Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 12 (20.3.1924)
- Date
- 1924-03-20
- Page
- Seite 130 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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völkische Außenpolitik. Von- Richard May (Hamburg). Ueber die i nnerp ol i ti schen Gefahren jener völkischen Bewegung, die im Laufe der Jahrzehnte den Namen häufig gewechselt hat, sich aber im Kern des Wesens treu geblieben ist, besteht heute kein Zweifel mehr. Selbst in deutschnationalen Kreisen ist man sich allgemach darüber klar geworden, daß diese Strömung ganz wo anders mündet, als'man bisher wahr haben wollte. Irgendwo in der Nähe der Kommunisten. Darüber ist genug geschrieben worden. Mindestens ebenso wichtig aber, wahrscheinlich schicksalsbildender, ist die Bewegung auf außenpolitischem Gebiet. Auch hier hak sie ihre Vergangenheit. Selbstverständlich werden die Alldeutschen leidenschaftlich dagegen Einspruch erheben, daß man sie mit den völkischen Elementen zusammenwirst. Und doch, all das sind nur Spielarten derselben Gattung. Der Chauvinismus, Nationalismus, oder wie man ihn sonst nennen will, ist nach innen und außen letzten Endes auf die gleiche Wurzel zurückzuführen. Seltsamerweise nicht nur bei uns, sondern überall. Selbstüberhebung und Rafsendünkel. Wobei man bester keine Blutsprobe anstellt. Es sind merkwürdigerweise bei uns sehr häufig Männer, deren Namen auf slawische Abkunft hindeutet. Seltener auf romanische. In Frankreich sind es oft die Männer, die aus dem deutschen Osten oder aus dem italienischen Süden stammen. In Rußland waren es die ausgesprochensten Deutschbalten, die sich am russischsten gebärdeten. Aehnlich hatten unsere größten Radauantisemiten niemals den Mut, ihren Stammbaum bis in das Dunkel hinein zu verfolgen. Doch das nur nebenbei als Beitrag für die innere Berechtigung der Bewegung. Wie die Bewegung nach innen antisemitisch ist und darüber hinaus gegen alles „Fremdstämmige", auch religiös-unduldsam — i n Bayernwandte sie sich gegen den Katholizismus — zu Felde zieht, so ist sie außenpolitisch auch trakeelsüchtig. In der „Deutschen Politik" erzählt Fürst Bülow von einem Abgeordneten — den Namen nennt er nicht, es war Ernst Hasse —, der sich während des Burenkrieges in einer wüsten Hetzrede gegen England gefiel. Der Kanzler ging zu ihm und stellte ihm die Schwierigkeiten vor, die dadurch der deutschen Diplomatie erwüchsen. -Die famose Antwort war: er habe die Rede so und nicht anders halten müssen, Sache.der Neichsregierung sei es, die Schäden nach Möglichkeit zu reparieren. Das ist typisch. Nur aus Innenw i r k u n g wird Bedacht genommen. Ein Fremdwort dafür heißt Demagogie. Man fragt gar nicht Danach, ob außenpolitische Notwendigkeiten zur Versöhnlichkeit zwingen, man hetzt daraus los. Das klingt am Biertisch wundervoll, macht Eindruck und gewinnt Stimmen. Das ist doch noch ein Kerl, wird dann gesagt. Kommt er selbst ans Ruder., so pflegt er zumeist etwas abzudämpfen. Miguel hat einmal, als er Minister war. den schönen Ausdruck gebraucht: „Von hier aus sehen die Dingeanders aus als von da unten." Glücklicherweise haben unsere antisemitischen Agitatoren bisher wenig Gelegenheit gehabt, sich an verantwortlicher Stelle zu betätigen. Dafür durften sie in Volksversammlungen um so freier reden. Zu gern berufen sie sich auf Bismarck und Friedrich den Großen. Beide sind aber Kronzeugen nicht für sie, sondern gegen sie. In seinem Testament hat der Preußenkönig seinen Nachfolgern eine „geschmeidige Politik" dringend empfohlen, also das Gegenteil von dem, was unsere Völkischen zur Richtschnur machen. Dafür muß er sich übrigens von D i e t r i ch Schäfer gefallen lassen, hart angelassen zu werden. Dieser Berliner Geschichtsprosessor hat sogar festgestellt, daß Friedrich II. im Siebenjährigen Kriege n i ch t s erreicht e. Aehnlich liegen die Dinge bei Bismarck. Unsere ganze rechtsstehende Presse rast, wenn die Reichsregierung den ehemaligen Feindstaaten gegenüber die Formen internationaler Höflichkeit bewahrt. Das hat der Eiserne Kanzler in noch viel höherem Maße getan. Als im Fall Schnäbele Frankreich für den erschossenen Grenzwächter 150000 Francs Schadenersatz verlangte, schickte Bismarck der Witwe 300 000. Das sollte Stresemann oder ein anderer republikanischer Minister versuchen! Mit Bismarck und Friedrich dem Großen ist es also nichts. Die Gefahren der völkischen Bewegung nach außen liegen hauptsächlich darin, daß man sich völlig aus P a r t eit e n denzen einstellt. Sie haben den Blick zum Beispiel für d ie p ans law i s ch e Gefahr getrübt. Wer so wundervolle Pogrome arrangieren konnte, wurde als geistesverwandt begrüßt. Uebrigens nicht mit Unrecht. Der russisch-polnische Antisemitismus läßt sich zeitlich ganz genau als Kind der sogenannten Berliner Bewegung Nachweisen. Er war made in Germany und wurde dann nur in das Kulturloseste übersetzt. Wie stark diese inneren Zusammenhänge waren, dafür ein Beispiel. Als 1915 beim Russeneinsall in Galizien Juden-- maffakers stattfanden, schrieb die inzwischen sanft entschlafene „Post", das stark antisemitisch schillernde Organ der Schwerindustrie, das wären jüdische Uebertreibungen. „Natürlich die goldene Internationale." So stand es auf der ersten Seite; aus der zweiten Seite aber wurde noch über die Russengreuel in Ostpreußen berichtet, dick aufgetragen. Diese antisemitische Gemeinschaft hat unsere Rechtsstehenden über die Gefahren hinweggetäuscht, die in Petersburg für Deutschland wuchsen. Selbst Bülow hat damals dem Antisemitismus ein törichtes Zugeständnis gemacht. Als aus Berlin russische Sozialisten und Nihilisten aus gewiesen wurden, sprach er unter lautem Beifall von Mandelstamm und Srlberfarb, von Schnorrern und Verschwörern. Ein Jahrzehnt später waren diese Männer die Herren Rußlands und haben Deutschland seine Unduldsamkeit nicht vergeben. Die völkische. Bewegung hat bewirkt, daß wir die zukunftsreichen Elemente Rußlands vor den Kopf stießen, ohne die zaristischen zu gewinnen. Der Schaden, den unsere Antisemiten und Genossen in dieser Richtung angestiftet haben, verdiente gelegentlich ein eigenes Kapitel. Unsere Antisemiten sind kerndeutsch und rasserein. Und trotzdem international. Als in Frankreich der Dreyfus- Skandal spielte, nahm ihre Presse für die meineidigen Generale Stellung. Denn Dreyfus war ein Jude. Daß die M«line, Boisdeffre, Paty du Clam und all die anderen ausgesprochene Deutschenhasser waren, beirrte nicht. Sie haben jetzt auch den Faszisten zugejubelt, solange sie diese rein italienische Bewegung nicht richtig einzuschätzen vermochten. Vor allem galt sie als antisemitisch, was sie übrigens nicht war. Aber antideutsch war sie zunächst, ganz folgerichtig. Bozen und Meran haben das sehr bald zu spüren bekommen. Doch aus solche Kleinigkeiten wird nicht acht-gegeben. Genau so Ungarn. Die erwachenden Magyaren haben ungezählte Judenmorde aus dem Gewissen. Folglich verbrüderte man sich mit ihnen. Zwischen München und Budapest spielte bekanntlich sehr stark der Draht. Rassentheoretisch von Zwingender Beweiskraft. Wir haben in Europa wenige Stämme, die dem Deutschen so blutssremd sind wie die Magyaren. Tut nichts. Und hier sind wir bei dem entscheidenden Punkt angelangt. Wenn die völkische Bewegung überhaupt einen Sinn haben soll, dann ist er durch den Namen gegeben: Völkisch und germanisch. Also: enge Beziehung en'zu den germanischen Völkern. Das Gegenteil trifft zu. Gegen kein Volk ist von unfern Rassetheoretikern so gehetzt worden wie gegen das stammverwandte England. Natürlich berief man sich aus den keltischen Einschlag drüben, als ob hüben nicht östlich der slawische und westlich der romanische gleich groß wären. Ganz ähnlich gegen Dänemark, dessen Bevölkerung unbestritten germanisch ist. Seltsam, gerade die germanischen Völker, die Dänen, Norweger, Schweizer, Holländer, sind die erbittertsten Gegner unserer Nationalisten. Schweden macht eine Ausnahme, die aber nicht etwa unfern Völkischen zugute gehalten werden kann — sie sind z. B. nicht antisemitisch —, sondern auf einer Kulturgemeinschast beruht. Das gibt zu denken. Im Grunde genommen liegen die Dinge so, daß unsere Völkischen nirgends Freunde haben. Ueberheblich rempeln sie alle an. Den Schaden trägt das gesamte deutsche Volk. Und nicht einmal in Deutschland selbst geben sie Ruhe. Wenn man alles von Deutschland abzieht, was sie bekämpfen, dann bleiben sie nur selbst noch übrig. Und nicht einmal sie. Jede Richtung verfolgt die andere mit einer Gehässigkeit, die kaum noch überboten werden kann. Nicht einmal unter sich sind sie einig. Eine andere Gefahr, die damit im engsten Zusammenhänge steht, ist das Urteil, das diese Kreise über ausländische Staatsmänner fällen. Steht jemand im Verdacht jüdischer Herkunft, so wird er a n g e p ö b e l t, ganz gleich, wie» et sich zu Deutschland stellt. Als zwischen S ch a u z e r , dem italienischen Außenminister, und Rathenau eine gewisse Verbindung hergestellt war, wurde sie sofort diskrediktiert! Natürlich zwei Juden. Aehnlich ist es immer. Bemelmanns, der nur sachlich das Reparation sproblem erfaßte, wurde mcs gleichem Grund befehdet. Unsere Völkischen sind eben Schädlinge am deutschen Volk. Was uns die" Hetze gegen Rathenau, die ganz folgerichtig im Meuchelmords endete, an Vertrauen und Ansehen in der Welt gekostet hat, wird später erst einmal im ganzen U m fange k l a r g e m a ch t werden können. Auch ein anderer a-ntisemiitischer Trick sei hier erwähni Eine Reihe Kitsch-, ameeikaniischier Juden haben zweifellos während des Krieges eine deutschfeindliche Haltung eingenommen. Jeder von uns hatteein Recht, das scharf zu tadeln. Die Antisemiten aber nicht. Denn jene Männer haben selbst oder aber ihre Väter in Deutschland beständig hören müssen, daß sie keine Deutschen sind. Sie haben das leider geglaubt. Und nun kmnnren ausgerechnet unsere Antisemiten und verrlangea daß diese Männer drüben sich aus ihr Deutschürm besinnen. Es ist sehr nötig, das deutsche Volk immer wieder auf' dis außenPolitischen Gefahren hinzuweisen, die diese Bewegung in sich trägt. Geht es nach ihnen, dann stehen wir gang, allein in der WM. Und dabei — sollten sie nicht Sittenrichterer treiben. Keinem von ihnen fällt es eia etwa dem Grasen Reventlvw seine französische Frau vorzuwerfen. Keinem von ihnen fällt es ein — solange sie gut Freund lnitein-ander sindj, nachher schon — sich gegenseitig etwas mehr unter die Lupe zu nehmen. Für uns aber gilt das Bibelwort: An ihren Früchten sollt ihr sie er kennen.