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Central-Verein-Zeitung · 1924-03-27 · 13 (27.3.1924) · p. Seite 146

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
13 (27.3.1924)
Date
1924-03-27
Page
Seite 146 (sequence 6)
Language
German
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r Wenn man nicht öfters zu diesem Schluß gekommen ist, so teilen sich in das „Verdienst" der Erhaltung des Alten Testaments auch für den Schulunterricht evangelische Orthodoxie und das allen Menschen innewohnende Beharrungsvermögen. Mit beiden möchte ich nichts gemeinsam haben. Ich trete sür Beibehaltung des Alten Testaments im Religionsunterricht ein einzig und allein vom Standpunkt des Erziehers und — ebenso sehr — von dem des Religionswissenschastlers. Obdie Gründe, die mich dafür bestimmen, einer überwiegend jüdischen Leserschaft einleuchtend sind, ob sie sie sich zu eigen machen kann, weiß ich nicht. Aber vielleicht sind sie ihr gerade darum erwünscht zu hören, weil sie von den ihren in mancher Beziehung abweichen und abweichen müssen. Jene Urkunden religiösen Lebens, wie sie das Alte Testament enthält, scheinen mir auch heute noch — trotz sehr viel Schwierigem und Befremdlichem — religiös und ethisch (was ja nicht immer zusammenzugehen braucht) wertvoll genug, sie unsern Kindern mitzuteilen; wundervoll in ihrer farbigen Lebendigkeit, die ein Kindergemüt begeistert, genau so wie Sagen und Märchen ein Kind begeistern. Und wie jene sollte man sie den Kindern erzählen! Mir ist gerade im Unterricht bei «kleineren Kindern (7—10jährigen!) ausgegangen, wie diese Geschichten, in denen etwas „passiert", ihr Interesse und ihre Aufmerksamkeit viel stärker beanspruchen, als etwa neutestamen'tliche Gleichnisse, die noch jenseits ihres Verständnisses liegen. Man kann mir daraus einwenden, daß rein religionsgeschichtlich betrachtet, die Sagen des Rigveda, Buddhas Erzählungen oder Sprüche desKonfutse den gleichen Wert haben möchten. Theoretisch könnte das richtig sein. Aber es r st eben nicht so. Ich will gern zugeben, daß hier ein Irrationales wirkt, ein Letztes, Unerklärliches, das ich auch gar nicht erklären kann, gar nicht versuchen will, zu erklären. Seit Generationen und Abergenerationen haben deutsche Kinder, haben christliche Kinder von ganz Europa und den übrigen Erdteilen aus diesen Erzählungen Freude, Rührung, Begeisterung gesogen, wohl auch Schrecken und Grauen. Es war ihnen eine heilige und geheimnisvolle Welt; furchtbar und doch vertraut. Man lese etwa, was Hebbel über seine Kindheitseindrücke vom ersten Religionsunterricht und über „die gewaltigen Lakonismen Jehowas zu berichten weiß. Und dies Erbe von Eltern und Voreltern, in den Bildern der Sixtina, an den Kirchenfenstern gothischer Dome, im geheimnisvollen Helldunkel Rembrandtscher Gemälde dargestellt, das möchte ich auch weiterhin neuen und immer neuen Generationen von Kindern erhalten wissen. Einer, dem heute seine Vergangenheit vermutlich peinlich ist, der -Herausgeber der „Deutschen Zeitung" und evangelische Geistliche, Pastor Max Maurenbreche r, hat einmal auch für den hohen sittlichen Gehalt vieler dieser Erzählungen ein Gefühl gehabt; damals, als er sein Buch schrieb: Die Rellgion und das Leid. Da -weist er ganz besonders -ans b'k Josephslegende hin, die die Veden Lang des Leidens als Mattel sittlicher Läuterung und Bewährung dartue. Mir ist es unvergeßlich, wie ein sechsjähriges Mädchen, das eben Lesen gelernt hatte, Tag sür Tag über seinem Religionsbuch saß, um diese Geschichten zu lesen, wie sie mir noch als Erwachsene erzählt hat: „Das war so wunderschön; da Hab' ich vor lauter Rührung geweint." Sie war allerdings glücklich genug, Leine solche Schule besuchen zu müssen, wo — Gott sei's geklagt — bei dem ewigen Wiederkäuen, was bekanntlich die allein wahre „Methode" ist, dem Kinde häufig jede Lust, Freude und Unmittelbarkeit verloren geht. * Unterstreichen möchte ich aber doch eines, was eigentlich selbstverständlich ist, daß man Kindern nicht wahllos jede Geschichte erzähle. Ich habe seinerzeit den Siebenjährigen «die Geschichte von Kains B rüdermo,rd (im „Pensum" »vorgeschrieben!) selbstverständlich nicht erzählt, und manches andere ebenso wenig. Aber es wind fast jeder die Beobachtung machen, daß Durchschnittskinder in solchen Stücken viel naiver sind — aber, soll man sagen: abgehärteter, — als man denkt. €4* wenig ihnen der Tod der Stiefmutter, die in glühenden PantoMn Lanzen muß, Kopfzerbrechen bereitet, so wenig bekümmert sie der Untergang von Tausenden in der Sintflut. Die Arche Noah bleibt trotzdem ein herrliches Spielzeug. Ein einziges Mal ist mir in meiner langen Unterrichtspraxis der Gmwurf erhoben worden, die alttestamentlichen Erzählungen seien doch eine einzige Kette von Mord und Blutvergießen. Dieser Einwurs kam von einem zwölfjährigen— jüdischen Mädchen, das allerdings durch schwere Krankheit übersensttiv gewovden war. Freilich: diese Auswahl muß strenger und viel -gewissenhafter erfolgen, als unsere Durchschnittsreligionsbücher sie geben. Es ist einfach unerträglich, dem zehnjährigen Kindezu erzählen, Jakobs Herden hätten sich durch Gottes besondere Güte ins Uuermeßliche vermehrt, wenn nachher der 16—18jährige im Text den Bericht von Jakobs List findet. Da entsteht bei ernsten und religiös ernpsindenden Naturen (die anderen interessieren hier nicht) eine »ganz schwere Verwirrung, und ihre Begriffe von Recht und Gerechtigkeit stürzen in Nichts, zusammen, weil der junge Mensch sich vom Erwachsenen einfach 'betrogen fühlt. Das mag ihjm int Leben noch p f fi begegnen, könnte aber unser Verhalten nicht rechtfertigen I. Wie ich dem Kinde diese ganze reiche - Welt der Genesis: Urgeschichte und Patriarchen nimmer rauben möchte, so scheinen mir für den Heranwachsenden jungen Menschen — beiderlei Geschlechts — Geschichtserzählungen des Men Testaments, vor allem aber die Propheten, zum Wertvollsten zu gehören, was man einem jungen Menschen überhaupt mit ms Leben geben kann. Die Betrachtungsweise wird hier rein reli-gionsgeschichtlich sein. Daß das Alte Testament Spuren von Polytheismus ausweist,, daß sein Weltbild nicht gerade das kopern iranische ist, daß das sittliche Empfinden dev Menschen jener Zeit von unserem heutigen genau so abweicht wie etwa das germanischer Urzeit von heute, was tut das seiner Herrlichkeit Abbruch!? Um so, leuchtender 'stehen auf, diesem dunklen Hintergrund die Gestalten der großen Propheten:! Amos, Jesaja, Jeremta, glühend und eifernd sür ihren Gott, den Herrn, der Himmel und Erde aus füllt, „Sturmvögel der Weltgeschichte", die, wo es das göttliche Gebot erheischt, dem eigenen Volk das Totenlied singen, ihm den drohenden Untergang verkünden, und die doch auch trösten können mit Worten, wie ich sie im Neuen Testament kaum seiner und zarter kenne, trösten ein Volk, das unendliches Leid gelitten hat, und die nun suchen, den Sinn «dieser grenzenlosen Not, dieses Elends der Verbannung zu! fassen, zu fassen den Sinn des Leidens, «das Problem, an dem wir uns immer noch wundreiben>. Freilich: heute, wo die Teilnahme am Reli gion su nt er r icht sozusagen zum guten Ton gehört, da wird das nur ganz wenigen ausgehen. Denn wenn irgendwo, so gilt hier das Wort: Viele sind «der Dhyrfosschwinger, .aber wenige, die von dem Gotte ergriffen sind. Wie streuen unfern Samen wie der Säemann, da vieles auf, unfruchtbares und unbrauchbares Land fällt. Was tut's! Wenn nur hin und wieder in einigen wenigen etwas ausleuchtet, wenn ein Funke glüht und stark und stärker wird und eine Ahnung aufgeht «davon, was das heißt, Religion haben: Hingabe an das -Göttliche, Hingabe, die jedes Opfer zu bringen bereit ist — jedes, — bi8 zur Selbstauslösung. Solche Betrachtung hat dann freilich mit Konfession gar nichts mehr zu tun. Sie ist übe r konfessionell, weil wahre Religiosität immer über die Schranken der Konfession hinaus" strebt. ' ‘ völkische Außenpolitik. Wichtige Eingeständnisse der „Deutschen 1 Zeitung". 71 Eine interessante Ergänzung $it den Ausführungen von Richard May (Berlin) in Nr. 12 der „C.V.-Z-eitung" bilden die Ausführungen, die Doktor Harald Ol dag in der „Deutschen Zeitung" über oen Begriff der völkischen Außenpolitik macht. Dr. Harald Oldag istselbst ein Führer der Deutschvölkischen und muß trotzdem Zugestehen, daß seine Partei gar kein außenpolitisches Programm besitze: „Dr. Stresemann ist in außenpolitischen Dingen deshalb so; schwer angreifbar, weil er jederzeit in der. Lage ist, dem völkischen Deutschland entaegenzuhalten: Welches sind eure außenpolitische Grundlinien? Wie wollt ihr das Entschädigungsproblem lösen? Wie gedenkt ihr euch bei der Wassenlosigkeit des Staates in diesen^ Umkreis von feindlichen Staaten zu behaupten? Der völkische Mensch reagiert aus eine solche Frage zumeist gefühlsmäßig. Er ist gern geneigt, die Wirklichkeit wunsch-politisch umMsärben, wie er sich auch oft in einem Kreise von Politischen! Illusionen bewegt. Und es entsteht dann ein Stimnmngsuntergrund, der etwa aus folgenden Vorstellungsbestandteilen besteht^ Freiheitskampf. BoLkserhebung. Zum Rhem — zum deutschen! Rhein! Fanfaren. Lützows wilde, verwegene Jagd. Theodor! Körner. Armimus. Sizilianische Vesper. Schlaggeter. PirmN" sens. Aufruf an mein Volk. 1914. Und andere mehr. Man wird sich die Frage vorzulegen haben: Ist es bei dev heutigen inneren und äußeren Verfassung des deutschen Volkes und Maates denkbar, den - Gedanken einer bewaffneten Auseinandersetzung mit Frankreich und seinen Vasallenstaiaiten in politische Wirklichkeit umzusetzen mit nur einiger Aussicht aus Erfolg? Wir haben an dieser Stelle, es ist nun ein Jahr her, zu solcher Politik ausgefordert. Als wir das Jahr. 1923 schrieben — Januar, Februar, März —, riefen wir dazu. Wir glaubten an die Möglichkeit des Gelingens. Ein. getretenes Volk schien sich damals ausrafsen zu wollen zu letzten Widerstünden. Es brannte die Zündschnur.—^ Verräter traten das glimmende Feuer aus, während die Front wartete. Ein Volk wurde von neuem um seine Freiheit betrogen. — Und heute saniert man es. .Müde Massen berauschen sich in stabilisierter Währung. Es ist notwendig, klar und nüchtern die Frag« einer Volkserhebung . . . für den Augenblick und für die bevor« stehende Zeit mit „Nein!" zu beantworten." - So wird es kein Wunder nehmen, wenn im entscheidenden Augenblick, nämlich wenn die Völkischen einmal regierungsfähig werden sollten, die Partei versagen'muß; denn ihnen fehlt ja das, was selbst einer ihrer Führer als das Wichtigste in der augenblicklichen Politik verlangt: Das außenpolitische durchführbare Programm. { 1) Eine sorgfältige Auswahl von biblischen Geschichten nach psvchos logischen Gesichtspunkten . wird auch unseres Wissen von indischen« .. Religionslehrern verlangt, , Die SchrWeitung,

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