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Central-Verein-Zeitung · 1924-04-17 · 16 (17.4.1924) · p. Seite 208

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
16 (17.4.1924)
Date
1924-04-17
Page
Seite 208 (sequence 8)
Language
German
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208 Ssnts Verhältnis zum Iu-errtum. Von.Dr. Heinrich Levh. Das deutsche Volk, mit ihm die ganze Kulturwelt, rllstet sich, Leu 200. Geburtstag (22. April) des großen Königsberger Philosophen festlich zu begehen. Das Judentum ist kein wesentliches Problem der Philosophie Kants. Der Gegenstand seiner Philosophie ist das, was alle Menschen, alle „verünftigen Wesen" in gleicher Weise angeht; ihr Bemühen gilt den g r u n d s ä tz l i ch e n Fragen der Kultur: den allgemeinen Voraussetzungen und Zielen von Wissenschast, Moral, Kunst, Religion. Kant erkennt hierbei zwar die Unentbehrlichkeit des Historischen, der Tatsachen, der Erfahrung als des Stoffes für allen Kulturfortschritt an, aber die bewegenden Kräfte der Kultur, die „Formen", die den Stoff immer nett gestalten und gestalten sollen, itnb die unserem Wissen, Wollen, Schauen wie auch unserem Gottesdienst erst Wert verleihen, find die unvergänglichen, überhistorischen Prinzipien der Vernunft. Diejenigen Fragen, die Kants tiefstes Nachdenken angespornt und zugleich sein Fühlen und Wollen am mächtigsten beherrscht haben, sind daher nicht geschichtliche, nicht nationale, sondern allgemein menschliche, und wenn man will, übermenschliche, d. h. solche, die den Menschen über sich selbst, als ein den Trieben und Leidenschaften unterworfenes Naturwefen, hinausheben und zum Vernunftwesen macheu. Indem nun aber Kant den Schwerpunkt dieser allgemein-menschlichen Vernunft ins Ethische verlegt, wird jeder Unterschied der Menschen nach Stand, Rang, Glücksgütern, Talenten, ja 'schlechthin' nach allem, was nicht das gute Handeln betrifft, gleichgültig. Nur was die Menschen eint, nicht was sie trennt, nur was die Hürde eines jeden einzelnen wie die der Gesamtheit erhöht, i st ethisch und soll gemäß bem unbedingten Gebot der Vernunft mit allen Kräften gefördert werden. Aus dieser durch tiefgründige Untersuchungen bewiesenen Lehre Kants lassen sich, so allgemein und formal sie auch anmuten mag, ganz bestimmte Folgerungen von außerordentlicher Tragweite ziehen, und Kant hat sie gezogen: es sind die. Forderungen des Rechtsstaats und — als Voraussetzung dieses Rechtsstaats — eines gesetzlichen Verhältnisses zwischen den Staaten, d. h. eines nach streng gerechten Grundsätzen verfahrenden Völkerbunds. Dies ist der wichtigste Inhalt des GeseDuches der Vernunft, an dessen Abfassung Kant vorzüglich gelegen war. Was uns die geschichtliche Erfahrung in Vergangenheit und Gegenwart darbte tet, t danach zu beurteilen. Alles Geschichtliche erscheint danach als ein emisch von Vernunft und Unvernunft; der dereinstige Sieg der Vernunft -aber ist sicher; ein „verborgener Plan der Natur" scheint mit Naturnotwendigkeit gu den höchsten Zielen der inenschlichen Gattung, dem Rechtsstaat und Völkerbund, Hinzutreiben. Das unsagbare Elend, das immer furchtbarere Kriege zwischen den wirtschaftlich auf einander angewiesenen Staaten heransbeschwören, wird schließlich die Völker zum „ewigen Frieden" zwingen, den ihnen die Vernunft längst geboten hat. (Diese Lehre van der höchsten -Steigerung eines der Menschheit .schädlichen Zustandes als letzten und notwendigen Stadiums vor der Verwirklichung der wahren Menschenziele finden' wir bei Karl Marx wieder.) Wird aber hiermit der Sieg der Vernunft als verborgener Plan der Natur betrachtet, so soll gleichwohl jeder, der seine höhere Bestimmung 'als Vernunftwesen erfüllen will, alles daran setzen, um jenen zu beschleunigen. - - Aus dein Geiste dieser Lehre folgt nun sofort, daß vom St andpunkte der Vernunft zwischen Juden und' Nichtjuden kein Unterschied zu machen ist. -Der Vertret e r d e r a l lg e m einen M e n fch-e nrechte m u ß a u ch d i e I.ud en al s Tr ü ge r d i es e r vvlI a n erken n e n. Wirklich hat denn auch Kant feine Lehre durch die Tat Juden gegenüber bewährt. ‘ Sein Briefwechsel mit Mendelssohn und seine Hoch- .fchätzung dieses vonallen Zeitgenossen wegen seines Geistes und Charaktersbewunderten Mannes mag dafür noch .kein Beweis, sein. Daß er den 23jäh.rigen Studenten der Medizin, Ätz a r cn s .H e r z, zum Respond'enten beim Antritt feiner ordentlichen - Prosesfur— gegen den Protest von Kollegen — wählte und allein ihm einen Einblick in die Werkstatt des Geistes eröffnete, in der die Kritik der reinen Vernunft geschmiedet wurde — dies besagt schon mehr. Entscheidend aber ist die Charakteristi'k., die er sowohl in dem Briefwechsel mit Mendelssohn, als auch mit Herz, nicht nur von diesen beiden, sondern von unbedeutenden jüdischen Studenten gibt, die er ihrer Fürsorge empfiehlt. „Gefunden Verstand, Fleiß, Or'dnuug des -Lebens? vornehmlich Gutartigkeit des Herzens" rühmt er dem einen nach; fleißig, wohlgesittet,' 'gutmütig nennt er einen anderen) mW er'erwartet namentlich von ihrem Charakter, daß sie gute Aerzte werden würden. Nur eine Stelle aus einem Briese an M. Herz sei genauer angesühirt: „Das edle Gefühl der Dankbarkeit für den geringen Beitrag, den ich zur Entwicklung Ihrer vortrefflichen Naturanlagen habe-tun können, unterscheidet Sie von den meisten meiner Zuhörer; was kann aber, wenn man nahe daran ist, diese Welt zu verlassen, tröstender sein, als zu sehen, daß man nicht umsonst gelebt habe, weil man einige, wenngleich nur wenige, zu guten Menschen gebildet hat." ,So verhielt sich Kant vorurteilslos gemäß dem Geiste seiner Philosophie und seiner Persönlichkeit. Anders stellt er sich' jedoch' in seiner historischen- Bedingtheit dar. Die Wahrhaftigkeit aber, die Kant selbst vorbildlich bewährt hat, gebietet, das, was nach seiner Philosophie wesentlich und durch die Vernunft selbst -'bewiesen ist, - von dem Nebensächlichen, bloß aus persönlichen Eindrücken Gewonnenen, auch dem geschichtlichen Wandel Unterliegenden zu scheiden und anders zu werten. -Wer Parteizwecke verfolgtwird hingegen bona oder mala fide anders verfahren und sein Urteil diesen Parteizwecken unterordnen. Er wird-, wenn es ihm darum zu tun ist, das Judentum herabzusetzen, biefem ungünstige Stellen aus Kants Werken zusammenraffen, ohne den Geist seiner Lehre und seine Bewährung zu berücksichtigen. Wir wollen nicht in den umgekehrten Fehler verfallen. Deshalb sei zunächst die einzige genauere Aeußerung über drei Judenals „Nation" erwähnt — eine besondere Rasse sind sie für Kant nicht. In einer großen Anmerkung feiner „Anthropologie" bezeichnet Kant die Juden als eine.„Nation'von Betrügern" und zugleich als eine Natron von Kaufleuten, die den Verlust ihrer bürgerlichen Ehre „durch die Vorteile der Ueberlistung des Volkes, unter dem sie Schutz finden, und selbst ihrer untereinander, ersetzen wollen". Eigentümlich ist hier die sehr enge Annäherung der Begriffe Betrüger und Kaufmann, überrascheud auch deshalb,' weil Kants beste Freunde englische Kanfleute waren. In derselben Anmerkung mildert dann Kant sein herbes Urteil durch eine historisch-pshchologische Erklärung dafür, daß die Inden eine Nation von Kaufleuten geworden sind und bezeichnet schließlich ihre Zerstreuung in die Welt, die sie dazu gemacht hat, in merkwürdigem Mißverhältnis zu seinen ethischen Prinzipien, als Segnung. Diese Aeußerung, die, ganz objektiv betrachtet, nicht besonders klar genannt werden kann, gibt jedenfalls den Eindruck wieder, den Kant von der Masse der, meist östlichen, Ghetto-Juden, die er sah, gewonnen hat, und soll ein Versuch sein, ungünstige Eigenschaften der Juden historisch zu erklären; in die Tiefe ist er hierbei nicht gedrungen, und die tatsächlich e i n getretene Entwicklung der Jude n hat er n i ch t vorausgesehen. An sich handelt es sich hier um eine nebensächliche Stelle in einem Außeuwerk der Philosophie Kants. Tieferen Zusammenhang, mit seiner Philosophie hat Kants Urteil ü ü e r d a s Judentum als Glaubensgemeinschaft. Kant schützt eine Religion nur nach Denkt an Me VtetteljafjeesBeittäge! ihrem rein moralischen Gehalt; alles übrige, das „Statutarische", ist ihm nichts oder höchstens Erziehungsmittel zur wahren Religion, die nur den guten Lebenswandel, beruhend auf reiner Gesinnung, zu üben befiehlt. Der jüdische Glaube nun -ist nach Kants Urteil „eigentlich gar keine Religion, sondern bloß Vereinigung einer Menge Menschen, die, da sie zu einem besonderen Stamm gehörten, sich zu einem gemeinen Wesen unter''bloß politischen Gesetzen . . . formten". Kant setzt freilich zu den Worten „der jüdische Glaube" die Einschränkung „seiner ursprünglichen Einrichtung nach", aber es -ist ganz sicher, daß er das religiöse Judentum aller Zeiten damit treffen wollte. Offenbar ist dieses Urteil mit bedingt durch den Eindruck, den die von ihm beobachtete jüdische Religionsübung aus ihn gemacht hat. Hierzu ist in der gebotenen Kürze kritisch zu bemerken, daß Kant, der das Christentum und das tatsächliche religiöse Leben seiner Anhänger wohl unterscheidet, dies in bezug aus die jüdische Religion unterläßt, vom jüdischen Schrifttum aber sehr geringe und unzutreffende Kenntnisse besessen hat. In einem Briefe an Mendelssohn widerlegt er dann sich selbst. Er schreibt hier über Mendelssohns Buch „Jerusalem":. „Ich halte dieses Buch für die Verkündigung einer (großen, obzwar'langsam bevorstehenden und fortrückenden Reform, die . nicht allein Ihre Nation, sondern alle treffen wird. Sie haben Ihre Religion mit einem, solchen Grade von Gewifsenssreiheit zu vereinigen gewußt, die man ihr gar nicht Zugetraut hätte, und dergleichen sich keine andere rühmen kann." - Diese Aeußerung, die dem F o r t sch r i t t f r e i e B ah n läßt, entspricht de in w a h r e n Geiste der Philosophie Kants. Ohne das Judentum und seine Anhänger gegew jeden Vorwurf verteidigen zu wollen — welche Gemeinschaft wäre frei von Fehlern, die je nach Anlage und geschichtlicher Entwicklung verschieden sind!-—-muß-man auch feige Vorzüge anerkennen und vor allem' ihmdenlange versperrten Weg zur Entwicklung freilassen. Gerade dem jüdischen! S ch r i f t t u m nun ist ein ft a r k e s E t h o s, ein gegen alle bloß äußerlichen Bestimmungen sich immer wieder durchsetzender moralischer Gehalt bei unparteiischer Beurteilung nicht abzustreiten. Nach dem Geiste der Lehre Kants aber kommt es gar nicht darauf an, wie die historische Gestalt einer Gemeinschaft sich dem Blicke darbietet, sondern es handelt sich darum, diesen Begriff als e i n en.' v er - nünftigen, wertvollen durch die Tat zur Wirklichkeit Zü bringen. Bedingungen' für solche'Verwirklichung eines Wertbegriffs müssen natürlich vorhanden sein; dafür, daß sie im Judentum gegeben sind, verweise ich auf das Werk „Die Religion dev Vernunft aus den Quellen.des Judentums", dessen Verfasser Hermann Cohen selbst von H. Sk. Chamberlain wegen seiner Verdienste um dis Kant-Forschung anerkannt wird. H ermann Cohen' aber fühlte sich als Deutscher und als Jude. Indem er sich darum bemühte, durch geistige Tat d e m I n d e n t u m s eine n B e g r i f f als -einen v e r n ü-n f tige n wer t.v o ll e-m schassen zu Helsen, wollte er im Sinne des Deutsch tu ms und des I n d en t u ms und zugleich gemäß' dem tiefsten Gehalt der' .Philosophie'K a n t s'wirken, der in dieser Lehre vollkommen mit Le s sing übereinstimmt: Daß die Gemeinschaften einander nicht bekämpfen, sondern jede in ihrer Weise an dem gemeinsamen Zwecke d e r V e r ri u n ft m itarbei te n s o l l e n. - -

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