Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1924-05-01 · 18 (1.5.1924) · p. Seite 245

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
18 (1.5.1924)
Date
1924-05-01
Page
Seite 245 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2277379-2277464-2277481--01114-2280338
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

245 tiurg bet Pfalz gestanden hätten! ES hat ein -paar bedeutungslose Juden gegeben, die gänzlich bedeutungslose Stellen in dieser Bewegung eingenommen haben. Bedeutungslos, wie ihre Namen, waren auch ihre Betätigungen in dieser separatistischen Bewegung. Wenn aber irgendwie gesagt worden ist, daß Namen von Klang von. Juden, die irgendwie als Juden eme Bedeutung haben-, mit dieser separatistischen Bewegung zusammenhingen, so ist das eine ge m eine Verleumdung, was wir hier ruhig und stolz aussprechen können! Der erste Staatsanwalt am Landgericht Würzburg hat gegen 70 Pfälzer Bürger 70 Haftbefehle wegen Hochverrats und Landesverrats erlassen; darunter sind Beamte Aerzte, Rechtsanwälte und andere Persönlichkeiten, aber nur ein Jude, ein bedeutungsloser, junger, nicht ganz zurechnungsfähiger Mensch. Ich sage das nicht, um.für die Pfälzer Juden von Ihnen gewissermaßen bestätigt zu erhalten, daß w:r anständige Menschen sind, sondern ich sage es, um an dieser weithin sichtbaren Stelle hier festzustellen, daß uns Pfälzer Juden kein Vorwurf treffen kann, weder hinsichtlich der Abwehr noch Hinsichtlich des Separatismus. Wir haben lange Monate hindurch gearbeitet an der Beseitigung dieser unendlich drückenden Fremdherrschaft. Man wirst uns Juden vor, es seien nicht genügend Juden aus dem besetzten Gebiet aus gewiesen worden. Die meisten Ausweisungen erfolgten bekanntlich wegen des passiven Widerstandes. Sie richteten sich daher in allererster Linie gegen B e a m t e, unter denen bekanntlich nicht allzuviel Juden sind. . . Wo aber Juden in beamteten Stellen waren, hat sie das gleiche Schicksal getroffen wie die christlichen Mitbürger. Ich brauche Sie nur zu erinnern an den jüdischen Rechtsrat der Stadt Landau, Dr. Weiler; er ist der überhaupt erste Pfälzer gewesen, der ausgewiesen wurde! Wir haben unsere Schuldigkeit getan, als der (Generalkonsul Clive da war, und der Verband der israelitischen Kultusgemeinden der Pfalz hat durch seinen Präsidenten Herrn Joseph teilgenommen an' allem, was notwendig war zur Befreiung des pfälzischen Volkes. Wir wollen uns klar darüber sein, daß die Zeiten unserer Bitternis noch nicht vorüber sind, und daß, solange die französische Besetzung am Rhein dauert, die Lösung der N h e i n l a n d f r a g e die d r i n glich st t der deutschen Außenpolitik sein wird. Wir werden in diesen bevorstehenden Kämpfen, wie in den zurückliegenden, unsere Schuldigkeit tun als deutsche . Juden. Wir Pfälzer Juden tun das nicht nur aus Pflichtgefühl heraus, sondern aus dem Empfinden, daß wir von jeher mit diesen: schönen Lande der Pfalz verbunden sind, daß unsere Vorfahren durch Ia h r h u n fr er t e hi n d u r ch i n wiesen: Lande wohnten, daß wir eingeboren sind in diesem Lande und es als unsere teure Hei m a t betrachte n. Wir halten mit unseren anderen Freunden aus dem besetzten Gebiet mit innerer Ueberzeugung die Wacht am Rhein. Wir haben davon nie gesungen in phrasenhafter, nationalistischer Auswertung unserer Gefühle, sondern aus innerster und heiligster Ueberzeug u n g. Und so werden wir auch weiter zur deutschen Sache stehen. Sie können sich auf uns verlassen. Und es ist nicht Phrase, wenn ich Ihnen Zurufe: „Fe st st e h t und t r e u die W ach t a m Rh ei nn Vorsitzender Justizrat B r o d n i tz : Wir danken den Referenten, insbesondere den Herren aus den besetzten Gebieten. Wenn der Beifall nach den beiden letzten Reden besonders stürmisch zum Ausdruck kam, so werden unsere Freunde Menschenkenner genug sein, um die Empfindung zu haben, daß es sich bei diesem Beifall nicht um einen rhetorischen Erfolg handelt, sondern daß das, was sie hier gesprochen haben, ganz aus unser aller Herzen kam! ' M In der .' Aussprache nimmt als erster ein Danzig er Vertreter das Wort: Das Bild, das heute hier entrollt wurde, wäre unvollständig ohne eine ergänzende Schilderung der Verhältnisse in Dan Zig. Wir Danziger Juden wollen und können nichts anderes sein als deutsche Juden, k r a f k unseres K u l t u r st a n d p u n k t e s , u n s e r e r g e s a m t e n G e m üts - und Ge i st e se i n ste l l un g und unserer Vaterland s - liebe. Deshalb kann es dem Central-Verein nicht gleichgültig sein, was in Danzig geschieht; deshalb müssen, über den trennenden.„Korridor" hinweg, auch die Stimmen aus Danzig hierherklinden. Der „Freistaat" Danzig ist weder frei, noch ein Staat. Die Reibungen und Kämpfe, die sich in allen Staaten heute abspielen, wirken sich dort auf engem und engstem Raum ans und wirken da- .durch um so zerstörender und vernichtender. Das gilt besonders von den nationalsozialistischen und dcntschvölkischen Einflüssen, die sich bei Uns um so mehr austoben können, weil die in Deutschland verbotenen Organisationen in Danzig nicht verboten sind und alles, was sie : dort tun, angeblich, zur Abwehr des gefährdeten Deutschtums unternehmen, so daß es ungeheuer schwer ist, einerseits gegen den Anti- . semitismus vorzugeheu, andererseits aber den K a m P s s ü r d a s .Deutschtum nicht z u gefährden. Im Reiche kann vom s iCentral-Verein in aller Oesfentlichteit und mit vollstem Rechte gesagt werden, daß „deutschvölkisch" nicht gleichbedeutend mit „deutsch" ist; im ffteidje kann mit aller Emphase betont werden, daß judenhetzerische .Forderungen das Deutschtum gefährden; in Danzig kann das nur ^sehr selten und nur mit aller Vorsicht gesagt werden, weil alle ' Aeußerungen in dieser und ähnlicher Hinsicht als „Denunziation an Polen" dargestellt werden und sich auch tatsächlich nach dieser Richtung hin auswirken könnten. Das wünschen wir B Gegnern gegenüber unter keinen Umständen. Daher i wir in Danzig vor der schweren Gefahr, daß wir allmählich und systemat:sch von der össentlichen Vertretung deutscher Interessen abgedrängt werden. So nur war es auch erklärlich, daß die Wählen, die bei uns schon stattgesnnden haben, einen beachtlichen antisemitischen Erfolg ergaben. Die Deutschsozialen, die bisher im Danziger „Voltstag" überhaupt nicht vertreten waren, haben nunnrehr sieben Abgeordnete, und diese sieben S t i u: n: er: sind f ü r die Negier u n g s n: a j o r i t ü t e n t s ch e i d e n d. Der einzige jüdische Senator, den wir in Danzig hatten, wurde aus der Regierung ausgeschisst. Die Zunahme der Anzahl an unserer Technischen Hochschule studierenden reichsdeutschen Juden würden wir sehr begrüßen. Wir Danziger Inden würden ihnen durch jegliche Fürsorge und Förderung den Aufenthalt in Danzig angenehm zu gestalten suchen. Neben dem Kamps gegen die Deutschvölkischen und Deutschnationalen und auch gegen den p olnis chen Antisemitismus ist die Ostjudenfrage für uns ein sehr schwieriges Problem. Wir haben neben dem Kampf für die (anständigen) Ostjuden auch noch einen Kanrpf gegen die üblen Elemente darunter auszufechten. Es besteht für uns die Gefahr, das; wir Danziger Juden als „n a tio n ale Mi nde rh ei t" erklärt luerden; das bedeutet, daß wir den: „Minöritütenschntz" des Völkerbundes unterstellt werden. Wir sind uns der großen Gefahr klar bewußt, daß dies für uns deutschfühlende und deutschwollende Danziger Juden das Ende unseres D e u t s ch t n -m s bedeuten würde. Es würde bedeuten, daß wir rettungslos zerrieben würden, daß alle unsere deutschen Ideale dem Untergange preisgegeben würden. Wie fühlen, daß unser Schi cks a l als deutsche Juden in Danzig untrennbar verknüpft i st mit d >e m S ch i ck - s a l a l ler de u t s ch e n I it d e::. Untrennbar verknüpft deshalb , auch mit den: Schicksal des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Bei dem jetzt kommenden Pessachfest dfsnen wir, als ein Volk der Hoffnung, des Optimismus, nach alter Sitte dem erloarteten Messias die Tür; so halten auch w i r D a n z i g e r I u d e n die Tür offen nach den: D e u t s ch e n R e t d)! 'Denn nur au s der Verbindun g mit unseren deutschen Glanbei: s b r ü d e i n und m i t D e n t s ch l a n b überhaupt e r - warten wir uns die Erlösung! Das ist ein Gel ö b n i s , d a s i st der Gruß, den i ch I h n e n aus Danzig b r i n g e. Jnstizrat Cohn (Dessau) weist in eindringlicher Rede auf die Notwendigkeit hin, für den schweren Kampf der deutschen Judenheit, und insbesondere des Central-Vereins, beizeiten die erforderlichen ideellen und m a t e r i e l l e rt Opfer z u bringe n. Petzon (Magdeburg) will diejenigen Parteien und Regierungen unterstützt sehen, die für die vom ganzen deutschen Volke in freiem Entschluß geschaffene Wein:arer Verfassung eintreten. Wenn es tatsächlich möglich wäre, daß heute die deutschen Juden Deutschland verlassen, sch würden uns die D e u t schvö lk i sch e n z u r ü ck halte n;' denn ohne uns würden sie keinen Prügelknaben me h r h a b e n , den sie verantwortlich machen können für das, was unter i h rer Regierung geschehen wird. Rechtsanwalt Dr. Regensburger (Braunschweig): Der Antisemitismus konnte nur'dadurch eine so große Ausbreitung erfahren, weil es geschickten Männern gelungen ist, in breiten Schichten, die sonst den Antisemitismus als verabscheuungswürdig an sehen würden, die Ueberzeugung zu verankern, Antisemitismus sei gleichbedeutend mit Vaterlandsliebe. Dieses Verfahren nach den: alten Rezept „Haltet den Dieb!" konnte nur deshalb Erfolg haben, weil die Unterdrückung Deutschlands durch seine äußeren Feinde einen günstigen seelischen Aufnahmciboden bereitete; andererseits tragen gar manche Juden durch ihr Auftreten dazu bei, die nichtjüdische Bevölkerung zu verärgern. (Sehr richtig!) Das sprunghafte Anwachsen der völkischen Bewegung ist ein Zeichen dafür, daß sie Augenblickswallungen entspricht und nicht von Stetigkeit sein kann. Was wir erleben, ist eine Psychose im deutschen Volke, die nicht von Dauer sein kann; besonders dann nicht, wenn die Völkischen mit der politischen Verantwortlichkeit belastet werden. S u ß m a n n (Chemnitz) empfiehlt die vom Landesverband Sachsen herausgegebenen Flugblätter hinsichtlich ihrer Anlage und ihrer Tendenz (sie sind ausschließlich auf den Wahlkampf eingestellt) zur Nachahmung. Dr. Max Mainzer (Frankfurt a. M.) beschäftigt sich kurz mit den einzelnen politischen Parteien. Dem Zug nach rechts werde zweifellos ein Rückschlag nach links folgen, der Krise sehr rasch die Gesundung Deutschlands. Die weitere Aussprache zur politischen Lage wird bis nach Erledigung des Geschäftsberichts und der Referate über die innerjüdische Lage und die Jngendsrage Zurückgestellt. N a ch m i t t a g s s i tz u n g. Vorsitz: Rechtsanwalt Geiger (Frankfurt a. M.). Geschäftsbericht. Auf die Verlesung des gedruckt vorliegenden Geschäftsberichtes wird verzichtet. Der Direktor des C. V., Dr. Ludwig Holländer, hält hierauf nach kurzen Ergänzungen zum Geschäftsbericht sein Referat „Neue Wege d e r p r a k t i s ch e n A r b e i t".

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.