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Central-Verein-Zeitung · 1924-04-24 · 17 (24.4.1924) · p. Seite 226

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
17 (24.4.1924)
Date
1924-04-24
Page
Seite 226 (sequence 6)
Language
German
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226 Nationale Phrase und nationale Tat. VölkischeCharakterköpfe. „National" ist -das verheerendste Schlag wort unserer Tage. Wie haben die Konservativen und die -ihnen verwandten Kreise sich mit Recht über jede Herabsetzung Deutschlands vor dem Auslande entrüstet! Die leiseste Karikatur galt schon als Landesverrat. Und heute? Niemand schmäht so die offiziellen Symbole des Reiches, niemand setzt so jeden herab, der wirklich ehrliche Arbeit für Deutschland leistet, wie gerade -diese Kreise. Was sie jetzt an Schaden stiften, ist aus Jahrzehnte nicht wieder outzumachen, und man braucht sich nur die fremde Presse daraufhin durchzusehen. Mit Behagen verzeichnet sie alles, was bei uns in diesem Sinne gesagt und geschrieben wird. I st d a s n a t i o n a l? Das Jug-endwort Mommsens von den Juden als „Defer menten" wird, von ihnen weidlich cmZgebeutet, obwohl dieser große Historiker es später selbst preisgegeben und durch seine politische Betätigung dementiert hat. Defermente sind Zersetzungsfaktoren. Wer zersetzt heute das Reich? Wer ist lediglich negativ eingestellt? Die A n t w o r t d a r a u f entscheidet einzig und allein über nationale, Gesinnung. Sieht man sich die positiv e n L e i st u n g e n unserer Deuts chvölkis chen an, so findet man außer einer Hochflut von Verleumdungen gegen alle möglichen Persönlichkeiten, Berufe, Konfessionen und Stände nur Putsche, die Deutschland immer tiefer in das Elend hinabgestoßen haben. Doch nein: wir haben noch auszuzählen: die Ermordung von Erzb erg er und Garreis, von Walther Rathenau, den Mordanschlag aus General v. Seeckt, den bezeichnenderweise Hakenkreuzler aus Konkurrenzneid gegen andere Hakenkreuzler zur Anzeige gebracht haben, die Anschläge aus Scheidewann und Harden, die Ertränkung des Studenten B aur in der Denk/ an öerr Wafjifandet Isar und den Fememord von Parchim, dessen Scheußlichkeit das Gericht in seinem Urteil ausdrücklich hervorgehoben hat. Damit ists aber auch Schluß. Sie haben im Programm außer der nationalen Befreiung Deutschlands, die sie am meisten verhindern, weil sie Poincars tagtäglich die Stichworte zurusen und durch nationalistische Radauszenen ihn: immer neuen Grund zum Einschreiten und zu Bedrückungen geben, ein wirtschaftliches Programm, das sich von dem der Komm uni st en nicht wesentlich unterscheidet. Sie sind durchaus antikapitalistisch eingestellt und bemänteln das lediglich damit, daß sie jedes Kapital als verjudet bezeichnen. Im Ausruf der Partei wird bezeichnenderweise der Stinnes-Trust als Riesengesahr bekämpft. Dabei hat der verstorbene Stinnes in seiner einzigen Rede im Reichswirtschaftsrat von den „Fremdstämmigen" ablehnend gesprochen. Vermutlich fühlte er sich als die Verkörperung des deutschen Idealismus, der nie nach Geld und Gut gefragt hat. Geholfen hat es ihm so wenig wie den vielen Industriellen, die die völkische Bewegung finanziert haben. Der Aufmarsch der Ehrhardt-Leute an der bayerisch-thüringisch-sächsischen Grenze war z. B. nur möglich, weil sächsisches Großkapital dahinter stand. Unseren Deutschnationalen ist allmählich dabei angst und bange geworden. Die Agitation richtet sich bereits auch gegen den- Großgrundbesitz und zeigt immer stärker, daß die negativen wirtschaftlichen Gedanken überwiegen. Zertrümmerung der deutschen Wirtschaft, auch das scheint eine nationale Forderung zu sein. Erwähnt, weil es zwischen völkisch und national vielleicht eine Grenze zieht, sei die Stellung zu Monarchie und Republik. Das Hakenkreuz liebäugelt trotz der schwarzweißroten Fahne, bei der das Rot stark ausgelaufen ist, so daß es die anderen Farben immermehr verwischt, deutlich mit der Republik, wahrend die Deutschnationalen monarchisch gesinnt bleiben. National sein, heißt sittlich sein. Im Aufruf der Völkischen wird strenger Schutz der persönlichen Ehre und der Gesund-' heit gegenüber dem heute herrschenden Eigentumsschutz gefordert. Das zeigt einen gewissen Humor. Eine Partei, die nur groß geworden ist, weil sie die durch persönliches Leid und persönliche Not hervorgerusene Mißstimmung durch eine schrankenlose Demagogie ausauszubeuten weiß, ruft nach dem Strafrichter gegen Beleidigungen, Verunglimpfungen und Verleumdungen. Eine Partei, die Gummiknüppel zu ihrer geistigen Waffe erhoben hat (Herr Kunze heißt daher der Knüppel-Kunze), fordert den Schutz gegen Körperverletzung. Wäre im neuen Deutschland strenges und unparteiisches Gericht vorhanden, o würden die Führer diestr Partei vermutlich wegen Mangels an persönlicher Freiheit dem Wahlkampf fernbleiben. Oder spekulierende alle darauf, daß ihnen ein Gericht wie ihrem Freunde Mülleroausen, dem Weisen von Zirm, nachsagt, „sie hätten auch die größten Dummheiten nach ihrer Geistigkeit glauben können"? Sittlich! Sehen wir uns die Führer an! ' Im Rheinland spricht für die Völkischen Sepp Oerter, ehemaliger Anarchist, dann Räterepublikaner und zuletzt vor best rasier Mini st er der Republik Braun schweig. In München wird als v.in k'i sch e r Ab ge o r dn e k e r Herr Assner gewählt, Mitkämpfer der Roten Armee und Chauffeur Kurt Eisners. Gras Reventlow war immer so v ö l k i s ch, daß er Marinemitarbeiter des „Berliner Tageblattes" wurde und eine Französin heiratete. Im Sächsischen gehören den völkischen Organisationen zahlreiche „Mitkämpfer" des Kommunisten Holz an, die wegen schwerer Delikte verurteilt, von linksgerichteten Ministern begnadigt wurden. Also lauter patentierte Vertreter-des nationalen Gedankens, In Münster wird eine der führenden Persönlichkeiten der vaterländischen Verbände als französischer Spitzel verhaftet. Vermutlich dürste auf Träger des Hakenkreuzes auch der Verrat an Schlage der und anderen zurückzuführen sein. Doch eine Abwechslung in der Reihe: Poehner nimmt fünf Jahre hindurch von der Republik sein Gehalt und rühmt sich dann, vor- Gericht, gegen seine Gehalts Zahler fünf Jahre hindurch Hochverrat getrieben zu haben. Herr Ehrhardt verführt eine Dame zum Meineide und läßt sie dann in seiger Flucht im Stich. Ueörigens war diese Dame die . Prinzessin v. Hohenlohe, die Urenkelin jener Gräfin Sophie Hatzfeld, die mit der Leiche Lassalles dur-ch ganz Deutschland zog. Sind das die Träger deutscher Treue? Wenn „national sein" „Dienst am Vaterlande" ist, dann ist es die Aufgabe aller wirklich Nationalen, das Wort diesmal nicht in Gänsefüßen, Kreise zu bekämpfen, die so undeutsch wie nur möglich sind. Man kann ganz ruhig der Zukunft einiges überlassen. Sie sind niemals unter' sich einig. Wer die Geschichte des deutschen Parlaments liest, hat Mühe, sich in diesem ewigen Meiden und Scheiden zurechtzufinden. Niemals war die antisemitische Partei stärker als durch 30 Mandate vertreten; aber sie bildete ümmer mehrere Fraktionen, deren Hauptbeschäftigung es war, öffentlich ihre schmutzige Wäsche zu waschen. Wenn es in der Nationalhymne heißt: Einigkeit und Recht und Freiheit, so lassen sie uns leider bei allen drei Begriffen im Stich. Was sie geleistet haben, ist mit Blut geschrieben. Es gehört nicht «in die Politik, sondern in die Kriminalistik. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen! RichardMay (^Berlin), Immer wieder gegen „Irrüa und Rom". „Un deutsche Mächte . . Die „Großdeutsche Zeitung" vom 21. April spricht von „deutschen Ostern" und meint damit- Deutschlands Wiedergeburt. Die völkische Bewegung mühte nicht so bejahend und ausbau-end sein, wie wir sie kennen, wenn hierbei nicht folgender Sah vorkäme: „Wir haben aufgehört, ein freies Volk zu sein. Un-deutsche Mächte, Juda und Rom, führen das Wort -im Land, treten unser Recht mit Füßen, verschachern unsere Habe, nachdem sie unsere Ehre beschmutzt und unsere Wehr genommen haben, — mit Lug und Trug." Soll man hierauf sachlich erwidern, wo nicht Sachlichkeit, sondern Haß und politische Taktik -den Angriff führen ließen? Der Kamps der völkischen Bewegung gegen das Judentum und den Katholizismus erklärt sich letzten Endes wohl aus dem Mangelgefühl heraus, daß man der g e i st - und cha ra k t e r b i l d e nde n Wirkung dieser Jahrtausende hindurch unerschütterten Einrichtungen n ichts Gleichwertiges entgegenzusetzen imstande ist. „Schmarotzer am volkskörper". Die Bestrafung eines Verleumders. Die ersten Urteile im Bereiche des Verleumdungsfeldzuges ergehen jetzt, der sich gegen den Central-Verein im Anschluß an die bekannte Versammlung in der C h am i s s o - S ch u k e richtete, wo Herr Dr. med. Friedrich Brodnitz das Referat gehalten hat. Einen verleumderischen Bericht über diese Versammlung hatte auch der inzwischen eingegangene „Kämpfer" (Celle) gebracht, der von dem Lehrer a. D. Ernst) Hellmers geleitet war. Ein Berichtigungsersuchen des beleidigten Dr. Brodnitz wurde in einem Schreiben zurückgewiesen, das an den „jüdischen" Staatsbürger Dr. Brodnitz gerichtet war, der in ihm „als Schmarotzer am deutsch e n B o l k s k ö r p e r" bezeichnet wurde. Dr. Brodnitz klagte. Herr Hellmers Zeigte wenig Neigung für eine rasche Erledigung der Strafsache, und so erging erst vor wenigen Tagen das Urteil. Der Verleumder wurde zu 6 00 Goldmark Gelbst r a f e v e r u r t e i l t. — Die Begründung des Urteils liegt noch nicht schriftlich vor. Doch nach den mündlichen Ausführungen des Richters wird es notwendig sein, daß wir auf dieses Urteil nochmals zurückkommen.

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