Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 14 (3.4.1924)
- Date
- 1924-04-03
- Page
- Seite 165 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur gefälligen Heachtungl <£ine grotze Anzahl Ortsgruppen hat ihre Abgeordneten für die Harrptversammlnng noch nicht benannt, obgleich Pie Frist hierzu bereits am 15. März 1924 abgelaufen ist. Diejenigen Ortsgruppen, welche die Delegierten nicht n n - verzttglich benennen, tonnen das für die Hauptversammlung unbedingt notwendige Material (Jahresbericht, Anträge usw.) nicht erhalten, laufen weiter Gefahr, ihres Stimmrechts verlustig zu gehen. Diejenigen Ortsgruppen, die der Kosten oder anderer Gründe wegen keine Abgeordneten entsenden, können besondere Vertreter zur Wahrnehmung ihrer Rechte erhalten; derartige Anträge sind unverzüglich an die Zentrale zu richten. Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Inschriften vom Sinai. Von Rabbiner Dr. Jacob jun. Die wissenschaftliche Welt erörtert seit einiger Zeit die Bedeutung einer Anzahl von Schriftdenkmälern, die -auf dem Sinai entdeckt worden sind. Ihre Auffindung erfolgte zwar schon durch eine englische Expedition im Jahre 1904/05, aber die Entrisse vung ist erst vor wenigen Jahren versucht worden, und in allerjüngster Zeit ist man dabei zu so wichtigen Ergebnissen und kühnen Hypothesen gelangt, daß auch die weitere Oesfentlichkoit und besonders die jüdische sich dafür interessieren wird. Im Süden der Halbinsel Sinai, wo sich die Wüste zu den Bergen auftürmt, die den erhabenen Schauplatz der Offenbarung- Gottes an Israel bildeten, haben die Aegypter seit etwa dem Jahre 2000 vor unserer Zeitrechnung Bergwerke unterhalten, in denen Kupfer und Türkise gewonnen wurden. Infolgedessen bestand dort eine kleine ägyptische Kolonie, die wohl auch semitische Arbeiter hercmzog. Für die religiösen Bedürfnisse der Ansiedlung war ein Tempel der ägyptischen Göttin Hathor und des Gottes Sapdu errichtet, zu dessen Ausbau zahlreiche Pharaonen beigetragen haben. Die Trümmer dieses Tempels wurden 1905 näher untersucht und dabei fanden sich neben vielen hieroglyphischen Inschriften eine Reihe von Bild- Merken mit seltsamen, bisher unbekannten Schriftzeichen. Es ergab sich daß mehrere Tafeln, die aus den Felsen der Umgebung eingemeißelt waren, ähnliche Zeichen aufwiesen. Merkwürdigerweise blieben diese Funde lange Zeit so gut wie unbeachtet, obwohl Photographien veröffentlicht wurden und einige Fundstücke in das Britische Museum und andere große Sammlungen wanderten. Erst im Jahre ,1916 wurde von dem Engländer Allan H. Gar di ne r eine Studie veröffentlicht, die nun freilich gleich zu sehr wichtigen Feststellungen kam. Zunächst gelang es ihm, viele Zeichen zu identifizieren und festzustellen, welche Laute sie ausdrückten. Das Ergebnis war: Hier liegt die ä l t e st e F o r m des heutigen Alphabetes vor. Es wird vielleicht nicht jedem Laien bekannt sein, daß die Schriftzüge des deutschen (gotischen), lateinischen und griechischen Alphabetes aus ein semitisches Alphabet zurückgehen, von dem das hebräische Alphabet eine der wichtigsten Marten darstellt. Schon die alten Griechen erzählten, daß das semitische Volk der Phönizier der Erfinder der Schrift sei. Nun konnte man dieses semitische Alphabet bisher nicht weiter zurückverfolgen als bis in das zehnte Jahrhunderb vor unserer Zeitrechnung, aus dem die ältesten Schriftsunde in althebräischer Schrift stammen,' und weiter schien diese Schrift ohne Verbindung dazustehen mit den ältesten bekannten Schriftsystemen der Welt, der babylonischen Keilschrift und den ägyptischen Hieroglyphen. Da sind nun diese Inschriften ein noch älteresDenkmal der semitischen Schrift und in ihnen fand sich das noch fehlende Verbindungsglied zu den Hieroglyphen. Sie sind nämlich auch noch zum großen Teil Bilder wie diese, bedeuten aber nur noch bestimmte Laute. Vor allem ist -in dieser neuerst- Hisferten Schrift das wichtigste Prinzip der Hieroglyphen ^übernommen: Jedes Bild bedeutet den ersten Buchstaben des Gegenstandes, den es darstellt, natürlich nach dem semitischen Namen dieses Gegenstandes. Zum Beispiel samku heißt Fisch; also bedeutet das Bild eines Fisches den Buchstaben S. Ajin heißt Auge; also bedeutet ein Auge den ersten Laut dieses Wortes. Die noch deutlich ausgeprägten Bilder der Sinaischrist sind -in den späteren semitischen Alphabeten, Zum Beispiel dem hebräischen, immer mehr verwischt worden; geblieben sind aber die Namen der Buchstaben, und sie werden uns jetzt in der Sinaischrist erst völlig klar. Hier erst sehen wir, daß alef (Rind), wirklich ursprünglich einen Rindskopf, des (Haus) ein , Haus abzuzeichnen versuchte. Sajin (Schwert) hat noch die Form'eines Dolches, mein (Wasser) gibt Meereswogen wieder usw. Die weitere Forschung hat diese Ergebnisse, die wesentlich auf Gardiner zurückgehen, ziemlich einmütig bestätigt. .Nun sollte man denken, daß die Entzifferung aller einzelnen Zeichen es möglich machen, sollte, die Inschriften im ganzen zu lesen und zu. erkennen, was in ihnen niedergeschrieben worden ist. Aber dem schien bisher, nicht so. Denn wenn, es auch -gelang, die einzelnen ' Zeichen einwandfrei äufzufinden und durch dieAehnlichkeit mit den älteren Hieroglyphen und den jüngeren althebräischen Schristzeichen zu identifizieren, so machte es doch große Schwierigkeiten sestzustellen, daß/ ganze züsamrnenhsingende Buch,stabenreihen dastanden; denn bald war dieses, bald jenes/bald fast alle Zeichen in-einer Reihe durch die jahrtausendelangen Witterungseinflüsse Zerstört worden. Nur ein Wort war durch häufige öftere Wiederholung gesichert und anerkannt; 6aa1ak-Her-rm. ' Da hat sich nun nach wenig erfolgreichen Vorgängern der Orientalist der Universität Münster, Hubert Grimme, in einem jüngst erschienenen Buch „S ina i"1) von neuem der Entzifferungsarbeit unterzogen und er glaubt Lesungen bieten Zu können, die allerdings, wenn sie anerkannt werden, weltbewegend-genannt werden dürfen. Sie sind das Ergebnis einer unendlich -fleißigen und mühsamen, jahrelangen Untersuchung der Inschriften unb werden vom Folkwang- Berlag in einer auch Bibliophilen und Laien ansprechenden Form mit reichem und vorzüglich wieder gegebenem Bilde rmaterial vorgelegt. Grimme legt die Inschriften aus inneren und äußeren Gründen in die Zeit der einzigen Frau, die auf dem Thron der Pharaonen gesessen hat, der Königin Hatschepsut, die um das Jahr 1500 vor Christo liebte. Diese Denkmäler aus dem Sinai stammen von einem Manne, der in ihnen der Königin dankbar bekennt: „D u Haft mich aus dem Nil g ezo g e n", der sich der S o h n der Königin Hatschepsut nennt, ja der den Namen Mosche trägt! Er ist Tempelhauptmann des Ja h u vorn Sinai. Da er in der Zeit des biblischen Moses gelebt hat, was liegt näher als ihn mit diesem gleichzusetzen und in unseren Inschriften eine grandiose Bestätigung der biblischen Berichte über die Jugendgeschichte des großen Propheten und den Aufenthalt Moses am ^inai zu finden. Noch mehr, Moses ist der Erfinder dieser ältesten semitischen Buchstabenschrift, und in einem der Denkmäler ist uns sein eigenes Porträt erhalten geblieben. Wahrlich eine großartige Perspektive, deren Bedeutung für Judentum und Christentum, für Bibel- und Geschichtswissenschaft gar nicht überschätzt werden^könnte — wenn sie zu bestätigen wäre. Da aber liegt die große Schwierigkeit. Verfasser dieses Aussatzes hat die Inschriften und das Buch Grimmes sehr eingehend geprüft und kann doch nicht mehr sagen als: es ist nicht unmöglich, daß das, was Grimme gelesen hat, oder Aehnliches auf den Felsen steht; beweisen läßt es sich nicht. Man stelle sich eine beliebige rauhe Fläche vor. Bei gutem Willen wird es immer möglich sein, in ihren Rissen, Punkten, Vertiefungen und Erhöhungen eine alte Inschrift zu entdecken. Ganz so schlimm steht es mit den Sinaischristen nicht; einzelne Buchstabengruppen sind unverkennbar deutlich, aber nicht solche langen Partien, wie Grimme sie für seine Lesungen braucht. Trotz dieser Zweifel müssen wir ihm für die prachtvolle Veröffentlichung der Inschriften und seine scharfsinnigen--Studien, die manches andere Wertvolle ergeben, dankbar fein. Vielleicht wirft die Zukunft noch mehr Licht auf den Sinai und verleiht seinen Behauptungen größere Sicherheit. Die Gesinnung gegen Knüersgläubige. Aus dem täglichen Gebet. Ein schlagender Gegenbeweis gegen die verlogene, immer wieder von neuem vorgebrachte Behauptung der Antisemiten aller Schattierungen, daß die Juden und ihre Religion von feindlicher Gesinnung gegen Andersgläubige erfüllt seien und sie herabsetzend bewerteten, ist der Absatz „al Mezadiikim weal Machasidim" in dem dreimal täglich wiederholten Hauptteil Lebewone-essro der Wochentagsgebete: dieser Absatz lautet in wörtlicher Uebersetzuug: „lieber die Gerechten und über die Frommen und über die Äeltesten deines Volkes, des Hauses Israel und über den Ueberrest seiner Schristgelehrten und über gerechte Andersgläubig e und über uns laß doch dein Erbarmen rege werden. Ewiger, unser Gott!" Dieses Gebet wird seit seiner Abfassung vor ungefähr 2000 Jahren von allen religiösen Juden in der ganzen Welt, das sind Millionen, dreimal täglich gebetet. Kleine Chronik. Zum Andenken der Freifrau Hannah Mathilde v. Rothschild geborene Freiin v. Rothschildwirduns -aus Frankfurt noch geschrieben: „Sie war eine der Edlen dieser Welt undein Stolz unserer Glaubensgeme inschaft. Sie folgt« der Stimme ihres Herzens in der Ausübung wirksamer Menschen-, und Nächstenliebe. Sie konnte sich begeistern für alles Schöne und Gute und war Förderin von Kunst und -Wissenschaft, und durch hervorragende Begabung in der -Musik entfaltete sie als Liederkomponistin eine -reiche, fruchtbare Tätigkeit. Es war ihr nicht nur -dev äußere Adel verliehen, sondern ihr war Adel der Gesinnung, und des Herzens eingeprägt. Sie kannte nicht die soziale Pflicht des Reichtums im Geben, sie trieb keinen Sport, um Ehrgeiz oder Eitelkeit zu ernten. Gute Werke zu üben, betrachtete sie als Menschenpflicht. Das langjährige Mitglied der Ortsgruppe E-l b e r f e l d, Herr Karl Brück, früher Kreuznach, jetzt Barmen, Unionstraße, der Vater des Vorsitzenden dev E'lberfelder Ortsgruppe, Herr Rechtsanwalt Bruch, begeht am 7. April in außerordentlicher Forsche seinen 80. Geburtstag. Der Vorstand d-es Eentralvereins entbietet dem geehrten Förderer seiner Bestrebungen seinen Glückwunsch. In Schwer: n (Mecklenburg) feierte Fvau Rosa M a r c u s, geb. 3 -et f f in geistiger und körperlicher Frische ihren 99. Geburtstag. Neben einen großen Anzahl Gratulanten brachte -ihr dev Oberbürgermeister W e l tz i n und der Bo rst a n dd er Israelitisch.-en Gemeind-e die Glückwünsche dar; die Israelitische Gemeinde überreichte ihr außerdem eine künstlerisch aus geführte Adresse, in der es u. a. heißt: Ehrfurchtsvoll blickt die Israelitische Gemeinde aus Sie, als ein Mitglied, das ihr zur Zierde gereicht ... Bei der letzten Mitgliederversammlung mußte zu allseitigem Bedauern Herr Lehrer Ran sende rg sein Amt als Vorsitzender der Ortsgruppe Neuwied eines schweren Augenleidens wegen ni-ederlegen. Die Ortsgruppe überreichte ihm als Dank für sein selbstloses Wirken im Dienste für Deutschtum und Judentum ein Geschenk. — Den Vorsitz hat jetzt Herr Wilhelm Ka-llmann dort übern-ommen. . .. *) „AAhebrätsche Jnschristenvotn Sinai, Alphabet-, Textliches. Sprachliches mit Folgerungen." Verfasser Hubert" Grimme. 1926. Folkwang- Verlag, Hagen.