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Central-Verein-Zeitung · 1924-04-10 · 15 (10.4.1924) · p. Seite 185

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
15 (10.4.1924)
Date
1924-04-10
Page
Seite 185 (sequence 9)
Language
German
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185 Die Deutsch-Iüöische Jugenögemeinschast. Von Friedrich Borchardt, 1. Vorsitzender der Deutsch-Jüdischen I n g end - g e m e i n s ch a f t. Die glücklichen Zeiten, Ln denen 'der Satz: „Die Jugend hat nichts nüt Politik zu tun" zu Recht bestand, sind vorüber. Die Not des Vaterlandes und der Ernst der Zeiten haben dazu geführt, daß an alle viel früher als ehemals die Probleme des öffentlichen Lebens herantreten. So wurde auch die Jugend in den «politischen Tageskampf gedrängt. Wollte der C. V. nicht hinter den Parteien und Organisationen zurückstehen, die es verstanden, sich die Gefolgschaft der Jugend zu sichern, so war für ihn das Bestehen einer Jugendbewegung, welche sich bewußt' und entschsedMdWH den Boden des (\. V.-Programms stellte, eine NoLwendigKiehrs, Ärn kam entgegen, daß in der Jugend selbst immer stärker 'si chür^Bedürfnis geltend .»rächte, sich zur Arbeit für D e u ks ch tu m und Judentum znsammenZu?schließen. War so die Voraussetzung für gemeinsame Arbeit gegeben, so ergab sich die Frage, auf welchem Wege dieses Ziel zu erreichen wäre. Machte sich schon im C. B. das Bestreben geltend, die positive Seite der Bewegung im Sinne von Eugen Fuchs immer schärfer herauszuarbeiten, so war es bei der Fugend eine Selbstverstündlichkeit, das Schwergewicht aus diese aufbauende Arbeit zu verlegen. Allen Jugendorganisationen, die auf dieser Grundlage entstanden waren, hat der C. B. helfend zur Seite gestanden.' Die Entwicklung der allgemeinen politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in Deutschland, die ihren Schatten auch auf die Jugend warfen, hat ebenfalls im Lager der jüdischen Jugend, so weit sie nicht naLionaljüdisch orientiert war, Zersplitterungen hervorgeruftn. Erst als gesteigerte Intensität der Arbeit und Zusammenfassung aller -irgend in Betracht kommenden Kräfte sich als einzig fruchtbare Arbeitsgrundlage herausstellte, war die Möglichkeit zu praktischer Arbeit gegeben. Die „D e u t s ch - I ü d i '! ch e I u g e n d g e m e r n s ch a f t", die auf dieser Grundlage aus eigener Kraft der Jugend entstand und ausgebaut war, hat sich in den zwei Jahren ihres Bestehens als diejenige Jugendorganisation erwiesen, welche zur Zusammenf a } s u n g der d e ü t f ch - j ü d i s ch'e n I u g e n d - geeignet ist. 'Da die Bewegung von Berlin ihren Ausgang nahm, so war es hier zuerst möglich, das als notwendig Erkannte in die Tat umzusetzen. In Berlin bestehen zurzeit sieben Bezirke mit insgesamt zirka 1000 Ginzelm-itgliedern. Hierzu kommen die ange.schloffenen Vereine „I ü d i s ch liberaler I u ge n d v e r e i n", „I ü d i s ch e r Turnverein 0 5", „S t u d en t i s ch c Orttz g r u p ve de s E. V.". Die Bezirke wählen Bezirksleiter. Aus ihnen, dem Vertretern der angeschlossenen Vereine, einem Vertreter des E. V., dem ersten Vorsitzenden und vier weiteren Vorstandsmitgliedern besteht Zentralvorstand der Deuts ch-Jüdischen Jugendgemeinfchaft. Die Bezirke haben wöchentlich einen Heimabend, der bei den meisten Bezirken in einem städtischen Jugendheim stattfindet. A.us Dielen Heimabenden finden regelmäßig Vorträge statt, die von den Mitgliedern selbst gehalten werden und an die sich eine Aussprache anschließt. Im allgemeinen beschäftigen sich zwei Borträge eines Monats mit rein jüdischen Fragen, die anderen zwei Vorträge behandeln Themen ans dem Gebiete der deutschen Literatur und Knust. Daneben bestehen in mehreren Bezirken Arbeitsgemeinschaften, in denen in kleinem Kreise deutsch-jüdische Fragen eingehend behandelt werden. Der Fühlungnahrne mit dem E l t e r n h a use dienen Elternabend e. Nach außen ist die D.J. I. G. in gemeinsamen Veranstaltungen und Vortragsabenden mit den Berliner Ortsgruppen des C. B. hervorgetreten. Jüdische Feste wurden 'durch größere und kleinere Feiern der Bezirke begangen. Au den Sonntagen finden regelmäßige Fahrten der einzelnen Bezirke statt, in den Ferien unternehmen einzelne Bezirke ausgedehntere Wanderungen. Der Turnverein 05 leitet die körperliche Allsbildung der Mitglieder: Turn- und Schwimmab'ende sowie leichtathletische Hebungen. Aus Grund der Verfassungsänderung vom Jahre 1919 ergab uch auch für die Jugend die Möglichkeit, durch Vertretung an amtlicher Stelle bei der Beratung und D u r ch f ü h r'u n g der I u gen d ge setz g eb u n g praktisch luitzuarbeiten. So ist die D. I. I. G. in Berlin als -Spitzenorganisatiou der deutsch-jüdischen Jugend anerkannt lind durch ihre Mitglieder in folgenden amtlichen Stellen vertreten: 1. Im P r e n ß i s che n L an d e s b e i r a t. 2. Jur N e i ch s a u s s ch n ß der denk s ch e n I u a e nd - v c r b ä n d e. 3. Jur H a u P t a u s sch u ß für I u gendPfIege u n d Leibes ü b u n g. 4. 3m Zentraljugendamt G r oß - Berli n. 5. In den Jugendämtern der mittleren Grotz-Berliner B erw al t u n gsbez irke. Ferner ist die D. I. I. G. gemeinsam mit den deutschen Juaendverbänden im Verbände für das Jugend h erbergsw essen Organisiert. Auf Anregung der D.J.J. G. wurde im jüdischen Wohlfahrtsamt der jüdischen Gemeinde Berlin ein Jugendpflege a u s sch u ß gebildet, in den: sämtliche Berliner jüdischen Jugendorganisationen vertreten sein werden. In der Zeirschrift „Der Kämpfer", die den Lesern dieser Zeitung durch Besprechungen ihrer Nummern bekannt ist, hat sich die D. JiJ. G. ein Organ geschaffen, durch das sic in weiteste Kreise der ji'ldischen Jugend dringen will. Es lag mir daran, in kurzer sachlicher Form ein objektives Bild des bisher Geleisteten All geben, da für eine junge Bewegung das Beknnntwerden ihrer Arbeit eine Vorbedingung für ihr Wachstum ist. So wenden wir uns an alle unsere Freunde im Reiche, die alten und die jungen. Die Eltern müssen diese Arbeit der Jungen unterstützen, in der klaren Erkenntnis, daß in einer kräftige!!, ihres Deutschtums und Judentums bewußten Jugendbewegung,. die beste Gewähr für die Zukunft des E. V.-Gedantens liegt. Vor allen: aber gilt unser Mahnruf der Jugend selbst: Schließt euch uns an, arbeitet in unseren Reihen, fordert unsere Ziele! „Die Lilie auf dem Felde, die nicht arbeitet und spinnt und doch wächst, der Vogel aus dem Felde, der nicht säet und erntet und den unser Herrgott doch ernähret, sind nicht die Symbole -unserer Religion. Kampf und Arbeit find unser jahrtausendelanges Erbtet L" Die Stimmrechtswoche öes jüdischen Frauenbundes. Ueber die S t i m m r e ch i s w o ch edes I ü d i s ch e n F r a n e n - b und es, auf die auch in diesen Blättern wiederholt hingewiesen worden ist, läßt sich ein ab sch. ressend er Bericht noch nicht geben, weil die Unterlagen und Mitteilungenans dem Reiche zum Teil noch fehlen. Wenn dennoch schon einiges über den G e s a m t e i n d r it cl der verschiedenen Versammlungen gesagt werden soll, so geschieht das aus der Erkenntnis heraus, daß die Kundgebungen für Einführung des aktiven und passiven Wahlrechtes der Frauen in den jüdischen Gemeinden mit der zeitlich begrenzten Stimmrechtsrooche nicht ihren Abschluss gefunden haben. Immer wieder beweisen uns Anfragen und Meldungen, dass der neue Weckruf in Gemeinden und Vereine, deren Zusammenhang mit dem Jüdischen Frauenbund vielleicht ein etwas loserer ist, erst allmählich, 'und langsam hindringt, so daß das Echo erst später wide.rkl-i.ngt und manche Stimmen uns jetzt fehlen. Im allgemeinen ist zu sagen., daß der Widerhall ein starker und vielstimmiger gewesen ist. Drei große Landesverbände des Jüdischen Frauenbundes, Schesten, Hannover und Pommern, hatten die Vertreterinnen ihrer Mitgliedervereine um sich versammelt. Aus Hamburg und Lübeck, Erfurt, Schwerin, Harburg und Nordhausen liegen Berichte vor. Im Rheinland und in Ostpreußen werden Versa mm limgen noch vorbereitet. Und zur Ergänzung des Bildes muß hier wiederholt werden, daß in Bayern. Sachsen, Frankfurt a. M., Braunschweig und einigen anderen kleineren! Gemeinden das Frauemvahlrecht bereits eiugeführt ist. Wer die Berliner Versammlungen (am 24. März im Logenhaus. Kleiststraße, am 25. März im Plenarsaal der jüdischen Gemeinde,! miterlebt hat und sie ans eigener Anschauung mit denen in anderen Gerneinden vergleichen kann, muß seststellen, daß die Berliner Versammlungen an Lebendigkeit uu'b Schwungkraft, innerer lleberzeugung und allgemeiner Anteilnahme -hinter denen der kleineren Gemeinden z u r ü ck st a n d e n. Diese Tatsache ist weder durch den Vorwurf ungenügender Propaganda noch etwa durch die Zusammenstellung der Referenten irgendwie genügend -erklärt. Es muß im. Gegenteil gesagt werden. daß die kurzen- Referate der ersten Versammlung lebendtg und wirksam waren- und daß das Niveau der zweiten Versammlung einganz besonders gutes war, der Sphäre,des Schlag-wortes absolut enthoben-. Es scheint Tatsache zu sein, daß in kleineren Orlen die Gemeinde viel mehr den Mittelpunkt jüdischen Lebens -bedeutet, es scheint auch, als ob die Frauen kleinerer Genreinden, die durch soziale Arbeit viel weniger beansprucht werden als etwa die überbürdeten Frauenvereiue der Grohgemeindeu, ein kulturelles Betätigungsfeld viel mehr ersehnen, sich neuer Arbeit bereiter, offener, unverbrauchter, hingebungsvoller zeigen. Es würde der* verfügbaren Raum -rocH überschreiten, wenn die Referate der Berliner Bersammlnngen auch nur in ihren Hauptgedanken' wiederholt werden /sollten. Ein ausführliches Protokoll ist bnrdj die Unterzeichnete Schriftführerinder istilnrnrechtkomnüffion des Jüdischen. Frauenbundes zu beziehen-. Genügen muß der Hinweis, daß Vertreter a l l e r Parteien, (die Worte des orthodoxen Herrn Rabbiner Dr. Emil Levy werden allen unvergeßlich bleiben) sich auf den Standpunktdes F ran -e n st i m m recht s st eilt c n. Es muß genügen, darauf hinzuweisen, daß die Frage nirgends als eine Frage und Angelegenheit der Frauen hingestellt worden ist, sondern als eine Angelegenheit der jüdischen Gemeinschaft, ilnd daß sich vor altem Mäimer als Sprecher für diese Angekegenheit fanden. Das ist nicht nur deshalb bedeutsam, weil die Ocf'fenÄichkeit heute noch gewohnt ist, ans die Stimmen der Männer bereiter und gläubiger zu hören, sondern wir wissen. daß wir in der letzten Entscheidung über di-e Einführung des Frauenwahlrechts in den jüdischen Gemeinden von den Gemeinde n,' das heißt voll den M ä n n e r u. abhängig sind. Und es wird sich nun zu zeigen haben, ob das Eintreten'der Männer in unseren Versammlungen mehr gewesen ist als eine ritterliche Geste. Jetzt ist der Zeitplinkt, wo „wohlwollende Neutralität" aufgegeben werden muß. Hanna h Ka r m i n j k i.

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