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Central-Verein-Zeitung · 1924-05-15 · 20 (15.5.1924) · p. Seite 286

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
20 (15.5.1924)
Date
1924-05-15
Page
Seite 286 (sequence 6)
Language
German
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286 Mulles /ibfuhr bei üen „Noröraffischen." Eine lehrreiche Wahlbetrachtung. Herr Renchold W u l l e, der noch nach der Revolution j ü d i -s ch e Mitarbeiter für di,e 'damals von ihm geleitete „Deutsche Zeitung" nicht verschmähte und Briefe an sie damals nicht mit „Heil", sondern „mit deutschem Gruße" abschloß, hat soeben zur Abstimmung in Hannover ein Manifest erlassen, in dem er dessen Bewohner huldvoll „einen der rassisch wertvollsten Stämme des Deutschen Reiches" tituliert. Woraus geschlossen werden müßte, daß die N i e d e r s a ch s e n in einem besonders i n t i m e n V e r h ü l t - n i s zu Herrn W u l l e s Volk i s ch e r F r e -rh eiLsparLei stehen. O jerum! Ein Blick auf die Wahlzifseru vom 4. Mai läßt erkennen, daß Herrn Walles Liebeserklärung an den „rassisch wertvollsten Stamm" viel mehr die bekannte Melodei „Was man liebt, das kriegt man nie" zugrunde liegt. Der „völkischsoziale B lo cf", nach der Bezeichnung ein K o n g l o m e r a t von Parteien, hat es w e d e r im H a m b u rg e r noch im Wahlkreise S ch l e s w 'i g - H o l st e i n auf die nötigen 60 000 Stimmen gebracht, und nur eben der gemeinsame Spitzenkandidat Gras R e v e n t l o w , der „Mann der Französin" (siehe die völkische Lesart über Dr. Stresemann), zieht in den Reichstag ein. In ganz R o r d d e u t s ch l a n d haben — das kann zusammenfasfend gesagt werden — die Völkischen einen Re in fall erlitten, wie ihn selbst der größte Optimist sich nicht hätte träumen lassen. Wie, der rassisch wertvollste S t a m m s o „u n - d e u t s ch"? Wir greifen zu einem Standardwerk „v ö l k i s ch e r Rassenforschung, zur „Rass e n k u n d e des Deutschen Volkes" von Dr. Hans Günther (I. F. Lehmanns Verlag, München). Aus Seite 165 lesen wir: „Als Gebiete 'verhältnismäßig r e i n st e r N o r d r a s 's e müssen gelten: S ch l e 8 'w i g, - Holstein, Old enb:u r g , ein Teil von Po mmer n, Braunschweig, H a n n o v e r." Herr Wülle wird zugeben müssen, wenn er noch einmal tränenden Auges die überaus mageren Wahlergebnisse seines „Blocks" i>n diesen Bezirken betrachtet, daß die nord rassischen Kernlünder für deutschvölkisches Wesen so gut wie gar kein Verständnis haben. Da sind die Bayern doch ganz andere Kerle! Fast ein Viertel! aller völkischen Wühlerstimmen wurde in Bayern ausgebracht, Sooraus, nach völkischer Theorie, geschlossen werden müßte, daß das Hitler-Paradies auch in rassischer Hinsicht sehr germanisch ist. Wir klopfen in unserer Ratlosigkeit Wiedel bei Dr. Hans Günther, dem völkischen Rassensachverständigen, an. Aus den Seiten 174 bis 176 der „Rassenkunde" erzählt Dr. Günther allerlei, was für Herrn Wulle geradezu niederschmetternd klingen muß. Wie, dieses völkische Musterländle — -dem Benehmen am 4. Mai nach — ein rassischer Bastard? Rach Güntherscher Darstellung dominiert in Bayern — es kann hier nur kurz skizziert werden —-die „o st i s ch e" (alpine) und die „d i n a r i s ch e" Rasse. (Wir zitieren lediglich, ohne Herrn Günthers Thesen in Ehrfurcht zu preisen.) Auch Herr Hitler hat keinen Anlaß, diese Rassenkunde in Musik zu, setzen, denn aus Seite 153 heißt es: „Als Wesenskern der o st i scheu Veranlagung ergeben sich zwei Eigenschaften: mi ttelmäßig und unedel." (Auch in dem Buche gesperrt.) Und die d v n a r i s che Rasse? Dr. Günther kennzeichnet sie auf Seite 159 seines berühmten Werkes also: „Der di na rischen Rasse scheint (!!) kriegerische Neigung und Tüchtigkeit eigen zu sein wie der nordis chen, e i ne g e w i s s e h ä n d l e r i s ch e u n d kaufmännische Begabung fällt den Beobachtern ans." Also d i e völkische Rassenautorität über die rassischen Eigenschaften der (einstweilen!) treuesten Söhne Wotan-Wulles. .Die N i e d e r s a ch s e n können der Partei L u d e ndor s f - Graefe noch so sehr den Rücken kehren, sie sind nun mal die verhätschelten Lieblingskinder. Den Bayern nützt alles Wohlverhalten nichts, sie bleiben ostisch „mittelmäßig und unedel" beziehungsweise dinarische Krämerseelen. — Selbst wenn man die bayerischen Wahlkreise im einzelnen betrachtet, kommt man zu ganz seltsamen Ergebnissen. Dr. Günther sagt (S. 175): „Die Rordgrenze vorwiegender O straffe in Bayern wäre demnach so zu beschreiben: gegen Osten der Böhmerwold, dann anschließend der Bayerische Wald bis etwa zum Regen, von da zum Fränkischen Jura, den Jura entlang nach Norden und mit ihm sich -wieder nach Süden wendend zur württembergischen Grenze." Im wesentlichen spricht Dr. Günther hier also vom 24. Wahlkreis Oberbayern- Schwaben. Hier hat der Völkische Block 164 564 Stimmen erhalten, also beinahe drei Abgeordnete, eine selbst bei Berücksichtigung des mitgezühlten München recht hohe Ziffer. (Gesamtzahl der gültigen Stimmzettel des Kreises: 956 952.) Der Wahlkreis a l so, der Herrn W u l l e a m b e st e n i nt g auzen Reich e bedient hat, i st n a ch r a s s i scher V e r a n - l a g u n g „w i t t e l m ü ß i g u n d u n e d e l", also kaum besonders für Walhall prädestiniert. Hitlers Sendlinge konnten sich vier Jahre lang in ganz Bayern ungestört au stoben, und „das ganze bayerische Unterfranken gehört der mitteldeutschen Stufe eben noch vorwiegender nordischere Züge an" — sagt Dr. Günther. Und gerade dieses „nordische" Bayern hat Herrn Wulle relativ schlecht bedient! Es ist nicht zuviel gesagt, wenn man konstatiert, daß eine Partei, für die die.Rasse das Primäre ist, durch solche Feststellungen einfach der Lächerlichkeit preisgegeben sein müßte. Aber Gott sei Dank baut sich die politische Weisheit des deutschen Volkes ja Nicht — am allerwenigsten in solcher Zeit! — auf# Rassenkunde aus. Wir alle, die Herr Wulle „undeutsch" nennt (ob jüdischer Eltern oder semitischer Urgroßmutter wegen), akzeptierten jedenfalls gern die „Moral von der Geschichb", daß der „rassisch wertvollste" deutsche Stamm, der be s o u n e u e N i ed e r s a ch s e, für völkische Schlagworte am allerwenigsten empfänglich ist. An der Waterkant w e st l i ch d e r Elbe g i b t e s nie u n d n i m m e r Hi tker-Fasching. Zwischenruf aus dem den t s ch n a t i o n a l e n Siegerzelt: „Aber wir haben doch auch in Nordwestdeutschland großen Stimmenzuwachs zu verzeichnen, wir völkischen Deutschnationalen!" Gewiß doch . . . Etwa wegen der „völkischen" Turnerei? Und überhaupt: auch die D e iu t s chnationale u sind doch „v e r j u d e t" —- sagen die Herren v. Graese und Wulle, die es, als -ehemalige deutschnationale Abgeordnete und als völkische Torwächter, doch wohl an: besten wissen müssen. K l u ck o. ... Die Vorfälle im Zulöaer Schloßgarten. : KeinJud ei ft beteiligt. Der Berliner „Reichsbote" brachte in seiner Nummer 113 vom 2. Mai 1924 unter dem Titel „E m pörender Vorfall" folgende Zuschrift: „Auf einer Wanderung mit der mir anvertrauten Jugend begriffen,, besuchten wir letzten Sonntag nachmittag gegen 5 Uhr den Schloßgarten zu Fulda. Wie schon des öfterenbei solchen Gelegenheiten ließ ich die Kinder ein geistliches Volkslied singen. Das junge Grün der Bäume und Sträuchen und die zarten Kinderstimmen vereinigten sich zu einer erhebenden Symphonie, und andachtsvoll lauschten die Vorübergehenden; ja es fehlte nicht an stummem und beredtem Dank. Als wir dann etwa dreihundert Schritte weitergegangen waren, kennende i n i g e j u n g e Jude n aus uns zu. Einer schwang seinen (Lpazierstock über mir und fragte mich unter dem Hohngelächter fter anderen-: „Bist du Jesus Christus?" „Sie sind wohl betrunken" — „Kinder, weitergehen!" war alles, was ich sagte. Da rief ein anderer der jungen Al den: „Den Jesus Christus haben wir ja ans Kreuz geschlagen", und lebhaft stimmten dem die übrigen zu. Daraus rief mir der, der zuerst mich angeredet hatte, nach: „Du bist der „Reserve-Jesus Christus", und seine Begleiter wiederholten: „Reserve-Jesus Christus", vor Lachen bald berstend. Leider war kein Polizeibeamter zur Stelle, der die Namen der Herren hätte seststellen können. gez. Emil H o ff man n, Pfar re r zu G un dhe>lm (Post Elm)." Diese Nachricht wurde auch von Fuldaer Zeitungen übernommen, und der Vorstand der Israelitischen Gemeinde i it F u l d a sagte in einer Erklärung, er halte es für ausgeschlossen, daß die Täter Juden gewesen seien. Er verurteile das Verhalten der jungen Leute aus das entschiedenste. Am 9. Mai gab die .„F u l d ae r Zeitung" in ihrer Nr. 109 folgenden Bericht der Polizei bekannt: „Die hiesige Kriminailpolizei hat einwandfrei sestgestellt, daß die an dem vom „Reichsboten" in Nr. 113 vom 2. Mai 1924 wiedergegebenen Vorfall im Schloßgarten Beteiligten nicht dem; ü d i s ch e n B e k e n n t n i s a n g e h ö r e n. Als Täter kommen in Frage: Arbeiter Richard Roth, 26 Jahre alt; Schuhmacher Joseph Kreß, 24 Jahre a,lt; Hausbursche Anton Zeitz, 23 Jahre alt; Arbeiter Theodor Schäfer, 24 Jahre alt." Wir haben wieder einmal einen solchen Einzelfall wiedergegeben, damit an ihm studiert werden kann, insbesondere von gerecht denkender christlicher Seite, in wie leichtfertiger Weise dauernd das Judentum beschuldigt und beschimpft wird.. Die dem Zentrum nahestehende „Fuldaer Zeitung" schreibt: „Warum der evangelische Geistliche in den Tätern ohne genauen Anhaltspunkt Juden zu erkennen glaubte, muß er schon um desfentwillen klarstellen, weil er sich der Tragweite einer solche n Beschuldigung im Zeitalter der völkischen Bewegung doch wohl bewußt ist." Herr Pfarrer Ho ff mann hat nunmehr das Wort. .. ... Dr. Meier hllöesheimee zum Gruß. ft Z u m 1 5. M a i 1 9 2 4. -ck?. Freund Hildesheimer begeht am 15. Mai d. I. das Fest seines 60. Geburtstages. Seit langen Jahren gehört er zu den e i f r i g st e n Mitarbeitern an unserem Werk. Wir haben ihm viel zu verdanken.- Eine Ehrfurcht geb>ietende Persönlichkeit, seltene Herzlichkeit, ernste, religiöse Tiefe, die Innerlichkeit eines gefestigten Menschenverbunden mit vornehmsten Lebensformen ließen uns stets zu -ihm -als einem edlen Vorbild ausblicken. In manchen schweren Entscheidungen hat sein Wort die Meinungen geklärt und die Herzen durchleuchtet. Die Ansprache zum Gedächtnis von Eugen Fuchs werden die Höver nicht vergessen. Unser Glückwunsch muß deshalb besonders herzlich und innig sein. Gott schütze und behüte unfern Meier Hildesheimer; er erhjalte uns ihn noch viele Jahrzehnte! - L. H.

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