Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 20 (15.5.1924)
- Date
- 1924-05-15
- Page
- Seite 283 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Seesen ein, schluq ebenso von ungefährder Zionismus anfänglich in Köln, hernach in Berlin sein Hauptquartier au. Eine starke, planvolle, offene Abwehr, die jemals den Angriff des Judenhasses auffangen wollte, wurde unter uns, sonst nirgends geliefert. Kam die Alliance ifraölite universelle bei Judenverfolgung, bei Schaffung eines Schulwerks auf dem Balkan, im Orient ursprünglich zuvor, so verstand der Hilfsverein der deutschen Juden allmählich den Vorsprung aufzuholen. Schon reckte den Gipfel feines Schulwesens das Technikum zu Haifa unüberbietbar in die Lüfte. Was endlich gar die Wissenschaft des Judentums darstellt, ist so gut wie allein unferErzeugnis, Grundx iß und Ausbau, Plan und Vollendung. Kein Zufall befähigte Leopold Zunz, den Ruhm ihres Schöpfers, den Kränz ihres Altmeisters zu erringen. Er legte den Grund. Er führte die Wände, die Kammern auf. Er fügte daS Dach. Ausbau und Schmuck überlieh er den Jüngern. So entsprach er mit Fug für sein Gebiet etwa einem Boeckh, wie einem N e a n d e r und S ch l e i e r m a ch e r Abraham Geiger, einem Savignh Zacharias Frankel, einem Nieb u h r und Ranke Heinrich G r a e tz zu vergleichen wäre. Durch die W i s s e n s ch a f t D e u t s ch l a n d s, die für den Bereich von Natur und Geschichte aller Welt voranschritt, g e s ch u l t, befruchtet und überwacht, gedieh unsere Forschung, maßgeblich sür ' die I u d e n h e i t. Zu dem jlli d i stch - theologischen S em i n u r, das in Breslau entstand, blickten alle Rabbinerbildungsanstalten der Welt, sofern sie den Geist der Wissenschaft atmen, wie Töchter zu einer Mutter auf. Nach feinem Muster wurden sie geregelt. Seine Schüler wurden ihre Lehrer und Leiter. Daß dies alles gewesen Denk/ an iHe VtetteljafjttSeiteäget tft, bedarf keiner längeren Begründung. Was Deutschland erdrosselt, legt uns Juden die Schlinge um den Hals. Seine staatliche Ohnmacht verbietet uns, welcher Judenschaft es immer sei, uns als Vormund, Berater und Freund zu empfehlen. Unser Wissen und Forschen mußte dasselbe Uebel benagen, das die Wurzeln der deutschen Gelehrsamkeit unheilbar vergiftete. Der Mangel an Nachwuchs, dem kein seliges Schwärmen verargen darf, daß er bei der Berufswahl sich nicht aufs Verhungern einstellen mag, das Unvermögen, weltabgeschieden und sorgenfrei am Schreibtisch zu sitzen, die Schwierigkeit zu drucken, einen Verleger, hernach zahlungskräftige Leser zu finden, der A b s ch l u ß v o m Ausland, dessen Fortschritt nicht mehr verfolgt werden kann — dergleichen und mehr drückte auf uns mit der nämlichen Wucht und zeitigte die Folge: wie der Zionismus feine Leitung nach London verlegen mußte, so wird die jüdifche Wissenschaft vielleicht^in New dork, unter Umstünden in Jerusalem ihre neue Zuflucht und Pflanzstätte suchen. .Wir müssen uns bescheiden, in den Kreis willfähriger Mitarbeit, selbstloser Aushilfe, aus Licht in Schatten zurücktreten. Unsere j ü o i s ch - w i s s e n f ch a s t l i ch e Weltgeltung ist beendet. Sie siel als Opfer der gleichen Walstatt und Niederlage, auf denen sich Deutschland verblutete. Die Kostenrechnung ist aufgemacht, die unser d e u t s ch e s Judentum, da die „Oberleitung unseres Volkes" mangels ihres Daseins für eine Begleichung nicht aufkommen wird, beim Friedensausschuß von Versailles einreichen könnte. Es steht zu besorgen, daß auch er Empfang und Bezahlung verweigern wird. Darum erwächst sür jeden von uns zweierlei: ein Hören der Frage, die warnend, beschwörend, geüieterisch sich vor uns aufreckt, um ihre Antwort, die Dauer des deutschen Judentums, in kühnem Entschluß, in opferwilliger Leistung zu finden — sodann die Erkenntnis der tiefen .S ch i ck s a l s v e r b u n d e n h e i t, d i e u n s e r e S t e l l u n g mit Deutschlands Gedeih und Verderb verknüpft, durch keine Gefühlsbetontheit erkünstelt, eine Tats a ch e, die. n i ch t W i n d e n n o ch D r e h e n beseitigen kann. Daß^auch rhr unser Wollen entsprechen muß, zielbewußtes, markiges Handeln, ist eine Selbstverständlichkeit, so sittlichem Zwange gehorchend und treu, daß die blöde Verleumdung von den „Weisen in Zion" kläglich verstummt. Es gilt doppelte Arbeit, um.auszugleichen, was Deutschland' mi t i h m s e i n I u d en t u m durch den F r i e d e n von Versailles verlor. Das Sachverstänüigen-Eutachten. Wem nutzt es? Nach völkischen Lärmtrompeten sind ja die Juden an allem, was über Deutschland hereingebrochen ist, nicht nur schuld, sondern verstehen noch aus all den Giftblüten des Unglücks ihren Honig zu säugen. Die gesamte S a ch v e r ständig e n a r b e i t ist, so wollen es die Völkischen, nichts weiter als der Schlußstein des Werkes, Deutschland „dem jüdisch-internationalen Kapital ans Schächtmesser zu liefern". Da selbst solch blühender Blödsinn Gläubige findet, stellen wir im folgenden 3 w e i b e z e i ch n ende Z e i t u n g s m e l d u n g e n nebeneinander, die jedem, der noch eine Spur guten Wi llens ausweist, unwiderleglich dar tun, wie er solche Ta t a r e n na ch rlichten einzuschätze n ha f. Die Berliner „N eueZeitu n g" Die Pariser Zeitung „läbre- Paldeut schsozial) Nr. 95 vom 10. Mai:! rote" (chauvinistisch - judengegne- AuS dem Aufsatz „Dcutschlantz als! rijchi vom 2. Mai: Zinssklave Amerikas":! „In der Zusammensetzung Des Ans dem Bericht des „Ver- Ausschusses für die Goldnotenbauk, liner Lokalanzeigers" „geht deut-! bestehend' aus Dr. Schacht, Sir lich hervor, daß die (infolge des, Robert Kiudersley und Lazard, SachverständigenberichtesvonAme-! erscheint die d e u t s ch j ü d i s ch c rifci zu begebende) Anleihe nur be- Verschwörung auf der Grundlage zweckt, uns zugunsten der! des Eingreifens der internatiojüdisch e n B a n k e n de r! na len Finanz. Alles das wird ein- F e i n d b u n d st a a t e n das Fell! fach hingenommen wie ein Brief über die Ohren zu ziehen . . I von der Post." Also bei den Deutschsozialen ist der Sachverständigenbericht jüdisch zugunsten der Feindbundjuden, bei den französischen Judengegnern jüdisch Zugunsten der deutschen Juden. Folglich . . . beide Be h a u p t it ngen s 'i n d 11 n s i n n. Einkehr1 D i e „G r o ß d e u t s ch e Zeitung" mahnt z u r S e l b st b e s i n n u n g. Der Ausgang der Wahlen am 4. Mai hat die führenden völki-' scheu Kreise stark ernüchtert. Insbesondere hat die Tatsache, daß, gemessen an den Landtagswahlen, in Bayern bei den Reichstags- Wahlen ein merkbarer Rückgang der völkischen Stimmen zu verzeichnen ist, jeden Sieges jubel 'beträchtlich niedergedrückt. In einem ausführlichen Aufsatze nach der Wahlschlacht sagt die „G roßdeutsche Zeitung" vom 7. Mai (80. Ausgabe), die als Hitlers Münchener Leibblatt anzusprechen ist, folgendes: „Der deutliche Rückgang der völkischen Stimmenzahl vor allem im südlichen Bayern beweist, wie recht wir hatten, wenn wir nach dem 6. April vor allem Triumphgeschrei warnten. Die völkische Bewegung ist noch im Gären begriffen, weil sie jung ist, weil in ihr sich das junge, hoffnungsfrohe Deutschland zusammengesunden hat, das aus sich heraus, unter Abkehr von allem Verknöcherten und Pedantischen, ein neues, organisch gegliedertes Großdeutschland ausbauen will. Das aber ist ohne sittliche Gedanken u n m ö g l i ch. Wenig erfreuliche Beobachsungen und Erfahrungen zwischen dem 6. April und dem 4. Mai m ahne n z itr Selb st besi n n u n g u n> Zur Selbstkritik. Dazu sind wir um so mehr berechtigt, als schon General Ludendorfs seine warnende Stimme erhoben hat. . Es ist endlich einmal an der Zeit, daß gewisse Kreise sich bewußt werden, daß nie und nimmer die völkische Bewegung zum Siege führen kann, wenn das Maulheldentum nicht zu rück gedrängt und ausgeschaltet wird, wenn die Reinheit des völkischen Gedankens -weiterhin durch da und dort sich' nach oben drängende niedere Instinkte geschändet wird. Die Erhebung von 1813 wäre nie ohne tiefen sittlichen Kern, ohne Selbstdisziplin, Opfermut und Entsagung zustande gekommen. Der sittliche Kern jeder geistigen Bewegung ist das Sieghaste an ihm. Wir können andere nicht mit gutem Gewissen und mit vollem Recht bekämpfen, wenn wir ihnen nicht zugleich sittlich überlegen sind! Wo der sittliche Kern in einer Sache fehlt, da fehlt auch der Opfer in u t, und wo der Opfermut fehlt, da fehlt die Stotzkraf t." Es wäre um das deutsche Vaterland weit besser bestellt, wenn die Völkischen mit sittlichen Gedanken an ihre Aufklärung^ arbeiten Herangehen würden. Wir haben keinen Zweifel, daß manche unter den Völkischen so denken. Solange aber die große Masse der Völkischen und vor allem ihre Führer ihre völkische Tätigkeit im wesentlichen darin sehen, aus die deutschen Juden ohne jeden Unterschied allgemein loszuschlagen, solange sie mit Flugblättern und Flugschriften, deren Inhalt in den meisten Fällen der . Wahrheit nicht entspricht, gegen das deutsche Judentum arbeiten, solange sie Anhänger Zählen, die, durch die völkische Agitation ausgestachelt, sich zu Ueberfällen,' ja Zu Mordtaten deutscher Juden hinreißen lassen — so lange werden sie nicht beanspruchen können, als eine Partei von sittlicher Verantwortung an- ' gesehen zu werden.