Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 18 (1.5.1924)
- Date
- 1924-05-01
- Page
- Seite 248 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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248 Sie müssen sich unbedingt dem Willen der Jugend fügen. Wenn Sie der Jugend aber Ihre U n L e r st ü tz u n g leihen, so wird sie es dankbar anerkennen und sogar fordern. Daß ein Gegensatz bestehen muß Zwischen unseren Jugendorganisationen und den z i o n i>st is ch e n, ist selbstverständlich. Häufig genug besteht auch ein Gegensatz zu sogenannten neutralen Jugendorganisationen. Hier dürfen wir nicht, lediglich um des lieben Friedens willen, von der Gründung einer Deutsch-jüdischeu Jugendgemeins-chaft abschen oder überhaupt vor der Gründung einer Arbeitsgemeinschaft, die auf diesem Boden steht, Zurückschrecken. Gewiß: Wir sind n i ch t u n d w o l le n nicht sein eine Kampsorgnisatio n gegen neutrale In gendverbände. Mir sind uns auch bewußt, daß wertvolle Arbeit für das Judentum gerade auch von den neutralen Verbänden geleistet wurde. Aber heutigentags-, da die nationale Frage int Mittelpunkt des Denkens und des Fühlens gerade der deutschen Jugend steht, verlangt die Jugend nach Erörterung dieser Dinge; und es geht nicht, daß man einfach sagt: „Das brauchen wir hier nicht zu bespreche li." Denn die Jugend wird einerseits beeinflußt von „national-jüdischer", anderseits von antisemitischer Seite. Hier müssen wir aufklärend eingreisen und ergänzen, was der neutralen Jugendbewegung fehlt. Wir kann e n mit den neutralen Organisationen Zusammenarbeiten (d. h. wo wirklich eine große Zahl Jugendlicher vorhanden ift? die auf unserem Standpunkt der Gleichberechtigung der Juden stehen. Häufig genug aber wird unter dem Deckmantel der Neutralität eine r e i n z tont st t s ch e o d e r 'national - j ü d i s ch e Politik getrieben. Anderseits aber darf die Gründung und Förderung von Deutschjüdischen Jugendgemeinschasten niemals eine Prestigefrage sein. Niemals dürfen unnötige Konflikte herbeigesührt werden. Wo Jugendorganisationen bestehen, die sich vielleicht nur durch Fragen der Taktik, durch reine Jugendangelegenheiten von unserem Standpunkte unterscheiden, können wir mit ihnen selbstverständlich Zusammenwirken, auch ohne daß sie sich „Deutsch-jüdische IttgeNdgemeinschaft" nennen. , Jeder, der die Verhältnisse kennt, wird zugeben, daß die Arbeit, mit der Jugend ganz besonders schwierig hier in Berlin ist.' Und dennoch hat gerade in Berlin unsere Bewegung einen schnellen A u f sch w u n g g e n o m m e n. Soll diese Bewegung fortschreiten und auch im Reiche das werden, was sie hier ist, daun muß eine intensive Mitarbeit all derer einsetzen, denen wirklich dieses Problem am Herzen liegt. Wenn wir nicht jetzt aus dem Fundament, das geschaffen wurde, den Bau aufführen, dann werden lvir vielleicht für lange Zeit den A n s ch l u ß v e r s ä n m e n , ü b e r h a u p t m i L der Jugend zu arbeiten! Dann wird die Jugend von den andern, die in der Lage sind, die Jugend zu sich herüberzuziehen, in erheblichem Maße beeinflußt. Dann wird die Jugend indolent werden gegenüber dem Judentum, soweit sie nicht ins national-jüdische Fahrwasser gerät. Diese Gefahr ist eminent groß. Deswegen rufe ich Ihnen zu: Fördern Sie die Arbeit an und mit der Iu g>nb! Färber n Sie die Gründungen von I ugend - gruppe n und bauen Sie diejenigen aus, die in unserem Sinne bereits vorhanden sind! Stellen Sie die Verbindung der Jugend mit unserer Jugend zentrale in Berlin her! Sie wird Ihnen mit ihrer praktischen Arbeit helfen. U e 16 e t praktische Erfahrungen aus der Jugendarbeit sprach Korreferent Dr. Julius' C h a r i g (Hannover): Es ist leider festzustellen, daß die Führer der 'Ortsgruppen des Central-Vereins es vielfach nicht für nötig halten, sich mit den Führern der Jugendbewegung an ihrem Orte in Verbindung zu setzen. Man muß nicht darauf warten, bis die Jugend zu uns kommt — da werden wir lange warten können —, sondern die Initiative ergreifen, akckiv werden. Im Landesverband Hannover haben wir es mit. dem Erfolge getan, daß man in den Jugendorganisationen überall den Vertreter des Central-Vereins als" gerngesehenen Gast zu sich lädt. Gänzlich verfehlt wäre indessen, sich nur aus politischen Gründen, aus taktische n Erwägungen heraus an die Jugend zu wenden; die Jugend verlangt vielmehr rein Persönliche, rein me n s ch l i ch e A n t e i l n a h m e. Gewiß stößt man vielfach aus Passiven Widerstand bei der Jugend. Das liegt aber daran, daß man die P s y ch e der Jugend zu wenig kennt. Wir müssen der Jugend gegenüber einen anderen Ton anschlagen als etwa in den Ortsgruppen der Erwachsenen. Man muß auf die Aeußerlichkeiten im Verkehr mit der Jugend ganz anders achten, als das bisher der Fall war. Gewiß handelt es sich vielfach um Kleinigkeiten; aber sie erleichtern den Verkehr mit der Jugend ganz außerordentlich, und sie ist dafür überaus dankbar.- Was sich „neutrale" Jugendbewegung nennt, ist gewiß vielfach durchaus nicht Neutra l. Wir dürfen aber nicht, wie es vielfach geschieht, von vornherein diesen Verbänden mit Mißtrauen begegnen. Wir wollen keineswegs von vornherein Kampforganisationen gegen die „neutrale" Jugendbewegung fein. Wir wollen nur den Platz, der uns gebührt. Die Verhältnisse liegen übrigens in dieser Beziehung in den Großstädten anders als in den Kleinstädten. In der Kleinstadt bedeutet oft schon die G r ü n d u n g einer „deutsch-jüdischen Jugendgemeinschaft" eine Kampfansage gegenüber den anderen Verbänden, die oft gar nicht beabsichtigt ist. Anderseits müssen wir dafür sorgen, daß nicht etwa die zionistischen Jugendvereine allein das Gefechtsseld beherrschen. Wir haben es beispielsweise in Hannover erlebt, ' daß der dortige neutrale Jngendverein als „zionistisch" verschrieen war. Anderseits wiederum haben wir die Ersahrung gemacht, daß wir den Einfluß der Zionisten nicht zu sürchten haben, wenn wir nur unserseits auf dem Posten sind. - 1 Was die Bewegung der „Kameraden" betrifft, so haben wir in Hannover durchaus angenehme Erfahrungen gemacht. Ueberaus wertvoll scheint mir die A b ha l t u n g. von A u s - klär u n g s v e r s a m m lung e n unter der Jugend selber und mit der nichtjüdischen Jugend. Wir müssen der Jugend zeigen, welches unsere Ideale sind und wie es bei uns aussteht. Dann wird aus unserer Bewegung das werden, was Dr. .Holländer genannt hat „die Bewegung der deutschen Juden überh au p t"! Dann wird insbesondere auch die Jugend freudig zu uns kommen. Die jüdische Jugend Pflegt uns zu sagen: „Ihr seid nur ein Politis ch e r Verein? w i r wollen von Politik n ich t s w is sen!"; wir müssen der Jugend zeigen, daß unsere politische Arbeit nicht auf das Niveau unserer Gegner herabgesunken ist, sondern daß unsere Arbeit w e x t i ft, b a ß a u ch unsere I u g e n d h i n t e.r i h x st c h t. Heute ist noch nicht die Zeit gekommen, Jugendortsgrnppen des Central-Vereins zu gründen; dieser Zeitpunkt wird aber eintreten und auch unsere Jugend wird dann ihren Mann stehen unter den geistigen Führern, die wir an der Spitze unseres Central-Vereins sehen. Nachdem die vorgesehenen Referate sämtlich gehalten sind, wird in die Aussprache über diese eingetreten. Zur Politischen Lage erhält das Wort Rechtsanwalt Dr. Bruno Weil: Die antisemitisch-deutschvölkische Bewegung steht nicht nur im Gegensatz zum Judentum, nicht nur im Gegensatz zum Christentum, sondern, weit darüber hinaus, im Gegensatz zur g e s a m t e n westeuropäis ch e n K n l t u r. Stets ist es so gewesen, daß der Sieger sich gern auf das „Buch" beruft und daß der Besiegte zum „Schwert" greift. Daher handelt es sich bei dem Kampfe der Deutschvölkischen nicht allein darum, daß sie das Judentum überwinden wollen, sondern sie wollen alles zerstören, was lvir westeuropäische Kultur nennen, was aus der Bibel, Altem und Neuem Testament, an Ewigkeits-, an immanenten Werten in unserer Kultur vorhanden ist, um an deren Stelle das m h st i s ch t ge r m a n isch - ro m a n ti s ch e Ideal zu setzen. Die Ausbreitung der völkischen Ideen in den Massen, welche zwar einerseits von dunklen Trieben, anderseits aber doch auch von dem Gefühl für irgend etwas Ideales geleitet werden, war nur möglich auf der G r u n d l a g e u n s e r er ge g en w artige n Wirt) ch asts - fit Nation, auf dem verworrenen ökonomischen Zustand des deutschen Volkes, und namentlich infolge der Tatsache, daß große, früher! j wirtschaftlich und gesellschaftlich herrschende Schichten entthront worden sind. Es hat in dieser Beziehung eine vollkommene U m f ch i ch tun g des deutschen Volkes stattgefunden. Diese Um» fchichtung hat zweifellos auch breite Schichten des Judentums Enterbt, insbesondere die Akademiker, die Angestellten, die Festbesoldeten usw. Auf. der anderen Seite ist nicht verkennbar, daß eine gewisse zahlenmäßig kleine Schicht der deutschen Juden, uno zwar namentlich derjenigen Juden, welche der Contra l - V e r e i n n i ch t m e h r fassen kann, weil sie sich mehr und mehr seinem Einfluß e n t z i e h e n, zu denen gehört, die, wie die Landwirtschaft und Schwerindustrie, in der Nachkriegszeit ihre Substanz nicht nur erhalten, sondern teilweise sogar vermehren konnten. Dem Central-Verein ist es unmöglich, von sich ans eine R ü ck - Umschichtung dieser deutschen Juden vorzunehmen; niemand würde sich das gefallen lassen, jeder würde den Eingriff in feine wirtschaftliche Stellung zurückweisen. Gewiß dürfen wir kein Mittel sachlicher Aufklärung unversucht lassen, das auch nur die geringste Aussicht aus Erfolg hat. Abebben aber kann die antisemitische Welle — die dem Sinn der Weltgeschichte widerspricht — nur durch eine allgemeine Befried u n g Europas -und der Welt durch eine gewisse Wieder au sglei ch n n g der Vermögens-- Verhältnisse in Deutschland. An der Erreichung dieses Zieles müssen wir als deutsche Inden nach besten Kräften Mitarbeiten. —< K a n n (Erfurt) spricht über die politische Lage i n T h ü r i n g e rr. Klein (Norden) betont die Notwendigkeit Positiven!, echten Judentums. Die Jugendbewegung müsse sich wieder, wie früher, auch der sozialen Arbeit znwenden, der Fürsorge für Arme und Kranke usw.-— Dr. E ding er (Frankfurt) verlangt, daßamsere Einstellung zu den politischen Parteien nach großen Gesichtspunkten vorgenommen werde. Klein (Bayreuth) behandelt die Wahlagitation der Völkischen in Bayern und fordert, daß namentlich die akademische jüdische I n g e n d für den Kamps des Central-Vereins gewonnen werde. Nachmittagssitznng. V o r sitzender Nechtsanwal t D r. Geiger (Frankfurt)'. Zum Geschäftsbericht liegt folgender A n t x a g der Ortsgruppe Breslau vor, der sich mit der „C. V. - Z e i t ü n g" befaßt. * „Dev Delegiertentag wolle beschlichen, das; die „C. B.« Zeitung" durch eine Monatsschrift ergänzt wird, die denk Knltnrgehalt des Jndentrmrs zur Darstellung bringt geeignet ist, ein lebendiges jüdisches Bewußtsein in unseren Reihen zrr erzeugen."