Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 17 (24.4.1924)
- Date
- 1924-04-24
- Page
- Seite 230 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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230 Kont im hebräischen Gewanöe. Ein Beitrag zum Kant-Jubilaums. Von B. W. Segel. Das hätte sich Immanuel Kant nicht träumen lassen, dcch zu. seinem Zwei-Hundertsten Geburtstag in Jerusalem eine Uebersetzung der „Kritik der reinen Vernunft" ins Hebräische erscheinen würde! Das erste Heft einer hebräischen Uebersetzung der „Kritik der reinen Vernunft vvn Dr. I e ly u d cd Juno w v t s, ch, einem Zögling deilltscher Universitäten, ist soebeir herausgekomwen und enthÄt die Vorrede Kants zur ersten Ausgabe 1781, die Vorrede zur zweiten Auflage 1787, die Einleitung und den ersten Teiil der transzendenta-len Elementarlehre: „D i e t r a n s z e n d e n t a l e A e st h e L i k". Diese Nachricht wird vielen Lesern überraschend und befremdend Vorkommen. Wer aber die geschichtlichen Verhältnisse genauer kennt, der wird eher fragen: „Warum so spät?" Wer aus diese Frage anttvorteu' wollte: es mag wohl kein Bedürfnis gegeben haben, Kant ins Hebräische zu übersetzen, da doch jeder hebräische Leser, der so weit reis war, daß er Kant verstehen konnte, ihn in der Ursprache zu lesen verstand, jetzt aber die Kenntnis der deutschen Sprache unter den Ostjuden bedeutend zurückgegaugen sein dürste, so daß die „Kritik der reinen Vernunft" ihnen in hebräischer Uebersetzung dargeboten werden muß — wer so urteilte, würde sehr irren. Die Ueberfetzungen deutscher Denker und Dichter ins Hebräische — seit es eine moderne hebräische Literatur gibt, das heistr seit Moses Abeudelssoh n — entsprang nämlich nicht dem Bedürfnis, die Leser mit diesen Werken bekanntzumachen, denn das wiffenschasUich und literarisch interessierte jüdische Publikum verstand durchweg Deutsch, las eifrig deutsche Bücher. Die Uebersetzer hätten sich also die Mühe sparen können. Wenn sie dennoch so viel Wissen, Fleiß, Fornckunft und Fleiß aus diese immerhin wenig, dankbare Arbeit verwendeten, so geschah dies -lediglich aus dem seelischen- Drange heraus, was man von dem Werk eines deutschen Denkers oder Dichters besonders liebte und bewrmderte, in den Lauten der he i lige n Sprache nochmals erklingen zu hören. Das Hebräische war allen Juden heilig als die Sprache der Bibel und der Gebete, aber für die Juden der östlichen Hälfte Europas hatte es außerdem die Bedeutung als Kultursprache, in der alles enthalten war, was außerhalb der rein religiösen Sphäre an Gütern des GetstMebens vorhanden war. lieber - setzte man also ein philosophisches oder Werarisches GeisteserZeugnis ins Hebräische, so nahm man davon erst recht eigentlich Besitz, es wurde richtiges geistiges Eigentum, ein Stück des eigenen Ich, man bemächtigte sich seiner, es wurde sozusagen geweiht, es wurde „unser". Aus diesem Gefühl heraus entstand auch die vorliegende .Kant-Uebersetz un g des Dr. Jehuda Juno witsch. In Jerusalem versteht und Pflegt man die deutsche Sprache nicht weniger als vor dem Sieg der Entente. Deutsche Bücher liest man verhältnismäßig mehr als früher — weil mehr moderne Menschen jetzt dort sind. Aber Kant will man in hebräischer Sprache haben. Der Uebersetzer sagt in der Vorbemerkung: „Kein Wort ist zu verlieren über die Wichtigkeit und Dringli-chkeik, die Lehre dieses Genius des menschlichen Gedankens in hebräischem Gesäße darzubieten. Wie könnte das wissenschaftliche Leben, das jetzt unter den Juden im Lande der Väter zur Selbständigkeit erwachst und sich an der entstehenden hebräischen Universität zu Jerusalem einen eigenen Mittelpunkt schafft,' diese Grundsäuile des modernen wissenschaftlichen Denkens errtbehren? Es ist nicht abzuschätzen, wie wichtig -es für uns ist/ als Gegengewicht zu der unausstehlichen Oberslächilichkeit und Phrasendrescherei, die sich bei! uns im Leben und in der Literatur so örett machen, den wissenschaftlichen Ernst der modernen Philosophie, in allererster Reihe die Lehre Kants, in unser Geistesleben einzusühren." Der Uebersetzer hatte mit ganz ungewöhnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen, und es ist ihm gelungen, shrer in 'bedeutendem Maße Herr zu werden. Er ist an die Arbeit, wie er sich ausdrückt, mit scheuer Ehrfurcht herangetreten, und es ist ihm gelungen, Kants konzentrierten, spröden, gedankenschweren, auf Leichtfaßlichkeit und Eleganz verzichtenden Stil in ein schönes, geschmeidiges Hebräisch zu übertragen, das an besonders schwierigen Stellen zugleich einen Kommentar bietet. Obgleich in hebräischer- Sprache aus dem Mittelalter her bis etwa ins 16. Jahrhundert eine reichhaltige philosophische Literatur vorhanden ist, so lassen sich die in ihr enthaltenen technischen Ausdrücke doch nur in seltensten Fällen für den Begriff der modernen Psychologie und Erkenntnistheorie verwerten. Es galt also, technische Ausdrücke zu prägen, was bekanntlich nicht jedermanns Sache ist. Das war auch der Grund, warum bisher nur eine leichtere Schrift von Kant, „Die Macht des Gemütes", ins Hebräische übersetzt wurde (erschienen vor etwa fünfzig Jahren in Krakau). An die Kritiken traute man sich nicht heran. In Wirklichkeit ist es jedoch nicht das erstemal, daß Kant in hebräischem Gewände auftritt, obgleich nur eine einzige Schrift von ihm hebräisch erschienen ist. S a (o m o n Maimon , der Kants Kritizismus „ungedacht" hat, von dem Kant einmal gesagt hat, daß von seinen, Gegnern keiner ihn in der Hauptfrage so verstanden habe wie er, — dieser Salomon Maimon schrieb einen geistvollen und scharfsinnigen Kommentar zu M a i m o n d i s „Führer der Irrenden" unter dem Titel „G i v a th h aMo r e h", in welchem er den, übrigens sehr gewagten, Versuch unternahm, Kants Kritizismus in die Gedankengänge des jüdischen Religionsphilosophen aus dem 13. Jahrhundert hineinzulesen. Maimonides erscheint bisweilen als ein in das hohe Mittelalter rück projizierter Kant. Eine gute Würdigung. Salomon Maimons und seines Verhältnisses zu Kants Philosophie findet man in dem vor kurzem erschienenen Buche von Robert Reininger: „Kant, seine Anhänger und seine Gegner" (Verlag von Ernst Reinhardt, München 1924). In einer Beziehung besonders interessant ist das Buch für uns Juden, es enthält nämlich — ein in Kant-Darstellungen äußerst seltener Fall — eine Analyse von Schillers Verhältnis zu Kant. „Schiller war ein von Natur aus philosophisch veranlagter Geist, der lange schon um eine adäquate Weltanschauung gerungen hatte, als er endlich in der Philosophie Kants die ihm gemäße Erfüllung fand." Und durch das Medium von Schillers Gedichten, Dramen und philosophischen Schriften erlebten die Inden (auch außerhalb Deutschlands) abermals „Kant in hebräischem Gewände". Der Außenstehende ahnt nicht, welche Rolle Schiller _— sozusagen der poetische Interpret Kantfcher Gedanken — im Geistes- und Seelenleben der osteuropäischen Juden aller Schichten gespielt hat. Seitdem die Kenntnis des Hochdeutschen sich unter den Juden Polens und Litauens, hauptsächlich dank der Mendelssohnschen Bibelübersetzung, ausbreitete, hielt auch die deutsche Literatur, und besonders Schiller, seinen Einzug unter ihnen. Die Ideen der deutschen Aufklärungsphilosophie und schließlich auch Kants Kritizismus kamen mit der deutschen Bibelübersetzung in das osteuropäischek Ghetto. In der Umgebung. Moses Mendelssohns lebten einige hochbegabte polnische Juden, die an seinem Vibelwerk mitarbeiteten — und welche die in diesem Kreise herrschenden Ideen den Glaubensgenossen in der Heimat übermittelten. Reininger erörtert das Verhältnis Mendelssohns zu Kant. Das Wort vom „Allzermalmer Kant" hatte der V e r s a s s e r des P h ä d o n g e p r ä g t. Einer der eifrigsten Apostel Kants war der Dr. Markus Herz, der über die „Kritik der reinen Vernunft" ftruuipfeuSocken Houlf man am besten bei { /tax A!vA/ Leipzigerstr. öl a. Dönhoffpiafz Bekannt für gute Ware u. billige Prefrel (res! *!