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Central-Verein-Zeitung · 1924-05-15 · 20 (15.5.1924) · p. Seite 282

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
20 (15.5.1924)
Date
1924-05-15
Page
Seite 282 (sequence 2)
Language
German
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unmöglich Machten, sie seien die Träger,, die beauftragten o e n b 6 o t c it des Deuts eh L u m s. Hier und dvrt waren sie außerstande, in den Wandel ihrer Umgebung sich hineinzufinden, die,^ wie bald hervortrat, ihrem Wirtschastsgeist glänzende Möglichkeitelt, das ertragreichste Arbeitsfeld verbürgte. Sie fluteten dort hin, wohin Sprache, Bildung und Sitte, wohin Heimatgefühl mib Staatsbewußtfein sie zogen. Jedoch ihre Rückkunft, aufs große besehen, war für die Wunde, die uns mit Deutschland verstümmelte, ein so schwächlicher Balsam wie der Zustrom der Ostjnden, der mittlerweile unsere Gemeinden auffüüen half. Der letztere rückt unter manchem Gesichtspunkt sozusagen ins Zwielicht. Erstens ist fraglich, ob er bei uns verharrt, nicht Deutschland als Brücke, als einstweiligen Hafen benutzt. Sodann dürfte die erste Schicht, bis sie einigermaßen heimisch und anpasiungssähig wurde, mehr eine Belastung als eine Bereicherung fein, oft Wasser ans die Mühlen des Judenhasses. Drittens braucht unser Judentum auch dem zwecken Geschlecht, das bei uns auftvuchs, nicht am Herzen zu liegen, in Häusern erzogen, die den Uebergang von den einstigen Bindungen zu den unseren nicht gleich entdeckten. Was aber den höchst erfreulichen Zuwachs an Inden angeht, besser gesagt ihren Rückgewinn, gegen die das Gefieder des weißen Adlers, seinen Fittich über Eroberten: schwingend, sich argwöhnisch sträubt, so trübt eines unsere Genugtuung: der Krastquell, der ihrer Heimat entsprudelte, wird langsam verschüttet: sie alle, von spärlichen abgesehen, sickern in die Oede der Reichshauptstadt, die sie auftaugt oder spurlos verdunsten läßt. Der Posen er Jude ivou den Oberschlesiern gilt ähnliches, die, räumlich gedrängt, unfehlbar einer den anderen kannten und nach außen wie eine Familie erschienen), der Posener Jude, um von ihm bloß zu sprechen, besaß sein c P r a g u n g. Er hatte seinen eigenen Wuchs, der zu ihm gehörte. Seine Haltung, seine Stellung zu Menschen und Dingen mußte nicht unbedingt gefallen. Doch ein jüdischer Fundus stattete ihn an8, ihm Mitgegeben von der jahrhundertealten Kultur. die unsichtbar, aber greis- und fühlbar die Luft der kleinsten Gemeinde durchwehte. Kein Bezirk der deutschen Judenheit hat ihr so viel an Geist und Führertum anfsrischend vermacht, von dem Anhaltiner Winkel geschwiegen, der das Viergestirn M o s e s Mendel s s o h n , Ludwig P h i l i p p f o n , Ehajim Steinthat und Hermann C o h e n an unserem Himmel aufstrahlen ließ. Ein Mann wie G r a e tz, der mit Herzblut unsere Geschichte schrieb, ist im Posenschen unverfälscht zu Hause. Es ist unvorstellbar, ist ausgeschlossen, daß B e r l i n , die Weltstadt mit ihren zentrifugalen Tendenzen, ihrer Gleichmacherei, d i e Eigena r t il n s e r e r R ü ck w a nDcvc r schützt, nachdem es deren überwiegende Mehrzahl nunmehr beherbergt. Seit langem, trotz der Abertausende, die es umfaßt, ein jüdischer Schwerpunkt ohne Richtung mrd Leistung, wird es den Posener, den Oberschlesier amalgamieren. Ihre, Heimatfarbe wird in. Bälde verblaßt und abgeblüht fein. Ihr jüdisches Erbe, das rnitgebracht wird, wird verflacht, verzettelt, verloren werden. Wer vom Judentum weiß, ihm darum voll Liebe und Achtung geneigt, daß der Warenhausgrrrndsatz: „Die Masse macht es" ihm allezeit fremd war, wird unseren Rückgang an Zahl ttnb Stärke leichter verschmerzen als diese Verarmung, dies. Abhandenkommen von Tönung und Reiz, das zu unserem Schaden sich, wo es auch sei, auswirken muß. So wurde für uns im Verfolg des Friedens der Leidige Zug in Groß- und Weltstadt, der in der Neuzeit nufer Judentum schwächt, zerstückelt und auslöst, unabsehbar gefördert. Dabei deutet die Zeit, sin deren Rahmen wir eingespannt sind, die Krise, die Deutschlands Bestand erschüttert, mit Macht darauf hin, wie jedes Stück unseres Daseins, jede Krastanspannung, die in uns schlummert, jedes Leistungsvermögen benötigt wird, um uns zu bchanpten. Es leuchtet ein (darum sieht dieser ganze Zusammenhang, der ausschließlich behandeln und klären möchte, wie wir Inden als solche-Versailles betrachten, bewußt davon ab), es leuchtet ein, daß jeder von uns die h e i (l o f c Z e r r ü t t u n g d e r d e u t s ch e n W i r t - s ch a s t, bevor ihre W ä h r it n g gefestigt mürbe, erlitt und m 111 r u g. wrotz der scheinbaren Aufblähung inrferes Durchschnitts, den inzwischen die Verknappung des Geldmarkts desto tiefer herabzog, bewirkte die Teurung, Voraussicht und Plan verspottend, für unsere Gesamtheit, ihre Einrichtungen, deren Pfleger und Diener höchst eigene Nöte. Unser deutsches Judentum stand immer auf sich. Es wurde von Staats w egen , als man seinen B e k c n n e r n ihr B ü r g e r r e ch t nicht länger v o r z u e n t h alten der -- .m o ch t e , n a ch w i e v o r g e d n l d e t. Aber alle Stellen, Maßnahmen, Bemühungen, die durch Gottesdienst, Schule oder Wohlfahrt notwendig wurdmz warm uns überlassen, ihre Gründung so gut wie ihr Unterhalt. Jede öffentliche Anstatt, ob sie Waisen erzog, ob sie Arme und Sieche nnterhielt, dnrchtränkte der Geist des Christentums. Unsere Lehrer bildete keines der Seminare, unsere Rabbiner keine Fakultät einer deutschen Hochschule für unsere Zwecke und AuMben ans. Von Bevormundung frei, die unsere Entwicklung dankenswert nicht beeinträchtigen durfte, blieb das Ganze unserer Ge-meiden uns überantwortet, so jetzt wie früher anheimgestellt, nur ausnahmsweise und vorübergehend in letzter Stunde durch ein paar Staatsznschüffe gestützt.' Was Wunder, daß nunmehr das Gebäude des deutschen Judentums in der l Grundlage wankt, in den Fugen knistert, in den Mauern . kracht! Das Kunststück mißlang, einen Jahrestzanshalt so zu entwerfen, seine Anforderungen so zu bestreiken und e.inzuziehen, daß der: tägliche Wechsel mib Fall der Mark einen Gleichschritt erlaubte. - Deshalb brachen die Kleingemeinden zusammen. Mit ihrem Beamten, der zum Bettler und -Hungerleider herabsank, mn des Brotes willen zum Nebenerwerb, zum; Berufswechsel flüchtete, ging der Unterricht der Jugend, die Regelmäßigkeit der Andacht) die Führung des jüdischen- Hans- 1 Haltes ein. Der nämliche Abgrund verschlang Krankenanstalten, Waisenhäuser und Altersheime, soweit ihren Sturz . kein mitleidsvoller Dollar verzögerte. Es war ein Verhängnis, das in den Strudel, der sie Hinabriß, auch die Geist e s st ä t t e n h i n e i n f ch l e u d e r t e. Don den sechs Lehrerseminaren, die einmal bestanden, f ch l o s s e n K aff e l, H a n novo r und M ü n st e r bereits ihre Pforten;; B e r l i n schickt sich gleichfalls dazu an: nur noch Köln und W ü r z b u r g, wie die d r e i theologische n B i l d u n g sst ä t t e n in B e r l i n und B r e s l a u erhalten sich m ü h - s a m auf den Beinen. Zweifellos i st n n s e r e I n denheit, z u spät der Gesa h r d u n g inne geworden, die den Lebensnerv ihrer Geistigkeit dnrchfrißt und zerschneidet, von einer gewissen Saumseligkeit nicht sreizusprechen^ Ihr Gewiffen erwachte, ihr heißes Veräntwortlichkeitsgefühl schlug erst, als es beinahe zu spät war, empor. Zu lange gebrachen' ihr Ernst und Einsicht, die nüchterne Angst, was ans ihrer Zukunft zu werden bestimmt ist, wenn geistige -Führer voranfchreiten, die aus fremder Gewöhnung. Bildung und Art geholt werden muffen, um alls Katheder und Kanzel zu lehren. Aber hatte die Sammlung, für die ringsum Aufruf und Werbung geschahen,; beizeiten eingesetzt, hätte sie die schönsten, dauerhasteften; Früchte gebracht ohne Schwarzfeherei ist die Erwägung statthaft und triftig, ob mit einiger Aussicht jener Deutschland | aufgezwungene Friede, unferm Eigensten drohend, überhanpt ' eine Abwehr, einen Ausgleich ermöglicht. Was hierbei auf dem Spiel steht, wird jedoch mit dem : Druck feiner Schicksalsschwere nicht erst die belasten, die ans uns folgen. Seinen Schatten wirft es beklemmend voraus, der uns verhüllt. Er senkt ins Bewußtsein: d a s 1 0. I a h r - hundert s a h unsauber Spitze der I u b e n h e 11-; u rtfer Amt i st vorbei, die Stunde, die uns die Vorsehung schenkte, unwiederholbar abgelaufen. Wer die jüdische Geschichte auch mir oberflächlich beherrscht, ist darin bewandert, daß keineswegs das Heilige Land allein ihren Mittelpunkt bildete, um den sie kreiste, solange die Masse unseres Volles dortselbst verweilte. Im Gegenteil, nicht eben lange nach Christi Geburt, spätestens im Verlauf des 4. Jahrhunderts, verließ das Schwergewicht der jüdischen Dinge endgültig den Jordan, um sich an den Euphrat zu verschieben. Palästina verschwand hinter Babylon, bis um das Jahr IWü eine zweite Verlegung die lachenden Fluren der PyrenäenhalbinseL beglückte. Spaniens glolle war mit dem sinkenden Mittelalter für uns äusgespielt. eie wurde von Polen ausgegriffen und weitergeführt, das bis an die Schwelle der neuesten Zeit den Vordergrund einnahm. D a s l e tz t e I a h r h u n d e 11 h o o u n f e r d e n t s ch e s I u d e n i um a u f d e n S ch i l d de t j ü d i s ch e n Geschichte. Alles Mißverstehen im Keim zu ersticken, sei die Führerstellung. der wechselnde Vorgang, der den einzelnen Ländern der Reihe nach zngesproche'n wurde, dahin erläutert, daß sie sich niemals auf staatlichen Einfluß, eindeutig und rein auf geistige Wirkung und Anziehung warfen! Unser Beispiel wird, was da gemeint ist, am klarsten belegen. Jede Strömung von 1800 ab, die das Bett der Judenheit antrieb. beschleunigte, ablenkte und umgrub, entsprang bei uns. Mre Quelle wurde von uns gegraben. Wir gaben dem Klang', der die jüdischen Stimmen aus Erden einte, den Ton, die Weife, das Zeitmaß an. Wie zu Beginn die religiöse Reform von uns ausging, so nicht minder' am Schluß des Jahrhunderts ihr Gegenspiel, die Bewegung des Nationaljüdentmns. Richtete Israel Jakobson eine erste geordnete Andacht mit'Predigt, Lrgel und Ehörgesang in

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