Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 15 (10.4.1924)
- Date
- 1924-04-10
- Page
- Seite 183 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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183 Ms öen Erfahrungen eines Grtsgruppenvorfitzen-en. Von Julius B a m b e r g e x (Bremen). Es ist schwer, das ganze riesige Gebiet einer Ortsgruppenleikung in einem kurzen-Aussatz erschöpfend zu behandeln. An seiner Statt möchte ich den Stofs als Zwanzig Leitsätze Vorbringen. Zu berücksichtigen bleibt, daß Ideale sich nicht verwirklichen lassen, aber man muß sie ausstellen, um einen Weg zu Zeigen. - 1. Man betrachte die Ortsgruppe nicht als einen Verein, sondern als eine V e r s i ch e r u n g s g e f e l l s ch a f t. . Die B e i t rüge is i n d V e r s i ch e r u n gsPrä m i e n. Ten Mitgliedern muß klargemacht werden, daß, wer nicht rnitarbeitet, wenigstens bezahlen muß. 2. Tlan sei nicht kleinlich rrn Fo«rdern v on M ita r o e i t u n d Zahlungen; so gewöhnt man die Mitglieder an große Summen. Almosen weise man zurück. 3. Man wecke die Freude an den Mitgliedsversammlungen durch Heraus h ölen von K r i t i k. Fragebogen vor jeder Versammlung regen die Diskussionan. D v sku 's s i o nsa b endo sindbesser als langatnlilge Vorträge. Einladungen seien kurz. 4. Man lasse sich einen Pro p a g a nda - A u s s ch u ß beiordnen. R e d n e r s ch u l e n sind wünschenswert. Geordnete B i b l.i o t h e k, auch gegnerischer Schriften, ist notwendig. Man sammle Zeitungsausschnitte, denn man lernt vom Gegner. 5. Zusammenarbeiten mit den anderen jüdischen O r g a ni s a t i o n e n ist wichtig, solange wir damit nicht unsere Grundlagen ausgeben; so z. B. mit dem Frontbund. In diesen erregten Zeiten soll A b w e h r nicht durch dog. mai i>sche A n - s i ch t e n gestört werden. 6. Man wende sich an die deutsch-jüdische Jugend. Jugend will Mitarbeiten. Fest organisierte Jugend trupps sind nötig für Plakatabwehr, Ze-ttetverteillmg, Stadtpatrou-illen und Versamnrlungsdieust. 7. M a n interessiere d i e Fr a u e n durch Wahl geeigneter Vorträge und durch Mitarbeit als Bezirkslei-terinnen, Uebernahme von Sammellisten. Alle Ehefrauen und erwachsenen Kinder müssen" selbständige C. V.-Mtglieder werden. 8. Man fordere Beiträge du rch v ie rteljah rliche Vorauszahlung ein. Durchschreibebü-cher als Quittung'sind zu empfehlen. Besondere Sammlungen lasse man durch Vertreter der verschiedenen Branchen vornehmen.' N i ch t m v t glieder sollten für einen ö r t l i ch e n A b w e h r s o n d s zeichnen. .,9. Man bekämpfe das Wort „Ich merke nichts", als beq u e m und b i l l i g, aber s ch ä d l i ch für die Allgemeinheit.' Alle Juden sind gemeint. . 10. Man stelle enge V e r bi n d u n g m v t d e n L a n desverbänden und der Berliner Zen t r a l e her. - Regelmäßige Berichte Mer Zeitungspolemik, Versammlungen der Gegner, eigene Versammlungen regen beiderseits an/ 11. Man treibe keine V o g e l st r a u ß p o l i t i k. « Wer den Kopf in den Sand steckt, wird unbedingt getreten. Achtung erkämpft sich nur der mutige Jude. 12. Man habe keine Angst, Schädlinge in den eigenen Reihen zu brandmarken und auszumerzen. M i h v e r st a n d e n e s S o l i - daritätsgefühl ist die schlämmst e Krankhei t. Innere Mission darf nie aufhören; hier können die Frauen viel ausrichten. Hierzu gehört gute Bezahlung der Angestellten und Arbeiter seitens jüdischer Arbeitgeber. . -?: 13. Man veranstalte gerade in ruhigen Zeiten A u f k L ä r u ngs- Vorträge vor allen Klassen der christlichen Mitbürger. Man versende Fl-ugschristen und Broschüren an ausgewählte passende Kreise, aber immer mit Begleitschreiben. Die -,,C. B.-Zeitung" gehört in alle Redaktionen, Wirtschaften, Bibliotheken,-Vereine und Logen. - 14. Man bereite öffentliche V e rsa m m l u n g e n gut vor. Gute Plätze für besonders eingeladene Gäste sind zu reservieren. Mm: schasse Ruhe und Resonanz durch Saalschutz und richtige Verteilung der Mitglieder und Freunde. - 15. Man beobachte -das flache Land. Die Bauern sind f a st nie geborene Aut v s e m i t e n. Sie werden leicht auszuklären sein. Geeignete Flugschriften gehören aufs Land. Itz. Man hüte sich vor zu großer Empfindlichkeit, auch beim Gegner sind Idealisten. Klagen der Mitglieder über Angriffe müssen durch Tatsachen belegbar sein; feiges Zurückziehen nach erfolgter Meldung muß verhindert werden. ch 17. Man sorge für sachliche Mitarbeit in allen.Parieren, denn die Juden gehören allen SchMerungen von links bis rechts an. Man stelle den Parteien sachliches Ausklärungs-' material zur Verfügung. Unsere christlichen Freunde in allen Lagern - wünschen sich solches Material. - : Jüdische Volksparteiler, Demokraten und Sozialisten, gegebenen^ falls auch Zentrumsreute, müssen in, denl^W^ckerversämmlunNe-n- .er-'., scheinen und. bei:Gelegenheit^das Worb ergreifen. 18. Man bereite örtlich w i r k e n d e F l u g b l ä t t e r vor; die allgemein gültigen lasse man von Berlin kommen. Man verteile möglichst nicht auf den Straßen, sondern lasse durch Angehörige der ' Jugeudgruppen und des Frontbundes die' Schriften in die Briefkästen der Hauser und Wohnungen werfen. Bildliches Material ist von bester Wirkung, wenn man es ankleben läßt. Man versende Flugschriften und Abwehrblätter abwechselnd an alle wichtigen Kreise. - 19. Man sorge, daß am Orte n i ch t von I u d e n in j n d e n - feindlichen Blättern a n n o n c i e r t w erde. — Geschäftsinhaber, die sich öffentlich antisemitisch betätigt haben, sind der Mitgliederversammlung vorzutragen und nach Berlin zu melden. ' 20. Man wende stets nur I egal / Mittel an auch bei der Beobachtung der Gegner. Man hüte.sich vor falschen Freunden und Berichterstattung durch solche. — Eine lKärtöthek, über die gegnerische-n Führer ist wertvoll, man erlebt dabei Ueberraschungen in bezug aus Moral und Herkunft. - ■ Sollten diese Ausführungen dazu beitragen, den deutschen Juden dabei zu helfen, die geachtete Stellung zu erkämpfen, die ihnen auf Grund ihrer kulturellen, wirtschaftlichen und geistigen Bedeutung und als treuen Söhnen des' deutschen Vaterlandes zukommt, so haben sie ihren Zweck erfüllt. So arbeiten unsere Gegner! ' Zwei Stichproben. „D i e I u d e n v e r s ch a n d e l n d i e W i e n e r H o f b u r g". Es ist nützlich, den täglich' neu auftauchenden Gerüchten .der judengegnerischen Presse auf den Grund zu gehen. Aus 'den zahlreichen Nachforschungen, die unsere Pflicht sind, veröffentlichen wir heute wieder einmal zwei Fälle, die deutlich erweisen, in wie unehrlicher Weise gegen uns gewühlt wird. ". Die „Deutsche Zeitung" vom 15. März brachte folgende Notiz: - Hyänen in der Wiener Hofburg. Mit welchem Mangel an Ehrfurcht, wie rücksichtlos geschäststüchtig'gegenüber historischen Werken die Wiener Juden jetzt verfahren — die politische und finanzielle Fesselung Wiens durch das internationale Kapital gibt ihnen ja uneingeschränkte Möglichkeit dazu. —, wird jetzt durch eine Reihe von Beschlüssen ersichtlich, die' die verwaiste Wiener Hofburg geschäftlich a u s - nutzen wollen. Das gesamte Erdgeschoß des neuen Palastslügels, ehemals die Residenz des Erzherzogs Rudolf, soll als Reftäurationsrüume vermietet werden. Ein K a s f e e auss ch a n k und eine Konditorei sollen dorthin verlegt werden. - 'Bei dieser Gelegenheit rechnet man darauf, die ausgesuchten Weine des kaiserlichen Kellers für gutes Geld abzusetzen. Mit diesen Behauptungen verhält es sich so: Nach den Mitteilungen, die der Bundesminister Dr. Schürff aus Grund einer Anfrage im Nationalrat machte, sind die Räume der alten Wiener Hofburg, die früher Kanzleizwecken dienten, a n w ohltätige Verein e oder Missionen vermietet worden, wie z. B. an die schwedische oder dänische Hilfsaktion. Der neue Pälastslügel hat niemalsals Residenz des Erzherzogs Rudolf dienen können, weil er zu dessen Lebzeiten erst im Bau be'grisfen war, und auch jetzt ist dieser Flügel durch die verfehlte Konstruktion zu Wohnzwecken ganz unbrauchbar. Dieser neue Flügel wird nach den Erklärungen des Bundesministers Dr. Schürff als Museum verwendet werden. Allerdings besteht ein Plan, in den Parterreräumen des neuen Hauses, an die unmittelbar der Burggarten anstößt, eine vornehme. Kaffeewirtschaft und Konditorei zu -eröffnen. Doch hängt'dieser Plan noch sehr in der Luft. Die Erhaltung der ehemals kaiserlichen Gebäude kostet außerordentlich' viel Geld, und diese Kosten müssen auf irgendeine Weise verringert werden. Aus dem gleichen Grunde hat man ja auch z. B. in den : bayerischen Königsschlössern die Besichtigung gegen Eintritt gestattet und teilweise Erfrischungsstätten dort eingerichtet. Daran waren die Juden ebenso unschuldig wie an der angeblichen Verschandelung der Hofburg. Schloß Letzlingen. Die Behauptungen der „Deutschen Zeitung" und die Anfrage der Deutschnationalen im preußischen Landtage über die angeblich übergroße Zahl ausländischer jüdischer Zöglinge aus Schloß Letzlingen sind durchaus falsch. Tatsache ist, daß sich unter den si eben Lehrkräften der Schule kei n einziger -jüdischer Abstammung oder jüdischen Glaubens befindet. Unter den vierzig Schülern waren am 1. März d. I. fünf jüdischen Glaubens, aber kein einziger Ostjude. - '.V;. * Mögen aus solchen Fällen-, die sich beliebig vermehren lassen, die; zahlreichen christlichen Leser dieser Zeitung erkennen, wie die Waffen; unsere/ Gegner beschaffen sind. - , ■ ------ -