Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 14 (3.4.1924)
- Date
- 1924-04-03
- Page
- Seite 163 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. E. Friedeberg zu nennen. In der Orgams-atron der „Deutschen Zentrale für Jugendsürsorge" faßten sie das Gesamtgebiet der Jugendfürsorge zusammen, deren einzelne Gebiete wissenschaftlich und Praktisch erforschend und somit aus die Ausgestaltung der ganzen Jugend-Wohlfahrt wirkend. Koehne war der Bahnbrecher für dre deutschen Jugendgerichte, er und Friedebera mit die Wegbereiter für die heutige Ingen d wohlsah rt.stunde; das Jugendwohlfahr ts-- und Jugendgerichtsgesetz erfuhr durch Friedeberg seine rvesentlichste Ausgestaltung und Vertiefung. Von den vielen weiteren Pionieren aus dem Gebiete der sozialen Fürsorge wäre noch Stadtrat Rosen stock (Königsberg) zu nennen, der neue Wege aus dem Gebiete des Unehelichenschutzes ging, und Bertha.Pappenheim als eine international anerkannte Führerin auf dem so schwierigen und traurigen Gebiete der Bekämpfung der Prostitutwn und des Mädchenhandels. Dr. h. e. Helene Simon, deren Wirksamkeit es gelungen war, zum ersten Male auch die gesetzliche Fürsorge nach modernen, sozialen Gesichtspunkten zu orientieren, ist es in erster Reihe zu verdanken, wenn die Gesetzgebung den Kriegsbeschädigten und Hinterbliebenen nicht nur eine starre geldliche Beihilfe, sondern auch eine weitere soziale Fürsorge (Erziehung, Berufsumschulung und ärztliche Versorgung) Zukommen läßt. Die vorstehende Skizze über den Anteil der Juden an der Ausgestaltung der sozialen Hilfsarbeit in Deutschland könnte natürlich noch in vieler Hinsicht vertieft und erweitert werden. Es kam jedoch nur daraus an, andeutungsweise zu zeigen, daß wie altjüdische Ausfassung vom Wesen wahrer Wohlfahrtspflege dem modernen Zeirstreben der letzten Jahrzehnte entsprach, welches die alten Wege und Formen des Almosengebens verwarf und dem Hilfsbedürftigen in immer größerem Umfange ein moralisches „Recht" aus Hilfe gab. Die heutige Zeit aber mit ihren ungeheuren Notständen materieller und geistiger Art, der Not des Alters und der Jugend, aller Stände und Berufe, in der von einer selbstverschuldeten Not kaum jemals die Rede sein kann, läßt uns ganz besonders klar erkennen, daß—> wahre Wohlfahrt nur im Sinne der Zedakah geschehen kann, als ein durch Menschenliebe und Gerechtigkeitsstreben bedingter Ausgleich sozialer Unvollkomm enh eiten u n d H ä r L e n. Na, natürlich! Die Juden sind wieder einmal schuld. Im Hitler-Prozeß schleudert General Ludendorff gegen die katholische Krrche, „die Ultramontanen und Jesuiten", die schwersten Vorwürfe als Signal für einen deutschvölkischen Gesamtangriff. Broschüre über Broschüre erscheinen, Flugblätter über Flugblätter, um, wie Alfred Miller sagt („Der Jesuitismus als Voltsgesahr", S. 11), „die politische Gemeingefährlichkeit des Jesuckismus" nachzuweisen. Seit Jahren breitet sich die christentumsfeindliche Literatur aus völkischer Feder immer mehr aus. D r n t e r begeifert in seinen Romanen den Apostel Paulus; Pastor Andersen in Flensburg rennt gegen das Alte Testament Sturm. Allüberall in völkischen Zeitungen und Zeitschriften wird das „deutsche Christentum" gepredigt; es erscheinen bereits „deutsche" Gesangbücher, Tausrituale, Bibelersatzschrrsten. Es ist selbstverständlich der Völkischen gutes Recht, gegen die christliche wie auch gegen die jüdische Religion kräftig vom Leder Zu ziehen. Sie sollen sich aber dann nicht wundern, wenn es aus dem Walde so herausschallt, wie hineingerufen wird, daß insbesondere die katholischen Volkskreise Deutschlands voll berechtigter Empörung über die ihnen zugefügten Beleidigungen vor allem sich tn allerletzter Zeit dagegen kräftig wehren. Daß gewissen völkischen Kreisen diese scharfe Gegenwehr gerade zur Wahlzeit sehr ungelegen kommt, iü klar. Schimmel seit altersher immer im gleichen Kreise bewegt, so ist es nicht weiter verwunderlich, wenn die „Deutsche Z e i t u n g" in einem leitenden Aufsatz „Neuer Hader?" — die Juden dafür verantwortlich macht, daß die Katholiken den völkischen Beleidigern die Zähne gezeigt haben. Sie rechnet allerorngs ^eieu ^_ ...o Judengenosien auch das führende Organ der Zentrumspartei. die „G ermani a", und wir befinden uns somit in durchaus guter Gesellschaft. Wir jüdischen Deutschen bedauern es, daß das deutsche Volk in einen, wie der Reichskanzler Marx zutreffend gesagt hat, „neuen Kulturkampf" hmeingerissen worden ist; denn alle Bestrebungen, das deutsche Vaterland wieder zu Ansehen und Macht zu bringen, müssen scheitern, solange nicht die Einheitsfront aller Anständigen im Innern hergestellt worden ist. Sie durch den blindwütigen Kampf gegen alles, was Jude ist, und jetzt wieder durch den vom Zaune gebrochenen Kampf gegen alles, was .„ultramontan" ist, ja überhaupt gegen alles, was nicht völkisch ist, von vornherein zunichte gemacht zu haben, 'st das einzige, was die Deutschvölkischen bisher anwirklichen Leistungen für das deutsche Volk vollbracht haben. „Nur einige Unklarheiten." D e u t s ch v ö l k i s ch - k o m m u n i st i s ch? Daß sich die Ziele der Deutschvölkischen und Kommunisten in vielen Punkten vollständig begegnen, ist eine bekannte Tatsache. Selten aber haben sie so offen ein Eingeständnis dieser Uebereiiinsti-mnvung ihrer Ziele abgegeben, wie gerade jetzt vor der Wahl. In Erlangen sprach der nordbaherische Führer der Nationalsozialisten, Hauptlehrer Julius Streicher, über den Hitler- Prozeß, den Geist des Judentums und die Rassenfvage. Nachdem in der Aussprache ein Kommunist zum Kampfe gegen den internationalen Kapitalismus ausgefordert hatte, . machte Herr Streicher — wie der Hitler nahestehende „Fränkische Kurier" berichtet. — in seinem Schlußworte „die Feststellung, daß zwischen den Zielen der Völkischen und denjenigen der kommunistischen Bewegung nur einige Unklarheiten — die nationale Einstellung und die Rassenfrage —, sonst aber wenig Trennung wäre. In der Auffassung, daß nur die Tat unser Volk retten könne, seien sich beide Parteien einig". Die Völkischen haben ihren Unwillen über die Parlamente, Reichstag, Landtag und dergleichen, oft genug laut kundgetan. Ernsthafte Arbeit in den Parlamenten haben sie stets vereitelt und sich nur durch leere Reden in ihnen bemerkbar gemacht. Und die Kommunisten? Was sie von den Parlamenten halten, was sie als Tat ansehen, besagt eine Erklärung, deren Unterzeichnung die Zentrale der Kommunistischen Partei von jedem Kandidaten ihrer Partei verlangt. Der Kern dieser Erklärung lautet nach dem „Vorwärts": Die Kommunistische Partei beteiligt sich an. den Wahlen nur zu Agitations- Zwecken. Die kommunistischen Abgeordneten benutzen das Parlament nur zur Agitation ihrer grundsätzlichen Gegnerschaft zur bürgerlichen Gesellschaftsordnung und verpflichten sich, die Demokratie als die raffinierteste Form der Diktatur der Bourgeoisie zu entlarven. Also keine sachliche Arbeit, nur Agitation genau wie die Völkischen, die niemals dem Wiederaufbau unseres Vaterlandes dienen. Es wäre kein Kunststück, noch viele solche Punkte festzu stellen, in denen die beiden Parteien sich berühren und in ihrem Vorgehen decken. Die D e u t s ch n a t i o n a l e n, die geborenen „Kommunistenfresser", erleben an ihren großgepäppelten völkischen Sprossen so die verdiente Freude. Die Thüngener Ausschreitungen. Glänzende R e ch t f e rt i g ung der jüdische n Angeklagte n. Am 21. Oktober veranstaltete der Verein „Bayern und Reich" in L h ü n g e n unter Führung des Barons L u tz v. T h ü n g e n einen Deutschen Tag. Mit Revolvern und Messern bewaffnet erschienen auswärtige Vereine, und schon am Bahnhof kam es zu Rempeleien. Das Bezirksamt Gmunden hatte die Erlaubnis zu der Veranstaltung gegeben, obsch.n durch eine Verordnung des Generakkommissarials Versammlungen im Freien verboten waren. Unter dem Gejohle und Geschrei der Thüngener Burschen bewegte sich der Zug nach dem Kriegerdenkmal. Die Thüngener Burschen besetzten jedoch das Denkmal und den freien Platz und schrien: „Hier werden keine politischen Reden gehalten, hier liegen unsere Toten!" Der Baron v. Thüngen gab aber darauf den Befehl, den Platz zu säubern, und sofort stürmte ein Stoßtrupp der Hakenkreuz-ler mit gesenkter Fahne, bewaffnet mit Dolchen und Revolvern, gegen die unbewaffneten Thüngener Burschen los. Einer der Leute erhielt -einen schweren St'ch am Hals, dem er nach wenigen Minuten erlag. Die Landespotiz-ei schaffte wieder Ruhe, nahm 13 Thüngener junge Leute, darunter 7 jüdischen Glaubens, fest, und sie mußten sich jetzt vor dem W ü r z b u r g e r V o l k s g e r i ch t als Rädelsführer des Landfriedeusbruches verantworten. Die Anklage war von der Annahme mrsgegangen, daß die Juden von Thüngen die Störung des Deutschen Tages verabredet und sich dazu der Hilfe des. Fußballklubs, den sie dazu bestochen hätten, bedient hätten. Die dreitägige Verhandlung ergab, daß diese Annahme durchaus falsch sei, die Anklage wegen Landfriedensbruches mußte fallen gelassen werden, und es erfolgten nur teilweise Verurteilungen wegen groben Unfugs zu Haststrafen. Ein Teil der Angeklagten - wurde f r e i g e s p r o ch e n. Um diese Verurteilung abzuwarten, mußten die Festgenommenen sieben Wochen in Untersuchungshaft sitzen. ..... Mit «wie verschied e n e m Maß die öffentliche Meinung in Bayern bei Christen und Juden zu messen Pflegt, beweist dieses Geschehnis': In Thüngen leben unter 1000 Einwohnern etwa 200 Inden seit Jahrzehnten. im besten Einvernehmen; das Kriegerdenkmal in Thüngen nennt unter 44 Namen der Gefallenen 7 Juden. Nichtsdestoweniger konnte die Behauptung der Gendarmen, daß der ganze Widerstand gegen den Deutschen Tag von den Juden veranstalte^ und bezahlt sei, sofort öffentlichen Glauben finden. Es -ist erfreulich! daß das Volksgericht. in Würzburg zum Unterschied von manchen anderen bayerischen Volksgerichten objektiv geurteilt und die völlige Unschuld der Juden anerkannt hat.