesern klarzumachen sucht: das Blatt der Völkischen ist der „Völkische Kurier"; er scheint also über den Wegfall eines Konkurreuzblattes — Verzeihung, eines völkischen Mitstreiters — nicht gerade trostlos zu sein. Bemerkenswert ist auch die Rührigkeit, die neuerdings der Bayerische Heimat- und K ö n i g s b u n d entwickelt. Der: „Deutschen Tagen" der Völkischen fetzt er Vannerweihen, Treugedenkfeiern und Bayerntage an verschiedenen bayerischen Orten entgegen. Das ist kein Zufall. Der „M i e s b a ch e r A n z e i g e r" hat vielmehr vor kurzem ausdrücklich erklärt, daß der Erbe der bayerischen Krone demnächst aus seiner Zurückhaltung m eh r h e r a u s t r e t e n werde. Ob diese Mitteilung auf den Thronerben selbst zurückgeht, mag bezweifelt werden, ebenso, daß es dem Willen der maßgebenden Personen entspricht, daß der wegen seines rüden Tones und seines wilden Judenhasses hinreichend bekannte -,Miesbacher Anzeiger" seit einiger Zeit sich recht geflissentlich und aufdringlich zum Verteidiger der bayerischen Monarchie aufwirft. Wenn auch einige Führer der Königspartei zur Zeit der antisemitischen Volksstimmung Zugeständnisse gemacht haben, so haben wir bestimmte Anhaltspunkte für unsere Ueberzeugung, daß Kronprinz R u p P re ch t selbst den Judenhaß weder t e i l t n o ch b i l l i g t. Wenn wir Juden auf etwas stolz sM dürfen, dann ist es die Anerkennung, die sich unseren Feinden, wenn auch unfreiwillig, entringt; darum fei hier zum Schluß noch eine Aeußerung festgehalten, die der oben erwähnte Studiosus Pleyer, ein Wortführer im Hochschulring deutscher Art, in der „Deutschen Presse" sich entschlüpfen ließ. Nachdem er Zuerst Oswald Spengler wegen seiner G e r i n g s ch ä tz u n g d e r R a s s e n g e f ü h l e s a n f t g e r ü f s e l t und, von Sachkenntis unbeschwert, festgestellt hat, daß das deutsche Volk im Kern seines Wesens durchaus sozial, das jüdische Volk durch und durch unsozial sei, macht er eine Spalte weiter folgendes Zugeständnis: „Jahrzehntelang hat sich das Bürgertum um den Arbeiter den Teufel geschert. . Während der jüdische Student einen großen Teil seiner freien Zeit in zielbewußtem Verkehr mit dem Arbeiter verbrachte, hat der deutsche bürgerliche Student sie meistenteils versoffen," Wohlgemerkt, nicht wir fällen dies harte Urteil über den „deutschen Studenten"; aber wir nehmen uns heraus, jemanden allein wegen bewiesener Meisterschaft im Trinken nicht schon als Edelmenschen und bevorzugten akademischen Bürger einzuschätzen. Trotz alleüem. B e t r a ch t u n g z u m W o ch e n a b s ch n i t t. Ein furchtbares Strafgericht wird Israel angedroht, wenn es ungehorsam ist und die Gebote seines Gottes nicht beachtet. Eine Stufenfolge entsetzlichen Leidens wird über das Volk Hereinbrechen. Die drm Würgeengel: H u n g e r, P e st und Schwert werden das Land verheeren. Die Zuchtrute des göttlichen Zornes offenbart sich in ihrer vollen und überwältigenden Schreckensgewalk. Und schlimmer noch als die Plagen des Körpers sind die Qualender Seele. Sie werden das Land der Väter verlassen müssen. Wo immer sie auch verweilen werden, wird Menschenfeindschaft sich heimtückisch gegen sie erheben. Doch aus all dem Brausen und Tosen des Hasses, aus den rasenden Stürmen, Vernichtung bringender Natur- und Menschenkraft.; aus dem verzehrenden Feuer des himmlischen und irdischen Grünnres, das sie umlodert; erklinget sanft und leise, süß und zart die erlösende Stimme des Gotteswortes. Es ist dieselbe Stimme, die nach schwerem Vergehen ihnen Sühne und Verzeihung kündet, die nach Erdbeben, Sturm und Feuerbrand sich milde und versöhnlich dem eifernden Propheten offenbart. Und trotz alledem, „auch wenn sie im Lande ihrer Feinde sein werden, verwerfe ich sie nicht und verabscheue sie nicht. Ich will sie nicht vernichten, will meinen Bund mit ihnen nicht aufheben, denn ich bin der Ewige, ihr Gott". Wenn irgendeine Prophezeiung, so hat sich die mahnende Drohung des großen Gottesmannes an Israel in vollster Wahrheit erfüllt. ' Der Körper des Volkes ist gemartert und zerfleischt und blutet aus vielen tausend Wunden. Auch all die Plagen, die nicht im Buche der Lehre verzeichnet sind, wurden über ihn verhängt. Und trotz alledem lebt Israel; tausendmal gebeugt und zu Boden geschlagen, hebt es immer wieder von neuem das Haupt. Wie jener fromme Meister lachte, als er die Füchse aus den Trümmern Jerusalems springen sah, in dein festen und unerschütterlichen Vertrauen, daß wie Gottes strafende Verheißungen sich erfüllt haben, so auch feine heißen Liebesworte einst sich verwirklichen werden, so traut das bedrängte und gehetzte Volk auch heute noch auf die unentwegte Liebe seines himmliichen Vaters und auf die Unverbrüchlichkeit des ewigen Bundes, den er mit ihm geschlossen hat. Der Tod verliert seinen Schrecken, die Unterwelt ihr Grauen, der Menschen Grimm seinen Stachel. Eine feindliche Welt mag uns umtosen, sich wildwütend gegen uns erheben und unsere Hoffnungen rmwer wieder von neuem vernichten, die glimmende Kerze unserer Erwartungen immer wieder von neuem verlöschen. Wir lassenuns nicht schrecken, wir bleiben, wir leben trotz alledem. Jsch Tikwoh.