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Central-Verein-Zeitung · 1924-05-01 · 18 (1.5.1924) · p. Seite 243

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
18 (1.5.1924)
Date
1924-05-01
Page
Seite 243 (sequence 3)
Language
German
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Die Hauptversammlung des Central-Vereins. vNach den grundlegenden Ausführungen Ludwrg Holländers in der letzten Nummer geben mir nunmehr den ausführlichen Bericht über die Verhandlungen der Hauptnersmmnlung. DieSchriftleitung. Die Verhandlungen wurden geleitet vom ersten Vorsitzenden des Vereins Herrn Justizrat Brodnitz; er wurde unterstützt von den Herren Geheimrat Fa >lkenheirn (Königsberg), Rechtsanwalt Dr. Geige r (Frankfurt a. M.) und Dr. Ludwig Wasser m a n n München). 1. Sitzungstag. ^,7^. V o r m i t t a g s s i tz u n g. - Justizrat Brodnitz begrüßt die Erschienenen und weist darauf hin, daß die Hauptversammlung ordnungsmäßig einberusen ist. Obwohl die Geschästsleitung genötigt gewesen ist, alle Neiseentschädigungen zu versagen, ist die Versammlung außerordentlich beschickt worden. Dies ist ein Beweis dafür, daß uns die Tätigkeit im Central-Verein eine Lebensnotwendigkeit ist. Die Versammlung ehrt das Andenken der seit der letzten Hauptversammlung verewigten Mitglieder des Vereins; aus der großen Zahl dieser Toten seien genannt außer Eugen Fuchs Eugen P a n o f s t i, Karl Leopold Netter, Oscar T i e tz, Emil I o s e p h s t h q I. Die politische Lage. Geheimrat Wiesenthal (Berlin) führt zur politischen Lage aus: Von jeher hat die deutsche Politik, und. namentlich die auswärtige, ihre Schatten auf die Arbeit des Centrat- Vereins geworfen. Seit und nach dem Kriege ist es besonders das Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich, aus der die antisemitische Bewegung in unserem Vaterlande ihre Nahrung zieht; fast -jeder Satz, den P o i n c a r e spricht, findet antij ü d i - J d) e n Widerhall in völkischen Kreise n. Was in Frankreichs auch in Sowjetrußland, sogar was in Amerika geschieht. Zum ..Schaden, oder ganz unabhängig von Deutschlands Geschick, wird den Juden in die Schuhe geschoben. All das ist bekannt; allzu bekannt. Und was nun in der inneren Politik Deutschlands vor sich geht, beweist klar, auch denen, die es bisher nicht wahr haben wollten, daß es bei der Arbeit des Central-Vereins nicht bloß „u m d i e paar tausend I u d e n" g e h t, sondern um unser ganzes Staatswesen mit allen Institutionen; untergraben ist die Verfassung, die das deutsche Volk in seiner Gesamtheit sich gegeben, untergraben sind Heerwesen, Rechtspflege,-die^ Schulen, die Universitäten. Wir haben gesehen, daß einem ehemals königlich preußischen General nachgesagt werden tonnte, er sei ein Meuterer; daß einem General nachgesagt werden konnte, er spreche bewußt die Unwahrheit; ein Oberlandes gerichtsrat (Poehner) konnte sich rühmen, er betreibe seit Jahren Landesverrat, Hochverrat. So geht unsere Abwehr tatsächlich weit hinaus über den Schutz der Juden, denen Existeng und Ehre geraubt werden soll. Denn dieselben Elemente, Die unsere d e u t s ch e K u l t u r, die EinheitdesReiches untergraben, sind die Träger des Antisemitismus. Traurig sieht es aus um die nächste Zukunft. Die giftige Saat ist aufgegangen und geht täglich immer weiter auf; am bezeichnendsten dort, wo die Rechtsradikalen ihre Triumphe feiern können. In Mecklenburg, wo die Rechtsradikalen schon ganz unter sich sind, beschimpfen sich Deutschnationale und Völkische nicht nur, sie ohrfeigen sich auch. Aehnliches Ppielt sich ab in Gegenden, wo die „herrlichen Zeiten" der Nechtsradi- Lalen noch nicht angebrochen sind. Dennoch muß gesagt werden, daß J&ie Regierung so miserabel und elend nicht ist, wie sie immer, mit Bedacht namentlich aus den rechtsradikalen Kreisen, hingestellt wird. Vieles hat sich seit der Revolution wieder gebessert; die Valuta ist wieder stabil geworden und damit der Grund zu einer fortschreitenden Besserung der allgemeinen Verhältnisse gegeben. - Bei den bevorstehenden Wahlen gilt es für jeden Juden, gleichviel zu welcher Partei er gehört, zu> prüfen, wie weit ff re nrcht antisemitisch ist. Die Stellungnahme der Juden gu den Parlamentskandidaten ist heute schwieriger als früher; früher war es möglich, daß man d e m K a n d i d a t e n einfach Die F r agie vorle gte, wie er sich zur Gleichberechtigung d e r I u d e n st e l l e; jetzt bekommen wir eine L i st e, und wir müssen unisono für diese Liste stimmen oder nicht stimmen. Wir deutschen Inden haben in diesem Wohlkamps große Ausgäben. Nur einige wenige seien hier genannt: Es ist notwendig, die antisemitischen Versa nx m lange n zu besuchen und dort mit s achlichen -Argumenten Aufklärung zu verbreiten, wo das irgend Aussicht aus Erfolg hat. Selbstverständlich ist daneben der Besuch der Wahl- -versammlungen' der Mittel- und Linksparteien. Wir müssen auch imstande sein, Opfer, große materielle Opfer für unsere politischen Ideale zu bringen; denn das tun auch unsere Gegner, Großindustrielle, agrarische Kreise usw. Was im Hauptbureau des Central-Vereins Arbeit geleistet wird für die Sache des deutschen Judentums ^Lrdient nicht nur jede ideelle, sondern auch alle materielle Unter- Wtzung — wie das Hauptbureau seinerseits es ebenfalls nicht an der Unterstützung der Mitglieder fehlen läßt: durch die Stellung von Rednern, durch eine erschöpfende Auswahl von Broschüren und Flugjschriften, durch Rat und Tat. Anteilnahme jedes einzelnen Juden :cm der praktischen Arbeit tut not; nur dann kann das deutsche Judentum seine Rechte wahren. Im Anschluß an diese Aussührrrngen spricht, unter dem stürmischen Verfall der Versammlung, Iustizrat Brodnitz der H a up t g e s ch ü s t s st e l l e ' d e n D a n k ' a n.s für die u n° g e h e u r e A r b e i t, d i e sie, n a in entli ch in de n letzte n Wochen, verrichtet hat und deren Umfang von Ferner ste h e n d e n k a u m g e ah n t werden kan n. Daß diese Arbeit geleistet, werden konnte, daß für olle Gebiete der Tätigkeit des C. V. geeignete Mitarbeiter gefunden wurden, ist das große Verdienst namentlich der Herren Dr. Holländer und Dr. Wiener. Die Lage irr Den bedrängten Gebieten wird von je einem Vertreter des betreffenden Landesteils geschildert. Bayer n. Dr. Wassermann (München) legt die seelische Konstruktion der (Hitlerschen) Nationalsozialisten dar. Diese, meist jungen Leute lehnen alles vernünftige Ueberlegen der politischen, wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen Folgen ihrer kühnen Pläne als „R ationalis m u §" leidenschaftlich ob. Alles drängt sie zur Tat; und wenn die Tat nicht glückt, so wollen sie lieber st c r - e n u n d b e d e n k e nlos dos Vaterland mit in d e n A b g r u n d r e i ß e n. Der Tod ist ihnen lieber als dos, was sie „Sklaverei" nennen. Diese Bewegung ist nicht abzutun mit der Bezeichnung „die B e w e g u n g der d u m m e n K e v I e"! Der Sinn des Nationalsozialismus ist nur daun zu verstehen, wenn man sich klarmacht, daß die Gedankengänge der Völkischen ganz andere sind als diejenigen nicht nur etwa der Juden, sondern überhaupt der Nicht - Nationalisten. W i r überlegen; w i r wägen; wir sagen: Wenn dies geschieht, wird jenes eintreten wenn wir heute die Faust gegen Frankreich richten, wird Frankreich uns (bei der gegenwärtigen Ueberlegenheit seiner Kriegsmittel) urederj'chlagen — all das gilt jenen nationalsozialistischen Leuten als „r a t i o n, a l i st i s ch e s"' Denken, als „jüdischer", als „ber e ch n e n d e r" Geist — dem sie entgegensetzen ihr „h e l d i s ch e s", ihr „g efühlsmäßige s" Denken. Mögen Städte und Länder und Menschen kaputt gehen — schließlich muß Deutschland dennoch auferstehen! Und, seien wir ehrlich! — wenn diese Bewegung nicht den antisemitischen Kern hätte — auch aus der jüdischen Jugend würden ihr viele Zuströmen! Wir müssen an dieser Bewegung anerkennen, was wir achten können, wenn wir es auch nicht für richtig halten! Weil die Anhänger dieser Bewegung durch Gründe nicht belehrbar, weil sie nicht zu überzeugen sind, ist es ungeheuer schwer, sie zn bekämpfen. Andererseits ist es selbstverständliche Notwendigkeit, Leben und Eigentum aller Deutschen und damit das Vaterland zu schützen. Sicher wird in einzelnen Landesteilen der nationalsozialistische Weg zu Ende gegangen werden; und das wird das einzige sein, was von der Falschheit des Weges überzeugen wird: die blutige Erfahrung an sich selbst! Denjenigen gegenüber, die Vernunftgründen noch zugänglich sind, muß nach wie vor das Mittel sachlicher Ueberzeugung angewandt werden. Dabei dürfen wir Juden überzeugt sein — auch wenn dies ebenfalls „rationalistisch" gedacht sein sollte: der Gott, der s e ch s ,J ahrtausende uns erhalten hat, dessen Absicht kann -n i ch t sein, daß das d e u t s che Iudentu m von der Hitler-Bewegung verschlungen u n d vernichtet wird. Wir dürfen überzeugt sein, daß dieser selbe Gott aber auch nicht haben will, daß Deutschland von Heißspornen zerstört wird — durch Menschen, an deren Patriotismus zwar nicht gezweifelt werden soll, die aber, das Gute meinend, das Böse schaffen. Der Wunsch der Geschichte und dessen, der die Geschichte lenkt, kann nur sein: Deutschland soll leben, nnd wir deutschen Juden, wir sollen leben den Zielen Deutschlands zunutze, zur Förderung, zur Erhaltung, zur Wiedergesnndnng unseres lieben Vaterlandes! Ueber die politische Lage in -O b e r s ch I e s i e n berichtet Rabbiner Dr. V r a u n s ch w e i g e r (Oppeln): Wer die Begeisterung der A b st i m m u n g s z e i t in Oberschlesien erlebt hat, wer den Zauber einer durch alle Kreise der Bevölkerung, von der äußersten Rechten bis zur äußersten Linken, flutenden nationalen Begeisterung damals verspürt hat, der wird kaum verstehen können, daß heute in Oberschlesten eine überaus starke antisemitische, völkische Bewegung festzustellen ist. Jener hochgehende Nationalismus ist inzwischen zum Chauvinismus ausgeartet. Die antise-' mitische Gefahr in Oberschlesien ist trotz der Streitigkeiten innerhalb völkischer Parteien groß genug, zumal sie auch auf dm leicht beeinflußbare Arbeiterschaft übergreift. Auch für uns ist daher selbstverständlich, daß wir Anschluß suchen an diejenigen politischen Parteien, von denen zu hoffen ist, daß sie für Gerechtigkeit auch uns Juden gegenüber eintreten und damit gleichzeitig zum Wohle des gesamten deutschen Vaterlandes handeln. a.~ Ostpreußen behandelt Geheimrat Falkenheim (Königsberg)': Die in der Mehrzahl monarchisch gesinnten Bevölkerungskreise Ostpreußens stehen bei der landläufigen Jdeenverbindung zwischen Republik - und Judentum in scharfer Kampffront gegen das Judentum,

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