Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 12 (20.3.1924)
- Date
- 1924-03-20
- Page
- Seite 128 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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128 Au Oppenheimers öS. Geburtstag. (30, März 1-24.1 ' Von Professor Dr. ErirNölLing. Des TageA zu denken, -an dem Franz Oppenheimer, der weit über die Grenzen des deutschen Sprach- und Kulturgebietes hinaus rühmlich bekannte Nationalökonom und Soziologe der Frankfurter Universität, feinen 60. Geburtstag begeht, ist auch für den Leserkreis dieser Blätter Anlaß genug vorhanden. Wo die Straße widerhallt vom wüsten Geschrei der Antisemiten, wo ein erregter Rassenfanatismus auch in das Gebiet des forschenden Gedankens seine Schlagbüume vorschiebt und Anerkennung geistiger Leistung abhängig machen möchte ^oon vorangehender Abzapfung von Blutsproben, ist seine solch kurzstir'nigen Wahn hoheitsvoll und mitleidig belächelnde Gestalt von doppeltem Wert. Wenn irgendwo so zerbricht vor dem Lebenswerk dieses Mannes die armselige Phrase vom „Zersetzenden I u d e n g e i st". Als Oppenheimer, den ursprünglichen Arztberuf beiseite schiebend, sich volkswirtschaftlichen Studien zuwandte, lag die deutsche Nationalökonomie unter historischem Schutt vergraben oder in minutiöse Einzelforschung verstrickt. Der Mlle zum S h st e m, zur großangelegten, konstruktiven Stoffbewältigung schien gelähmt, das Erbe der Smith, RHoardo und Marx unbenutzt und vergessen. Abgestohen von der theoretischen Bedürfnislosigkeit, überdrüssig des müden Verzichts, die gewaltige, positive Schaffensbegabung gegen den Druck epigonenhafter Gewöhnung anstemmend, griff Oppenheimer auf die große Tradition der Gründer zurück, indem er nach einheitlichem Bauplan die Zerstreuten Einzelerkenntnisse zur Geschlossenheit des Systems zusammentürmte. Vom Boden her und seiner Besttzvertei'lung begviff er die wirtschaftliche Erscheinungswett. Die klassische Nationalökonomie und ebensogut ihre sozialistische Gegenlehre waren industriezentrti-sch gerichtet, d. h. von der Stadt her gesehen und aus städtischer Anschauungsweise gedacht. Dem „land- und heimatsremden Juden" Oppenheimer blieb es Vorbehalten, den Boden wieder in den Mittelpunkt der ökonomischen Betrachtung zu rücken und von diesem Beziehungszentrum aus die Gesetze der Wirtschaft zu ^deuten. Die Boden sperre, das juristisch-politische Bodenmonopol, ist schuld an all den Verzerrungen und StörungserscheÜnungen des heutigen Wirtschaftslebens, dessen gesunde Selbstregulierung durch diesen, einer gewalttätigen Vorzeit entstammenden Eindringling gehemmt wird. Man beseitige die Bodensperre durch Aufteilung des Landes in bäuerlichen Kleinbesitz, oder besser noch, man lasse an die Stelle des unrationell wirtschaftenden Großgru-ndeigentums die überlegene Betriebssorm der landwirtschaftlichen Produktivgenossenschaft treten, und die todbringende Krankheit, an der Nie Herrlichkeit der antiken Kultur dahinschwandist behoben. Aber Oppenheimer ließ es nicht bewenden beim geschriebenen . Wort. Um die Lebensfähigkeit der von ihm geforderten ländlichen Produktivassoziation zu beweisen, schritt er über die bloße Theorie hinaus zum beweisenden Expe ti nt ent. Es wird immer als schönes Symbol und Ausdruck der Doppelseitigkeit seines Wesens gelten, daß sowohl auf geheiligtem Väterboden in Palästina wie in deutscher Heimaterde (Domäne Bärenklau) zwei blühende Siedlungen entstanden. Denn nie verlor das Blut dieses Mannes die Erinnerung seines Ursprungs. Daß in der langen Reihe der Vätergeneration kein einziger Abtrünnling und Ueberläuser war, den Aussicht aus Gewinn und Lebenserleichterung bewegen konnten, sich den alten Glutszusammenhängen zu entziehen, ist nach seinem eigenen Wort ihm immer ein besonderer Stolz gewesen. Aber auch die andere Seite seines Wesens hält nicht weniger wurzelzäh und treu die andere Zugehörigkeit fest, an der er nicht minder Anteil hat: zur märkischen Heide und zum märkischen Kiesernsorst, die sein Heimatempfinden umspannt, und zur großen deutschen Ku ltu rgeme i nschas t, der gegenüber er nicht nur ein empfangender Zaungast, sondern ein wertvoller Mehrer war, der mit den Zahlreichen Werken seines Geistes sich einen dauernden Ehrenplatz in ihr sicherte, so daß auch sein Name fallen wird, wo immer die Besten genannt werden. Ein kraftvolles jüdisches Stammesbewußtsein ruht eingebettet in märkischer Heimatliebe und deutschem Kulturgefühl. Das ihm stets gegenwärtige Wissen um die enge Verbundenheit nüt der deutschen Kulturuation möge ein Erlebnis bezeugen, das dem Schatz langjährigen persönlichen Umgangs mit ihm entnommen ist: Es war in seiner Bibliothek, und wir plauderten über die besondere Schicksalhastigkeit des Deutschen und Juden. Oppenheimer lehnte an einem der hohen, bis zur Decke mit Büchern bestellten Borde. Als wollte er den Schlußstrich unter die lange Unterhaltung setzen, fuhr er mit einer lässigen Handbewegung, über die Reihe der von ihm selbst verfaßten Bücher hinweg, die dort Band an Band ausgereiht standen, und saate mir: „W e r sein ganzes Leben hindurch so bemüht^war, selbst schassend an der Bereicherung des deutschen Kulturgutes so mitzuarbeiten, der gehört mit dazu, ob er will oder nicht." : Man sollte: dieses Wort wie eine Fackel in dentrüben Mbelduntz hinaustragen,'den ein geschäftiger Kulturantisemitismus heute massenweise, produziert, nachdem Rassen- und WirtschastsantiseMitisMus ein wenig abgenutzt und verschlissen erscheinen, wüßte man nicht, daß in dieser Stickluft auch die edelste Leuchte nicht zu brennen vermag. 1 So mag das Wort lieber ein Lichtsignal aus dem von diesen Blättern verfolgten Wege bleiben, ein Wahrzeichen, daß die hier angestrebte Tendenz einem lohnenswerten und e r r e i ch b a r e n Z i e l e e n t g e g e n s ü h r t. Wi« in Oppenheimers Persönlichkeit und Werk eine Verschmelzung >der beiden nach Meinung der Kulturantisemiten aller Richtungen ewig wesensfremden und sich ausschließeuden Elemente, eine Verbindung von Judentum und Deutschtum gelang, frei vönall e m Krampf und jeder K ü n st e l e i, eine ebenso natürliche wie höchst fruchtbare Durchdringung, das hat beispielhaften und vorbildlichen Wert auch für eine breitere Allgemeinheit. Denn das hier zur Red« stehende Problem wird nicht aus dem Wege diskursiven Denkens und geistreichelnder Debatten zu Ende gebracht: es wird erlebnismüßig erledigt. Ständiges Feuer. Betrachtung zum W o ch e n a b s ch n i t k. Es ist die Tragik des menschlichen Lebens, daß die großen unK gewaltigen Stimmungen, die Momente hoher Begeisterung untz starker Opferwilligkeit nur kurz sind. Bald kommt der nüchtern« Alltag, der mit der Asche der Gewohnheit das heilige Feuer der Begeisterung erstickt. So konnte Israel am Sinai, von der Macht der göttlichen Erscheinung überwüllligt, rufen: „Alles, was der Ewiggeredet hat, wollen wir tun." Doch es war nur wie ein Rausch. Sie ernüchtern und verfallen in den Dienst des goldenen Kalbes Deshalb geht unsere jüdische Religion nicht in erster Linie darauf aus, die Seele des Menschen in Verzückung wnd dithyrambisch« Erhebung zu versetzen, obwohl sie. auch diesem Bedürfnis des menschlichen Gefühlslebens zuweilen gerecht wird. Ihr Hauptziel ist e8den Alltag zu verklären. Sie will ein ständiges Feuer anzünden, das nimmer verlöscht. So hält sie sich gleich fern von jenem Fanatismus, der in hochaufzüngelnder Flamme den Körper! verzehrt und die Seele ausreibt, wie von jener matten Kälte und Gleichgültigkeit, wo kaum noch ein verlorenes Fünkchen unter dev Asche glüht. Der Dichter des Hohenliedes singt von jener Liebe-, welche auch durch mächtige Wasser nicht verlöscht wird, die auch dev vStrom der Zeit nicht zu ersticken vermag. Es ist jene Gottesliebe, welche der Verfasser der Herzenspslichten als das Hochziel jedeO jüdischen Menschen hinstellt. Heiße Leidenschaft tobt sich ausirr wildem Rausch und verfliegt in der nachfolgenden Ernüchterung. Wahre und echte Liebe zeigt sich in stetem und geduldigem Werberrimlangsamen Umfassen und Erobern des innersten Wesens deH Gelliebten. So müssen wir auch das Göttliche stetig und geduldig umwerben, uns ihm langsam und allmählich nähern, um «& in seinem Kerne zu erfassen und zu gewinnen. Das ist der lange und doch kurze, weil sicher zum Ziele führende Weg, den das Judentum beschreitet. Die Fülle der Pflichten vom Morgen, bis zum Abend, von Sabbat zu Sabbat, von Festeskreis zu Festeskreis erhält unA in unablässigem Verkehr mit dem Göttlichen. Es bildet sich ein« traute Gewohnheit, eine sanfte und innige Gemeinschaft. Wir sind stets bei ihm, und so ist er stets bei uns. So glühet die heilig« Flamme aus dem Altar, glühet und verlöschet nimmer. JschTikwotz« Ein deutscher Jude im Ausland. Heine mann Nord w ald in Mexiko. Ein deutscher Jude, der das Ansehen der Deutschen im Ausland« gestützt und vermehrt hat, ist am 6. Januar in Chihuahua (Mexiko) im Alter von neunzig Jahren gestorben: Herr Heinemann Nord- Wald, der im Jahre 1833 in Arnsberg i.. Wests, geboren wurde. Es gibt wohl nur wenige Ausländer in Mexiko, welche sich -einer solchen Ansehens nicht nur in der deutschen Kolonie, sondern auch bek der. gesamten Bevölkerung erfreuten wie dieser deutsche Jude. Obwohl er Ausländer war, war er jahrelang Präsident dev mexikanischen Handelskammer. Er war Begründer de« Firma H. Nordwald & Co. in Chihuahua und El Paso (Texas), welch« das bedeutendste Möbelimporthaus im nördlichen Mexiko ist und in Chihuahua eine Möbelfabrik und in El Paso eine Matratzensabrik hat. Seine beiden Söhne sowie ein Nesse, welche alle ihre Erziehung und Ausbildung in Deutschland genossen haben, führen seine Geschäfte fort. Welch hoher Achtung der Entschlafene sich in der mexikanischen Gesellschaft erfreute, mag beweisen, daß aus die Nachricht von seinem Tode hin ein Ball, der am gleichen Tage in den ersten Kreisen Mexikos im „Kasino" stattsinden sollte, abgesagt wurde. So wirten die im Jnlande so verlästerten Juden im Auslande für Deutschlands Ehre.