Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 21 (22.5.1924)
- Date
- 1924-05-22
- Page
- Seite 301 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2277379-2277464-2277484--01173-2280400- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Einzelnummer 10 Golöpfennkg SerUn, 22. Mai 1924 HI. Jahrgang -- Nr. 21 Blätter (üri>tulfchhun^] Vryan des lLntralVereins üeutjcKerM Staatsdürger iiwtscden Vloubens^v. Z^ll^swmsirrs Zeiiun^ des Oudenrums Verlag u. Schriftleitung: Eentral-verein öeutfcher Staatsbürger füöifchen Glaubens e.V. Gerlin SVbK, Linbenstr. 13 Fernsprecher: Amt Dönhoff 3594, 3595 ♦♦♦ Telegrammadresse: „Centralglauben Berlin" ♦*. Postscheckkonto: Berlin 30472 Bankkonto: Dresdner Bank, Wechselstube G, Berlin SW 68, Lindenstr. 7 Monat sabonn em enl (ein vierte ljährlicheS gibt es vorläufig nlchi) 40 Goldpfennlg Alleinige Anzeigenannahme-. Annoncen-Expedition Rudolf Mosse, Berlin SW IS, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,75 Goldmark für die 7 gespaltene Zeile nach Rudolf Mosses Normalzeilenmefser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche für Mitglieder des Central-Vereins 0,40 Goldmark, die 90 min breite Reklamezeile 4 Goldmark. Die Zirrcht vor -er Aufklärung. Eine späte Wahlbetrachtung. / von Lu-wig Hollän-er. i. ' In einer Betrachtung, die der Herausgeber von Hitlers gesammelten „Reden", ein gewisser Adolf Viktor, v. Ko erber, im „Deutschen Tageblatt" vom 6. Mai dem italienische« Fascismus widmet, wirb dem biederen völkischen Leser zunächst der ihm lange ausgepfropfte Gedanke, Mussolini sei in der Judensrage ein ins Italienische übersetzter Hitler, gründlich, genommen. Aber ein anderer Herrn Hitler geläufiger Gedanke wird hoch gepriesen, nämlich der S i e g der rohen Gewalt. Die Faschten sollen das Recht mit Füßen getreten haben; nur Gewalt soll für sie maßgebend gewesen sein, die Niederkn ü p p e l u n g des Gegners, die K u n st der Propaganda, hier werden sie gerühmt und dem deutschen Volk als mustergültig hingestellt. So, meint Herr v. Koerber, müsse auch die deutschvölkische Bewegung, „welche am 9. November 1923' im Feuer geheiligt sei", sich im Reichstagswahlkampf betätigen. Die Koerbersche Betrachtung war vor dem 4. Mai geschrieben. Wir werden zu fragen haben, ob und inwieweit die Deutsch völkischen und soweit die Deut sch nati onalen sich mit ihnen gleichgestellt haben, auch diese den römischen Winken des Herrn v. Koerber gefolgt sind. Dabei muß es gleich sein, ob der Bericht auS Italien wahr oder iatfch ist. Wesentlich bleibt die Forderung: Gewalt, Fußtritt dem Recht, Niederknüppelung des Gegners, die Empfehlung der wüstesten Bildpropaganda, die Koerber selbst grell, bunt, schattenlos,'ehrlos,-brutal nennt. Man sagt nichts Neues, wenn man seststellt, baß Koerbers Erwartungen durch die Tat hoch übertrossen wurden. Die Bildpropaganda. der völkischen Flugblätter war, mit Koerbers Wor-tens -'„brutal-und ehrlos". Ten Völkischen mißliebige -Politiker, die mit dem Judentum auch nicht das geringste zu tun hatten-,-sah man in mauschelnden Gesten, in gräßlich 'verzerrten Masken dem Publikum dargestellt, so daß einem der Ekel über solche Menschen aufsteigen mußte. Man könnte eine Kautsky-, eine Liebknecht-, eine Lenin-Mappe zusanrmenstellen, um Männer zu nennen, die nur Dichtung zu Juden und Judenstämmlingen machen kann, und um die Roheit des völkischen Wahlkampfes zu kennzeichnen. Dem Bilde entsprach das Wort: Juden sind im Kriege überhaupt nicht gefallen, sie sind gestorben, hörte man allenthalben; sie hätten solche Angst, daß der Tod sie in den Spitälern heim- , suchte. Es gibt also zwar jüdische Kriegs tote, aber keine jüdischen Gefalle neu. Manche Redner fügten noch ihr Bedauern darüber hinzu, daß nicht a l l e Juden im Kriege „gestorben" seien. Jugend jubelte, Beifallsstürme -erhoben sich, wenn sglches gesprochen wurde. * . Versuchte Gewalt sollte Juden ängstigen und kopfscheu machen. Als vor einigen Monaten eine jüdische Studentenverbindung die Erinnerungsfeier an die Nationalversammlung des Jahres 1848 in Frankfurt in der Paulskirche besuchen wollte, hielten edle, völkische Kommilitonen die Kirchentür zu, um Juden nicht hereinzulassen, und mußten erst der ihnen entgegengesetzten Gewalt weichen. An ein solches geistige Erbe mag wohl keiner von den Männern der Paulskirche gedacht haben. Die Jünger des Geistes, die jetzt solches taten, haben ihre Nachfolger im Wahlkampf gefunden. Hatten jene den jüdischen Studenten den Eintritt in die Paulskirche verwehren wollen, so hat man in völkischen Versammlungen Juden den Eintritt in der Regel überhaupt verboten. Es ist oft gefragt worden, ob eine solche Maßnahme rechtlich zulässig ist. Auf den ersten Blick hin wird man dem Einberüser einer Versammlung das Recht zusprechen müssen, die zugelassene Personenzahl nach seinem Ermessen zu begrenzen. Bedenken kann der Umstand -erregen, daß ö s s e n t - l i ch e Versammlungen vielleicht, sobald sie als solche angezeigt sind, durch irgendwelche Zusätze zu nichtöffentlichen verwandelt werden, oder daß man einen Mißbrauch seines Hausrechts begeht, wenn man „jedermann" einlädt, -aber Juden ausschließt. Praktisch hat die Entscheidung über solche rechtlich unterhaltsame Fragen wenig oder nichts zu sagen. Moralisch ist der.Ausschluß von Juden von besonderer Bedeutung. Er ist der Grad seltenster Feigheit und Furcht. Weil die völkischen Herrschaften zu dumm und zu verlogen sind, mit mit geistigen Waffen gegen einen unterrichteten jüdischen Redner auskommen zu können, schließen sie uns aus. Bei den Agitatoren dieser Partei kann man von ' gutem Glauben kaum mehr sprechen: Wer als angeblicher Politiker heute noch die .Meisen von Zion" im Wahlkampf -benutzt, .wer das Märchen von der geplanten jüdischen Weltherrschaft noch glaubt, wer die Talmudgeschichtchen seinen Hörern austischt, dem ist nicht mehr zu Helsen. Er will sich -nicht belehren lassen und spricht wider besseres Wissen. Ms wir in Mitteldeutschland vielen Hunderten angesehener Nichtjuden Vorträge über jüdische Fragen hielten, hatten die