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Central-Verein-Zeitung · 1924-05-22 · 21 (22.5.1924) · p. Seite 304

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
21 (22.5.1924)
Date
1924-05-22
Page
Seite 304 (sequence 4)
Language
German
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304 Amerikanisches Judentum und öeutjches HiLfsmerk» Von Professor Dr. I. Gold st-ein (Darmstadt). Vor kurzem erhielt ich einen Briest den ich deutscher Dessentlichkeit nicht vorenthalten möchte. Ich gebe ihn in folgendem auszugsweise wieder: „Ich.komme gerade von Amerika zurück und habe u. a. zwei kleine Erlebnisse zu verzeichnen, die unter Umständen gerade in der Jetztzeit nicht stillschweigend übergangen werden sollten, -und die ich Ihnen zu Ihrer Benutzung nach Belieben überlasse. Es war in Chicago. Ein mir befreundeter Herr hatte mich Zum Lunch geladen, den wir gemeinsam mit einer Anzahl prominenter Bürger der Stadt einnahmen. Unter diesen befand sich auch Mr. Julius R o s e n w a l d. Dieser Herr hatte einige Tage zuvor 100 000 Dollar für arme deutsche Kinder gestiftet. Einer der anderen Herren war mit dem Lesen einer Zeitung beschäftigt und las gerade einen Artikel über die judenhetzerischen Umtriebe der völkischen Parteien Deutschlands. Er reichte Mr. Nosenwald den Artikel über den Tisch mit den Worten: „Hier ist Ihre Antwort auf Ihre gespendeten 100 000 Dollar/' Mr. Nosenwald las, zuckte die Achseln und erwiderte: „Hätte ich das! Geld noch nicht gegeben, so würde ich es jetzt doch geben, denn was können die armen Kinder dafür?" Ter zweite Fall war folgender: „Im Biltmore Hotel (New Dork) fand ein öffentliches Dinner statt, bei dem für die hungernden Kinder Deutschlands gezeichnet werden sollte. Das Essen war wohl in kluger Einsicht einer für den Zweck notwendigen Stimmung aus das glänzendste arangiert und für 500 Personen von einem Newchorker Bürger gestiftet. Den Vorsitz der Gesellschaft führte Mr. Irving T. Bus h, Präsident der New Dorker Handelskannner. Als Sprecher waren gemeldet: Generalmajor Henry T. Allen, welcher, wie bekannt, am Krieg teilgenommen und die Besatzungsarmee in Koblenz unter sich hatte, ferner Rechtsanwalt Henri W. Taft, Bruder des früheren Präsidenten, Dr. H. E rn e r f o n , eine Kapazität auf medizinischem Gebiet, welcher zum Studium der Kinderfrage nach Deutschland gesandt war, Dr. Wilbur Thomas aus Philadelphia, Vertreter der Quäker, und einige andere Herren. Unter Umgehung einer allgemeinen Schilderung der Veranstaltung möchte ich hier nur einiges aus der Rede des Dr. H. Emerson wiederholen. Die andern Redner hatten zumeist die Notwendigkeit der Hilfeleistung geschildert, um der Versammlung in beredten Worten ein Bild der Notwendigkeit rascher und groß angelegter Hilfe zu geben. Dr. Emerson hatte sich in gleichem Sinne angeschlossen und gleichzeitig milgeteilt, welch enorme Summen, welche Mengen an Kleidern, welche Fülle an Lebensmitteln durch die Tätigkeit der Quäker bereits den bedürftigen Stellen in Deutschland zugeführt werden konnten. Nach Beendigung dieser Ausführungen fuhr er fort: „Es i st m i r ein Bedürfnis, hier öffentlichs e st z u - st e l 1 e n , daß von a l 1 .e m , was d i e Quäker zur Verteilung für Deutsche zur Vcrsügung gestellt b e - fommen haben, der größte Teil von j ü d i s ch e n Firmen gegeben w u r d e." Er fuhr fort: „Es ist mir ein Gebot der Gerechtigkeit, dies hier zu erwähnen, da es ganz besonders gewürdigt werden muß, mit Rücksicht auf den uns allen unverständlichen Antisemitismus, wie er zurzeit in Deutschland getrieben wird; und dennoch, trotz allem, stellen sich die amerikanischen Juden in großzügigster Weise dem Gemeinwohl zur Verfügung." Die gehaltenen Reden wurden durch Radio ausgenommen und konnten über die ganzen Vereinigten Staaten gehört werden. Das Ergebnis des Abends war ein gewaltiges." Soweit der Briesschreiber. Ich kann seine Mitteilungen durch persönliche Erfahrungen bestätigen und erweitern. Erst vor wenigen Wochen kam ich selbst aus den Vereinigten Staaten zurück, wo ich mit meiner Frau über fünf Monate, viele Städte besuchend, geweilt habe. Ich habe bei meinen Vorlesungen an Universitäten, bei meinen Vorträgen in Klubs und politischen Vereinen zahlreiche christliche und jüdische Kreise des amerikanischen Volkes kennengelernt. Meine Frau und ich wurden.von General Dawes eingeladen, die Chicago e r G e l d s a m m l u n g für die hungernden deutschen Kinder mit zwei Ansprachen einzuleiten. Chicago sollte eine Million Dollar aufbringen, und hat sie auch aufgebracht. An jenem ersten Abend, bei dem etwa. 500 Personen anwesend waren, zeichnete als Erster Julius Nosenwald die erwähnten 100 000 Dollar. Nach. Einsicht in die Zeichnungsliste konnte ich seststellen, daß der Anteil der Chicagoer Juden sehr bedeutend war. Mir wurde von den christlichen Persönlichkeiten des Komitees fast mit denselben Worten das mitgeteilt, was Dr. Emerson (Nichtjude!) in New Jork verkündet hat: daß nämlich bei allen Sammlungen für deutsche Not, die amerikanischen Inden den größten Teil aufbrächten. Man fügte die Bemerkung hinzu: Es sei merkwürdig, , daß deutsche Zeitungen die Spender immer nur als deutsche Stammesgenossen bezeichneten, und man bat mich, ich möchte doch im Interesse der Gerechtigkeit einmal öffentlich diese Behauptung richtig stellen. Mir erscheint nun jetzt der Augenblick gekommen, den Wünsch meiner christlichen amerikanischen Freunde zu erfüllen. Es geschieht nicht, um damit zu prahlen, oder um für die jüdischen Spender besondere Anerkennung und Dank einzuheimsen. Es geschieht, um der verruchten Behauptung entgegenzntreten: Die Juden seien die geschworenen Feinde aller Nichtjuden. Was Professor Varuch (New Jork) in der Zusammenarbeit mit dem Roten Kreuz für Deutschland getan hat, lasse ich als bekannt beiseite. Für die deutsche Wissenschaft sind eine Reihe amerikanischer Juden erfolgreich tätig. Abraham Flexner, Sekretär des Rockeseller - Instituts, kam vor einigen Jahren nach München, traf dort mit Professor Müller Zusammen, der den Gedanken der Notgemeinschaft deutscher Wissenschaft durchführen * wollte. Flexner machte sich anheischig, das Rockefeller--Institut dafür zu interessieren. Es gelang ihm, namhafte Summen der Notgemeinschaft deutscher Wissenschaft zur Verfügung zu stellen. Ein anderer Jude, der bekannte Anthropologe der Columbia-Unversith, Professor Boas, hat eine Emergency-Society ins Leben gerufen, die deutsche und österreichsiche Hochschulen und Landesbibliotheken mit Büchern und Zeitschriften versorgt. Er hat sein wissenschaftliches Hilfswerk jetzt weiter ausgedehnt, indem er Amerikaner deutscher Herkunft veranlassen will, Abonnements für Zeitschriften zu übernehmen, die den Bibliotheken der deutschen Hochschulen und Universitäten zur Verfügung gestellt werden sollen. Professor Morris Cohn hat als Vorsitzender der New Porker philosophrschen Gesellschaft Gelder gesammelt, mit denen er die amerikanische philosophische Literatur der Nachkriegszeit für deutsche Universitäten beschaffen will. Professor Moses B u t t e n w i e s e r vom Hebrew Union College Cincinnati hat zusammen mit dem episkopalischen Bischof dieser Stadt eine Sammlung für deutsche Professoren und Studenten ers o l gre i ch e i n ge l e ite t. Ein amerikanischer Jude, der im Kriege um Deutschland schwer gelitten hat, H. G. (New Port), gibt seit mehreren Jahren aus eigenen Mitteln einer Reihe deutscher Universitäten und Hochschulen ansehnliche Betrüge zur Ergänzung ihrer bibliothekarischen Bestände. Ich beschränke mich auf diese mir persönlich bekannten Fälle. Das ganze Hilfswerk amerikanischer Juden für die deutsche Wissenschaft zu schildern, übersteigt den Rahmen dieses Aufsatzes und muß einer späteren Zeit Vorbehalten sein. Ein gleiches gilt für die mehr charitative Tätigkeit amerikanischer Juden. Ganz allgemein möchte ich meinen Landsleuten sagen: Wenn uns dem amerikanischen Hilfsfonds d!eutfche Kinder gespeist und gekleidet, deutsche Rentner vor dem Verhungern bewahrt werden, evangelische und katholische Geistliche ihren armen Gemeindemitgliedern Weihnachtssreuden bereiten konnten, völkische und nichtvölkische Studenten Beihilfen zur Wetterführung ihres Studiums erhalten: die Mittel hierfür werden im Widerspruch zu allen antisemitischen Theorien zum größten Teil von amerikanischen Juden aufgebracht, deren Geldkraft weit unter der amerikanischen Krüfuslinie verläuft. Meine Frau und ich hatten oft Gelegenheit, die Hilfsbereitschaft amerikanischer Juden, die auch für unseren Appell stets eine offene Hand zeigten, zu bewundern. Ich habe einzelne Fälle großzügiger Philanthropie kennengelernt, von denen ich nur zwei als besonders charakteristisch schildern möchte. Ein begüterter, aber durchaus nicht reicher Mann, M. K. (Chicago), hat nach dem Kriege fein kurhessifches Heimatstädtchen mit Geld und Lebensmitteln versorgt, hat vier feiner alten Freunde in verschiedenen Städten Deutschlands gebeten, ihm Adressen hilfsbedürftiger Familien ohne Ansehen des Glaubens und der Rasse zu nennen, und hat aus diese Weise 30 000 Dollar vornehm und taktvoll zur Linderung deutscher Not ausgegeben. Ein Herr Th. B. (St. Louis) in mittleren Vermögensverhältnissen sendet seit Jahren monatlich 160 Dollar an ' einen württembergischen Notar für Bedürftige; evangelische Geistliche verwenden das Geld in ihren Gemeinden. Der jüdische Spender selbst fährt, wenn er nach Europa reist, zweiter Klasse, weil er lieber das Geld bedürftigen deutschen Familien zukommen läßt, als es für seine Bequemlichkeit auszug-eben. Schließlich sei noch erwähnt, daß die Gattin des Geigenkünstlers K r e i ß l e r (Jude) in Amerika lauge Zeit hindurch Geld gesammelt hat zur Unterhaltung deutscher und österreichischer Suppenküchen. Die Wochenschrift „The Nation" unterstützt diese Dame in ihrem Hilfswerk. Ich habe diese Tatsachen hier aufgezählt, weil sie auch! politisch von Bedeutung sind. Wir sind auf die wirtschaftliche Hilfe des Auslandes angewiesen. Voraussetzung für diese Hilfe ist aber, daß die Gefühle der Gerechtigkeit und Sympathie den Rest der noch bestehenden Haßpropaganda beseitigen. Wie können wir aber Gerechtigkeit und Sympathie vom Anstande verlangen, wenn wir sie selbst einer deutschen Bevölkerungsschicht, den deutschen Juden, nicht gewähren. Internationale Entgiftung ist ohne innernatiouale Entgiftung unmöglich. Wir verlangen vom Ausland, daß es nicht nach häßlichen Ausnahmen das deutsche Volk beurteile, -und große Parteien beurteilen 600 000 deutsche Juden nur nach den häßlichen Ausnahmeerscheinungen, die in jeder Schicht vorhanden sind. Wir nehmen Hilfe an von denen, deren Stamm und Glaube wir nicht verächtlich genug machen können. Es gibt in Amerika etwa drei Millionen Juden. Sie sind in allen Parteien und Ständen vertreten. Das Auswahlprinzip für leitende Stellen bestimmt sich in Amerika nicht, wie so oft im witlfelminischen Deutschland, nach Couleur und^ Stammbaum, sondern nach persönlicher Tüchtigkeit. Und da die amerikanischen Juden es an solcher nicht fehlen lassen, sind ihrer nicht wenige in mehr oder minder leitenden Stellungen des wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Lebens, der Politik und der Diplomatie, des höheren und mittleren Beamtentums, des Heeres undder Marine. Eine Reihe amerikanischer Präsidenten hat oft Gelegenheit genommen, der Dienste amerikanischer Juden für den amerikanischen Staat anerkennend zu gedenken. Gerade die a m e r i k a n i s ch e n I u d e n deutscher Herkunft stehen kulturell . aus hoher' Stufe. * In ihren Häusern wird neben der Pflege amerikanischen Geisteslebens, deutsche Musik und Literatur, deutsche Philosophie und Kunst verständnisvoll gefördert. Viele der künstlerischen Institute, in denen dem amerikanischen Volk deutsche Musik dargeboten'wird, 'werden

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