Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 22 (29.5.1924)
- Date
- 1924-05-29
- Page
- Seite 319 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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319 Mit tiefem Bedauern muß man ersehen, wie sehr ein großer Teil von vornehm gerichteten, auf das Wohl des Gesamtvaterlandes eingestellten Mitbürgern fort und fort durch Phrasen Und falsche Darstellungen hinters Licht geführt wird. Ginge es nach den obigen Aeußerungen des Herrn Mahraun, so könnten nur noch Mitglieder der Deutschvölkischen ^reiheitspartei Angehörige des Jungdeutschen Ordens sein, wahrend nach änderen Veröffentlichungen dieses selben Herrn jeder anständige Deutsche im Jungdo sein Ideal erblicken müßte. Wir wissen aber, wie geworben wird. Man geht zu Leuten, insbesondere zu jungen Männern, und spricht zu ihnen vom Wohl des Ganzen, von Ueberparteilichkeit, von christlicher 'Grundlage, von demokratischen Einrichtungen und sucht sie dann allmählich in das Fahrwasser der schlimmsten Rückständigkeit hineinzuleiten. Kein größeres Unglück gibt es für unser Vaterland, als die traurige Tatsache, daß in Zeiten der Not sich nicht genügend Mäner finden, die einsehen: Das erste ist Wahrheit und Ehrlichkeit. Nur diese Eigenschaften können uns retten. Fichte hat in seiner Staatslehre „Die Vaterlandsliebe" von 1813 einmal bitter gesagt: „Das Leben gleicht einem Rinderbraten; jeder schneidet davon sein Stück", und daran müssen wir denken, wenn wir die Vaterlandsliebe mancher Führer des Jungdeutschen Ordens betrachten. Wir stehen auf einem anderen Boden und Haltens mit einem Ausspruch von Fichte, der sich in dessen im Winter 1805/06 verfaßten „Ideen für die innere Organisation der Universität Erlangen" befindet und der besagt: „Wird nun etwa noch überdies durch eine nicht geistlose Ansicht der Geschichte der letztere (nämlich der Nationalcharakter) begriffen als hervorgehend aus dem allgemeinen neueuro- Päischen Charakter, so tritt an die Stelle des dumpfen und unbeholfenen Patriotismus (Spartanismus könnte man es nennen) der sich selbst klare Patriotismus, welcher mit W e l t b ü r g.e r s i n n und deutschem Nationalsinne sich sehr wohl vereinigen läßt, und in jedem kräftigen Menschen sich notwendig damit vereinigt (Attizismus könnte man ihn nennen), und es steht ein allenthalben sich zurecht findend er Diener des Staates da." Z u m A u f s a tz A r t u r M a h r a u n s. Im vorstehenden hat sich Ludwig Holländer grundsätzlich mit den Ausführungen Artur Mahrauns. des Hochmeisters des Jungdeutschen Ordens, auseinander gesetzt. Es bleibt übrig, einige Tatsachen zu behandeln. 1. Artur Mahraun hat geschrieben: „Aber ich will Ihnen einen Beweis bringen, daß uns nicht nur der einzelne Jude bekämpfte, sondern auch der Central-Verein. Kaum war die Tatsache öffentlich programmatisch bekannt geworden, daß wir völkisch waren, da rührte sich'auch der Central-Verein. Ich selbst wurde vom Staatsanwalt Dr. Meyer mehrfach eingehend vernommen, weil der Central-Verein, Ortsgruppe Frankfurt a. M. — also eine führende Ortsgruppe — die Bruderschaft Frankfurt wegen angeblichen Waffenbesitzes angezeigt hatte. Die Anzeige war mit einem offiziellen Anfchreiben des Central-Vereins versehen." - Unsere Ortsgruppe Frankfurt a. M. sandte daraufhin an den „Jungdeutschen" eine Berichtigung, welche in der Zeitung vom 17. Mai abgedruckt ist: „Diese Behauptung ist unrichtig und völlig aus der Lust gegriffen. Die Ortsgruppe Frankfurt a. M. des Central-Vereins 'deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hat niemals eine Anzeige gegen die Bruderschaft Frankfurt a. M. des Jungdeutschen Ordens oder sonst jemanden wegen Waffenbesitzes direkt oder indirekt erstattet oder eine solche Anzeige mit einem offiziellen Anschreiben versehen. Von der in der Nonz behaupteten Angelegenheit ist der Ortsgruppe Frankfurt a. M. des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens nichts bekannt." Mainzer, Vorsitzender des Central- Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Ortsgruppe Frankfurt a. M. 2. In seinem Aufsätze schreibt Artur Mahraun: „Ich kannte z. B. die Politische Macht des Central-Vereins der Staatsbürger jüdischen Glaubens. Ich wußte damals, daß e i n v o n dieser Macht g e fü h r t e r S ch l a g mein ganzes aufblühendes Werk vernichten konnte. Ich kann dies yienve offen sagen, weil es ihr heute nie und nimmermehr gelingen wird. Ich wußte, daß es Juden waren, die den Haupteinsluß an den maßgebenden Stellen hatten, welche mit allen' Machtmitteln des Staates uns Recht und Freiheit nehmen konnten, wie wir es tatsächlich iu zwei ungerechtfertigten Verboten erlebt haben." Der Central-Verein hat niemals nach politischer Macht begehrt, noch hat er sie je besessen. Artur Mahraun wird deshalb gebeten, die Beweise für seine Behauptung zu erbringen und auch anzugeben, welche Juden (d. h. doch wohl vom Central-Verein beauftragte) es waren, die dem Jungdeutschen Orden Recht und Freiheit nehmen konnten. 3. Artur Mahraun schreibt: „Ein wilder Kampf des Judentums gegen uns entbrannte: Ordensbrüder wurden aus jüdischen Industrie-, Handels- und Baukunternehmungen hinausgeworfen. Rücksichtslos setzte sie der jüdische Brotherr auf die Straße. D e r große K a m P f des Jude n t u m 8 gegen it n § w a r m i t allen \v i r t f d) a f 11 i ch e it M i t i c l n entbrannt — weil w i r k e i n c- Jude n a it f n a h in e n." Wir bitten um Angabe, welche jüdischen Industrie-, Handels- und Bankunternehnmngen,'Mitglieder des Jungdeutscheu Ordens, die sich in dem Betriebe'oder außerhalb des Betriebes öffentlich ju-dengegnerisch nicht betätigt haben, nur wegen ihrer Zugehörigkeit zum Jungdeutscheu Orden auf die Straße geworfen haben. 4. Artur Mahraun hat in seinem „Jungdeutschen" die ihm von uns übermittelten Urteile der Gerichte in Sachen Central-Verein g e g e n S t a e g e m a n n abgedruckt. Vorher hatte er der „D e u t - schon Zeitung" das Wort gegeben, die die Freisprechung des Apothekers Staegemann als Bestätigung seiner Behauptung, der Central-Verein sei eine Kampfesorganisation gegen alles, was deutsch fühlt, d. h. also eine schwere moralische Verurteilung des Central- Vereins ehrabschneiderisch verbreitet hatte. Mahraun hatte die „Deutsche Zeitung" aufgefordert, zu dem von uns veröffentlichten, wie festgestellt, unwiderleglichen Material Stellung zu nehmen. Die „Deutschs Zeitung" hat (nicht zum erstenmal) bis heute g e - schwiege it. Wir haben keinen Zweifel, daß Artur Mahraun nunmehr die den Central-Verein und weite Kreise des Judentums aufs schwerste beschimpsenden Vorwürfe des Vaterlaudsverrats, die er auf Grund der Nachricht der „Deutschen Zeitung" erhoben hatte, z u r ü ck n e h m e n und auch General v. S c c c! t von seiner Irreführung benachrichtigen wird. Dr. Alfred Wiener. Der Mfmarsch öer Völkischen im Reichstag. (Von unserem ständigen Schr.-Mitarbeiter aus dem Reichstag.) Feldstecher und Operngucker werden von den überfüllten Tribünen aus besonders nach zwei Richtungen hin in Bewegung gesetzt. Die Zwischen Deutschnationalen und Volksparteitern nadelförmig eingekeilten Völkischen und die äußerste komm u n i st i s ch e Linke stehen im Vordergründe des allgemeinen Interesses. Beide Parteien stellen, wie man auf den ersten Blick erkennt, das größte Kontingent jugendlicher Heißsporne. In Leiden Lagern wird — das kann ein Blinder mit dem Krückstock fühlen — nach dem Plane einer geheimen Oberleitung in der ersten stürmisch bewegten Dienstag-Sitzung gearbeitet. Während die Kommunisten schon lange vor Beginn der Sitzung erschienen sind, sich um den Tisch des Hauses gruppieren, aus dem u. a. eine blaue Brille niedergelegt ist, und ahnen lassen, daß sie „etwas Vorhaben", marschieren die Völkischen erst, als das Klingelzeichen ertönt, in den Sitzungssaal. Die Führung hat Major Henning, dann folgt Ludendorff, hinter ihm im Gänsemarsch die Getreuen: Wulle, Graefe, Reventlow, Fritsch, Chwatal, Streicher usw. Bekannte und unbekannte Größen. Bei den Kommunisten dick aufgetragene Ruppigkeit — bei den völkischen Radikalen gezwungene Zurückhaltung. Als ob Ludendorff ihnen noch kurz vor der Sitzung befohlen hat: „Benehmt Euch!" So kam es, daß Herr Esser in München nur an den Kommunisten Freude erlebt haben wird, die genau nach seinem bei der Hitler-Geburtstagsfeier entwickelten Aktionsprogramm gehandelt haben. Pultdeckelklappen wurde durch .Kindertrompeten ersetzt. Die Wirkung war dieselbe. Der künstlich niedergehaltene Fanatismus kam bei den Völkischen jedoch zweimal zum Durchbruch. Das erstemal, als sie den Beschimpfungen Ludendorffs st ü r m i s ch e H e i l r u f e entgegensetzten, und das Zweiteinal, als Herr Schoten: von Spitzeln sprach, die mit langer N a s e hätten abziehen müssen. Da hagelte es antisemitische Zwischenrufe. Ludendorff tat uninteressiert. Verzog keine Miene. In Begleitung mehrerer jüngerer Parteigenossen, die sich automatisch von den Plätzen erhoben, als er sich zum Verlassen des Saales anschickte, verließ er in nachdenklicher Stimmung das hohe Hans. Nachdenklich wahrscheinlich ob des diplomatischen Ungeschicks des völkischen Führers v. Graefe, der schon in der ersten Neichstagssttzung den Kommunisten sekundierte und einen Antrag stellte, den man nur einbringen konnte, wenn man sich der Auffassung des kommunistischen Redners anschloß: „Für uns ist die Geschäftsordnung in diesem Parlament nicht maßgebend." Und die vier Ku n z e - M ä n n e r. Sie saßen an der Peripherie des Saales, durch einen Gang in zwei und zwei getrennt, und wurden nicht beachtet. Waren die Veilchen, die im Verborgenen blühen. Kunze wird im Reichstag keine Rolle spielen können, wenn er nicht Anlehnungsbedürfnis an seinen großen Bruder v. Graefe zeigt. Vorläufig sind sie weit voneinander getrennt. Dem Auge fern, dem Herzen ewig nah'? Wer beobachten konnte, wie sich die Kunze-Leute und Deutschvölkrschen (Ahlemann) aus dem Wege gehen, der ist geneigt/an ihrer Herzenssreundschaft zu zweifeln.