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Central-Verein-Zeitung · 1924-04-24 · 17 (24.4.1924) · p. Seite 229

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
17 (24.4.1924)
Date
1924-04-24
Page
Seite 229 (sequence 9)
Language
German
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229 Weimar, Gotha und Eisenach. Die Ausklärungsversammlungen sind überfüllt. — Der Führer der Thüringer Deutschnationalen „nimmt den Fehdehandschuh auf". — Oberstleutnant v. Albert bezeugt die militärische Tüchtigkeit der Juden. — Johannes Schlaf mahnt zur Versöhnlichkeit. In der Nr. 14 unserer Zeitung haben wir mit wenigen Worten unsere Veranstaltungen in Thüringen erwähnt. Nunmehr liegt der folgende ausführliche Bericht vor: Thüringen, einst der Mittelpunkt deutschen Geisteslebens, scheint den Deutschvolki'ichen nach dem Ergebnis der Landtagswahlen -ein Besitz geworden zu sein, den sich immer stärker zu sichern sie keine Mitteil scheuen. Unsere Freunde in Weimar, Gotha und Eisenach, drei Städten von geschichtlichem und geistigem Leben, mit atteingesessener jüdischer Bevölkerung, haben gerade deshalb Vorträge über die Judenfrage bei sich stattfinden lassen, zu denen die if ü h r e n d e n ch r i st l i ch e n P e r s ö n l i ch k e i t e n geladen waren. Rabbiner Dr. Schüstan aus Erfurt behandelte „Talmud und jüdische Geheimgesetze". Er Gezeichnete den Talmud als einen Kommentar zur Bibel!' und erläuterte historisch die Zusammenstellung dieses Riesenwerkes, an dessen Entstehung viele Jahrhunderte gearbeitet haben. Das Verhältnis des kallinudischen Judentums zu-m Christentum unterzog er gründlicher Untersuchung und wies an Hand von Zitaten nach, daß die Ethik des TalmudA in allen Fällen sachlich mit der christlichen Ethik übereinstimme. Die lebhaften Auseinandersetzungen und die Reihe von Aussätzen über diese Ausführungen Dr. Schüstans in den Zeitungen Thüringens beweisen, daß diese Ausklärung aus berufenem 'Munde einer zwingenden Notwendigkeit entsprochen hatten. Der Direktor des Centräl-Vereins, Dr. Holländer, sprach in den drei Städten über „Die deutschen Juden inPolitik, Wirtschaf.t und Kultur". Er behandelte auf wissenschaftlich historischer Grundlage die Geschichte der Juden und brachte den Beweis dafür, daß die über den ganzen Erdball verstreuten Juden in die Völker, unter denen sie leben, hineingewachsen sind'. Wer Keine llra h n e n s ch o n i m L a n d e s e i n e r G e b u r t g e h a b i h abe , we r seine V äte r u nd Vr ü der i n d e ut sche r Erde g e b e t f c t w ü ß t -e, wer nach Spr a> ch e und Sitte mit seinem' Geschlecht seit eineinhalb Jahr taufe n d e n z u m deutschen V o k k e g e h> ö r e , der könne kein F r e m d - k ö r P e r im deutschen Volke sein. Er befinde sich vielmehr aus Tradition und realer Notwendigkeit in einer Kultur und Gesinnungsgemeinschaft mit dem betreffenden Volke, und die wirtschaftlichen und geistigen Interessen dieses Volkes seien auch some Interessen. Dr. Holländer belegte seine Behauptungen mit wissenschaftlichen Argumenten der Geschichte, der Soziologie, der Psychologie und der Nationalökonomie. Seine Ausführungen klangen darin aus, daß das h ö.chste Z i e-l d e s d e u t f che n I u de n 'di e E i n i,gk eit, das Recht und dle Freiheit des deutschen Vaterlandes sei. In seinen Dienst stelle der jüdische Deutsche seine ganze Kraft und seine ganze Arbeit. Zu diesen Ausführungen nahm in der Aussprache in Eisenach der deukschnationale Landtagsabgeordnete v. Eichel-Schreiber Stellung, da er sich verpflichtet fühle, den ihm durch die Einladung hingeworfenen Fchdehandfchüh .aufzunehmen. Vor Beginn des Kampfes aber müsse er vor seinem Gegner zum Gruße die Klinge senken. Zum ersten Male in seiner ganzen Tätigkeit als Politiker sei er in einer jüdischen Versammlung von seinem Gegner als Andersdenkender in keiner Weise verletzt worden. Wenn er als einer der ge i sti g e n Füh re r der De u t schnatio - n a I c n in der Versammlung das Mort nehme, so sei er überzeugt, daß er bei seinen Gegnern im Saale grundsätzliche Meinungsänderungen n'cht herbeif,ähren könne. Seine Tendenz sei die gleiche wie die des Hauptredners, zur Entgiftung der Atmosphäre beizutragen. Im Verlauf seiner weiteren "Ausführungen stellte er dann fest, daß sich eine national e Gefahr du rchdasJu den - t u Kl' f ü r D e u t s ch l and n -i ch t bewerfen lasse, wohl aber instinktiv als vorhanden empfunden werde und deshalb als tatsächlich bestehend ausgesaßt, .als p o l i t i s che R e>a l i t ä t behandelt werden müsse. Der Kamps der Deutschnationaben richte sich gegen die F ü h r e r s ch a f t, der das jüdische Streb e n gelte und die angesichts der r e v o t u t i -o n ä r en und P a z i f i st i s ch e n Gesinnung als besonders bedenklich angesehen werden müsse. Dabei komme es den Deutschnationalen wegen «der Ernsthaftigkeit ihres Kampfes auf Wahrheit an; deshalb arbeite kein wirklich ernst zu nehmender Politiker auf judengegnerischer Seite mit den Argumenten der „Weisen von Zion", des „auserwählten Volkes" usw. Unwahrheit und Unlauterkeit im Kamps bringen mehr Schaden als Nutzen. In G o t h a stellte in der Aussprache Oberstleutnant a. D. v. Albert aus seinen Erfahrungen heraus den Juden das Zeugnis aus, daß sie beim Militär voll ihre Schuldigkeit getan Hütten. Ein Zweiter Redner, der Arbeiter Tanne, wandte sich gegen die Judenhetze in Deutschland. In Weimar mahnte Pfarrer Graue in.der Aussprache „nicht als Politiker, sondern als Vertreter des christlichen Ideals", den Kampf um die wirtschaftlichen und politischen Probleme, der sich vielen schlechthin als ein Kampf gegen das Judentum darstelle, sachlich und positiv zu führen. ' In allen drei Versammlungen waren die Ausführuugen der Redner und Gegenredner, Persönlichkeiten von hoher Kultur und starker, deutscher Einstellung, frei von e n g e n p a r t e i p o l i t> i s ch e n Dogmen und Prinzipienreiterei; die Veranstaltungen haben so bewiesen, daß man einem Gegner und Andersdenkenden gerecht werden kann, ohne ein Jota von seiner Lebensanschauung aufzugeben. Auch hier kamen wir ein gutes Stück Weges weiter auf dem Ziele Aur Volksversöhnung. Daß diese Wirkung nicht nur auf den engen Kreis der Versammlungsteilnehmer beschränkt bleibt, beweist der Widerhall, den die Veranstaltungen in der Presse gefunden haben. - So nahm in der „Allgemeinen Thüringischen Landeszeitung" der „ weit bekannte Schriftsteller Johannes Schlaf Stellung zu den Ausführungen Dr. Holländers. Er betonte dabei das Bestehen eines christlich-germanischen Geistes, an dessen Kraft er glaubte, aber er mahnt seine VolkHenossen, nicht gar so ängstlich zu sein, wenn es gelte, die Juden in Fleisch und Blut so aufzunehmen, wie schon längst alle möglichen Völker und Nassen in Fleisch und Blut ausgenommen seien, ohne daß der germanisch deutschen Entwicklung ein ernstlicher Schaden entstanden wäre. Die jüdische Religion sei eine der christliche n Religion! verwandte und der Z u s a m m e n h a n g zwischen beiden Religionen könne nicht hinwegdiskutiert werden... Die jüdischen Merzte im Kriege. Ein Beitrag zu Ludendorffs Behauptungen. Nach, den Zeitungsberichten hat General Ludendorff im' Hitler-Prozeß im Anschluß an seine Bemerkung, er sei gegen alle Verkünder einer kommunistischen und marxistischen Idee, angeführt: „Im Zusammenhang mit «dieser Gedankenverbindung steht die jüdische Frage. Ich habe die Gefahr der Juden im Weltkriege genügend kennengelernt. Ich habe m i ch d amit ernstl i ch u n ib a u s m c r.k sam b c 's ch ästi g t." Jene Worte Ludendorffs veranlassen mich, auf die von den Antisemiten — den Deutschvölkischen und Alldeutschen — im Kriege und nach seinem Ende wiederholt ausgesprochene Behauptung, „die ' Inden hätten sich gedrückt", zu sprechen zu kommen. Als wir 1914 ins Feld zogen, wußte keiner von dem anderen, wes Glaubens er sek. Ein gemeinsames Band der Liebe und Treue umspann alle, ohne daß man nach Konfession und H e r k o m men srug. Worüber ich aber ein Urteil fällen zu dürfen glaube, das ist über die Tätigkeit der jüdischen Sanitätsoffiziere, mit denen ich während meines vierjährigen Wirkens als Feldtruppenarzt bei den beiden Regimentern der 8. bayerischen Brigade in Berührung gekommen bin. Und es waren nicht ganz wenige dank dem gerechten Standpunkte der bayerischen Heeresverwaltung, die bereits zu jener Zeit einjährig-freiwillige Aerzte zu Sanitätsoffizieren der Reserve beförderte, als man ihnen, weil sie Juden waren, im Preußischen Kontingent dieses Recht des Staatsbürgers beharrlich verweigerte. Es entbehrt nicht eines gewissen Reizes, darauf hinzulveisen, daß diese Rechtsausfassung der Bayern im Kriege reiche Früchte trug. Während die preußischen Feldregimenter schon früh große Lücken an Sanitätsoffizieren aufwiesen, waren die bayerischen, an der Front stehenden Heeresteile bis zum Kriegsende reichlich mit Truppenärzten versehen, und nicht zum wenigsten mit solchen jüdische'r Konfession. Hut ab, sage ich, vor den jungen jüdischen Aerzten im Felde! Geschult in ihren studentischen Verbänden in der Heimat, ausgestattet mit dem rechten Gefühl für Ehre, standen sie ihren Mann, suchten sie stets durch ihr Auftreten das Vorurteil zu zerstreuen, der Jude sei feige und scheue die Gefahr und — exponierten sich in Augenblicken der Gefahr. Zwei der unter mir arbeitenden jungen resp. angehenden jungen Aerzte fielen auf dem Felde der Ehre, beides hochgebildete, bescheidene Männer; davon war einer ein Jude. Ein anderer, der ebenfalls Jude war, wurde beim Angriff mff Jakob st adt schwer verwundet, nachdem er kurz zuvor bei den Kämpfen um Riga Proben des kaltblütigsten Verhaltens gegeben hatte. Er verband ruhig die Schwerverwundeten weiter, als die Russen bei einem Gegenangriff, ohne Pardon zu geben, bis zu seinem Verbandsplatz vorgedrungen waren. Tapferkeit ist eng an die Persönlichkeit geknüpft. Ich folge nicht den famosen Spuren der Völkischen, sie konfessionell oder rassenmäßig zu bewerten. Wenn aber unsere Gegner im deutschen Volke das versuchen, dann sei einmal auf das Verhalten der jüdischen Aerzte hingewiesen, von denen gar manche die Liebe zur Hei m a t mit d e m T o d e u n d schwerer V e r w u n d u n g büßten und die eine V e r n a ch l ä s!j igung 'd e r P f l >i chk bis aus wenige Ausnahmen n i cht. kannten. Gerechtigkeit ist die Grundlage der Reiche. Ich vermisse sie völlig in dem ganzen Auftreten des Generals Ludendorsf und seiner Anhänger den Juden gegenüber.. Am Schlüsse seines Buches „Das K. bayr. 4. Infanterieregiment im Weltkriege" sagt Hauptmann a. D. Hubert Hosmiller: „Das HauPtersordernis heute im Zeitalter des ausgeprägtesten Nationalismus ist Einigkeit, das Zusammenhalten in nationalen, völkischen Fragen, wo alle Gegensätze, gleich viel welcher Art, ob sozialer, konfessioneller Natur oder politischer Anschauung, unbedingt.dieser einen Notwendigkeit untergeordnet werden müssen." Das nenne ich einen vernünftigen völkischen Standpunkt, während die Haßgesänge Ludendorsfs zu schärfster Abwehr auffordern. Dr. S ako m o n GottischalB (Mayen).

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