Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 16 (17.4.1924)
- Date
- 1924-04-17
- Page
- Seite 206 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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206 Die bayerischen Wahlen. Eine abschließende Betrachtung. Die bayerischen Wahlen, aus denen die Augen des ganzen Reiches ruhten, sind vorüber. Eine genaue Feststellung über die Zusammensetzung der völkischen Parte: sollte lehrreich für die Gestaltung der parlamentarischen Verhältnisse auch im Reiche sein. Eine völlige Klarheit über die Veränderung der Stimmenzahl läßt sich schwer gewinnen, weil die ungeheure Parteizersplitterung — es gab nicht weniger als 18 verschiedene Listen — eine Uebersicht erschwert, und weil die Wahl in der Pfalz erst am 4. Mai stattfinden soll. In den wesentlichen Grundzügen ist aber die Parteiverschiebung doch heute schon erkennbar. Die Bayerische Volkspartei hat im Volksentscheid für die von ihr gewünschte Verfassungsänderung statt der nötigen Zweidrittelnicht einmal die einfache Mehrheit erzielt, sie hat gegenüber den Wahlen von 1920 rund 156 000 Stimmen verloren, steht aber immer noch als stärkste Partei an der Spitze. Die Sozialdemokratie hat ungefähr die gleiche Zahl von Stimmen verloren, als ihr durch die Vereinigung mit. der U. S. P. hätte zuflreßen müssen, und dieses Minus ist großenteils den Kommunisten zugeflosien, > deren Stimmenzahl auf das Vierfache stieg. Es ist anzunehmen, chaß die unzufriedenen Sozialdemokraten überwiegend nach der lintsradikalen Seite gewandert sind, während die Völkischen, die ja zum erstenmal in den Wahlkampf eintraten, ihre Wählervermutlich fast vollständig aus den Verlusten der Bayerischen Volkspartei, der auf ein Drittel ihres Bestandes zusammengeschmolzenen Demokraten, der Nationalliberalen und Deutschnationalen gezogen haben. Der Erfolg der Deutschvölkischen muß um so mehr anerkannt werden, als sie zwar für andere Zwecke, z. B. für Störung und Sprengung fremder Versammlungen und Mißhandlung gegnerischer Redner, stch eine sehr starke Organisation im Lause der Jahre geschaffen, ihre Presse trotz vorübergehender Verbote sehr stark ausgebaut hatten, aber doch die spezielle, bis ins kleinste' ausgebaute Wahlorganisation der alten Parteien ihnen fehlte. Sie haben aber das Fehlende durch außergewöhnliche Rührigkeit ersetzt. Sie konnten wohl überall mit der großen Schar jugendlicher Helfer aus ihren eigenen Anhängern arbeiten, die die Wahlgeschäste mit 'ganz anderer Hingebung besorgten als die bezahlten Hilfskräfte, deren die übrigen bürgerlichen Parteien sich mangels eigenen Nachwuchses vielfach bedienen mußten. An Geld kann es den Völkischen nicht gefehlt haben, denn an Fülle und Vielgestaltigkeit ihrer Flugblätter und Plakate übertrumpften sie alle Parteien. Besondere Originalität entfalteten sie dabei freilich nicht. Sie, die sonst so gern das (natürlich jüdische) „raffende Kapital" in Gegensatz zum „schaffenden' Kapital" der Arier stellen, die behaupten, daß nur der Germane schöpferisch wirke, der Semit aber nur von der Ausnutzung fremder. Gedanken zehre, sie brachten an Bilderplakaten nur ausgesprochene Plagiate. Das eine ist einem Plakat der Labour Party aus dem Wahlkampf von 1911 „nachempfunden", nur daß man aus dem Lord, der aus den gebeugten Schultern eines Arbeiters thront, einen mit karikierten jüdischen Zügen ausgestcvtteten Börsianer gemacht hat; das andere ahmt die ^mitten ins Reichstagshaus einschlagende Faust nach, mit der die Kommunisten im Jahre 1920 ihrer Abneigung gegen den Parlamentarismus sinnfälligen Ausdruck verliehen, nur daß auch hier die entsetzt davonlaufenden Agrarier und Schlotbarone in jüdische Gestalten umgebildet sind. Mehr als durch Darbietung eigener Bilder Plakate betätigten sich die Völkischen in der planmäßigen Zerstörung der Plakate anderer Parteien. Die Kommunisten hatten eine Verhöhnung des „Zirkus Hitler" gebracht, eine Karikatur „Siegfried" Hitlers, wie er mit kilometerweit ausgerissenem Mund seine Gegner vernichtet. Das Plakat war so bitterbös, daß es eine Münchener Druckerei offeubar nicht herzustellen gewagt hatte, und daß es hatte in — Potsdam gedruckt, werden müssen. Es siel beinahe an allen Stellen, an denen es angeklebt war, in wenigen Stunden der Wut der Nation als.oziallsten zum Opfer. Nicht minder hatte es ihnen der Gewappnete angetan, mit dem die Bayerische VolksparLei um Stimmen warb und der mit seinem auffällig weiß-blau gemusterten Schild drei rote Pfeile auffängt, von denen einer durch den Sowjetstern, der andere durch das Hakenkreuz gekennzeichnet ist. Ueberhaupt hat im Wahlkampf beinahe aller Parteien der Kampf gegen die Völkischen im Vordergrund gestanden, und die Völkischen umgekehrt suchten allen Parteien, die Deutsch-nationalen eingeschlossen, nachzuweisen, daß sie durch und durch verjudet feien. Darüber vergaßen sie sogar mehr als in früheren Zeiten die Juden selbst mit Vorwürfen zu bedenken. In München wurden diesmal die Stimmen von Männern und Frauen gesondert gezählt. Dies gestattet eine interessante Beobachtung über die Zusammensetzung der Wählerschaft. Es ergab sich, daß die Völkischen dank der schwärmerischen Heldenverehrung der Münchener Frauen und Mädchen für Adolf Hitler mit 50 300 männlichen gegenüber 54 600 weiblichen Wählern keine sehr männliche Partei sind, im Gegensatz auch hierin zu den sozialistischen und kommunistischen Gegnern. Dagegen ist dre Bayerische Volkspartei zur ausgesprochenen Frauenpartei geworden. Ihren 21000 männlichen Wählern stehen nicht weniger als 38 500 weibliche gegenüber. Auch ein entschredener Anhänger des Frauenstimmrechts wird in dieser Parteizusammensetzung ern Schwächemoment sehen, zumal in einer Zeit und in einer Stadt, in der^ letzten Endes die Stimmen einer Partei nur so viel Gewicht haben, als zur Durchsetzung ihrer Parteiziele auch tatbereite und kampfgeübte Fäuste zur Verfügung stehen. Den Grund dieser Erscheinung kann man vielleicht der offenen Erklärung entnehrnen/die einzelne Wähler dem Obmann ihrer Partei, der sie über ihr Verhalten bei der Wahl zur Rede stellte, abgegeben haben sollen. Sie erklärten, wir gehören nach wie vor zur Partei, aber da wir den vaterländischen Verbänden angehören, find wir für unsere Person verpflichtet, völkisch zu wählen. Unsere Frauen und Töchter werden wir aber nach wie vor veranlassen, für unsere Partei zu stimmen. Eine merkwürdige Auffassung von der Freiheit eines Mannes in der Ausübung seines höchsten politischen Rechtes, eine merkwürdige Auffassung' auch von der Moral, die einem Mann gestatten soll, äußerlich noch einer Partei anzuaehören, der er bei der Abstimmung in den Rücken fällt. Aeußerst bezeichnend aber für den verheerenden Einfluß der vaterländischen Verbände, die durch den Mißbrauch des Wortes „vaterländisch" und das fälschliche Vorgeben, über den Parteien zu stehen, die Grundlagen einer verfassungsmäßigen Staatslenkung zerstören. Darüber, wie ihre Stimmabgabe auf die künftige Regierungsbildung einwirkt, haben sich wohl die wenigsten Wähler Gedanken gemacht, sie haben durch Abgabe eines rechts- oder linksradikalen Stimmzettels ihre Unzufriedenheit mit dem Bestehenden bekunden wollen. Mit dem Problem der Regierungsbiwung aber beginnt erst die Schwierigkeit. Nach bewährter bayerischer Gewohnheit sucht man dieser Schwierigkeit dadurch zu begegnen, daß man die Entscheidung zunächst vertagt. Der Landtagsausschuß hat aus Antrag des Gesamtstaatsministeriums beschlossen, den Landtag erst nach der Durchführung der Wahlen in der Pfalz, also Ende Mai zusammenzurufen.. Bis dahin hofft man offenbar auf irgendeine „Patentlösung", die der bisherigen Regierungsparteiaus den durch die Neuwahlen geschaffenen Schwierigkeiten heraushilft. Abgesehen von den 14 Sitzen, die die Pfalz zu vergeben hat, die aber am Gesamtergebnis kaum Wesentliches ändern werden, wird die Bayerische Volkspartei von den verbleibenden 115 Sitzen des neuen Landtags rund 40, die Völkischen etwas über 20, die Sozialdemokraten fast 20 erhalten, die Kommunisten vielleicht 10, während sich der Rest aus Bauernbund, nationale Rechte (Deutschnationale), National-liberale und Demotraten verteilen wird. Die bisherige Regierungsmehrheit — bei Wieder- Der Talmud über werbtätige Arbeit. „Die Arbeit steht hoch, sie ehrt ihren Meister.“ „Höher steht, wer sich von seiner Hände Arbeit ernährt, als wer nur got'tesfürchtig ist.“ (Nedarim 49b.) „Wer seinen Sohn kein Handwerk lernen lässt, hat ihn gleichsam zum Räuber herangebildet.“ (Kiddusclnn 30h.) „Nur wer der Erde dient, wird von ihr gesättigt.“ (Baba mezia 77b.) eintritt der vor kurzem ausgeschiedenen Bauernbündler — könnte also vielleicht eine knappe zahlenmäßige Mehrheit aufbringen, doch ist diese kaum tragsähig, weil die nationale Rechte jetzt sicherlich auf ihre völkischen Freunde noch wehr Rücksicht nehmen muß wie früher. Vollends an Verfassungsänderung und an Annahme des nur mit Zweidrittelmehrheit durchzusühr enden Konkordates ist mit einer solchen Mehrheit nicht zu denken. In den Presseerörterungen werden daher neue Kombinationen vorgeschlagen, einmal eine Umorientierung der Bayerischen Volkspartei nach der linken Seite durch Hereinziehung der Sozialdemokraten in die Regierungsmehrheit. Ob dies nach der HestiAeit, mit der bis vor kurzem auch von der Bayerischen Volkspartei der Kampf gegen den „Marxismus" betrieben wurde, jetzt schon möglich ist, läßt sich schwer sagen. Das Organ der Sozialdemokraten hat schon angedeutet, dah es sich dem Rufe zu einer solchen Mehrheitsbildung nicht verschließen würde. Die andere Kombination wäre die Verbindung der Bayerischen Volkspartei mit den Völkischen. Bei der Heftigkeit des Kampfes zwischen beiden seit dem Hitler-Putsch scheint eine solche Regierungsbildung aus den ersten Blick unmöglich; unmöglich für die Bayerische Volkspartei, die — mit Recht — Tag für Tag die Völkischen als Feinde des Christentums bekämpft hatte. Allein der vorsichtige Beurteiler des öffentlichen Lebens weiß, daß in der Politik auch das Unwahrscheinlichste nicht immer unmöglich ist. Nachdem die Völkischen-einmal von ihrer antiparlamentarischen Einstellung so weit abgegangen sind, sich überhaupt an den Wahlen zu beteiligen, könnte die Lust am Mitbesitz der Macht und die Sehnsucht nach Ministersesseln doch stärker werden als ihre Abneigung gegen alle Regierungsverantwortlichkeit. Wir bayerischen Juden könnten, wenn wir unsere Mitverantwortung für die Geschicke des Staates nicht stärker empfänden als unsere völkischen Feinde, vielleicht nur wünschen, daß sie durch irgendeine Kombination dazu gebracht würden, in der Negierung mitzuarbeiten. Wir müssenuns klar darüber sein, daß dies eine Menge von Einzelmaßnahmen nachteiligster und bedenklichster Art für uns Juden zur Folge haben kann, aber es hätte sicherlich die gute Wirkung, daß die blindlings den völkischen Führern nachlaufenden Massen sehr bald erkennen müßten, daß die Stärke der Völkischen nur in der Verneinung liegt, daß sie aber nichts Positives schaffen können. Eine solche schmerzliche Klärung wäre vielleicht auch ein Gewinn für uns Juden und für die Gesamtheit. W. L.