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Central-Verein-Zeitung · 1924-04-03 · 14 (3.4.1924) · p. Seite 162

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
14 (3.4.1924)
Date
1924-04-03
Page
Seite 162 (sequence 6)
Language
German
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Iu-en in der sozialen tzilfsarbeit. Von Paul Frank (Tharlottenburg). Wie die k a t h o I t f ch e Wohlfahrtspflege unter dem Gedanken der „Caritas" (Gottes- und Nächstenliebe) steht und die evangelische Liebestätigkeit durch den Begriff „Diakoni e" (Dienst an Gott und den Mitmenschen) bestimmt wird, so wird die jüdische soziale Hilssarbeit in Ursache, Inhalt und Ziel durch ein Wort ,Ledakah" gekennzeichnet. Dieses Wort umsaht aber bezeichnenderweise' gleichzeitig zwei Begriffe: Wohltätigkeit und Gerechtigkeit. Wohlfahrtspslege bedeutet somit nach jüdischer Auffassung lediglich Ausübung selbstverständlicher, ausreichender Gerechtigkeit. Aber auch nicht nur eine dem Gesetz georchende Gerechtigkeit formaler Art, sondern Gerechtigkeit, die dort Recht schafft, wo Menschenrecht und Menschenwürde verletzt wird, die dem Bedürftigen ein moralisches Anrecht aus Hilfe gibt, ohne dem gebenden Teil einen Anspruch aus Dank und Anerkennung zu gewähren. Es ergibt sich somit von selbst, daß die deutschen Juden zu allen Zeiten an der Ausgestaltung nicht nur der konfesfionellen, sondern — und vielleicht in noch viel stärkerem Maße — auch der interkonfessionellen Wohlfahrtspflege beteiligt waren. Ueber den materiellen Umfang sowie über Bedeutung und Wert dieser Leistungen zu sprechen, widerstrebt der erwähnten jüdischen Auffassung über Sinn und Inhalt der Wohlfahrtspflege. Wohl aber dürste eine Untersuchung gerechtfertigt sein, welcher Anteil jüdischen Mi tbÄrgern an der Neu-- und Ausgestaltung der sozialen Hilssarbeit insofern in Deut schla n d zufällt, als gänzlich neue Formen und Methoden der Wohlfahrtspflege reformierend zur Verwirklichung gebracht wurden. . Eine derartige Untersuchung erscheint um so gerechtertigier, als die Kraft dieser Frauen und Männer, die so bahnbrechend aus dem Gebiete der sozialen Fürsorge wirkten, letzten Endes in erster Reihe dem tiefen Vorne jüdischer Ethik entströmt sein dürste, wenngleich einige von ihnen nicht mehr bekenntnismaßig dem Judentum an gehört en. Dieser Ausbau der sozialen Hilssarbeit vollzog sich mit der zunehmenden Industrialisierung, dem - damit verbundenen Großstadtwesen und dem Anwachsen der Frauenarbeit vornehmlich in den letzten dreißig Jahren. Aus früheren Zeilen fei nur an Lina Morgenstern erinnert, die schon im Sturmjahr 1848 an ihrem 18. Geburtstage den Breslauer „Pfennigperein zur Unterstützung armer Schulkinder" begründete, deren Name aber vornehmlich in der Geschichte des Volksernährungstvesens weiterleben wird, da sie bei Kriegsausbruch 1866 die erste offen t l i che gemeinn ü tz i g e S Pe i s ea n staI t schuf. Ihr Ziel war, Frauen bürgerlicher Stände herauszusühren „aus der Hauswirtschaft in die ausübende Volkswirtschaft, aus der Familienpflege in die Pflege des arbeitenden Volkes, aus der Sorge für Gesundheit und Wohlergehen der Angehörigen zu der Sorge für die öffentliche Gesundheitspflege". Aus dieser -ersten Notstandsküche, deren Grundidee die Herstellung von Speisen im Großen war und deren Abgabe nicht umsonst, sondern zum Selbstkostenpreis erfolgte, um das Ehrgefühl der Bedürftigen zu schonen, entstanden gar bald als bleibende Einrichtung Volksküchen im ganzen Reiche. Aus ihrer Arbeit aus diesem Gebiete entwickelte sich folgerichtig die weitere Tätigkeit Lina Morgensterns Mr Schulung der Frauen auf hauswirtschaftlichem Gebiete und es entstanden die ersten Kinder schütz-, DiensthoLen- und Arbei te rb ildu n g sveoe r ne, wenngleich die von ihr ausgestreuten Keime zum Teil erst später ausgingen. Schon in den 60er Jahren trat Henriette Golds ch m i d t für die heute so ftlbstverstEdliche, damals jedoch geradezu revolutionär erscheinende! Beteiligung der Frauen an der öffentlichen Wohlfahrtspflege ein. Der Pionierarbeit dieser Frau für eine weiblicher Eigenart entsprechende, zugleich dem allgemeinen VoWwohl zugute kommende Erziehung ist in Gestalt der Leipziger! F r a u e n h o ch s ch u l e, deren Lehrplan in erster Reihe der sozialpädagogischen und sozialhygienischen Ausbildung dient, und deren Entstehen lediglich auf ihre Initiative zurückzuführen ist, ein ganz besonders würdiges und bleibendes Denkmal gesetzt. In den letzten Jahren des vergangenen Jahrhunderts bildete sich in Berlin ein Kreis von Frauen und Männern, in ihren Ideen sich derart Menseitig befruchtend und fördernd, daß die Tätigkeit des einen Guedes dieser auch in persönlicher Freundschaft verbundenen Gemeinschaft ohne die des andern kaum denkbar erscheint. Es war der Kreis um Stadtrat Dr. Emil Münsteroerg, Jeanette Schwerin, Dr. Albert Levy, Dr. Alice Salomon, Josephine Levy-Rathonau, Dr. Hugo Reumann, Geh. Justizrat Dr. Pauk Ko eh ne, Ministerialrat Dr. E. Friedeberg, die — außer Alice Solomon — leider sämtlich allzufrüh ihrer ganzen Generationen Richtung und Lebensmhalt., gebeten Wirksamkeit entrissen wurden. Münsterberg, ein Bruder des bekannten Austausch- Professors m Amerika, schuf als Stadtrat von Berlin in seiner Anweisung für die öffentlich Armenpflege ein Musterbeispiel für die Möglichkeit einer nach individuellen und orgauisawrischen Gesichtspunkten durchgesuhrten, aufbauenden Armenpflege. Sein Buch „Die Armenpflege" und seine vielfachen Veröffentlichungen können auch heute noch als klassische Werke aus diesem Gebiete bezeichnet werden. Seine wohlfahrtsresormerische Tätigkeit drückte der ganzen deutschen ArMenPslege den Stempel seiner starken, vornehmen Persönlichkeit auf. Tatkräftig setzte er sich für die Schulung der Frauen zur ehrenamtlichen und-beruf-liche-n Tätigkeit! in der sozialen Hilfsarbeit und für die enge Verbindung der öffentlichen mit der privaten Fürsorge ein. Jeanette Schwetln und Dr. Albert Levy, dem Kreise der „Deutschen Gesellschaft für ethische Kultur" entstammend, hielten zwar die Religion ihrer Väter hoch, verfolgten jedoch ihre Bestrebungen lediglich aus sozial-ethischer Grundlage als Bindeglied zur Ueberbrückung konfessioneller und politischer Gegensätze, Gegensätze, die gerade in der Wohlfahrtspflege von keiner besonderen Bedeumng sein sollten. Diese Ueberbrückung geschahauch erfolgreich in der von ihnen begründeten „Zentrale für private Fürsorge", was äußerlich z. B. dadurch ganz besonders gekennzeichnet wurde, datz sich zum 25jährigen Bestehen der Zentrale für private Fürsorge -Vertreter aller Religionen' und Weltanschauungen in einer Festschrift als Ehrengabe für Dr. Albert Levy vereinten, besten allzu früher Heimgang von den berufenen Vertretern alter Konfessionen als ein schwerer Verlust für die gesamte deutsche Wohlfahrtspflege beklagt wurde. Jeanette Schwerin und Albert Levy verwarfen die bisher übliche Form des bloßen Almosengebens 'in Gestalt einmaliger Unterstützungen, sondern führten das System der Pflegschaft und der Familien für sorge ein, welches heute \a eine selbstverständliche Forderung der Wohlfahrtspflege ist, eine den individuellen Verhältnissen des Einzelfaües angepaßte, vorbeugende und nachgehende, umsastende Fürsorge materieller und geistiger Art. Die ebenfalls heute selbstverständliche Zusammenfassung aller Träger der Wohlfahrtspslege und deren gemeinsames, sich gegenseitig ergänzendes Wirken in Gestalt von Wohlfahrtsämtern u. dgl. wurde durch die Z. f. p. F., wenn auch in anderer Organisationssorm, zum erstenmal verwiÄlicht. Albert Levys strenge Auftastung von der hohen ethischen Bedeutung -der WohlMrstPflege -bedingte die von ihm zuerst ausgestellte Forderung nach einer beruflichen sozialsachlichen Ausbildung und ließ ihn alle Methoden und Wege der Geldmittelbeschaffung, sowie jede dilettantische Fürsorgearbeit bekämpfen und verwerfen, die nicht höchsten sittlichen AnsoÄerungen standhielt. (Blumentage, Wohltätigkeitssesteh Alice Salomon ist noch heute die Führerin eines Geschlechts, welches über die von Münster berg, Jeanette Schwerin, Lina Morgenstern u. a. begründeten „Mädchen- und Frauen-Gr Uppen für soziale Hilssarbeit" hinauskgehend nicht nur den Frauen den Weg zu einer beruflichen und ' ehrenaMtlichen Tätigkeit in der Wohlfahrtspflege zuerst durch kurze Kurse, später durch die von ihr zuerst geschaffene Einrichtung der Sozialen F r a u e n s chu l e ermöglichte, sondern auch der Wohlfahrtspflege selbst die Kräfte zusührte, ohne die'der heutige Stand der sozialen Fürsorge überhaupt nicht denDar wäre. Wie groß die Ausgabe damals war und welche Widerstände zu überwinden waren, geht vielleicht am besten aus einer Bemerkung des damaligen Gründungsaufruss der Gruppe hervor, in welchem ausdrücklich betont werden mutzte, daß es sich um „keinerlei Emanzipationsbestrebunaen", sondern lediglich darum handele, „junge Mädchen und Frauen zu ernster Pflichterfüllung im Dienste der Gesamtheit" zu erziehen. Dem gleichen Kreise entstammte auch JosePhineLevh- R a t h e n a u. Aus einer gelegentlichen Beratung über Berufsausbildung und Berussrnöglichkerten für Frauen entstand nach langen systematischen Vorarbeiten die A u s k u n s t s st e l I e s ü r Frauenberufe, erst örtlich aus Berlin begrenzt, dann, nachdem nach Berliner Muster ähnliche Stellen auch in anderen Städtenbe-grürwet waren, in einem Kartell für ganz Deutschland zusammengefaßt. Die von ihr eingeführte Berufsberatung der Berliner Schülerinnen wurde später als ein vollendetes, abgeschlossenes Werk - von der Stadt übernommen, gleichzeitig als Form und Muster für die damals erst zu schaffende männliche Berufsberatung dienend. Wieviel Frauen und Mädchen haben durch die methodffch: Forschungs- und Beratungsarbeit des Frcmenberussamtes und somit durch Frau Levy-Rathenau über die Eignung der Frauen zu den einzelnen Berufen und durch die damit verbundene Erschließung neuer geeigneter Frauenberufe, erst das Arbeitsfeld gefunden, das ihren Persönlichen Neigungen, Fähigkeiten und Kräften angemessen war und Weben somit vor verfehlter und unbefriedigender Berufsarbeit bewahrt. Das hervorragende Organisationstalent Frau Levh-Rathenaus ließ unter ihrer wesentlichen Führung bei Kriegsausbruch mit einer beinahe zauberhaften Schnelligkeit die Zusammenfassung der Berliner weiblic^n Kriegsfürsorge in GestM des „Nationalen Frauendienftes" entstehen und zum erstenmal ein auch wirklich praktisch sich auswirkendes Solidaritatsyefühl der Frauen zur Tat werden. Leider sollte sie die Früchte chres Wirkens als Stadträtin, wo ihr die Schaffung des zu begründenden Wohlfahrtsamtes übertragen war, nicht mehr erleben. Der Kinderarzt Professor Dr. Hugo Reumann verwirklichte m seinem noch heute mustergültigen „Kinderhaus" Won vor fast 30 Jahren als private Wvhlsahrtseinrichtung all die Ausgaben, die der heutigen Jugendfürsorge zufallen. Sein Kinderhaus war in seiner praktischen Auswirkung Muster und Vorbild für das heutige Jugendarrü. Von der Geburt bis zur Schulentlassung eine nachgehende gesundheitlich-erziehliche Fürsorge für die Jugend! Die erste SchwangerenberatuuMtelle, die erste Muglingssürsorgestelle war sein Werk, welches als Vorbild für Me diese und ähnliche Bestrebungen diente. Auf dem weiteren Gebiete der Jugmrdfirrsorge und -pflege find ferner Geheimer Justizrat Koehne und Ministerialrat

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