Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 17 (24.4.1924)
- Date
- 1924-04-24
- Page
- Seite 227 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2277379-2277464-2277480--01095-2280308- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Der erste deutsche Nationalsozialist. Von Rechtsanwalt Dr. H o ch s ch i l d (Frankfurt a. M.). Es soll hier in einem parteipolitisch neutralen Blatt nicht irgendwie Stellung für einen nationalen S o Z i a l i s nt u § gegen eine mehr international orientierte Arbeiterbewegung genommen werden. Uns interessiert hier das Problem nur so weit, als jetzt die deutschen Juden bekämpft werden, als ob sie kein Nationalgefühl hätten und verantwortlich seien für die angeblich „vaterlandslose" Einstellung der Sozialdenwtraten imb Kommunisten, da geistige Väter und politische Führer wie Karl Marx und Kurt Eisner jüdischer Abstammung waren. Daß anderseits der geistige Vater der Deutschkonservativen Partei der jüdisch geborene Friedrich Julius Stahl war, davon hört man wenig All Ehren jüdischer Eltern von seiten der Herren Heydebrand von der Lasa und Grafen Westarp. Dagegen führt die völkische, nationalsozialistische Schar der Hitler- und Wnlle-Anhänger einen großen Lärm, indem sie statt Sozialismus jetzt immer das Wort Marxismus im Munde führt, trotzdem die heutige sozialdemokratische Parteileitung in ihrer Praxis von der reinen Lehre Karl Marx' erheblich ab gewichen und gerade der Gralshüter des unverfälschten Marx-Dogmas der ni ch t j ü d i s ch e Herr Karl St et it t § f t) ist. Das Wort „M a r x i smus" ist ein innerlich leeres, absichtlich hervor - gezerrtes Schlag wort geworden, um Judentum und internationale, materialistische Anschauung im feindlichen Sinne 31t identifizieren. ' ' Nun kämpfen mit der Dummheit Götter selbst vergebens: aber wir wollen doch hier einmal rurs selbst und unseren Freunden vor Augen führen, daß der erste bedeutende deutsche Nationalsozialist nicht der redegewandte Herr Adolf Hitler war, sondern der in Breslau im Jahre 1825 geborene deutsche Jude F e r d i u and L a s a l l e, der allzu früh, schon mit 39 Jahren, an den Folgen einer Duellwunde im Jahre 1864 sterben mußte. Die historische Sozialdemokratische Partei, wie sie zur Zeit des Sozialistengesetzes von Bismarck als staatsgefährlich und vaterlandslos bekämpft wurde, hatte ihre Zielrichtung „Proletarier aller Länder vereinigt euch" n t dj t von jüdischen Part e i führern erhalten, sondern von den llx t c it 10 « c n W i l h e l m L i e b k n e ch t und A n g u st Bebel: Diese beiden haben schon in den sechziger Jahren die L a s s a l l e a n e x heftig bekämpft imb vor allen: deren P r e 11 ß i s chd c u1 f dj c Einstellung verworfen. Tie Lassalleaner lvaren von ihrem genialen Führer zu einer im rnoderneu Sinne patriotischen Einstellung erzogen worden. Lassalle war überhaupt der erste, der in Deutschland eine politische Arbeiterpartei mit sozialistischem Programm ins Leben gerufen hatte, den im Jahre 186-3 gegründeten „A l l g e m c i n e n d e u t s ch c n Arbeitervere i n". Ein bezeichnender Name. Die Umbenennung in „Sozialdemokratische Partei" erfolgte erst später durch Bebel und Liebknecht. Lassalle selber war als Hegelianer begeisterter Anhänger des nationalen Staatsgedankens, er stellte in seiner idealistischen Weltanschauung, als ein reiner Ritter vom Geist, nichts so hoch als die Idee der reinen Staatsgewalt und erwartete von ihr alles zur wirtschaftlichen Hebung des Arbeiterstandes. Freilich suchte er seine Arl^äterauhünger anznfeuern, vor allem für das gleiche und geheime Wahlrecht eiuzntreten, um sich den nötigen Einfluß ans den Staat zu sichern. Er war ein geschworener Gegner der alten Fortschrittspartei, mit der auch König Wilhelm und Bismarck in schärfstem Konflikt vor 1866 lobten. Seiner g x 0 ß de ui j ch c n S c Ij u s u ch i in der auswärtigen Politik gab Lass a l le schon 1859 klassischen Ausdruck in der noch heute lesenswerten Schrift: „Der italienische Krieg und die Aufgabe Preußens", wo er den Geist Friedrichs des Großen und Fichtes beschwor und noch vor der Ministerpräsidentschaft Bismarcks Prelltzen zum Bündnis mir Italien und Garibaldi zum Kampf gegen das reaktionäre, völtergemischte Oesterreich, zur Verständigung mit Frankreich amrief, mix jetzt beit d e utsch e n E i n h c itsstaat mit p r e rl ß i - s ch c r F ü h r u n g zu schaffen. Bismarck selber, der im September 1862 preußischer Ministerpräsident wurde, s Hnxpathisi orte stark mit dem ihn: in manchem verwandten Ferdinand Lafsälle. Er zog ihn im Winter 1863/64 mehrfach zu stundenlangen, intimen Besprechungen zu und ließ sich auch von Lassalle für A r b e i t tx fragen und die soziale Bewegung sowie für die E i n fix h x u n g des gleichen, geheimen, direkten Wahlrechts im Gegensatz zum Preußischen Dreiklassenwahlrecht erwärmen'. Warum Halter: uns nun die „v öl ki s che n"'modernen Nationalsozialisten nicht auch Lass alle vor? Aus Historischer Un- . bildung oder weil es nicht in ihren demagogischen Stvam bet Volks- Verhetzung paßt? Wir aber wollen gerade im Wahlkampf zur Verteidigung des schwer verleumdeten Judentums auf den großen programmatischen Namen Ferdinand Lassalle Hinweisen, wenn wieder die Mär vom „j ü disch e n M a r x i s - m u s" als der alleinunjeligmachenden Intrige gegen „ d e u t s ch e Belange" erklingt. Der Geist Lassalles siegte ja auch, wie der Heidelberger Historiker Oskar in seiner bedeutenden Lassalle-Biographie (dritte Auslage, S. 509) ausführt, am 4. August 1914, als sich die Sozialdemokratische Partei bereitfand, wie alle anderen, im Kriege das Vaterland zu verteidigen. Vielleicht wäre es nicht zum Kriege gekommen, wenn vorher die Partei unter der weiten geistigen Führung eines Lassalle im Gegensatz zu dem in äußerer Politik enggestirnteu Bebel regierungsfähig und dabei emflußstark gewesen wäre. Leider hatte sich ja die stark dogmatisch beeinflußte Partei in vielen Dingen von 1876 bis 1914 selber ansgeschaltet und lieber Ideologie als praktische Politik, besonders in der Außeupolitik, betrieben. Wir können diese geschichtliche Frage natürlich hier nicht klären. Bewiesen ist aber, daß unter Lassalles nationalsozialistischer Einstellung sich Bi-smarck anders gegenüber der Arbeiterpartei verhalten hätte mrd es zu so furchtbaren Znsammenstößen xlicht gekommen wäre. Hören nur ihn selber, Une er in der Vir warnen m wilden Samimgeni Reichstagssitzimg vom 17. Sepie uxber 1878 bei der Beraiung des Sozialistengesetzes sich über den deutschen Inden Lassalle im Gegensatz zu seinen nichtjüdischen Epigonen äußerte: „Lassalle hatte eine sehr ausgeprägte national e u n d m onarchistische Gesinnung; seine Idee, der er zustrebte, war das deutsche Kaisertum, und dabei hatten lvir unseren Berühr nngspimkt." Und damr fahrt Bisrnarck fort, nachdem er in längeren Ausführungen und mit seltener Warme die ihm imponierenden Geistesgaben Lassalles geschildert hatte, und berührt hier eine welthistorische Wende: „Wann habe ich nxeine.Bexnühnngen um soziale Verhältnisse aufgegeben? Es stammt dies von dem Augenblick her, wo im versammelten Reichstag — ich weiß nicht, war es der Abgeordnete Bebel oder Liebknecht, aber einer von diesen beiden — im pathetischen Appell die französische Kommune als Vorbild Politischer Eirxrichlnngen hinstellte und , sich selbst offen vor denx Volke 311 dem Evangelium dieser Mörder mxd Mordbrenner beiamite." Man sieht, B i s m a x ck w a r die' A b st a m m it ngss r a g e Hekuba. Er beurteilte die einzelnen Männer nach ihren individuellen Zügen. Bon dieser wissenschaftlichen, im tiefsten Grunde deutschen Methode sind leider unsere „vaterländischen" Verbünde wcltemveit entfernt, die «den Namen Bisnxarck gern auf der Zunge, von feiner Art aber nichts im Kopfe tragen. Die neuen „Waffen im sibwehrkampsi. T a s H a 11 d b n ch f ü r de n beut f ch c n I u d e n. . Schon lange ist das Werk von Italiener: „Waffen inx Abwehrkampf" vergriffen. Die Lücke ist jetzt vorzüglich ansgefüllt. Mittelschullehrer Heinrich Stern, der seit vielen Jtxhreu mit in vorderster Reihe im Kampfe gegen den Judenhaß steht, hcxt in einem Werke „Angriff xuxb Abxoehr, ein Handbuch für die Judeufrage"*) das Jtalrenevsche Buch völlig neu bearbeitet imb stichwortartig ohne überflüssige und'den llmptuk] unnütz vermehrende Ausführungen -ein Gesamtbild über die jndenfemdliche Bewegung unserer Tage gegeben, das in wa h r h e i t sg c t r e u e r u n d m n st c r g ü ltig c r Weis e jeden unterrichtet, der aus innerem Drange gegen die schlimmste Seuche unserer Zeit anftreten will. Ein ausführliches Quellenverzeichnis, ebenso wie t'm genau bearbeitetes Register erleichtern die Benutzung -dieses vorzüglichen Werkes, das durch seine hxxndliche Anestattnng (biegsaurer Leinenband) iui ausgezeichneter Weife die Benutzung vereinfacht. Das Buch nrnß nicht nur zu.den Wahlen, sondern auch nachher in den Händen eines jeden unserer Freunde fein. Gehrjmrat Luöwrg Hahn zum 70. Geburtstag. Das Mitglied des Ciebencrausschnfses, das dem Verband Berliner Ortsgruppen r>orstel)t, Herr Geh. -SauitiitsrNt Dr. Ludwig Hahn, feiert am 26. April seinen 7 l). Geburtstag. Der Jubilar hat ben Aufstieg Les Verbandes begleitet, hat stets, unermüdlich tätig, .feine ixrcifte dem Verbände gewidmet, und überall im Groß-Berliner Verbaud wird fein Name mit Hochachtung und Verehrung genannt. Möge Herr Geheimrat Hahn, -dieser frische Siebziger, noch lange Jahre in Gesundheit zum Segen unseres C.^B. wirken. *1 Heinrich Stern. A n g r r f f rr n d A b w e h r. Ein Handbuch für Die' Judenftage. Berlin. Ph i l o - V c r l a g 1921. Preis 2 Mark. .