Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 18 (1.5.1924)
- Date
- 1924-05-01
- Page
- Seite 247 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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durch alle Zeiten; eine Sammlung alles dessen, was Jud,entmn ist und was über Judentum gesagt und geschrieben wurde. Das Material dieses Archivs müssen wir zu wissenschaftlichen Werken, zu Flugschriften und zu Lehrbüchern verarbeiten. Wir müssen cs insbesondere stellen in den Dienst einer systematischen jüdischen Erziehung unserer Jugend. Glicht zu Unrecht wird über den jüdischen Religionsunterricht geklagt. Die Schuld' trifft nicht den Lehrer, es fehlt einfach an den: geeigneten Rüstzeug. Wir müssen dieses Rüstzeug -systematisch zusaiumcutrngen und zu einem Lehrbuch verdichten, welches uns das Judentum in seiner ganzen Bedeutung und in seiner Tiefe klarmacht. Dann werden unsere Kinder imstande sein, sich gegen die Auwürfe von -Mitschülern zu verteidigen. Dann werden sie in dem Religionsunterricht einen Zweck und ein Ziel sehen; daun Zvird der Religionsunterricht. diejenige Atmosphäre finden, die allein ihn fruchtbar macht. Diese Arbeit muß geleistet werden und jeder einzelne Jude auch sich darüber klar sein, daß heute Jude sein mehr denn je bedeutet, Kampfer sein. Wir brauchen jüdische P e r s ö n l i ch - Leiten. Denn es gibt keine wirksamere Abwehr des Judenhasses, als daß unsere Juden wirklich Juden sind. Wer in feinem Leben wahrhaft von jiidischenr Geiste erfüllt ist, wird mit feinem Tun und Lassen 'den Gegnern keineu Angriffspunkt geben. Wir brauchen die ,.jüdische Persönlichkeit" auch deshalb, weil die Belastungsprobe für das Judentum ungeheuerlich sein ward. Und wir brauchen zum dritten die jüdische Persönlichkeit, weil sich tim Judentum der Gegenwart etwas vollzieht, was von historischer Bedeutung ist, nichts anderes nämlich als e z 11 e W i e d e r g e b it r t des Judenturns. Ihr Träger ist unsere Jugend, die v o n eine m h e i ß e n , Lodernden, jüdischen- I d e a l i s m u s erfüllt i ft. Wir müssen dafür sorgen, daß die Sehnsucht unserer Jugend nach Judentum Nahrung findet; sonst dürfen wir itn». nicht wundern, wenn diese jüdische Sehnsuchtsich Ziele und Wege sucht, die uns nicht passen und unserer ehrlichen Ueberzeugung nach der Geschichte, dem Wesen und den Quellen des Judentums zuwider sind. Ich konune zu deuz Probte zu: N a t i o n a l j u d e n t zz uz it n d R cl i g i o n s j u d e n t u m. Auch dies wird beeinflußt von außerjüdischen Borgäu-gen. Ich bin der Ansicht, daß uns eine etwa kommende Rechts reg ierznzg nicht allzus-chr zu schrecken braucht. Es wird sich auch hier die alte Erfahrung beivähren, daß mau eine zlizverantworttiche Opposition nicht schneller -mundtot -uzachen kann, als wenn -man sie mit der Verantwortung behaftet. Die lzußerpolitischen Notwendigkeiten werden jeder Negierung, welcher Herkunft auch immer, das Gepräge des Handelns diktieren, wenn nicht das Chaos über uns konunen soll. Auch die Rechtsregi-erzzng Zvird die alte preußische Tradition Hochhalten znzd für Ruhe m\b Ordnung sorgen müssen. Wo aber für die Ordnung Sicherheit geboten ist, ist auch uzzser äußeres jüdisches Schicksal nicht gefährdet. Eine Gefahr für die Zukunft sehe ich nur darin, daß die Reaktion die Möglichkeit erhält, Zu argumentieren: Es geht nicht an. daß jemand erklärt: „Ich bin als Jude nicht Deutscher, verlange aber alle Rechte eines deutschen Staatsbürgers." Ich betone: ich habe herzlichste persönliche Sympathien für einen großen Kreis meiner Bekannten, die sich zum Zionismus bekennen; ich neige mich in Demut vor einem Idealismus, der mit seineu Idealen wivkAch ernst macht' und der' das Schicksal einer unbekannten, ungewissen Zukunft auf deuz steinigen und dornigen Boden des Landes der Väter auf sich nimmt, um seiner Idee zu leben. Aber wer diese Konsequenzen nicht ziehen will, wer sich klar ist, daß sein und seiner Kinder Schicksal au Deut s ch - lands Schicksal gebunden ist, was soll' der de zu Gegner entgegenhalten, wenn er sagt: „Euch, die ihr euch deutsch einstellt, soll kein Haar gekrümmt werden. Gleiche Pflichten, gleiche Rechte. Wer sich aber selbst als Deutscher nicht fühlt und das Deutschtum ablehnt, der kann so wenig verlangen, als Deutscher behandelt 31z werden, wie jemand, der sagt: Ich bin und bleibe Engländer oder Franzose, aber ich verlange in Deutschland gleiche Rechte mit den Deutschen!" Hier liegt die politische Gefahr für unsere Zukunft. Das deutsche Judentum in seiner überwältigenden Mehrheit ist sich bezvußt, daß sein Schicksal in Deutschland liegt. Der Streik der Parteien ist schließlich auch in die G e - m c i 11 b e ff u bo rz getragen worden. Ich beklage diese Entwicklung aufs tiefste und sehne den Augenblick herbei, zvo wir darüber hm-ausgozvachsen sind. Nachdem sie aber einmal da ist, zwingt sie uns zur Stellungnahme. Solange die Frage nur ist: „Hie orthodoxes, hie liberales Judentum", kann und muß der „Eentral-Berein" sich neutralisieren, weil er eine bestimmte religiöse Richtung im Judentunr nicht repräsentiert'. Wenn aber das Problem gestellt wird: „Hier Volksgemeinde — hier Nötigi0usgem eiade!" und dieses Pr-oblem sich lveiker auswächst zu einem Problem innerhalb der Verbände, denen die Vertretung des Judentums gegenüber dem Staate obliegt, dann kann der „Eentral-Berein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" nicht indifferent bleiben. Ich kann mir nicht denken, wie heute in den Parlamenten der jüdischen Laudesorganifationen und einst der großen Gesamtorganisation izn Reiche die Fragen unseres Verhältnisses im Staat und zum Staat verantwortlich gegenüber dem Staat und gegenüber den Behörden behandelt und entschieden werden sollen, ohne daß der Eentral-Verein als solcher in derartigen Gremien vertreten ist. Ob dabei unsere Vertreter religiös orthodox oder liberal sind, ist ein Ding, das uns dabei nicht anzusechten braucht. Ich betrachte es als einen Ruhm des Eenrral-Verems, daß in ihm die äußerste Rechte und die äußerste Linke eine Verständigung nicht nur suchen, -sondern auch finden. So loird auch hier der Eentral-Berein berufen «sein, innerhalb der Parkeiverschiddeuheiteu die große gemeinschaftliche jüdische religiöse Idee zu vertreten — als Juden, aber auch als deutsche Staatsbürger. Die Versammlung nahm sodann die Referate über die Jugendbewegung entgegen. D r. L u d Zv i g Tietz - Berlin führte ans: Es scheint mir die notwendige Folgerung gerade der gestrigen Ausführungen Dr. Holländers zu sein, daß wir in und m i t der Jugend als Eentral-Berein in einem ganz anderen Maße arbeiten, als es bisher geschah. Es ist klar, daß die heutige Jugend, nicht nur . die. jüdische etwa., in hohem Grade au der politischen Arbeit teilnimmt. Die freie deutsche Jugcndbezoegnng ist heute zum großen Teil von den Romantik zur Wirklichkeit zurückgekehrt. Gerade was auf dem Jugendtage 1913 mzz Hohenmeißner abgele h n t wurde, ist heute die Parole: e i n A n h ä n g s e l der alten Generation z u s e i n. Die nichtjüdische deutsche Jugend wird im Haß gegen das Judentum und gegen die Juden erzogen; ja dieser Haß wird ihr als Voraussetzung für wahres Nationalgesühl eingeprägt. Dr. Holländer pflegt zu sagen: „Predigen nützt nichts. Aber Erklären nützt!" Das gilt ganz besonders für die Jugend. Und das Erklären kann nicht von den Eltern kommen; es muß aus der Jugend selbst heraus geschehen. Dazu wiederum ist erforderlich, daß wir unserer Jugend erklären, was notwendig ist. Eng damit zusammen hängt die Beeinflussung im national-jüdischen Sinn, die oft sicher n i ch t g a n z ein w a n d - frei, aber der Jugend außerordentlich genehm ist. Man mag vom pädagogischen Standpunkt ans die Belastung der Jugend mit diesen Dingen für schädlich halten. Aber diese Frage unterliegt nicht mehr unserer Entscheidung. Jene Beeinflussung der Jugend, von der ich gesprochen habe, findet statt; und cs kann sich für uns nur noch um' die Frage handeln: Was sollen wir tzz 11? Welche M öglichkeiten sind deuz Central- B e r e i u g c g e be n, p r a k t i s ch i n u nd mi t der Jugend zu arbeiten? Es genügt nicht, daß wir innc rh alb des E. B. eigene Jugendgrnppen bilden. Die Jugend muß sich selber organisieren. Sie muß sich den Rahmen, die Form ihrer Betätigung selber wählen lind gestalten. Und für uns ist nicht die F or in maßgebend, sondern allein der Inhal t. Das gemeinsame Ziel ist für uns das Ausschlaggebende. Eins ist sicher: d i e I u g e n d m u ß mitP 0 si - t.i v e r jüdischer Erziehungsarbeit beginnen. Die „E x 3 z e I) u n g z u m j ü bischen M e n s ch e n" muß in erster Linie in unserer Jugend geleistet werden: die Beschäftigung mit jüdischen 'Problemen, die Verbreitung jüdischen Wissens, das allein erst die Berechtigung gibt, stolz zu sein auf das Judentum. Die Basis für die Mitarbeit wahrer Jugend ist die K a m e r a d f ch a f t, die Schaffung gegenseitigen V e rtrauens und der Geselligkeit, die die Jugend haben will. Neben die geistige Arbeit muß die Ausbildung des Körpers treten: Wandern, Sport, Turnen. Diejenige Organisation, die diesen Forderungen entspricht und in enger Zusammenarbeit mit dem E. V. steht, ist die D c it t f ch - jüdis ch e I u g c n d g e m e i n schaf h Die zwei Jahre ihres Bestehens haben gezeigt, daß der C. V. mit ihr erfolgreiche Arbeit in der Jugend leisten kann. Sie ist czls Spitzenvertrotung der deutsch-jüdischen Jugend bei Behörden, Aemtern, Ausschüssen anerkannt worden und wirkt überall dort mit, Zvo die allinenten deutschen Jugendorganisationen vertreten sind, insbesondere an der allgemeinen Jugendfürsorge, Zvo, ohne Unterschied der Parteien uzzd der Anschauungen, gemeinsame praktische Arbeit für die Jugend geleistet wird. Das ist keine Arbeit, die der E. B. als solcher jemals leisten könnte: die Entgiftung u zz d A u s k l ü r n n g d e r I zz g e n d. Es ist notzvendig, diese BeZoegnug und ihre Arbeit hinaus ins Reich zu tragen, zoosür wir in zwei Jahren durch Reisen, Korrespondenzen usw. die erforderlichen .Erfahrungen gesammelt haben. Bor allem ist es nötig, daß die große Zersplitterung, die überall in der deutschen Jugondbewoguzzg herrscht, nicht etiva nur in der jüdischen, viel mehr noch in der 11 i ch i j ü d i s che n aushört: denn cs stehen sich nicht nur solche Organisationen der Jugend gegenüber, die -durch G r u zz d s ü tz l i ch e s getrennt sind, sondern auch solche, die nur ganz Unwesentliches trennt. Diese letzteren müssen sich finden. Das ist Aufgabe der Ortsgruppen, der Landesverbände des E. V.; sie müssen helfen zzicht nur in finanzieller, sondern auch in organisatorischer Hinsicht: sie müssen Propaganda bei den Eltern machen, und, Zvo es nötig ist, Jugendveranstalrungen selbst ins Leben rufen. Es znuß ferner der Versuch gemacht Zverden, geeignete junge Al e 11 s ch en in den Vor ft a n d d e r O r t s g r u p P e n zu Zoählen. Dadurch zvird erfahrungsgemäß das Interesse der Jugend lebhaft gefördert. Man hört oft im Reiche, daß es an Führern mangelt; dabei scheint der Glaube vorzuwalten, daß solche Führer der Jugend mit besondern Fähigkeiten ausgestattet, Gottgesandte sein müssen. Das ist durchaus nicht erforderlich. Wo immer sich Jugend zusa'nzznenfiudet, Zvird zvenigstens e i n junger Mensch darunter jeizz, der die Führung übernehmen kann, zumal Zvir ihn von unserer Berliner Zentrale aus auf Grund unserer praktischen Erfahrungen zveitgehend unterstützen. Sie dürfen nicht die u n b e d i n g t e Führung übernehmen zvollen; das zväre das Gegenteil von dem, zvas ich, auf Grund unserer Praktischen Ersahrungen, rate. Sie dürfen zzicht eine unbedingte Autorität verlangen,