Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1924-05-22 · 21 (22.5.1924) · p. Seite 302

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
21 (22.5.1924)
Date
1924-05-22
Page
Seite 302 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2277379-2277464-2277484--01174-2280401
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

302 Völkischen cm den betreffenden Orten zum Teil in grobschlächtigster Art vor denr Besuch gewarnt; sie brauchten angeblich nicht aufgeklärt zu werden. Es ging so weit, daß sie den Boykott etwaigen christlichen Zuhörern androhten! Pure Angst vor der Wahrheit. Wer widerrechtlich den Versuch zu machen, Radauszenen zu veranstalten, das scheint ihnen anständig zu sein. Deutschvölkische Führer haben sich, trotzdem sie persönlich eingeladen waren, nicht zu einer Aussprache bequemt. W i r unsererseits waren und sind jederzeit bereit, in jeder völkischen Versammlung, wo uns ungestörte Redefreiheit zugesichert wird, Rede und Antwort zu stehen. Machte inan davon keinen Gebrauch, so kniff man und wollte die Wahrheit nicht. . Schon vor Monaten boten wir Herrn Hitler an, uns vor einem Schiedsgericht von Sachvevständigen über den „jüdischen Marxismus" zu unterhalten, indem wir darauf hinwiesen, daß unserer Ueberzeugung nach Herr Hitler keine Ahnung von dem Inhalt der Begriffe hat, die er dem Publikum vorträ-gt. Seine veröffentlichten Reden gleichen Ulk- und Bierreden, soweit sie wissenschaftlich-praktisch sein sollen. Die Antwort war, daß wir persönlich und anonym bedroht wurden; an eine Aufnahme des Fehdehandschuhs seitens des Herrn Hitler war nicht zu denken. Und wie. ist es mit Herrn Diniert Er beschimpft uns Juden. Was sagt er aber dazu, daß fein Buch „Die Sünde wider das Mut" von sachverständigen Deutschen jeden Bekenntnisses als eine literarische Schweinerei sondergleichen bezeichnet ist? So sehen die Herrschaften aus, die in ihren Versamm- - lungen den Juden den Zutritt verwehrten. Gewiß, Meuchelmord des Menschen, seines Körpers, seiner Ehre, sie wird betrieben, aber ein wahrhaft deutscher Kampf geistiger Art, er wird unterbunden. m. Das Wahlresultat hat ergeben, daß auch diese Bäume nicht in den Himmel wachsen. Gewiß ist auch ein Teil der Deutfchnationalen, deren weites Gewissen den „deutschstämmigen" früheren Geschäftsführer des Schutz- und Trutzbundes Herrn Roth neben dem Sohne der Jüdin Herrn Quaatz trotz aller völkischen Grundsätze in Liebe umschließt, den rein Völkischen zuzugesellen. Aber auch wir haben nicht umsonst gearbeitet: Wir können zu unserer Freude feststellen, wie immer weitere Kreise sich von-der Verrohung, Verführung und Entsittlichung unserer 'Jugend abwenden, wie sie einfshen, daß Deutschland zerfallen muß, wenn die nackte Gemeinheit, zuerst in den Dienst von politischen Interessen gestellt, zum Schluß die gesamte L e b e n s f ü h r u n g des Menschen -beherrscht und so aus Deutschen „boches" macht. Gewiß mag für uns Juden der Ausschluß aus den völkischen Versammlungen eine Ehre fein, denn die Furcht vor unseren Beweisgründen ist dieses Ausschlusses Ursache; aber daß, leider unter Billigung mancher anständigen Männer, in Deutschland die Roheit Siege feiert, gehört zu dem am meisten Niederdrückenden unserer trüben Zeit.. Der „Völkische" Gosche. Ein neu entdeckter' S t a m m b u ch v e r s. Max Maurenbrecher, der Hauptschristleiter der „Deutschen Zeitung", hat in einem Buche nachzuweisen gesucht, daß Goethe durchaus den Völkischen zuzurechnen sei. Aussprüche Goethes mehr oder minder wahrheitsgetreu wiedergegeben, spielen eine große Rolle im völkischen Schrifttum und in völkischen Versammlungen. Es ist schon oft in dieser Zeitung nachgewiesen worden, daß Goethe seiner ganzen Einstellung nach mit den Völkischen unserer Tage nicht das geringste gemeinsam hat. Vielleicht zeigt das auch ein n e u e n t i> t d t e r Ausspruch Goethe s, der in einem von dem Berliner Antiquariat Clara Landau gefundenen Stammbuch des sranzöstschen Emigranten Auguste Duvau enthalten ist. Goethe schreibt in dieses Stammbuch unter dem 28. April 1796 das Folgende: „Der gebildete Mensch findet überall ein Vaterland oder er schafft fiep." Wollten wir die völkischen Zitiermethoden imchahmen, so müßten wir Goethe fortan als einen „Prediger der Internationale" ansehen. Wer aber diesen Spruch Goethes aus seiner Zeit heraus versteht und wer weiß, an wen er gerichtet ist, wird trotzdem Goethe keinesfalls die „nationale" Gesinnung absprechen wollen. Derjenige, der ein solches Wort prägt, ist jedenfalls nicht der Hakenkreuzschar zu-zurechnsn. Zum ToZe Lsopolö Dorns. - M ax i m ilian Horwitz, Eugen Fuchs, Leopold Dorn: Die drei Getreuen! Den letzten haben wir am 19. Mai zu Grabe getragen, unfern lieben Freund und verehrten Führer Leopold Dorn. Leopold Dorn gehörte zu den Stillen im Lande. Er trat fast niemals nach außen hervor. Um so rühriger war.seine stille Arbeit. Es war keine Uebertretbung, wenn ich unserem Freunde bei seinem 70. Geburtstag scherzend sagte, daß ich eigentlich die Absicht gehabt habe, aus unseren Akten seine g e s a m m e l t e n W e r >k e herauszugeben, und daß diese'Sammlung der gutachtlichen Aeußerungen, welche er im Laufe der Jahre zu unseren Akten -gegeben hat, einen stattlichen Druckband darstellen würde. Dorn hat niemals halbe Arbeit geleistet, er ging den Dingen stets aus den Grund. Gerade deshalb war er in schriftlichen und mündlichen Erörterungen so überzeugend, weil man immer vor einem in sich geschlossenen Werke stand. , Man wird aber Dorn sicherlich nicht gerecht, wenn man in ihm nur den klugen Menschen, den schürfen Juristen sieht. Es war kein Zufall, sondern eine innere Notwendigkeit, daß so viele Jahre die drei Getreuen die Vorsitzenden unseres Central-Vereins waren, neben dem Heldenkopf von Maximilian Horwitz, der Prophetenerscheinung von Eugen Fuchs> der feine Denkerkops von Leopold Dorn. Instinktiv fühlten die drei Getreuen, wie sie sich gegenseitig ergänzten, aber alle drei aus demselben Boden emporwnchsen. Leopold Dorn war nach außen ein stiller Mann und diese stillen Männer sind die Hauptstützen jeder Kulturarbeit, — aber er war nicht bloß Logiker, er war nicht bloß Denker, sondern sein Wirken erwuchs, wenn auch sorgsam überwacht von klugem Verstände, aus dem heiligen Feuer, das in ihm für Deutschtum und Judentum lebte. Sein Judentum war nicht nur als Erbe aus ihn gekommen, es lebte *xn ihm genau wie sein Deutschtum; beides war für ihn sein Schicksal, von dem er nicht lassen wollte und nicht lassen konnte. Gerade wegen der Reinheit dieser Empfindungen war dieser Mann, der sich persönlich so sehr in der Gewalt hatte, von einem heiligen Zorn erfüllt, wenn er gegen niedrige Entstellungen des wahren Wesens des deutschen Juden.kämpfte. Gerade deshalb wirkte in solchem- Augenblick aus jeden sein empfindenden Menschen seine ganze Persönlichkeit so tief, -gerade deshalb ergaben sich auch stets seine Entschließungen mit einer Selbstverständlichkeit, -die nur das Große auszeichnet.. Abs wir kürzlich bei Beginn unserer Hauptversammlung zu einer Trauer feie r für Eugen Fuchs uns vereinigten, -da erinnerte einer der Redner an ein schönes Wort von Heinrich Heine, an das Wort, das beim Anblick eines in sich harmonisch geschlossenen gotischen Doms fiel, daß große harmonische Werke nur von Manschen geleistet -werden können, die eine Weltauffassung haben. Dies war das Geheimnis der drei Getreuen. Dies ist auch das Geheimnis -der Persönlichkeit von Leopold Dorn. Wir Aelteren, die wir die Freude hatten, ihm in engster Zusammenarbeit persönlich näher zu treten, segnen die Stunde, die unseren Weg mit dem Wege von Leopold Dorn hat kreuzen lassen. Wir danken diesem Manne, dessen'gleichmäßige Liebenswürdigkeit, dessen bezwingende Formen aus innerster Freundlichkeit resultierten. Er war ein Mann, der mitten im Leben stand, und an seinem Grabe ergeht von ihm der Ruf, daß Leben nur Leben gibt. So wird Leopold Dorn bei uns unvergessen bleiben und sortleben als eines der leuchtenden Vorbildes, denen wir still folgen, auch wenn die Wege die einfache', gerade Richtung der alten Zeit zu verlieren scheinen. Das Ideal-, dem Leopold Dorn nachstrebte, das er in seiner Person verkörperte, Deutschtum und Judentum nicht als ein aus Klugheitserwägungen resultierendes Programm, sondern als eine innere Lebens-notwendigkeit, bleibt uns erhalten. Wir neigen uns vor dem Geiste unseres -verblichenen Freundes, der als einer der drei Getreuen uns über uns selbst Klarheit geschaffen hat. Gesegnet sei sein Andenken! Dr. Julius Br o du i tz. * Die vorstehenden Worte, die an 'der Bahre unseres Leopold Dorn von dem 1. Vorsitzenden des Central-Vereins gesprochen wurden, erweisen, was der Entschlafene, der zu den Gründern des 'Vereins gehört und Jahrzehnte hindurch Mitglied des Hauptvorstandes gewesen ist, für den Verein bedeutet hat. Eine stattliche Trauerversammlung umstand f die Bahre t des Entschlafenen. Der 1. Vorsitzende des Vereins sowie die Mitglieder des Hauptvorstandes Geheimrat Prof. Dr. B l u m e n t h a l, Frau. Sophie Horwitz, Dr. Erich Magnus, Frau Henriette Mall, Geh. Sanitätsrat Dr. Wiesenthal und der Syndikus Dr. Alfred Wiener überbrachten dis letzten Grüße des Vereins.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.