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Central-Verein-Zeitung · 1924-03-20 · 12 (20.3.1924) · p. Seite 129

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
12 (20.3.1924)
Date
1924-03-20
Page
Seite 129 (sequence 5)
Language
German
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129 vom „jüdischen" Bolschewismus. „Jüdisch" — nur'für Unbelehrbare. Vor kurzem waren in verschiedenen Zeitungen ausdem Buche >;5£tere, Menschen und Götter" von <Dr. Fe rd i n and Ossendowski längere Stellen abgedruckt. Sie mußten Aussehen machen. Sprachen doch aus ihnen eine außergewöhnliche Beobachtungsgabe und Darstellungskunst. Neugierig stürzte sich so mancher Ms daS Buch und war diesmal nicht enttäuscht. Es fesselt sehr und erweitert den Gesichtskreis. Jeder kann aus ihm lernen. Es bietet dem Politiker, Theologen, Psychologen und Ethnographen viel Neues. Meisterhaft ist u. a. die Gestalt des BaronUngernv o n S t e r n- L e r g gezeichnet. Er war ein namhafter Führer der „Weißen" gegen die „Roten", d. h. Bolschewisten. Er wurde von ihnen schließlich gegangen genommen und hrngerichtet. Mehr dürsten die meisten von ihm nicht wissen. Dabei war er einer der merkwürdigsten Menschen. Er jagte Entsetzen ein und erregte Rührung. Sein geheimnisvolles Wesen flößte kaltes Grauen und bewundernde Hinneigung ein. Man hätte ihn jfliehen mögen und fühlte sich in dem Bannkreis, den dieser bedeutende Mensch um sich zog, wie gelähmt. Er war Buddhist und ließ dennoch seine Gegner mit Bambusstöcken totprügeln. Er war weich und unbeschreiblich grausam. Er hatte eine gediegene philosophische Bildung, an der er ständig weiterarbeitete, und war gleichzeitig allen Mystischen Einwirkungen preis gegeben. Er war scharfsinnig und hatte ein klares Urteil über Menschen und Dinge, glaubte aber auch an Zauberer und Wahrsager. - Seine größte Leidenschast war sein Haßgegen den Bolschewismus. Sobald er jemand begegnet war, der bolschewistisch angehaucht war, machte er ihn erbarmungslos nieder. Wenn die Rede Ms den Bolschewismus kam, geriet er außer sich unld in Tollwut. Den Kamps gegen den Bolschewismus betrachtete er als heilige Aufgabe eines jeden, der Anpruch erhob, als Mensch zu gelten. , Hätte nicht dieser Feind der Bolschewisten ein Feind der Juden sein müssen, wenn die antisemitische Behauptung, daß sich der Bolschewismus mit dem Judentum decke, zutreffend wäre? Doch Baron Ungern von Sternberg erklärt, daß ihm bei der Bekämpfung des Bolschewismus I u d e n g u t e D i e n st e l e i st e t e n. Sie seien geschickt und kühn und chm in Freundschaft ergeben. Er hebt einen jüdischen Offizier hervor, welcher den rechten Flügel seiner Armee befehligte, Bulfovitsch: Er ist wild wie der Teufel und dabei klug und tapfer. Die Deutschvölkischen werden wohl kaum bezweifeln, daß Baron Ungern von Sternberg besser als sie über die Anhängerschaft des Bolschewismus Bescheid wußte. Wer es ist ein '.trauriges Zeichen für die'Unbildung so vieler unsrer Zeitgenossen, daß bei jhnen die Albernheit, Judentum und Bolschewismus seien gleichbedeutend, Glauben findet. Rabbiner Dr. Auerbach (Elbing). „Würöelose Frauen." In Washington findet am 1. Mai ein Kongreß der Frauenstimmrechtlerinnen statt und aus dem Wege dahin haben sich einige deutsche Frauenrechtlerinnen unter Führung von Anita A u g s - purg und Lida-Gustava H e y m a n n in London aufgehalten und dort angeblich bei einer Besprechung in einem Londoner Klub den französischen Einsall in die Ruhr verteidigt. Es ist nicht unsere Aufgabe nachzuprüfen, ob die Frauen tatsächlich diese Stellung eingenommen haben und ob überhaupt eine derartige Veranstaltung in London stattgesunden hat. Und es wäre auch gar nicht unsere Ausgabe, über die Stellungnahme dieser Frauen, die >in Deutschland als die radikalsten, am schärfsten pazifistisch und politisch links eingestellten Frauenrechtlerinnen bekannt sind, zu berichten, wenn nicht die gesamte völkische Presse die Sache ausgegrissen und zum Gegenstand einer ekelhaften Judenhetze unter der Spitzmarke: „Würdelose Frauen" gemacht hätte. Abgesehen davon, daß wir, auch wenn die Frauen wirklich Jüdinnen wären, es ganz entschieden ablehnen müßten, 'das deutsche Judentum für solche, falls sie wahr sind, unerhörten Aeußerungen einiger radikaler Elemente verantwortlich zu machen und die gesamte deutsche Judenheit mit ihnen zu identifizieren, so möchten wir doch betonen, daß weder Lida-Gustava Hey mann noch Anita Uugspurg jüdischen Glaubens oder jüdischer Abstammung sind. > Wenn ein paar Kommunisten irgendwo im Auslande solche Musterungen täten, so würden es sich ja die besonnenen Teile des deutschen Volkes, ja auch sogar die Völkischen aufs energischste verbitten, für ihre Aussprüche verantwortlich gemacht zu werden, und es käme auch wohl niemand aus den Gedanken, das zu versuchen. Wenn aber irgendwo in der Welt ein Paar Deutsche, die zufällig jüdisch klingende Namen haben, so etwas tun, dann sollen natürlich alle Juden dafür verantwortlich sein! „Der Graf Westarp einst und jetzt." Zu der zeitgemäßen Erinnerung, die wir in Nr. 10 der „E. V> Zeitung" durch Wiedergabe eines Brieses des Grasen Westarp auS dem Jahre 1908 a-usfrischten, gibt uns Herr Lehrer Becker eine Ergänzung, die den 'Gesinnungsumschwung des Grafen Westarp noch krasser beleuchtet. Er schreibt: .■ „Der Brief war an mich gerichtet; Graf Westarp war damals Reichstagskandidat für den Wahlkreis Vomst-Meseritz. Er war der Landrat des Kreises- Bomst und hatte seinen Amtssitz in Wollstein. Hier und-im ganzen Wahlkreise hielt er unzählige Wahlversammlungen ab. Der aussichtsreichste Gegenkandidat war ein Pole, der im Kreise Bomst die Mehrzahl der Wähler für sich hatte, weil dort die polnische Bevölkerung überwiegend war, während im Kreise Meseritz die deutschen Stimmen in der Mehrzahl waren. In diesem von beiden Seiten mit größter Energie und mit allen Mitteln geführten Wahlkampfe bildeten die j ü dir sch en Stimmen „das Zünglein an der Wage". Ich hatte seinerzeit in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums!" sowie auch in Provinzialzeituu'gen in mehreren Artikeln auf diese Sachlage hingewiesen. Ehe wir uns aber für den deutschen Kandidaten entschieden, mußten wir seine Stellung zur Judensrage kennen. Darüber hatte Graf Westarp in seinen Wahlreden sonderbarerweise sich stets ausgeschwiegen. Deshalb richtete ich eine diesbezügliche Anfrage an ihn und bat gleichzeitig um seine Erlaubnis, seine Antwort zu veröffentlichen. Ihr Auszug ist ein Teil jener Antwort. Ich habe sie seinerzeit >rn der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" zum Ausdruck gebracht, von der sie das „Berliner Tageblatt" und andere politische Zeitungen übernommen hatten. Und der Erfolg? GrasWestarp wurdeb e i seiner ersten R e i ch s t a g st a nd vda t u r nach h a rtem K am pf e ge ge n den Polnischen Kandidaten mit zirka 600 Stimmen — so viel betrug ungefähr die Zahl -er jüdischen Wähler im Wahlkreise Bomst-Meseritz — gewähl t. Das war der Aufstieg zu seiuer gegenwärtigen politischen Stellung." Heute zieht trotzdem auch Graf W e st a r P gegen das „vaterlandslose Judentum" tüchtig vom Leder. Spekulieren nur die Iuöen? Historische Betrachtungen sind immer lehrreich; wer kennt wohl die Geschichte von der Tulpanomie der Holländer? Darüber weiß Dr. W. v. Bechterew in seinem Buche „Die Bedeutung der Suggestion im sozialen Leben" folgendes zu berichten: „Zu den sogenannten st h e nischeN Finanze P ide mi ett gehört u. a. die historisch bekannte Tulpanomie der Holländer vom Jahre 163t. Sie äußerte sich in einer leidenschaftlichen'Spekulation mit Tulpen, deren Vertrieb unermeßliche Reichtümer zu versprechen schien. Es warfen sich daher große Volksmassen unter Aufgabe, der gewohnten Beschäftigungsweise auf Kultur und Verkauf von Tulpen. Tulpenzwiebeln bekamen damals den Wert von Edelsteinen, man verkaufte sie grammweise, und eine Zwiebel von 40 0 Periten setwa je 100 Gran) wurde auf 4400 Florinen geschätzt. Für 40 Stück davon zahlte man bis zu 100 000 Florinen. Es versteht sich von selbst, daß diese wahnsinnige Zwiebelspekulation, die bei den Holländern epidemisch auftrat, bald mit dem Ruin von tausenden Familien endete." Ob die Antisemiten wohl Nachweisen können, daß auch diese Spekulation von Juden veranstaltet wurde? Ernst Goth gestorben. Aus Florenz kommt die Nachricht, daß dort E r n st G o t h Plötzlich an einem schweren Leiben verstorben ist. Vielen unserer Leser wird bei diesem Namen die Erinnerung an Aufsätze unserer Zeitung aufsteigen, die von einer eigenartigen Geschlossenheit und Beschwingtheit des Stils waren. Als unsere Zeitschrift „Im Deutschen Reich" zur „C. V.-Zeiinng" umgewandelt wurde, übernahm Ernst Goth die Leitung des jungen Blattes und hat es durch die ersten, oftmals recht' schwierigen Monate seines Bestehens hindurchgeführt. Vor Jahresfrist etwa schied er aus dem Mitarbeiterverhältnis aus. Gelegentliche Beiträge aber und freundschaftlicher Briefwechsel verbanden ihn mit uns weiter. Ernst Goth war ein Feuilletonist und Essayist von hervorragew' dem Ausmaß. Durch seine jahrelange Wirksamkeit im Auslande hatte er eine seltene Sachs- und Menschenkenntnis erlangt. Die geistige Beweglichkeit, die in starkem Maße sein Wesen kennzeichnete, Ließ ihn auch rasch mit unserer Arbeit vertraut werden. Mit dem liebenswürdigen Mann verknüpften uns Bande, die mehr als nur kollegial genannt werden konnten. Der Gedanke, daß dieser blühende Mann nicht mehr sein soll, ist uns jetzt noch kaum faßbar. Mr werden das Andenken unseres Freundes und Kollegen immer in Ehren halten.

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