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Central-Verein-Zeitung · 1924-04-10 · 15 (10.4.1924) · p. Seite 180

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
15 (10.4.1924)
Date
1924-04-10
Page
Seite 180 (sequence 4)
Language
German
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Deutschland im Wahlkampfe. Ein Ueberblick. In knapp vier Wochen liegen die Reichstagswahlen hinter uns. Bis dahin ist jede Vermutung über Wahlerfolge dieser oder jener Parteien ein Rätselraten/ das wir uns ersparen wollen. Das deutsche Volk wird durch seine Stimmabgabe die Zusammensetzung der politischM- Parteien und damit der Regierung selbst schassen. Die Wege. und Wünsche der verschiedenen völkischen Parteien sind sich nur in e i n e m P u n k L e gleich: in ihrer Einstellung zur Judensrage. Ihr Ziel ist hierbei, mit der Bestimmung der „jüdischen" Verfassung von Weimar: „A l l e Deutschen sindvor dem Gesetze gleich" auszuräumen und an Stelle dessen diejenigen Sätze ihrer Parteiprogramme einzusetzen, die verlangen, daß „Staatsbürger" nur der „Volksgenosse" sein kann; daß „Volksgenosse" wiederum nur seinkann, wer „arischer Ab st a rn m u n g " ist; daß sonach kein Jude Staatsbürger sein könne. Die Formulierung dieser Forderung ist bei den einzelenen Parteien je nach ihrem Temperament verschieden. Der bayerische Völkische Block beispielsweise drückt sie in seinem Wahlaufruf so aus: „Angesichts der Rassenzersetzung und -beschmutzung treten wir ein für Volks- und Rassenschutz, Ausschließung der Juden von allen Staatsämtern." Wenn man die Ergebnisse der bisherigen Wahlen für Landes- und Gemeindeparlamente auf ihre Ursachen zurückführt, könnte man fast meinen, daß das deutsche Volk alle Röte des Versailler Vertrages nur den deutschen Juden zur Last läge. Denn alle Erscheinungen, die die Wahlagitation beherrschten und die Erfolge der völkischen Parteien herbeisührten, gehen in ihrer logischen Zurückversolgung auf das Versailler Diktat zurück. In Oberschlesien war das, nach der langen Unterdrückung durch die Interalliierte Kommission mit doppelter Wucht hervorbrechende Rationalgesühl begreiflich, und die Methoden eines Richard Kunze, die Erbitterung der Bevölkerung für seine Partei nutzbar zu machen, waren erfolgreich. Aber bereits die Wahlmethoden in Sachsen und Thüringen, ebenso wie die in Bremen und Lübeck, zeigten ein Gepräge, das unverkennbar auf die Reichstagswahlen hinwies. Man erinnere sich an den Zeitpunkt dieser Wahlen. Die Inflation war kaum vorüber, ihre grauenhaften Nachwirkungen wurden noch auf allen Gebieten schmerzlich verspürt. Die wirtschaftliche Zerrüttung machte die Bevölkerung geistig mürbe und empfänglich für alle Heilslehren, die eine Aenderung der bestehenden Zustände versprachen. Es war die Zeit, da die deutschvölkische Agitation ihre Schlagworte in das Volk warf und in planmäßiger Arbeit daran ging, diese Schlagworte tief im Bewußtsein eines jeden zu verankern. — Diese Art politischer Arbeit war damals * ohne jede Hemmung möglich,, eine Verantwortung hatten Führer der deutschvölkischen Bewegung nicht zu tragen, da sie bisher nicht in die peinliche Notwendigkeit versetzt waren, Theorie und Praxis miteinander in Einklang zu bringen. Nun aber schmückt eine Reihe dieser Herrschaften deutsche Parlamente. Ihre Minderzahl hat sie bisher vor der Uebernahme der Regierung geschützt, aber die Art ihrer parlamentarischen Betätigung hat man in einzelnen Fällen bereits überblicken können. Unverkennbar ist da die demagogische Einstellung, von der Parlamentstribüne zum Fenster hinaus auf die-Straße zu' sprechen. Die Verpflichtungen aber, die im Wahlkampfe so mancher Abgeordnete gegenüber seinen Geldgebern und feiner Wählerschaft eingegangen war, erzeugten wunderliche Eiertänze über Logik und Parteiprogramm. So ist es möglich, daß selbst der vielaeschmähte „jüdische" Marxismus seine Pflegestätte in völkischen Fraktionen findet, so beispielsweise im mecklenburgischen Landtage, der völkische Abgeordnete Hild e b r a n d erklärte, so lange die Ergebnisse einer Arbeit, die den Achtstundentag überschreite, doch nur dem internationalen jüdischen Kapitalismus zugute käme, sei er auch seinerseits für die Beibehaltung des „Acht-Stunden-Arbeitstages"; und bei dieser Gelegenheit sprach er auch streikenden Werftarbeitern seine Sympathien aus. M Alle aus Massensang eingerichteten völkischen Parteien hatten die reichliche Unterstützung jener Kreise gefunden, denen die Zurückdrängung der Macht der Arbeiter nützlich werden konnte, naturgemäß vor allem der Großindustrie und der Landwirtschaft. Nur diesem befruchtenden Goldregen verdankt das deutsche Geistesleben jenen völkischen Blätterwald, der nach einer Statistik der „Großdeutschen Zeitung" in ben. letzten Wochen lim vierzig Exemplare vermehrt wurde. Und nur auf dieser finanziellen Basis war es möglich, daß die Kampsorganisation der Hitler-Truppe ihren Etat nicht in deutscher Währung, was doch für sie das Gegebene war, sondern in Schweizer -Franken aufstellen konnte, der rm Oktober 1923 die für die damaligen Geldverhältnifse ungeheuerliche Summe von 1175 Franken aufwies. Die verhältnismäßig wenig angetastete Substanz jener großen Besitzer erlaubte ihnen, große Mittel leicht hinzugeben; und das sprunghafte Anschwellen der völkischen Bewegung stand mit den Jnflationsgewinnen des Großkapitals in ursächlichem Zusammenhang. Eine Wirksamkeit, wie sie der Abgeordnete Hildeb r a n d im Mecklenburger Parla- ' ment entfaltete, muß daher ohne Furage für diese Kreise eine arge Enttäuschung bedeuten, vorausgesetzt, daß man sie ernst nehmen darf; denn diese Zugeständnisse an die Arbeiterschaft können leicht auch rein demagogischer Natur sein. Noch eine andere Möglichkeit ist nicht ausgeschlossen. Auch hier wieder spielt die „Substanz" eine Nolle, diesmal freilich nicht die der Herren Geldgeber, sondern die des Herrn Hans Blühet, für den Gedanken jeder Art, also auch marxistische, nur dann korruptiv werden, wenn jüdische Köpfe sie denken. Wenn also ein völkischer Mann Marxist ist, dann ist er eben k ei n Anhänger des jüdischen Marxismus, sondern weil er ihn denkt, wird der Marxismus deutsch und gut. Gegen diese Erklärung spräche freilich der Umstand, daß die vielen Millionen marxistisch eingestellter Wähler nur zu einem ganz geringen Prozentsatz aus Juden bestanden haben können, daß also auch schon früher der Marxismus in überwiegendem Maße von nichtjüdischen Köpfen ausgenommen, durchdacht und vertreten worden war. Es muß also möglich sein, daß auch Männer deutschen Blutes korruptiv e Gedankengänge haben.! Vor einiger Zeit schien es, als ob dievölkischen Parteien das. Reichsgebiet — natürlich nur agitatorisch — unter sich aus geteilt gälten. In enger Wassenbrüderschast bearbeiten Nationalsozialisten und Deutsche-völkische Freiheitsparteiler Süd- und Norddeutschland, während Herr Kunze und seine Deutschsoziale Partei' sich auf Schle-, sien und Berlin zu beschränken schienen. Jetzt aber treibt der. Ehrgeiz sie gegeneinander; und wenn früher der Gras Reventlow hin und wieder einmal ein paar erzürnte völkische Führer zu versöhnen sich bemühte, so füllen sich jetzt die Spalten ihrer Pressen wieder mit Erklärungen, 'Gegenerklärungen und Richtigstellungen. Und eine säst amüsante Note gewinnt dieses ganze Treiben dadurch daß die Deutschnationale Voltspartei ängstlich darüber wacht, ob ihr an völkischer Gesinnung und an Liebe gerade für die unterdrückten Volksgenossen nur gar keiner zuvorkomme . . . Ohne kleine Gehässigkeiten geht.es natürlich nicht ab. Die „Großdeutsche Zeitung" des Herrn Hitler sieht in der Verwendung eines Herrn Graes an hervorragender Stelle der Deutschnationialen Volkspartei nur ein Manöver, um Verwechslungen mit Herrn von Graefe, den der Weg um den 9. November herum merkwürdigerweise nach München geführt hat„ der Kapazität dev Teutschvöltischeu Freiheitspartei, herbeizuführen. Aus dev anderen Seite wiedrum erklärt Herr Schlange (Schönin gen)' von dessen Uebertritt zur Deutschvölkischen Freiheitspartei gemunkett wurde, daß er als entschlossener De utschv Wischer in der Freiheitspartei den Erreger einer jammervollen Zersplitterung erblicke, die zu entscheidenden Stunden in die völkischen Reihen h ineingetragen werde, und daß er dieser Partei schon deshalb nicht vertreten konnte, weil er — Herr Schlange spricht immer als Kavalier g r u n d s ä tz i i cf) a u s k e i n l a h m es Pferd setze; woraus das „Deutsche Tageblatt" stolz erwidert, daß die Freiheits- Partei „die Edelschicht der Positiven Kämpfer für den deutschvMischen Gedanken" geschaffen habe. Aber auch innerhalb der Freiheitspartei selbst scheint nicht alles in Ordnung zu sein. Die „Deutsche Zeitung" bedichtet über eine Krise, die allerdings schon wieder bei gelegt zu sein scheint, bei der aber, wie in allen solchen Fällen, einige der Beteiligten sich ihr Herz ein wenig erleichtern konnten. Und so war zu lesen, daß Herr Dr. Dinker, thüringischer Landtagsttbgeordneter, eine Rei chstagskandidatur für die Freiheitspartei ab gelehnt habe, weil die Forderung seiner Partei über das hinausging, was ein v e r n ü n f t i g er F ü h rer m i t seine m G e w i f s e n v e r einba r e n könne. Man hat das Gewissen des Herrn Dinker respektiert und ihm seine Spitzenkandidatur bedingungslos angeb ölen. Im Falle seiner Wahl beabsichtigt Dinter, sich der Fraktion des Völkisch-sozialen Blocks der Nationalsozialisten und der Freiheitspartei zur Verfügung zu stellen. Mangel an Vernunft finden aber auch andere Kreise im Verhalten der Freiheitspartei. Z. B. die „Nordwestdeutsche, Handwerkszeitung" meint, diese Partei sanatifiere ihre Anhänger so sehr, daß sie zur Vertretung von Handwerkerinteressen kaum Zeit finden werde; in Bremen sei sie mit der S. P. D. und K. P. D. zusammengegangen, selbständige Unternehmer hätten also wenig von ihr zu erwarten. Und dar eine völkische Partei Immer von der anderen behauptet, sie habe die besten Teile ihres Programms von ihr ab geschrieben, so folgert aus der Gleichheit der Programme die Gleichheit der Beurteilung. r Herr Richard Kunze wollte mit den Deutschnationalen und der Freiheitspartei in Freundschaft oder doch wenigstens im Frieden in den Wahlkampf ziehen. Wer den bösen Nachbarn hat es nicht so gefallen. Sie verleumden ihn, dessen Lebensweg schnurgerade ihn zu seiner heutigen 'Liellung geführt hat, und wollen seine Wähler entführen, die aus ihn schwören, t auf ihn, dessen Geist als einzig führender in Norddeutschland, wie ein Verehrer in der „Neuen Zeitung" behauptet, „Funken sprüht". Herr Kunze droht, falls dis Deutschnationalen ihr Verhallen ihm gegenüber nicht ändern, interessantes Material über ihre Führer zu verwerten. Es muß also, solches v o r h a n de n sein. - Wir deutschen Juden haben als erste den Ansturm der staatszersetzenden völkischen Parteien auszuhalten gehabt. Wir haben sie kennengelernt, und daraus erwuchs uns di« Pflicht, immer und immer wieder aus sie hinzuweisen- und vor ihnen zu warnen. Der Gegensatz, den wir eingangs zwischen den völkischen Programmen und dem Geist der Weimarer Verfassung seststellten, bedeutet letzten Endes den Gegensatz zwischen BlutsgemernschMf-t als Volk und Volksgemeinschaft als Staatsnation. , Das eine ist materialistisch, ausschließend,. unfrei; das andere schasst ein Vaterland für alle, di6 Kultur und Wille zu ihm führen. , Hier steht eine Wahl frei. Wir h'rb en ge wäh-lt.. Hg,, ]j

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