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Central-Verein-Zeitung · 1924-05-15 · 20 (15.5.1924) · p. Seite 287

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
20 (15.5.1924)
Date
1924-05-15
Page
Seite 287 (sequence 7)
Language
German
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Zur Jugsnüfrage. Von Rechtsanwalt Dr. Kurt Alexander (Krefeld). Die Erörterung der Jugendfrage hat auf der letzten Delegiertentagung einen recht breiten Raum eingenommen. Und wenn auch ctnioe" Redner behauptet haben, die Aussprache über diesen Punkt sei gegenüber den anderen Fragen, die die Versammlung beschäftigt hätten, zu kurz gekommen, so ist daraus nur zu erwidern, daß es nicht darauf ankommt, möglichst viel über die Jugendsrage zu reden, sondern allein notwendig ist, das nach dieser Richtung hin Notwendige zu tun. Betrachtet man nämlich die Dinge recht genau, so bleibt auf dem Gebiet der Jugendbewegung für den Central-Verein als solchen nur ganz wenig zu tun. Dieses Wenige muß aber auch geschehen. In kurzen Worten haben aus der Versammlung die Herren Dr. Holländer und Dr. Vroduitz,' der Sohn unseres verehrten Vorsitzenden, die Ausgabe des Central-Vereins gegenüber der Juaendbewegung Umrissen. Nichtig ist, daß die Stellung des Central-Vereins zur Jugend heute erheblich^ klarer und einfacher ist altz noch zur Zeit der letzten Delegiertenversammlung im Jahre 1921. Damals noch hatte der Central-Verein es nicht nur mit den Jugendorganisationen, die streng auf seine Ideen eingestellt waren, zu tun, sondern er hatte auch Rücksicht zu nehmen auf die neutrale n I u g e n d v e r e i n e, in denen zahlreiche seiner Freunde mitarbeiteten. Jnzlvischen ist diese neutrale Jugendorganisation nahezu restlos verschwunden, und die -Erfahrung hat Wohl auch denen, die viel und gerne in diesen Vereinen gearbeitet haben, gelehrt, daß der, Gedanke der Neutralität für die Jugend nicht durchzuführen ist. Es bleibt also für den Central-Verein — und daß sich damit seine Ausgabe vereinfacht, ist für jedermann klar — allein nur die Fühl u n g n a h m e mit den I u g e n dv e r e i n e n, d i e aus seinen Anschauungen auf gebaut sind. Man wirft dem Central-Verein vor, er nehme sich der Jugend nicht in der gehörigen Weise an. Ich glaube, daß dieser Vorwurf so alt ist wie der Central-Verein selbst. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich ihn vor etwa zehn Jahren auch vorgetragen, und ich habe keinen Zweifel, daß dieser Tadel auch in zehn Jahren noch baut werden wird. Die Inge n d stellt an das Alter — und das ist ihr gutes Recht — i m m e r unerfüllbare Forderungen, und wenn das Alter diese Forderungen nicht erfüllt, weil es sie nicht erfüllen kann und weil die Erfüllung vielfach sogar zum Unheil ausschlagen würde, so wird der Vorwurf laut. Da der Central-Verein aber trotz dieser Vorwürfe nicht nur nicht eingegangen,-sondern gerade in den letzten Jahren seine Mitgliederzahl ganz erheblich vermehrt hat, da aus dieser Tagung so viel Jugend vertreten war wie vielleicht noch nie zuvor, so darf man wohl, ruhig der Zukunft ins 'Auge sehen, und glauben, daß die In ge n d , die uns bisher nicht verloren gegangen ist, u n s a u ch i n Z u k u n s t t r e it bleibt. , Das, was an Vorwürfen immer wieder vorgebracht wird, ist vor allem das:, die I d e e d e s C e n t r a l - V e r .e i n s b e d ü r f e d e r V er t i es u n g. Je nachdrücklicher man die Dinge betrachtet, und je älter man wird, um so mehr wird man einsehen, daß hier.deshalb Unmögliches verlangt wird, weil einmal die Grundidee des Central- Vereins, saßt man sie im Fuchsschen Sinne auf, so tief ist, wie überhaupt nur eine Idee sein kann. Die Durchgestaltung der Idee muß aber im hohen Maße dem einzelnen überlassen werden, da jede Verbreiterung vornehmlich'nach der jüdischen Seite hin bei der Verschiedenheit der Auffassung unserer Mitglieder, nur zu Differenzen und damit zur Erschütterung der Front im Abwehrkampf führen muß. Dr. Paul N a t h a n hat aus «diese Schwierigkeiten mit vollem Recht hingewiesen. Schließlich aber darf man auch von dem Central- Verein, der einen Kampf von gigantischem Ausmaße führen muß, nicht Aufgaben verlangen, zu deren Erledigung er einfach physisch nicht in der Lage ist. Bei der'Jugend ist es etwas ganz anderes. Sie-hat nicht diese Rücksichten zu nehmen, und ihre Aufgabe wird es gerade sein, sich mit den Problemen zu befassen und in die Probleme e i n z u d r i n g e n, die dem Central-Verein zwar nicht sernerliegen, deren Lösung er aber auch aus seiner ganzen Natur heraus zurückstellen muß. Der Anreiz zur Bewältigung der Fragen wird ihr ober immer wieder vom Central-Verein aus, als der auch, sie speisenden Kraft, gegeben werden können. Und dabei war es ganz besonders erfreulich für uns, zu sehen, daß die Iugendmit a l l e r K l a r - h-e i t sich aus den Boden unserer Idee eingestellt hat und jede Verschwommenheit und jede Verwässerung dieser Auffassung entschieden ablehnt. . Steht so fest, was die Jugend von uns nicht verlangen darf, so muß auf der anderen Seite aber auch sestgestellt werden, w a s w ir i h r g e b e n muss e n. Weise Beschränkung auf beiden Seiten ist vonnöten. Es gab eine Zeit, wo «die älteren es für ihre Pflicht hielten, dafür zu sorgen, daß die Arbeit der Jugend sich nur unter st^er Aussicht vollzog und nach Möglichkeit jeder Selbständigkeit entbehrte. Mit dieser Anschauung muß endgültig gebrochen werden. Wir haben uns jeden Eingriffes in di eAr beit der I u g e n d z u e n t h a l t e n. Es ist nicht unsere Pflicht, dafür zu sorgen, daß die Jugend dies und jenes tut, wir müssen sie allein arbeitem lassen. Jedoch müssen wir ihr die Geleaenheit zur Arbeit verschaffen, und wir dürfen ihr unsere n R a t und u n s e r e Mitarbeit,_sei es in finanzieller oder in geistiger Hinsicht, wo sie verlangt wird, nicht versagen, und wir müssen schließlich die Verbindung zwischen unsere Arbeit und der der Jugend aufrechterhalten, damit ihr, sobald sie dazu in der Lage ist, der Uebertritt zu uns ermöglicht wird. Gelegenheit zur Arbeit geben, heißt vor allem, "dafür zu sorgen, daß geeignete junge Menschen angehalten werden, die Jugend um sich zu scharen. Wir sollen v o n u n s aus keine I u g e n d v e r e i n e g r tt n d e n , aber wir sollen danach trachten, daß Zunge L e u t e, d i e uns n a h e st e h e n , da sind, die die Be reine schaffen. U n s e r Material u n d u n s e r e I d e e n s o l l e n lv i r. den j u n g e n M e n s ch e n z u r V e r f ii g u n g ft elle n. Wenn sie von.uns ihre Mitarbeit verlangen, dürfen wir sie unter keinen Umständen versagen, und unsere finanzielle Unterstützung darf in keinem Augenblick fehlen. Engste Verbindung muß bestehen, sei es lediglich durch persönliche Beziehungen, sei es durch organisatorische Fühlungnahme. Für diese „Verbindungsoffiziere" ist ein großes Maß von Takt vorgeschrieben, denn sie sollen sich größter Zurückhaltung befleißigen und es vor allen Dingen vermeiden, zu verlangen, daß die Arbeit der eigenen Gruppe nun auch restlos von der anderen ausgenommen wird. Die Grundaufsasstmg ist die gleiche, ihre Durchführung ist verschieden. Dafür verlangen w i r a b e r n u n a u ch von der Jugend, daß sie auch uns ihre Arbeit, da, wo wir es für erforderlich halten, bedingungslos zur Verfügung stellt. Und nun noch eines, und das richtet sich au die Jugend: I u g e n db e we g u n g k a n n n u t d a n n G u t c s s ch a f f e n , w e n n n u r Jugend in ihr ist. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben gezeigt, daß große Jugendorganisationen, die sehr Tüchtiges geleistet haben, neben anderem daran zugrunde gegangen sind, daß zu wenig Jugend und zu viel Alter in ihnen vertreten war. Zu einem bestimmten Zeitpunkt muß ein jeder von uns von der Jugendbelvegung Abschied nehmen. Versäumt mau diesen Zeitpunkt, so wird einem selbst die Arbeit nicht mehr Herzenssache sein und man wird vor allem der Jugend Ideen ausdrängen wollen, die sie nicht wünscht. Inge n d m u ß aus sich selb st h e r a u s arbeite n können, unbeeinflußt, und das kann eben nur echte, wahre Jugend. Die Ideen brauchen auch nicht gereist und abgeklärt zu sein, sondern es schadet gar nichts, wenn alles gärt und brodelt. ' ■ 1 Ist man sich so über die Pflichten der einen und deranderen Seite klar, so bedarf es nicht vieler Worte, und jeder wird wissen, was er zu tun hat. Alsdann kann auch die Arbeit ohne jede Reibung sich vollziehen. Der C e n t r a l - V e r e i n u nd seineI u g e nd - b e lv e g u n g lv erden sich gegenseitig unt e r stütz e n können und der eine Teil wird zum Ausbau des anderen beitragen. Zählen. Betrachtung zum W o ch e n a b s ch n i 11. Die Pflicht des O me r z ä h l e n s , welche den Tagen Zwischen dem Feste der Freiheit, und dem der Offenbarung den Namen gibt, führt uns, wenn wir ihren Sinn nach denken, zur Würze l l ü d ische t L c b e n s a n s ch a it u n g. ' Nur d e r freie M e n s ch kann zur Offenbarung des Höchsten gelangen. Aber welches ist der Weg? Auch der Heide hat seine Offenbarung. Er lebt gedankenlos in den Tag hinein. Er steht dem Leben um ihn in all seinen gewaltigen Neusternngen willenlos gegenüber. Er unterdrückt sein Denken oder hält' es zurück und harret fast unbewußt der Wirkungen, die die Außenwelt ans ihn ausübb Seine Seele fühlt sich eins mit der Natur und schwingt ihre leisesten und feinsten Schwingungen mit. Auch der Mitmensch ist ihm ein Stück Natur und sein Verhältnis zu ihm regelt sich nach seinem Mitfühlen und Mitleiden. Zitternd bebt er der O f f e n b a r u n g d e r S t u n d e entgegen. Der Jude aber bereitet sich tage-, ja wochenlang vor auf die S t u n de der Off enb atu n g. Offenbarung ist ihm nicht ein ekstatisches Schauen, ein jauchzendes Fühlen, ein -tiefes Untertauchen, im Meere des Unbewußten. O f s e n b a r u n g ist ihm ein Ziel, nur erreichbar durch b e w u ß t e P f l i ch t erfüllung , durch ein L e b e n der Mühe und A r b e i t a n s i ch s e l b st. Vor ihm ragt in strahlendem Sonnenglanz der erhabene Berg, wo die ewige Wahrheit wohnt und die reine Gotteserkenntnis. Aber Schranken sind um den Berg gezogen. Man darf da nicht wild Hindurchbrechen. Man muß sich heiligen, um auch nur von der Form den Nus des Göttlichen zu vernehmen. Man muß stille stehen können und lernen, .geduldig zu warten. Drum zählt der Jude die Tage. Jeder Tag ist ihm ein köstlicher Wert, ein Gottestag, ausgesüllt mit heiligen Pflichten von früh, bis spät. Mit Löwenkrast erhebt er sich des Morgens vom Lager, fühlt in sich des Lebens und der Leidenschaft wildpulsierende Kraft, des Geistes titanisches Streben. Und jeden Tag erlebt er mit Entzücken die Messiasstunde, wo der kleine Knabe die wilden Tiere lenkt. Er bindet des Körpers und der Seele stürmisches Streben' durch das Band kindlich-gläubigen Vertrauens auf das Gotteswort. So . schreitet er, gebunden und geheiligt durch die ihm dort auf* erlegte Pflicht, durch den Alltag. Das Erdenleben ist ihm ein Tempel, überall rst heiliger Boden. Die Sterne leuchten in -dunkler Nacht. Ein Tag ist vorüber' mit den hundert Segnungen, die über ihn aus» gebreitet sind. So zählt er die Tage. Das Heilige sprudelt von Tag zu Tag und ruft von Nacht, zu Nacht. So sind ihm diese Tagendes Zählens eine Schule für das Leben. Es ist ihm, als.ob er jedes Iah r von neuem die Offen b a r u n g empfange. Was er in diesen Tagen gelernt, er übt es im Leben. Kein Tag ohne heilige alichten, jeder eine Stufe auswärts zur Höhe, bis ihm die letzte fenbarung zuteil wird. JschTikwoh.

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