Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 19 (8.5.1924)
- Date
- 1924-05-08
- Page
- Seite 268 (sequence 4)
- Language
- German
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268 C in Brie f Pros e s sor 8 Goldstei n (T a r in st a d t). Jis der Ortsgruppe Oldenburg des Central-Vereins sprach kürzlich -Professor Julius Goldstein sTarmsladt) über „Nasse und Nation". Der Vortrags bericht, den die „Oldeuburgischen Nachrichten für Madt und Land" brachten, regte Herrn Professor H. W e m p e zu einer Betrachtung im gleichen Blatte (Montag, -8. April 1024) an. die fachende Gedankengänge enthielt: „Die Erklärung Golbsteins von „Basse" als einer Masse van Meulchen, die gemeinsame vererbliche physische R kerlmale besitzen, kann als erschöpfend nicht anerkannt werden. da jeder Rasse auch destinunte geistige i)Jitnliunlc anyaslen. die vielleicht aus der p l) y s i s eh e n Beschaffentzeit abz ul eiten sind. Unter „Ration" versteht Professor Galdstein die Masse der Acenschen, die unter gleicher kultureller Schicksalsgemeinschaft leben. Bei den sehr umfassend eil Beweismitleln für diese Auffassung fehlte jedoch die Religio;!, der b e st i in;n e n d e Teil, die Seele jeder Kultur. Religivnsl 0 s e -S\ u l i 31 r i st u 11 d e n f b a r. Ist es nun dem Juden möglich und erlaubt, unter Befolgung feiner religiösen Grundgesetze voll und ganz in deutscher Rultnr anfzngehen und deutschnativnat zu empfinden t <coii nicht nach dem Mort der Schrift der Jude ein I r e m d - l i u g kein in dem verheißenen Lande? (fine große Zahl hervorragender Juden hat auf Kongressen usw. scharf zum Ausdruck gebracht. daß die Juden, immer und überall Juden blieben und, obwohl gesetzestreue (deutsche) Staatsbürger, niemals imstande seien, (deutsch-) national zu empfinden, unfähig z. B. ein deutsches Volkslied im Gemüt zu erleben. Sind auch diejenigen Vorschriften des Talmud, die den Inden gegen die Völler, unter denen sie leben, eine Kampfstellung und ein Verhalten anbefehlen, das nach dj r i st l i ch e r M 0 rat a b s 0 l u t u n z u l ä s s i g i st, für das moderne Judentum als Gesetz und Richtschnur bindend? — Ans alle diese Tragen ist weder von Herrn Professor Goldstein noch von Landesrabbiner Tr. de Haas eine befriedigende Antwort erteilt worden. Es iväre daher erwünscht, daß der dentral-Berein, einen hervorragenden jüdischen Gelehrten über diese Trage sprechen läßt und daß sich an der Aussprache auch die evangelische und die katholische Geistlichkeit beteiligen." Ans diese Ausführungen richtet Professor Dr. Goldstein folgenden Brief an Professor Wempe: Sehr geehrter Herr P r 0 f e s s 0 r W cntpe!. Bk haben in der zweiten Beilage zu Nr. 115 der „Nachrichten für ^tadt und Land" (28. April 1924) noch. einmal jene Tragen erweiternd wiederholt, die Sie die Güte hatten, nach meinem Vortrag über „Rasse und Ration" an mich zu richten. Ich hoffe, die Ol denb it r g e r O r t s g r u ppe des C e n t r a l - V e r e i n s noird gerne Ihrer Anregung solgeirnnw über das mit Ihren Fragen ziisammenyängende Thema einen sachverständigen sprechen lassen. Aber inzwischen gestatten Sie mir, in der leider notwendigen Kürze, Ihre Fragen vorläufig zu beantworten. 1. Me find der Ansicht, daß außer gemeinsamen körperlichen Eigenschaften „auch gewisse geistige Merkmale", die vielleicht ans der Physischen Beschaffenheit abznleiten sind, jeder Rasse zu eigen sind". Das ist möglich — aber die Anthropologie kann bis heute noch keine besondere geistigen Merkmale seststellen, die n n r 11 n d a n s - s ch k i e ß N ch einer R a s s e als einer bi 0 l 0 gif ch u m s ch riebe n e n E i n h e i t angehören. Bei den Kulturvölkern der w e i ß e n R a s s e — und nur um diese handelt es sich hier — lassen sich bei geistigen Merkmalen das Angeborene und das Erworbene, das abstammnngsmäßig Gegebene und das kulturell Gegebene nicht scheiden.^ Tie Anthropologie wäre schon sehr weit, wenn sie auch nur imstande wäre, die konstanten physischen Merkmale der Rassen emwandfrei festzustellen. Vielleicht darf ich Sie zur iveiteren Orientierung Hinweisen ans das Kapitel: Sind Rasseneigenschaften feststellbar? in meiner Schrift „Rasse und Politik". ' ' 2. Sie finden es auffallend, daß ich in meinen Ausführungen der Religion keine Erwähnung tat. Wo immer ich über die'Judenfrage gesprochen, wurde von Gegnern hervorgehoben, daß die R e l i g i 0 n keine B e d e u t it 11 g für das P r 0 ble m habe, da die I u d e n f rage eine R n s s e n f rage sei. Ich stellte mich daher von vornherein auf diesen Standpunkt der Gegner, ob mich auch gleich die Zeit dazu zwang, das schon an sich weit gespannte Thema nicht noch mit dem religiösen Problem zu belasten. Nun, stellen Sie die Frage: „Ist es dem Inden m ö g l i ch n n d e r l a u b t, unter Befolgung s einer religio >s e n Gr u n d gesetze voll und ganz in der deutschen K u l t u r a u f z u g e h en und d e it t s chnati 0 n a l zu empfinden?" Ich kann nur rückhaltlos mit „Ja" antworten. Ich kenne keine religiösen Grundgesetze, die es mir nicht in der gleichen Weise, wie einem Protestanten und einem Katholiken erlauben sollten, in der deutschen Kultur aufzugehen. Ich wüßte auch nicht, wie ich und Tausende meiner Glaubensgenossen es anfangen sollten, nicht in deutscher Kultur aufzngehen und deutschnational zu empfinden, wir, die wir von Jugend aus d e u t s ch e S p r a ch e n n d B i l d u n g in uns ausgenommen haben, die wir wirtschaftlich und politisch deutschem Schicksal einverleibt sind, und die wir unser Leben hinbringen, den Schatz deutscher Wissenschaft und Kunst, die Leistungen deutscher Technik und Volkswirtschaft mit den Kräften unseres Geistes zu mehren und zu steigern. Mich dünkt, danach erübrigt sich die Frage, ob wir d e ü i j d) n a t i 0 n n I empfinden — wenn Sie, wie ich annehme, mit diesem Eigenschaftswort nicht ei n e P artet sondern ein überparteiliches L e b e n s g e f ü h l nieinen. Wie könnten wir anders empfinden? Mißlich ist nur, daß man Empfindungen nicht beweisen kann. Außerdem: Wein „deutsch" und „national" wirkliche Werte sind, der empfindet eine gewisse Scham, sich damit zu brüsten. Aber freilich: „deutsch" und „national" sind vieldeutige und wandlungsreiche Begriffe. Was H ö I b;cr I *i n und H itler, was B i s - m a r ck ' und C 0 n st a n t i n F r a n tz, was N i e tz s ch e und Wagner als deutsch empfanden, geht weltenweit auseinander. Und ob wir, Juden oder Christen, der Deutschen Volkspartei oder der Demokratischen Partei, dem Zentrum oder der Sozialdemokratie angehören: danach entscheidet sich, was nur in jedem besonderen Falle als „national" empfinden, weil jede Partei verschiedene W e g e z u m n atro n a l cn B e st eu eins chl ä g t. Wie sollen mm unsere, der d e n t s ch e n I n den, d e u t s ch e u n d nationale Empfindungen sein? Es gibt für Empfindungen kein Patentschema. Es gibt keine zwei Menschen mit den gleichen Empfindungen, es gibt keine Empfindung', die nicht als etwas Lebendiges in fortwährender Wandlung begriffen wäre. Ihre Frage, sehr geehrter Herr Professor, ob der Jude national und deutsch empfinden könne, kann nur heißen: Kann der Jude in gewissen Fragen ähnlich wie ich, Professor Wempe, empfinden? D er Jude kann es ebenso wenig, wie der Protestant oder der Katholik — wohl aber ein ans gleicher K l a s s e, Bit d u n g s s ch i ch t und P a r t e i g r u p P e st a m - ui eitöet deut s ch e r I u d e. Im übrigen ist das Verlangen nach geistiger Gleichheit, nach gleicher Reaktion auf die gemeinsamen Weltereignisse ein seltsames Produkt unserer Zeit. Die deutschen Großgeister empfanden gerade die Verschiedenheit seelischer R e a k t i 0 n als wertvoll. Ich setze das Hebbelsche Distichon hierher: „Wären die Menschen im Innern wie in den Gesichtern verschieden: In das reizendste Spiel löste das Leben sich ans. Aber da malt sich die Welt ans gleiche Weise in Allen Und der Wahnsinn kaum macht sie noch originell." 4. Sie erläutern Ihre Auffassung, daß der Jude nicht ausgehen könne in der deutschen Kultur mir dem Hinweis, daß „nach dem Worte der Schrift der Jude ein Fremdling sein solle in dem Lande, das ihm verheißen". Ich habe die Stelle in der wörtlichen Bibelttnfeve fitbeit ge§i weitev. Qentt au Me Viettetßafjtsbeiteäge. Übersetzung von E. Kautzsch nachgeschlagen. Sie lautet (3. Buch Moses, 25. Kap., Vers 23): „Grund und Boden darf nicht endgültig verkauft werden, denn mein ist das Land; denn Ihr seid nur Fremdlinge und Beisassen bei mir." Was hat dieser tief religiöse Gedanke, der die religiöse Wer h e der heutigenBodenresorm-- bewegung enthält, mit der Stellung des deutschen Juden zur deutschen Kultur zu tun? Bei aller engen Verbundenheit mit seiner nationalen Kulhir wurzelt tief in der Seele des goktinnigen Juden und Christen das Gefühl, ein Fremdling aus dieser Erde zu sein — es besteht eine bedeutungsreiche Spannung zwischen den innerweltlichen Werten von Nation und Kultur und denen der Religion. (Ich lveise nur auf die Schriften von Kirkegaard, Gogarten und -Troe lisch hin.) Und das Wort unseres größten deutschen Historikers Ranke besteht für Juden und Christen zu Recht: „Niemand rst lediglich ein Bürger des Gemeinwesens, dein er angehört: Das M e n s ch l i ch e e r h e b t s i ch a u s d e m Nationale n u n d über dasselbe. D a r a u s b e r u h t alle Religion, überdies auch alle Teilnahme an der Entwicklung des menschlichen Geschlechts." 5. Aus jüdischen — muß heißen zio ni stische n — Kongressen soll des öfteren zum Ausdruck gebracht worden sein, daß der Jude nicht imstande sei, national-deutsch zu empfinden. . Schon möglich, daß Juden, die nur Palästina als ihr irdisches Vaterland anerkennen, solches behaupten können Aber für die Hunderttausende deutscher Juden, die sich die heilige Liebe zu Deutschland durch keine häßlichen Verleumdungen eines engstirnigen Antisemtismus ans den Herzen reißen Lassen, trifft, wie oben ausgeführt, diese Behauptung eine r M i n 0 r i t ä t nicht zu. Und daß der Jude nie ein deutsches Volkslied im Gemüt erleben könne — mein Gott, bedarf ein solcher Doktrinarismus wirtlich einer Berichtigung, angesichts eines Felix M e n d e l s s oll) n, eines H eine oder eines Gustav M a h l e r? Wo ich in der Oede amerikanischer Kleinstädte auf Deut s ch e traf, die L 0 r e l e h des deutschen Juden Heine wurde gesungen und brachte mir und den deutschen Freunden oft genug die Tränen in die Augen. 6. Daß der verstorbene Landesrabbiner Dr. M a n n h e i m er, der, wie mir gesagt wurde, unter dem peinigenden Druck des Judenhasses, nicht frei von zionistischen Anwandlungen war, sich erst in dritter Linie als Deutscher fühlte — was beweist das? Was ein