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Central-Verein-Zeitung · 1924-05-01 · 18 (1.5.1924) · p. Seite 242

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
18 (1.5.1924)
Date
1924-05-01
Page
Seite 242 (sequence 2)
Language
German
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242 „der Schicksalstag öes 4. Mai." Unsere Kundgebungen für Freiheit und / . Vaterlan d. Es war ein Beginnen, Lessen Ausgang nicht sicher war, -das der Eentral-Verein unternahm, als er am letzten Sonntage vor Len Wahlen, am 27. April, neun Versammlungen in Groß-Berlin veranstaltete, um noch einmal seine Mitglieder zur Erfüllung ihrer Pflicht als deutsche Staatsbürger am Wahltage auszurufen; alle politischen Parteien hatten an 'diesem Tage zu großen WahlkunLgedungen aus gerufen, und so konnten wir es für uns und unsere . Arbeit als doppelten Erfolg buchen, daß die meisten unserer neun Versammlungen sehr stark besucht waren. Das Motto, das unserer Arbeit der letzten Wochenzugrunde gelegen hatte, daß nicht nur für das gesamte deutsche Volk, sondern in verschärftem Maße für uns deutsche Juden der 4. Mai ein Schicksalstag sein wird, stand, auch als Leitgedanke über diesen Versammlungen. Es galt, die Wissenden z u b e st ä r k e n , d i. e Säumig e n w a ch z u r ü t t e l n und die deutschen Juden Groß-Berlins unter den einheitlichen Willen zur Selbstbehauptung zu stellen, wie er sich am 4. Mai durch geschlossene und richtige Abgabe des Stimmzettels auswirken soll. Vielgestaltig war das Bild der einzelnen Versammlungen. Außerordentlich u n t e r r i ch t e n d s ü r d i e s o z i a l e Zu - s a m meusetz u n g des Berliner I u d e n t u m s die Gliederung des Publikums in den einzelnen Versammlungen, außerordentlich bezeichnend aber auch für den Grad p o l i t i s ch e r Reife und politischen Interesses im allgemeinen und den Willen zur E. V.- Arbeit im bcisonderen der Grad der Beteiligung an den einzelnen Versammlungen. Unter Vorsitz Dr. Edmund W e r n e r s> versammelten sich die zentral gelegenen Ortsgruppen und die der nordöstlichen- Vororte in den S o P h i e n s ä l e n. Rechtsamr-alt Dr. -Bruno W e i l und Rabbiner Dr. W e y l saßten noch einmal die politische Lage und unsere Einstellung zu ihr zusammen; List'Stern appellierte an das Verantwortungsbewußtsein der jüdischen Frauen. Der stellvertretende Vorsitzende des Vereins, Justizrat Hugo Sonnenseld leitete die Versammlung der Ortsgruppe N c t b weste n im Nordwest-Hotel. Hier sprachen die Herren Moritz A. Loe b, Iu st i z r at Ch o d z ie >s n e r und Frau Henriette M a y. In der C o m e n ins schule sprachen Rechtsanwalt Dr. W e r theim, Dr. Salon und Frau Dr. West manu. Die Versammlungsleitung lag in den Händen von Justizrat K i r s ch n e r. Besonders stark besucht war die Veranstaltung im Logen hau s ' in der .Joachimschaler' Straße. Rabbiner Dr. Weiße, Dr. Paul Nathan und Paula Sam oje fanden in der gut besuchten Versammlung starken Widerhall. Die Leitung der Versammlung hatte Justizrat Dr. Straßmann. Die Ortsgruppe Neukölln und die südlichen Gruppen waren nach der Wraudenburgstraße geladen. Der Bundesges-chäftssührer des R. I. F., Herr Le der. mann, zog den Vergleich zwischen der Größe der Pflichterfüllung i m Felde und derjenigen am 4. Mai und überließ der Versammlung' die' Folgerungen. Neben ihm sprachen Herr Mittelschullehrer Stern und Frau Mar- ' ga reihe F r i ed. Dr. Graetz konnte arn Schlüsse der Versammlung ihren -erfolgreichen Verlaus festste llen. Für den Osten und die östlichen Vororte sprachen in den Prachtsälen des O st e n s die Herren Dr. Erich S t e r n und Lehrer N o s e n b l a t t, sowie Fran Regine I s a a c s o h n unter dem Vorsitz von Herrn Otto I. Kraft: in K ö p e n i ck die Herren Rechtsanwalt Dr. Z i p p e r t und Dr. Hermann V e r l a k; in Spandau Herr Arnold Stein und Dr. Küthe Marcus (Leitung: Herr Siegsried- L u basche t); die jüdische Bevölkerung der südlichen Vororte fand sich im A l b rechtshos zu S t e g - ~ I i tz ein. Rechtsanwalt S a m o j e und Dr. Margarete Edelhei m erstatteten hier die Referate; geleitet wurde die Versammlung von Lehrer Sande r. Es lag in der Grundrichtung der Veranstaltungen, daß die Ausführungen der Rednerinnen und Redner im wesentlichen gleichgestimmt waren. Doch gab die persönliche Eigenart unserer referierenden Freunde jeder Veranstaltung die besondere Note. Die Referate in ihrer Gesa rn t h e i t ergaben eine erschöpfende Darstellung der gegenwärtigen politischen und wirtschaftlichen Lage des deutschen Volkes und des deutschen Judentums. Die Belastung unserer inneren und äußeren Politik und unserer Volkswirtschaft durch einen Sieg der Radikalen im Wahlkampf wurde so zwingend dargelegt, daß wohl kaum irgendein Teilnehmer an diesen neun Veranstaltungen oder irgend jemand, auf den dadurch mittelbar Einfluß gewonnen werden konnte, den Ruf der Stunde zur Erfüllung vaterländischer Pflicht mißverstehen dürfte. Deutsche Juden! Au die Wahlurne! Die Religion öes Lebens. Betrachtung zum Wochen ab schnitt'. „Und ihr sollt meine Satzungen und meine Rechte beobachten, welche der Mensch erfüllen soll, auf daß er durch sie lebe." Geboren in der Abwehr gegen den ägyptischen Totenkultus, ringend mit dem Heidentum, das den Becher des Lebensgenusses bis zum letzten Tropfen auskosten wollte, sich streng sondernd von der Tochterreligion, welche in ihren idealsten Vertretern, vom diesseitigen Leben abgewandt, im Jenseits das Hauptziel der Erdenbahn sah, hat der jüdische Stamm sich bis auf den heutigen Tag behauptet durch sein Gesetz, welches ihm einerseits gestattete, naturgemäß, sch l icht u nd ei n fach zu leben und keinen der gesunden Naturtriebe zu unterdrücken, ihn andererseits vor so manchen Ausartungen bewahrte, die das Leben gefährden und verkürzen. - So hat sich die jüdische Religion stets als Religion des Lebens bewährt. Wenn der Hunger und die Liebe jene gewaltigen Kräfte sind, welche das menschliche Getriebe regeln und lenken, so gibt es keine jüdische Satzung, welche uns in der naturgemäßen Befriedigung dieser Triebe hindert. Wir dürfen vielleicht auch in diesem Sinne das schöne Wort des Psalmisten verstehen: Jung bin ich gewesen und alt geworden und sah doch niemals einen Gerechten verlassen und seine Nachkommen nach Brot suchen. Der fromme Jude brauchte nicht einsam und verlassen, der Welt abgekehrt, zu leben. Es war für ihn sogar religiöse Pflicht, eine Familie zu gründen. Eine Fülle religiöser Vorschriften haben als letzte Tendenz, das Glück -dieser Familie zu vertiefen und zu verinnerlichen. Gewisse scheinbare Einschränkungen und Einengungen trugen nur dazu bei, das eheliche Glück zu weihen, es vor Ausschreitungen zu bewahren, es auf eine G r u n d l a g e d e r R e i n h e i t und G -e s it n d h e i t zu stellen, vor allem die Klippen der Gleichgültigkeit und Uebersättigung zu vermeiden. Und wenn ferner der gesetzestreue Jude sich in gewissem Sinne sein Brot suchen muß, so bleibt doch die Fasel des Lebens für ihn immer noch eine reich besetzte. Auch bei peinlichster und gewissenhaftester Jnuehaltung aller rituellen Forderungen, sind doch an ihn niemals so umfassende, säst an die Wurzel des Lebens greifende Ansprüche gestellt worden, wie sie etwa, durch die Kriegswirtschaft gegen» über dem einzelnen Bürger erhoben worden sind. So hat das Gesetz der Thora durch Jahrtausende hindurch die Ausgabe gelöst, eine Gemeinschaft inmitten einer feindlichen Umwelt zu erhalten, woran das menschliche Gesetz durch U e b e r s p a n n u u g seiner F o vder ungen selbst für vier kurze Jahre scheiterte. Hatten wir darum Treue den Satzungen und Rechten, welche der Mensch erfüllet, um durch sie zu leben! Jsch Tikwoh. So sicht ö!e „nationale" Volks-- gemeinsihast aus! Völkische über Völkische. Nach den laut verkündeten Velzauptungen der Deutschvölkischen und De uischnati analen kommt die Ern heilt der deutschen V o l k s g e m e i n s ch a f t deshalb nicht zustande, weit „marxistische, jüdische und neuerdings auch ultramontane Elemente" sie angeblich Hintertreiben. Nun sollte man meinen, daß die Völkischen unter sich wenigstens denr deutschen Volke durch geschlossene Front das weitleuchtervde-'Beispiel urewiger Einigkeit geben würden. Weit gefehlt: Das schärfste Gegenteil ist der' Fall, wie schon wiederholt in den letzten Wochen hier berichtet, worden ist. Besonders heftig spitzt sich der Gegensatz der Völkischen untereinander in den letzten Tagen vor der Wahl. zu. So schreibt eines der letzten Flugblätter der Trutschnotio unten Volkspartei, betitelt „Raus aus dem Sumpf", das folgende: „Ebensowenig können rrns retten Nationalsozialisten nrrd Feeihertspaecheiler, Die nicht wissen, ,o-b sie rechts oder Links stehen, ob sie sich Partei oder Bewegung nennen sollen, ob sie Nepnbliknrrer oder Monarchisten sind, die es zu einem Programm bei der Unklarheit ihrer Vorstellungen überhaupt noch nicht gebracht haben. Zur Freude von Juden und Judengenossen haben sie den Unfrieden in die nationalen Reihen -getragen und schwächen und verhindern s o g a r d"i e vom B o! ke gewünschte Rechtsregieru ng, weil sie, wie rn Thüringen und Metklenbnrg, sich vor der Verantwortlichkeit Drücken wollen» Mit dem heißen Herzen allein läßt sich die Befreiung Deutschlands nicht durchführen. Jede gesunde Politik muß von einem klaren Kopf und nüchternem Wirklichkeitssinn getragen s ein. Oder können uns andere Splitterparteien wie etwa die Deutschsozialen des Einspänners Knnze oder die Wirtschaftspartei retten, die stets wegen ihrer zahlenmäßigen Ohnmacht znr ndfoLnten NnfrnchtbarkeiL verdarmnt sind?" Gleiche, ähnliche oder noch bösere Vorwürfe erb eben die Deutschvölkischen gegen die Deutschnationalen, die Deutschsozialen gegen die JreiheitZParteiler, alle gegenseitig. Dias sollen die Leute sein, die Deutschland aus dem angeblichen Sumpfe hevausziehen wollen und die ihre „völkische! Tugend" bisher darin vorzugsweise bewähren, Last sie sich Mterernander als völlig ungeeignet an Charakter, Po-1 i 11 s ch er E in f i cht tt n b Zuverlässigkeit hinstellen.

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