Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 13 (27.3.1924)
- Date
- 1924-03-27
- Page
- Seite 145 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Soll öas Mte Testament -er Schule erhalten bleibend Von Lydia Stöcker. Bei dem immer mehr <wschwell enden „völkischen" Sturm gegen die Bibel mr Unterricht, der sichin Broschüren und Zeitungsanfscitzen austobt und den nicht nur Heißsporne, sondern völkische Führer wie Dintev, Reventlow, Andersen, Bartels machwoll aNblasen, haven wir es für nngezei-gt gehalten, einer christlichen Religionslehrerin die Frage vorzulegen: „Soll unsere Bibel dev Schule erhalten bleiben?" Die Antwort gibt der vorliegende Aufsatz. Es rst selbstverständlich, daß in ihm nur die Meinung der Verfassern, nicht unsere ausgedrückt ist. Die Schristleitung. Die Frage „Soll das Alte Testament der Schule erhalten bleiben?" ist älter als Krieg und Revolution, aber sie hat durch die letzten Jahre mit ihrem immer stärker anschwellenden Antisemitismus ein ganz anderes Gesicht bekommen, nicht gerade ein schöneres. Wesentlich und beachtenswert scheint sie mir nur in der Form, in der sie bereits früher erörtert wurde. Auf die Einwürfe und Anwürse, die von „rassigen" und „völkischen" Gesichtspunkten aus gemacht werden, soll daher nur soviel als unbedingt notwendig eingegangen werden. Selbstverständlich Pflegen die Vertreter dieser „Wotansreligion", deren religionsgeschichtliche Ahnungslosigkeit meist geradezu rührend ist, sich oft solcher älterer Argumente zu bedienen, die sie dann — frei nach Bedarf — znrechtstutzen und dabei unter Umständen auch vergnüglich in ihr Gegenteil verwandeln. Zunächst begegnet den Leuten meist ein kleines, komisches Mißgeschick. Der Zorn dieser Tapferen gilt nämlich in erster Linie gar nicht so sehr dem Alten Testament (was doch immerhin einige kriegerische Züge aufweist — der rächende und zürnende Herr der Heerscharen ist jenen Menschen gar nicht so fremd!) — als vielmehr dem Neuen Testament. Sie haben sich da vielfach etwa, die Argumentation Nietzsches angeeignet (welch tiefes Grauen würde Nietzsche vor ihnen empfinden!), der in seiner „Genealogie der M o r a l", in „Jenseits von Gut und Böse" diese christliche Ethik als Ethik der Schwachen, Kleinem Erbärmlichen jener der „herrlichen blonden Bestie" gegenüberstellt. Von diesem Gesichtspunkt aus läßt man sogar H. St. Chamberlains Theorie von der arischen Herkunft des Stifters der christlichen Religion fahren und argumentiert ganz einfach: „Das Christentum ist jüdischen Ursprungs. Beider Ziel ist aber das gemeinsame: die Entmannung der Völker." Nun ist man da, wo man sein wollte, und vergißt, was man vorher gesagt hatte. Da diese ganze Art der Beweisführung sich selbst ad absurdum führt, braucht sie uns hier nicht weiter zu kümmern. Anders steht es mit jenen, die bewußt und deutlich das Alte Testament dem Neuen, den jüdischen Gottesbegriss dem christlichen gegenüberstellen, die da klagen, „daß die an sich verdienstvolle Uebersetzung des Alten Testaments zu einer Umdeutschung und Verschleierung des Inhalts führte und unser Volk daran gewöhnt wurde, unwillkürlich christliche Anschauungen und Empfindungen hineinzutragen." — Auch hier begegnet ein Mangel aller, auch der elementarsten religionswiffenschastlichen Grundbegriffe. Man nimmt sich nicht einmal die Mühe, wenigstens eine brauchbare Uebersetzung des Alten Testaments (wie die von Kautzsch) herarMziehen (oder sollte man überhaupt nichts davon wissen?!), sondern „beweist" fröhlich drauf los auf Grund einer „umgedeutschten und verschleierten" Uebersetzung. (NB.: Welch ein Widerspruch gegen sich selbst!) So kommt man in aller Primitivität Zu der Forderung, „daß das sogenannte Alte Testament (wie auch der Talmud) völlig der uns artfremden jüdischen Rasse überlassen und sobald wie möglich aus dem Lehrbetrieb und Gottesdienst der christlichen Kirche ausgeschaltet Lvird"?) Es ist kennzeichnend, daß der Verfasser selbst sich in den Schleier der Anonymität hüllt, während ein Flensburger „Hauptpastor" seine empfehlende Einleitung mit den eben zitierten Worten schließt. Der wesentliche Inhalt dieser Schrift ist eine Zusammenstellung alttestamentlicher Erzählungen, die das tiefe sittliche Niveau des ganzen Buches dartun sollen, wie schon die einzelnen Ueberschristen „Betrug", „Diebstahl", „Wucher", „Meuchelmord", „Blutschande" usw. zur Genüge Zeigen. Der geistige Standpunkt äst auch hier so bedenklich niedrig, daß es dem „Hauptpastor" mindestens peinlich sein müßte, diesem Machwerk seinen Segen zu geben. Schließlich pflegt doch ein Student der Theologie im ersten Semester, ja jeder evangelische Schüler unserer höheren Lehranstalten (falls er im Religionsunterricht aufpaßt, was ja nicht immer der Fall sein soll!) ein bißchen mehr Ahnung zu haben, als daß man ihm Märchen ausbinden könnte wie das, die Bibel (bzw. das Alte Testament) sei „ein Sammelwerk jüdischer Rabbiner aus der Zeit nach Christi Geburt", und daß jene „vieles zusammengetragen und von den Kulturen der von den Juden gefressenen Völker' (welche waren das eigentlich?!) sich angeeignet und als ihr Eigenes ausgegeben *) „Das Alte Testament eine Heilige Schrift?" Verlag-Theobor Weicher, Leipzig. haben." — „Daher ist es klar," jo wird nun vergnüglich sortgefahrem „daß das uns (d. h. den „Rassereinen") Verständliche und Nahestehende nicht jüdisch ist, sondern Haß es Reste nichtjüdischen, arischen Geistes sind, die sich aus dem Wust der Niedern deutlich herausheben und den Stempel edleren, nordischen Geistes tragen bis auf den heutigen Tag." Man saßt sich immer wieder an den Kopf und versteht! — mehr als je — das wundervoll weise Wort des Schweden Axel Oxenstjerna: „Man glaubt nicht, mit wieviel Dummheit die Welt regiert wird." — Natürlich kann hier nicht auf jedes einzelne eingegangen werden, aber einige der allergröbsteu Jrrkümer und Entstellungen seien richtiggestellt. Was Altifrael vor vielen andern Völkern des alten Orients ausgezeichnet hat, ist ein ganz starkes R e ch t s g e f ü h l. Ein Justizmord, den der Großkönig, der Herr Babylons oder Assyriens ungestraft begehen konnte, ist dort schwer denkbar. So weiß denn auch das Königsbuch zu berichten (I. Könige 22 f.), daß Ahabs Tat au Naboth (die auf das Anstisten der „Nichtjüdin" Jsebel zurückzusühren ist!) vom Propheten Elia mit harten Worten geahndet wird und in der Fokge des Königs Untergang herbeisührt. Was tut unser Verfasser? Er Vers ch w e i g t den ganzen Ausgang, beu er doch kennen inn ß, und bringt die Erzählung bis zum Tode Naboths unter der Ueberschrist: Meuchelmord. Auf wessen Seite hier Unehrlichteit und Betrug liegt, möge jeder selbst entscheiden. — Ein anderes Beispiel: Unter der Spitzmarke „Wucher" wird da berichtet (1. Mose 47 f.), Josef habe die Aegypter in Her Zeit der Not dazu gebracht, ihr Land vorn Pharao zum Lehen zu "nehmen, uns so seien die Aegypter aus freien Bauern zu Halbstlaven geworden. Die Historizität der Erzählung interessiert hier natürlich nicht. Immerhin ließe sich ähnliches — Ausnutzung der Notlage eines Standes zur Zeit der Hungersnot — dutzendweise Nachweisen bei mancherlei Völkern und Nationen. Mir fiel beim Lesen ein Wort, aus allerjüngster Vergangenheit ein, gesprochen im deutschen Reichstag: das lautete: „Wir verhungern bei vollen Scheune n", und der es sprach, war ein Vollblutagrarier, Gras Westarp; und seine „Ge- Wir warnen vor wüten Snauninogenf sinnungs genossen" haben sozusagen die „arische Rassereinheit" gepachtet. — Unter dem Stichwort „Sadismus" folgt ein Bericht ans II. Samuelis 12,31 (Davids Verhalten gegenüber den besiegten Einwohnern von Räbbath Ammon), der — ich will es gern gestehen — mir in jungen Jahren schwere innere Kümmernisse bereitet hat. Ich fand ihn nämlich in B. v. Suttner , Sie Waffen nieder" —ein eigenes Zusammentreffen — wenn ich auch nicht gerade glaube, der Verfasser des Pamphlets habe gerade vom pazifistischen Gesichtspunkt aus geschrieben. Der Vers lautet in Luthers Uebersetzung: „Aber das Volk darin führte er heraus und legte sie unter eiserne Sägen und Zacken und eiserne Keile und verbrannte sie in Ziegelöfen." Das klingt wahrhaftig grausig genug: aber klingen die Taten römischer Eroberer, die des Griechen Alexander soviel anders? — Ich entsinne mich noch, daß der evangelische Religionslehrer, den ich einst auf die Stelle hinwies, mir die Antwort schuldig blieb. Dafür fand ich sie — wie einfach die Dinge sind! — bei. Kautzsch. Dessen Uebersetzung lautet nämlich: „Die Bevölkerung, die sich darin befand, führte er weg und stellte sie (als Zwcmgsarbeiter) an die Sägen, an die eisernen Piken und die eisernen Aexte und ließ sie mit Ziegelsormen arbeiten." Kautzsch erwähnt in einer Rand-' bemerkimg den Luther-Text unter der Bezeichnung: andere, minder wahrscheinliche Uebersetzung. Mit diesen drei Beispielen, die sich — .leider — noch reichlich vermehren ließen, ist die Art und Weise des anonymen Verfassers genügend gekennzeichnet: ungetrübt von jeglicher Sach - kenntnis und vermifcht mit einer gründlichen Dosis Böswilligkeit. Wir brauchen uns nicht weiter mit ihm zu befassen. In einem Punkte aber hat der Verfasser instinktiv richtig empfunden: der Gottesbegriss des Alten Testaments, jedenfalls seiner älteren Teile, ist zweifellos von dem des Neuen, ist von unserem heutigen stark verschieden. Die sittlichen Anschauungen jener Jahrtausende (man denke nur an die Stellung zur Monogamie, die Stellung der Frau und ähnliches) und die heutigen sind nicht überall die gleichen. Es wäre ja auch trostlos, wenn in drei bis vier Jahrtausenden das sittliche Empfinden sich nicht irgendwie geläutert und verfeinert hätte (selbst wenn man nach diesem „Stahlbad" des Krieges zuweilen daran verzweifelt). Es wäre also begreiflich, wenn von «da aus von christlicher Seite das Urteil! gefällt würde: „Jenes Buch ist uns so fremd und fern, daß wir es gern entbehren können. Es bringt zudem durch manche seiner sittlichen Anschauungen, die von unfern heutigen oft wesentlich abweichen, unsere Kinder geradezu in sittliche Verwirrung. Mag der Erwachsene es mit den Augen des Historikers leidenschaftslos betrachten; für unsere Kinder, für die Schule lehnen wir es ab."