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Central-Verein-Zeitung · 1924-04-10 · 15 (10.4.1924) · p. Seite 184

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
15 (10.4.1924)
Date
1924-04-10
Page
Seite 184 (sequence 8)
Language
German
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184 Die Aufgaben -er Irau im ÜT*4). Von Life S t e r n. Die Frage: „Warum und wozu brauchen wir die Mitarbeit unserer Frauen?" kann nicht im Rahmen eines Aufsatzes gelöst werden. Bestimmte, Grundgesetze fordern gebieterisch Beachtung. Wenn wir der deutschen Staatsbürgerin jüdischen Glaubens in der Gemeinschaft des Central-Vereins Aufgaben überweisen wollen, dann müssen wir von der Tatsache ausgehen, daß wir im Verein Fragen der Politik im allerweitesten Sinne behandeln, auf der Grundlage politischer Neutralität, d. h. ohne Bindung an eine bestimmte Parteikonstellation. Politik ist die „Kunst des Möglichen", sie bestimmt, ob und gegebenenfalls wie ein Ziel erreicht wird. Sie bedarf der Grundlegung durch die Weltanschauung. Ob unsere Tätigkeit, für Recht, Ehre und Leben der deutschen Juden zu kämpfen, wünschenswert ist, ob die Durchführung, falls und soweit sie möglich ist, sittlich geboten ist, ist durchaus eine Frage der Lebensa n s ch a u u n g. Eine Frau kann den Mut zur Ueberwindung der erheblichen Schwierigkeiten, die in unserer Arbeit bestehen, nur dann finden, wenn sie überzeugt ist, ihre Kraft in den Dienst eines hohen, sittlich berechtigten und lebensnotwendigen Zieles zu stellen. Die Ethik gibt das Ziel, die praktische Lösung der Ausgabe ist eine Sache der Technik. Unsere Betrachtung wird ergeben, daß die Mitarbeit der Frau im Central- Verein in unmittelbarer Beziehung zu den religiösen, sozialen und politischen Fragen der Jetztzeit steht. Es wäre demgemäß notwendig, die Grundlage unserer jüdischen Lebensanschauung, die sich daraus ergebende Stellung den Frau innerhalb der jüdischen Gemeinschaft ebenso zu untersuchen wie die historische Entwicklung des Begriffs der deutschen Staatsbürgerin. Es wäre notwendig, die Stellung der Frau in ihrer sozialen Umwelt zu untersuchen, um in einer geistig wirtschaftlich und politisch vollkommen veränderten Welt die Entfaltungsmöglichkeiten der jüdischen Frau festzustellen. Man kann dabei nicht achtlos an den Forderungen der modernen Frauenbewegung Vorbeigehen, weil die deutsche Jüdin ebenso wie jede andere deutsche Frau mit dem Wahlrecht, dem höchsten Recht der Volksgemeinschaft, ausgestattet ist. Aus der Fülle di-esser Gesichtspunkte kann im Rahmen dieses Aussatzes' nur in großen Zügen die jurist-ifche und politische Technik für die Frauenarbeit im Rahmen unseres gesamten Auf gabenkreise s sestgelegt werden. Die Frauenarbeit muß nach dem Gesichtspunkt der mittelbare n und unmittelbaren ArbeitUeistung geschieden werden. Die mittelbare Arbeit, die sich auf den vorher erwähnten ethischen, religiösen, sozialen und politischen Gesichtspunkten ausbaut, ergibt sich aus -der Stellung der Frau als Gattin und Mutter, als berufstätige Frau. Ein Sonder fall ist die als Beamtin im Dienste des Vereins stehende Frau, die wir hier ausscheiden wollen. Mittelbare Arbeit ist es, wenn eine Frau in der Familie als Gattin, Mutter oder Tochter bei dev Erziehung der Kinder, bei >der Beeinflussung ihrer Familienangehörigen oder im beruflichen oder gesellschaftlichen Zusammensein mit Persönlichkeiten jeden Bekenntnisses durch Tat und Wort das Bild der aufrechten, einfachen, pflichttreuen und taktvollen jüdischen Frau verkörpert, der das Deutschtum kein leerer Begriff, sondern ein innerliches Erlebnis ist. Die unmittelbare Arbeit bleibt den Frauen Vorbehalten, die Mitglieder des Central-Vereins sind. Voraussetzung der Mitarbeit ist demgemäß die Mitgliedschaft. Jedes Mitglied unseres Vereins weiß, daß wir nach 8 1 unserer Satzungen bezwecken, die deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens ohne Unterschied der religiösen und politischen Richtung zu sammeln, um sie in der tatkräftigen Wahrung ihrer staatsbürrgerlichen und gesellschaftlichen Gleichstellung sowie ander unbeirrten Pflege deutscher Gesinnung zu stärken. Dieser Zweck bestimmt drei große Aufgabenkreife: R echt s - schütz, polit ische Tättgk ei t und A u skl är un g sarbe i t. Wo kann nun Frauentat innerhalb dieser Aufgabenkreife einsetzen? In das Gebiet «des Rechtsschutzes gehören die Fälle, die durch antisemitische UebergwiM in der Schule, bei Beamten im Dienst, bei Mischen Angestellten in christlichen Firmen, durch antisemitische Zeitungsanzeigen und literarische Erzeugnisse Rechtsverletzungen darstellen. Wir brauchen unsere Frauen, um uns ebenso wie unsere Männer Mitteilungen von allen sie oder ihre Angehörigen betreffenden Vorfällen zu machen. Der Central-Verein wird dann bereit sein, ihnen zu Helsen mit direkter -oder indirekter Unterstützung, sei es durch Mftrsfung von 'Beschwerden, RechLsbelehrungen, Pwzeßvertretungen oder einfache Belehrung, ihr Recht zu wahren oder ihre Kinder vor ro>hen a it B|femrtischen Verletzungen zu schützen. Eine genaue Sachkenntnis über die Tätigkeit des Vereins! ist dazu erforderlich. In unfere-m politischen Ausgabenkreis gibt es -mancherlei Mitarbeit Kr die Frauen. Die politisch geschulte Staatsb ü r g e r in weiß, daß das Wahlrecht nicht nur das höchste Recht, sondern auch die höchste P.flicht der Volksgememschast 'darstellt. Gerade jetzt, wo wir vor entscheidenden Neuwahlen zum Reichstag stehen, ist es ein ernstes Gebot jeder zum Central-Verein gehörenden Frau, ihr Wahlrecht auszuüben und uns zu unterstützen im Kampfe gegen die vaterlandsseindlichen, dem Gesamtwohk -schädlichen, antisemitischen Verbände. Wir brauchen ferner unsere Frauen für politische Kleinarbeit, zur Verteilung von Flugblättern und Broschüren, zur Beobachtung der antisemitischen Zeitungen, zur Abwehr juderrfeindlicher Angriffe in politischen Frauenversammlungen. Ein reiches Betätigungsfeld finden unsere Frauen in unserem so z-i a lpol i ßli-ßche n Aufgabenkreis, einem besonders wichtigen Zweig unserer Arbeit; es gilt da, als Central-Vereins-Orgamsatiorr, notleidenden Deutschen jeder Religion ideelle und materielle Unterstützung zuteil werden zu lassen. Durch Betätigung innerhalb der Sozialpolitik -und Wohlfahrt AMege als Vertreterin der Central-Vereius-Orgamsation kann eine Frau, ihrer Wesensart gemäß -viel dazu beitragen, Gegensätze zu überbrücken, Schroffheiten zu mildern, Mißverständnisse zu beseitigen und den Gedanken der großen deutschen ,Volksgemeinschaft ÜMrästig zu fördern. Unser wichtigstes Arbeitsgebiet ist unsere Aufklärungstätigkeit. Aus der Fülle der Aufgaben wollen wir einige herausgreifen. Mit der Aufklärung unserer 70 000 Mitglieder über Zweck und Ziele des C.-V. und unsere Arbeitsmethoden ist unsere Aufklärungsarbeit nicht erfüllt. Es genügt auch nicht, De»?/ ffets an den Wafylfonds unsere Mitglieder geistig wehrhaft zu machen gegen judenfeindliche Angriffe. Ebenso erschöpft das Gebiet der inneren Mission, d. h. Verantwortungsbewußtsein gegenüber der Gesamtheit des deutschen Judentums im wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Wirken, das als Hilfsmittel das Vorbild und die Aufklärung braucht, diesen Arbeitszweig nicht. Mehr und mehr ist die Aufklärung unserer christlichen Mitbürger über das wahre Wesen des Judentums und seine Stellung innerhalb der deutschen Volksgemeinschaft in den Vordergrund unserer Arbeit getreten. In wie vielen Fällen findet eine Frau nicht Gelegenheit, innerhalb ihrer Häuslichkeit, sei es bei ihren Angestellten, bei ihren christlichen Freunden oder außerhalb des Hauses als berufstätige Frau, als Hausfrau bei ihren Einkäufen, als sozialtätige Frau, täglich und stündlich durch eine fachgemäße Ausklärung antisemitische Aeußerungen zuwiderlegen und durch eine vorbildliche Lebensgestaltung alte Vorurteile zu beheben. Eine Fülle von Kleinarbeit gilt es da zu leisten: Unsere „C. V.-Zeitung" mutz nicht nur zur eigenen Wifsensbereicherung gelesen und ausgewertet werden, sondern in weitestem Maße Christen zugänglich gewacht werden. Die Schriften des Philo Verlages dürfen in keinem Hause unserer Mitglieder fehlen, ferner müssen sie gemäß unseren Anweisungen nach bestimmter Auswahl weitesten Volkskreisen aller Konfessionen, zugänglich gemacht werden. Auch die reifere Jugend wird nach sachgemäßer Einführung durch die Mutter, die Lehrerin, die S o z i a l b e a m t i n unsere Zeitung und unsere Sonderdrucke verstehen mb würdigen können. Bei unseren Versammlungen darf kein weibliches Mitglied fehlen und jede Frau, die es nur irgendwie ermöglichen kann, sollte einmal an einem Rednerkurs teilnehmen, um, wenn ihr die Gabe der freien Rede gegeben ist, in breiterer Öffentlichkeit durch einen Vortrag aufklärend wirken zu können. In der Kleinarbeit des Alltags, beim Einkauf auf dem Markte, beim Fleischer, beim Bäcker, in der Milchverkaufsstelle oder auch bei dem Postboten, dem Portier und gar den eigenen Dienstboten, findet sie leider fast täglich Gelegenheit, gegen einseitige Verhetzung und Urteilslosigkeit aufklärend zu arbeiten und den Widersinn antisemitischer Bemerkungen zu widerlegen. Eine nähere Beschäftigung mit den Aufgaben und den Leistungen des Central-Vereins ist die erste Vorbedingung für jede Mitarbeit, und sicherlich wird diese Beschäftigung für Frauen, die bereits Mitglieder sind, Anreiz zu intensiver Mitarbeit für sie sein. Darüber hinaus wird und muß das Pflichtgefühl erwachsen, alle außerhalb unserer Gemeinschaft stehenden deutschen Jüdinnen zur Mitarbeit zu werben im Dienste von Deutschtum und Judentum.

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