Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 20 (15.5.1924)
- Date
- 1924-05-15
- Page
- Seite 288 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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288 „Um Deutschtum und Judentum." Lose 91 anöbem^tfungert zum Galling er schert Briese. - ' Von R. E. M a y (Hamburg). Am selben Tage, an dem ich die „C. V.-Zeitung" vom 14. Februar erhielt, in der Justizrat Dr. Gallrnger so treffend Professor Lent von der -Universität Erlangen durch seinen offenen Brief, „Um Deutschtum und Judentum" absertigt, der in einer Versammlung der Nationalliberalen Landespartei in München die Juden als „V o l k s f r e m d e" bezeichnet hatte, am 16. Februar, brachte der nationalliberale (jetzt natürlich deutsch-volksparteilich genannte) „Hamburgische Korrespondent" unter der Ueberschrist „Die Rechte der Minderheiten" einen Artikel, in dem er. sich aus Beuthen u. a. berichten läßt: „Wie aber sieht es in Po lnisch D'6cr=> schlefien aus? Der polnische Ministerpräsident Witos hat unter Mißachtung der durch die Genfer Abmachungen verbürgten Gleichberechtigung der Minderheiten das böse Wort von den polnischen Wirten und den d e u t s ch e n G ü st e n geprägt. Und bei den Worten ist es nicht geblieben. Kein Geringerer als Präsident Colander hat in beit letzten Monaten -wiederholt die h i n t e r! i st i g e Itn terbindu n g des deutschen A n - s p r u ch s auf eigene Sch ulen durch die Polnischen Behörden scharf rügen müssen." (Die hier gesperrt gedruckten Worte s^rd es auch im Original; man sehe sie sich daraufhin an!) Sehen , Leute wie Professor Lent gar nicht, daß sie mit ihren Aeußerungen den Polen (wie anderen Völkern) Wasser aus ihre Mühlen liefern, in denen sie die deutschen Minoritäten Zermahlen wollen?! Für die Juden sind in diesem Falle Gedanken wie: „Denn jede Schuld rächt sich aus Erden" oder „Jeder wird gestraft, wo er gesündigt hat" eine sehr schlechte Genugtuung. Es würde den Juden da wie dein Sohn ergehen;, der sagt: „Es" ge schlicht meinem Vater ganz recht, wenn meine Hände erfrieren; warum kaust er mir keine Handschuhe!" Denn die Deutschen, über deren Zurücksetzung der Heuthener Berichterstatter des uationaliliberallen Hamburger Mattes fto0tv sind zu einem großen Teil Juden-, die ihr deutsches Volkstum nicht aufgeben wollen — trotz der Vorteile, die für sie damit verbunden wären, und das auch 'innerlich nicht können, Weib sie dort die Träger der soviel höheren deutschen Kultur sind. Sieht die deutsche Kultur aber auf das Niveau der polnischen herab, wofür gerade Bayern in den letzten Jahren Beispiele gibt, was soll die deutschen Juden Polnisch-Oberschlesiens dann noch.reizen, sich ihres Deutschtums wegen der Vorteile zu begeben-, die ihnen der Uebertritt zmn Poleutunr gewährm würde?! Ein -solcher Vorkämpfer! für das Deutschtum Polen war der Jude' Dr. Loewenthal, dessen Tod selbst der Hamburgische Korrespondent am 18. Mürz di I. in folgender Notiz betrauerte: Ein V o r k ü m p f e r des Deutschtums. Aus Posen wird uns geschrieben: Neben der „Deutschen N u n d f ch a u" i n B r o mb e r g ist das htostge „P o s e n e r Tageblatt" das b e d e u t e n d st e Organ des Deutschtums im Groß polen. Hat die „Rundschau" unter unausgesetzten StrafversolMmgen seitens der polnischen Behörden zu leiden, so hat das „Posener Tageblatt" einen schweren Schlag erlitten durch den Tod seines Chefredakteurs Dr. Wilhelm Loewenthal. Es wird ganz ungemein schwer sein, die durch das Hinschoiden des kräftigen 47jährigen Mannes entstandene Lücke auszufüllen, weil nur ein Angehöriger, des polnischen Staates an seine Stelle treten darf und an ge eigneten Kräften nur wenige vorhanden sein dürften, ganz abgesehen davon, daß die Annahme dieser Stellung eine große Opferwiilligleit voraussetzt. Denn md) der Verstorbene ist, obwohl er ein ruhiger und konzilianter Manu war, von den polnischen 'Behörden durch unzählige Strafprozesse behelligt worden, und die Verur-teiLungen zu Geldstrafen und Gefängnis haben nur so aus -ihn heruntergeregnet. Es -ist anzuerkennen, daß selbst ein ausgesprochen deutschfeindliches Blatt wie der „Dziennik Poznanski," demDahingeschiedenen einen sehr freundlichen Nachruf gewidmet hat, der die Fähigkeiten Dr. Loewenthals aus dem Gebiete der Wissenschaft und Karrst und zugleich seinen untadeligen Charakter anerkennt. Der Nachruf schließt: „Er war als Gesellschafter und Kollege stets vorbildlich korrekt, der verwaisten' Familie wird hiermit unser wärmstes Beileid ausgesprochen." ' Die selbst vorn Gegner anerkannte „suavitas animi" hat aber den Verstorbenen nicht verhindert, „kortiter in re" zu fein, wenn es der Verteidigung der deutschen Sache galt. Wann immer einem Deutschen in Polen oder dem Deutschtum insgesamt Unrecht zugefügt wurde, hat Dr. Loewenthal in seinem Blatte unerfchrockenl die deutsche Sache verteidigt, unbekümmert darum, ob than die stets auf der Lauer liegende polnische Staatsanwaltschaft einen .Strick daraus zu-drehen suchen würde. , . Minoritäten werden überall nur durch höhere Kultur ihrem Volkstum erhalten. Dafür sind gerade die Deutschen im. Ausland der beste Beweis, die je nach dem Kulturstand -ihrer „Wirtsvölker" in ihnen aufgehen oder ihrem Volkstum treubleiben. Und gerade das verRemerte Deutschland hat ein besonders Interesse daran, seine Volksgenossen dem Deutschtum zu erhalten, „soweit die -deutsche -Zunge klingt". Als Hamburger darf ich wohl daran erinnern, daß die Pioniere deutscher Kultur draußen in der Welt zu einen: großen Teil Juden sind. Das hängt mit dem großen Prozentsatz der Ju-dew in den höheren Schulen und im ^Handel" zusammen. (Siehe: May, „Konfessionelle Militärstatistlk" sApchi-v für Sozialwissenfchaft und Sogialpolit-i'kj, 2. Auflage, Tübingen 1923.) Stößt das Deutschtum di-ehs Volksgenossen von sich, während das „Wirtsvolk" „drüben" - ihnen die Arme öffnet, dann Hut das Deutschtum den Schaden davon. Aber anderer Fehler zu erkennen ist leichter als die eigenen: So kommt der „Hamburgische Korrespondent" vom 26. Februar inseinen: Leitartikel „Südwestafvika und Polen" nach detaillierten Klagen über die Behandlung dar Deutschen in den an Polen abgetretenen Gebieten und Vergleichen mit der Behandlung und den Rechten der Deutschen i-n Südwestafrika zu, folgendem Schluß: „Polen täte gut daran-, sich in bezug auf die Behandlung seiner deu tsch cm Bewohner an der Südafrikanischen Union ein Beispiel zu nehmen, die sich die jahrhundertealten Erfahrungen des englischen Volkes zunutze gernacht hat, welche darin bestehen, fremdstämmige und selbst feindliche Völker durch angemessene Behandlung nach ihrer Unterwerfung im Laufe weniger Jahrzehnte zu nützlichen und zuverlässigen Bestandteile!: des- Staates zu erziehe::. Aber das geht wohl über die polnische Kraft." Wenn man bedenkt, wie wenig Deutschland es verstanden hat, Polen, Elsässer, Dänen eiuzubürgern, und wie bereit weite deutsche Kreise auch heute sind — und heute vielleicht mehr als je —, die Rechte derjenigen zu schmälern, die sie als „Fremdstümmige" ansehen, dann kann man bezüglich des Ausdruckes: „Aber das geht wohl über die polnische Kraft" nur sagen: „Wer im Glashaus"sitzt, soll nicht mit Steinen werfen!" Zu der Aeußerung des Justizrats Gallinger: „Wir stellen unsere Ehre so hoch wie unser Leben, und wir können keinen Unter* schied machen, ob man uns mt t Totschlag bedroht o d er zu Parias st e n: p e ln w i l l" , möchte ich eine Bemerkung machen, der der Verfasser' sicher beipflichten wird: Die Horden, die in früheren Jahrhunderten über uns hersielen, standen in jeder Beziehung so tief unter uns, daß sie höchstens unser Mitleid, erregen konnten. Der heutige, von Leuten wie Professor Lent. aegen uns unternommene Feldzug tut viel weher, weil er von Leuten unternommen wird, die — wenigstens äußerlich — mit uns ans der gleichen Kulturstufe stehen. Ich sage äußerlich, denn innerlich sehe ich keinen Unterschied, ob inan den Juden aus „völkischen" Gründen beseitigen möchte — eventuell dadurch, daß ' man ihn tiefer stellt, indem man seinen Einfluß auf die deutsche „Kultur" bekämpft — ober, ob man ihn in früheren Jahrhunderten totgeschlagen hat, um ihm seinen Besitz abzunehmen unter dem Vorgehen, daß er Hostien geschändet habe und mit derlei religiösen Aufstachelungen des Volkes mehr, das mit dem Totschlägen des Juden den Gläubiger loswerden wollte. Ethisch stehen beide Kampfesarten auf gleicher „Höhe". Neid und Gewinnsucht (wir sagen heute Raffgier) ist die Triebfeder beider. Mit religiösem Fanatismus sind die Massen heute nicht mehr einzufangen, also sagt man nicht mehr, die Juden haben die Hostie geschändet, sondern sie schädigen die Kultur. In diesem Zusammenhang ist es interessant, daß man den Juden, die man damals totschlug, um sie als Gläubiger los zu werden, nicht vorwarf, daß sie etwa zu hohe Zinsen genommen hatten. Wenn damals von Wucher und Wucherern die Rede war, so hatte das einen ganz anderen Sinn, als den, den diese Bezeichnungen später — und nicht etwa nur durch die Juden — erhielten. „Wucher" wav die Bezeichnung für Zins in jeder Höhe und „Wucherer" hieß der Zinsnehmer, auch wenn er noch so niedrigen Zins nahm. Die Lands- Leute des Professors Lent riesen die Juden nach Bayern wogen ihres niedrigeren Zinssatzes, als den, welchen die Lombarrünihnen abnahmen. Und sie waren dort so angesehen, daß der Landsmann des Professors Lent, der Bischof Rüdiger von Speyer, der ihnen A084 einen Freibrief erteilte, von ihnen sagt: „Als ich Speyer zu einer Stadt erhob, da meinte ich seine Ehre tausendfach zu vermehren, wenn ich auch die Juden mit hinzunahm." (Vergleiche Steinhaufen „Der Kaufniann in der deutschen Vergangenheit", S. 15. Monographien zur deutschen K u l t u r g e s ch i ch t e , II Band, Leipzig 1809.) Wie tief muß die Kultur der Deutschen im allgemeinen im Verhältnis zur Kultur der deutschen Juden in jener Zeit gestanden Haben, in der einer der wenigen Kulturträger der Zeit, ein Bischof, die Ehre einer Stadt tausendfach zu mehren vermeinte, wenn er ihre Juden in die stiidtischen Rechte mit einbezog! Wenn heute, wo in: besetzten Gebiet ^öhrie des eigenen Volkes sich dem Feinde verkaufen, um es ihm zuzuführen. auch offizielle deutsche Kulturträger wieder den Rückmarsch in die Barbarei jener Tage antreten, da wollen wir jüdischen Deutschen nicht mitgehen, nicht nur deswegen nicht, weil dieser Weg über unsere Leichen geht, sondern auch deswegen nicht, weil er über die Leiche der deutschen Kultur geht. , Weit über ihre „Prozentnovm" sind die deutschen Juden Träger der Kultur, die ansstrahlt von der Bibel, von Werken eines Halbem, Goethe, Kant, Wagner us-w. (man könnte auch sagen: eines Liebermann-, Spinoza, Heine, Mahler u'stv.).' Und den Schild dieser Kultur wollen wir deutschen Juden hoch — und rein — halten und in. Ruhe der Zeit harren, da wieder ein wirklicher, nichtjüdischer deutscher Kulturmensch es sich zur Freude anrechnen wird, mit den jüdischen Mitbürgern deutscher Kultur an einem Strange zu ziehen. Der jüdische Kulturmensch, der schon in den Baudenkmälern des alten Aegypten dargestellt ist, der die griechische, die römische, die arabische und andere Kulturen überlebt — und in sich ausgenommen — hat, hat eines aus der Geschichte gelernt: Warten. Er weiß, daß alle Kulturen Vergänglich sind, und daß immer wieder einmal die Zeit kommt, wo die Träger wirklicher Kultur sich freuen, Seite an Seite mit ihm zu marschieren.