Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 14 (3.4.1924)
- Date
- 1924-04-03
- Page
- Seite 160 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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„DsutschLanös Zukunft, Deutfchlanös Erwachen»" S o z i a l d e m o k r a t i e u n d A n t i s e nr i t i 8 m u s. Von Dr. Vaul Nathan-. EL ist nicht rneiv-e Absicht, die Zukunft und das Erlvachen- Deutschlands an dieser Stelle t>on meinem politischen Standpunkt ans ZU behandeln. Ich Null vielmehr auf eine Broschüre Hinweisen*), die den Titel führt, den ich als Ueberschrift benutze; eine etwas mhsteriiöse Broschüre, oder vielleicht auch eine gar nicht mysteriöse Broschüre, deren Vorwort Arno Franke nnterzeichner hat. Ist er auch der Berfasser der Broschüre wie des Vorworts? Gleichviel, dieser Verfasser, der sich als S o z ial d e mo kr a t bezeichnet, ist überdies erklärter Antisemit, und wenn diese M-isiffung von Sozialdemokratie und Antisenutismus auch nicht zu den noch nie^ dagewesenen Erscheinungen gchvrt., wie -etwa der Jahrnwrktsbastard ans Ente und Kaninchen, so verdient es doch Beachtung, wenn ein sogenannter SoziaLdemokral seine dernokratische Gesinnung dadurch betätigt, daß er einen Teil des Volkes im heukigen Deutschland von den Politischen Nech.t-erv an-szuschilteßenwünscht. - Dieser weitblickende Politiker spielt damit der Reaktion unwiderruflich das Recht in die Hände, daß diese Elemente auch andere Teile des Volkes in Deutschland von öffentlicher Arbeit, von Arbeit im Dienste des Staates, von den Aemtcrn, von den Wahlen auszuschließen versuchen können; denn wenn man sich erst einmal auf den Standpunkt gestellt hat, daß nicht alle Deutsche reiferen Alters an der deutschen Politik verfassungsmäßig mitzuwirken haben, dann wird der Standpunkt der Reaktionäre in Deutschland unangreifbar, daß die Arbeitermassen, daß auch das Bürgertum oder Teile des Bürgertums für die Beeinflussung der Politik ungeeignet seien nach der Ansicht jener; also kehren wir zum preußischen Dreiklasseuwahlrecht zurück oder zu ähnlichen weisen Einrichtungen, die es ermöglichen, daß nur die Herren Von und Zu politischen Einfluß haben; möglicherweise auch diese noch nicht, denn bekanntlich erklärte einmal im preußischen Herrenhaus ein Edelster der Nation, daß der Mensch überhaupt e r st bei m B a r o n a n sang e. Es ist also eine ganz glatte und durchaus praktikable Bahn, die direkt^ vom- Standpunkt des Broschürenverfassers zum Ausspruch des preußischen Herrenhäuslers führt. Wenn der M e nsch vor den I u de n a u s h ö r t, warum soll er dann nicht erst mit d e nr B a r o n beginnen! Man wird zu geben, daß ein „sozialdemokratischer" Schriftsteller, der solche Perspektiven eröffnen Hilst, eine beachtenswerte Erscheinung ist, beachtenswert als Sozialdemokrat wie als Demokrat, denn bisher ist wohl daran festgehalten -worden, daß Sozialismus und Demokratie untren n bar zueinander gehören, ganz untrennbar, soll nicht der Sozialismus zum Sozialimperialismus werden, soll nicht der Herrscher oder die herrschende Kaste über die Macht verfügen, mn den Massen die Brosamen zuzuzühlen, die sie geneigt sind, dem Volke, dem Plebs, wie Hunden vom Herreutisch gnädigst heräbzuwersen. Die ersten Worte der Broschüre, für die Herr Arno^Frankc die Tür zur Oeffentlichkert hin aufstößt, lauten alsdann- „Sozialdemokratie und Marxismus sind keine identischen Begriffe." . Wenn Marxismus bedeutet, daß jedes Work und jeder Gedanke, die im „Kapital" von Karl Marx enthalten sind, auch von der Sozialdemokratie in alle Ewigkeit als dreimal heilig und als gänzlich unwandelbar zutreffend zu betrachten sind, dann ist Her obige Saß eine Wahrheit von gänzlich unangreifbarer Trivialität. Auch die größten Denker aller Zeiten waren sich bewußt, daß ihr Standpunkt nicht der Standpunkt der...Menschheit für alle Ewigkeit sein könne. Ihre Auffassung ergab sich aus dem, was zu ihrer Zeit zu überblicken war, und zwar mit dem Auge des Genies;. bevor Amerika entdeckt war, Tonnte auch das weitestblickende Genie nicht Folgerungen aus der Existenz des noch nicht für die zivilisierte Menschheit vorhandenen Amerika ziehen-. Auch -Karl Marx hätte das nicht gekonnt, und er wäre nicht er gewesen, mm er ähnliches oder verwandtes angestrebt hätte. -Er gab daher erklärlicherweise als ernster Denker auch keine Rezepte für die zukünftige Entwicklung, sondern er wies die Entwicklungstendenzen der heutigen Zeit scach und mit dem Erfolge, daß die Arbeitermassen der zivilisierten Welt seinen Weisungen in die Zukunft nicht blindlings vertrauen, aber doch das größte Vertrauen entgegenbringen. Und eins ist damit erreicht worden, dem kann niemand widersprechen. Unter solcher Weisung ist die Arbeiterbevölkerung Europas und der zivilisierten Welt bereits zu einem entscheidenden, überall in jedem Falle zu einem m i t e n t s che i d e nd e n Faktor des Staatslebens geworden; und dahin sind diese Massen vorher niemals gelangt. Warum sucht nun Herr Arno Franke Arm in Arni mit dem Anonymus diese Binsenwahrheit zu bestreiten? Aus einem sehr einfachen Grunde. Karl Marx war Jude der Abstammung nach, oder, um int lächerlich unwisserkschaftlich modernsten Stile nach Dinker zu reden: dem Blute nach. Die einen Antisemiten haben nachznweisen, daß das Alte Testament selbst für die Zeit seiner Entstehung ein höchst .minderwertiges Buch gewesen sei, und daß Christus kein Jude war, oder daß an die Stelle der christlichen Weltanschauung die weit „aufgeklärtere" und .„humanere" des „deutschen" Wotan zu setzen sei. Die " ch Der Zerfall der Sozialdemokratie/ Von einem Sozialdemokraten. Verlag von Joseph Garibald Huch, Berlin-Friedenau.' anderen stellen sest, daß Heine ein miserabler Dichter gewesen und daß Liebermaun und Israels' als Maler nicht -in Betracht kommen können. Die Großtat aber, Karl Marx zu stürzen, hat der Mann übernommen, der in seiner Bescheidenheit auf dem Theaterzettel sich nicht neunen läßt. Lassalle, dem genialen Agitator und auch einem Mann von immerhin recht respektablem Intellekt, und auch einem Juden, schenkt der Anonymus überhaupt keine ernste Beachtung, stolzer in dieser Beziehung als Bismarck, der den interessanten Juden Lassalle wenigstens gern als „Gutsnachbar" zum Plaudern gehabt hätte. Um die Flachheit und Banalität dieser antisemitischen Broschüre überzeugend zu charakterisieren, sei schließlich noch auf die Behandlung des Kernproblems hingewiesen: Wer ist ein Jude? Der namenlose Verfasser sagt: „Eine Nation kann mir einmal da sein. Demgemäß kann ein Mensch nur einer Nation angehören, und es gibt nur einen Faktor, der seine NationszugehörigkeiL bestimmt: das Blut. Nenn's wie du hvillst: Blut, <Aamm, Rasse. Ich weiß, daß die „exakte" Wissenschaft diese Bezeichnungen in unserer Verbindung aülehnt . . . Ich kann die Stammeseiuheit als Grundlage des Nationalbegrifses nicht entbehren. Hier gilt Goethes Wort: Wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdeL's nie erjagen." Was die tiefsinnigen Antisemiten dieses Schlages erjagen, ist ilUlner nur „wortreiche" Fadaffe. Mit solchem Programm gelangt man dazu, wie Hans Hermann in seinem „Äanatorium der freien Liebe" zu schreiben: „Sreht man mm- Goethe an: diese vorquellenden, dmckelbranneu Augen, diese au der Spitze gekrümmte Nase, diesen langen Oberleib iiHtJ>eu kurzen Beinen, welchen 'selbst ein leicht „weh-mütig-er" Zug nicht fehlt, bann haben wir ganz -das Vorbild eines Nachkommen Abrahams vor uns. Goethe war Mischling durch bas Mut feiner Mutter." Ein „Mischling", der dem jüdischen Mut nicht gerade zur absoluten Unehte gereichenwürde, wie man wwhl ohne allzu große jüdische lleberhebung sagen darb Hans Hermann meint eben: Diese Behauptung entspreche seiueur Gefühl, und nach vom Unbekannten u n f e r e r Broschüre g. e n ü g t solches G es ü h l. Es verlohnt sich nicht, auf ihic besprochene Broschüre, die sich in dieser WKüse selbst charakte.wsiert, des weiteren einzugehen. Bemerkt sei nur. eines ncdj: Die Broschüre beruft sich immer erneut ynd zitiert die Zeitschrift „Der Firn". Diese ioziaiistische .Zeitschrift ist eine merkwürdige Erscheinung; sie war gestützt mxb ist uw'glicherweise jetzt noch gestützt von zweiMos ehrlichen sozialdemokratischen! poHnfenr. Als man mich aufforderte, an ihr mitzuarbeiren, erkundigte ich mich nach ihren Fundamenten, und da erhielt ich so ernste Warnungen von so ernster Seite, daß ich es vorzvg. mich seruznhalten. lind jetzt ergibt sich der merkwürdige. Anblick, Daß der Deukpchilan-derWecker der hier besprochenen Schrift sinnen „wzialii'tischeu" Ant-ffeuuMmus unter Eide sh-olstr schaff des „Firn" zn predigen sucht, zwar sehr nnaeschickt, aber doch mit eifrigster Hingabe. Daß hinter Hitler und seiner antisemitisch-revolutionären Umst'urzbewegnng, auch vor allem geDgebende Großkapikalisten. stehen, ist erwiesen. Daß diese Kreise arbeiten au der Zersetzung aller denwkrati scheu Parteien und auch der sozialdemokratischen Arbeiterpartei, ist durchaus logisch, und daß Antisemitismus als Zersetzuugstränklein kredenzt werden 'soll, wie in der hier charakterisierten wertlosen Broschüre, ist beachtenswert, und zwar nur -dies ist beachtenswert an 'dieser Broschüre. Es ist zu hoffen lmd zu wünschen. baß auch sie 'fördert: „D e ucksch.'la n d s E-rw a ch e il", freilich nicht gerade i m S i n n c d c s A u - o n y m u s. „völkische IrbeiterfalleK." Eine Z u s a m m enstellung des „V o r w ä r t s". linier der Spitzmarke „Völkische Urbeitersallen" bringt der „Vorwärts" am 22. März eine interessante Zusammenstellung der Arbeiterorganisationen, mit denen die Deutschvölklschen die Arbeiterschaft für ihre Zwecke emznfangen wissen. „Es entstanden zunächst die „Reichsgewevffchaft völkischer Arbeiter", die „Reichsgewerkschaft völkischer Bergarbeiter", die „Reichsgewerkschaft v öl kl scher Handlungsgehilfen" und die „Reichsgewersi schafck -völkischer^weiblicher Angestellten", die sich im „Reichsbund völkischer KamPfgeiverUchafien" zusammengeschlossen haben. Daneben bildete sich der ebenfalls auf völkischem Bodenstehende „Reichsbund vaterländischer Arbeitervereine", der entstanden ist aus dem Zusammenschluß des „N-ationalverbandes deutscher Berussverbände" mit dem „Deutschen Arbeiterbund". , Auch die verschiede neu völkischen Parteien gehen mit ihrer „Arbelterfreundlichkeit" hausieren, so die nationalsozi nlistische „Arbeiter"- Partei und die im Januar in Stuttgart gegründete „Denksche Arbeiterpartei, Bund -aller arbeitenden Stände e. V.". - , All diese Organisationen sind-im Wesen gleich. Sie lehnen jede Bindung mit den „internationalen KkassenkajMpsgewerkfchasten" und alle angewandten Kampsmi't-tel, wie Streik, Boykott usw., ab." Diese Organisationen scheuen keine Mittel, sich der Arbeiierschast zu bemächtigen. , M ,