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Central-Verein-Zeitung · 1924-03-13 · 11 (13.3.1924) · p. Seite 114

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
11 (13.3.1924)
Date
1924-03-13
Page
Seite 114 (sequence 6)
Language
German
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114 Ms ÜLN Nöten unserer Zeit. Wir leben in einer Zeit seltsamer Gärungen und Umwälzungen, nicht nur aus politischem und sozialem^ sondern auch auf rein geistigem, wissenschaftlichem Gebiet. Man ist ja geneigt, diese ganze geistige und seelische Unruhe, die uns durchzittert, aus den Krieg und seine Folgen zu schieben. Allein schon Jahrzehnte vor dem "Krieg ging in den Naturwissenschaften ein gewaltiger Umschwung vor sich, indem sie sich von der klassischen. Mechanik und allem, was damit zusammenhängt, abzuwenden begannen, die biologischen Wissenschaften traten immer mehr in den Vordergrund, und dabei stellte es sich heraus, daß gewisse grundlegende Lehrsätze des V e r st a n d e s s y st e m s n i ch t ausreichten, um die Wirklichkeiten des organischen Lebens zu erklären. Die ungeheure Spezialisierung und Zersplitterung der Disziplinen erweckte die Sehnsucht nach einer Synthese, und es erwacht das Bedürfnis einer Metaphysik; die P h i l o s o p h i e , jetzt erst recht die Königin der Wissenschaften, schickte sich an^, diesem neuen „m et Q physischen B e d ü r s n i s" entgegenzukommen und. mußte naturgemäß immer mehr aus die Bedeutung des I r r a t i o n a l e n kommen, dessen Rolle irr unserer» Bewußtsein und im Weltgeschehen stark in den Vordergrund trat. Und von diesen im Reiche der Erkenntnis wirksamen 'Strömungen getragen, kommt das religiös e Leben wieder zu seinem Recht. Die Einsicht verbreitet sich immer weiter, daß nur ein kleiner Teil des Lebens, des individuellen wie des kollektiven, mit dem Verstand und seinen Mitteln faßbar ist, immer mehr müssen w-ir zu den Kräften des mehr triebhaften Lebens, des Unterbewußten und des Unbewußten, unsere Zu flucht nehmen, und dort, wo die verstandesmäßige Erkenntnis versagt, uns aus Ahnung und Intuition verlassen. Das sind die Felder, aus denen vornehmlich die Religion gewachsen ist. Diese Tendenzen greisen auch -in das Gebietdes st a a t l i ch e n u n d sozialen Lebe n s hinüber, indem auch hier das Recht und die Bedeutung des selbstherrlichen Individuums zurücktritt zugunsten der organisch gewachsenen, mehr korporativ gebundenen Lebensformen: Volk, Land, Stamm,. Provinz, gegen den zentvalistisch-bureankratischen Staat, der parlamentarisch regiert wird. Und auf jedem dieser Gebiete lauert jene Macht, die den Menschen zuflüstert: „Verachte nur Vernunft und Wissenschaft, des Bleu scheu höchste. Kraft!", um überall die finsterste Reaktion aufzurichten. Aus religiösem Gebiet schleicht sich dreist der krasse A b e r g l a it de ein und will von der erwachenden Neigung der Menschen zum Glaube n profitieren, indem er sich in dessen Mantel drapiert. Die A n t h r o P osophie verspricht eine Art Synthese von Philosophie-Ersatz und Religion-Ersatz zu bieten, sie hat innerhalb des I u d e n t u m s einen besonderen Absenker gefunden, der sich bemüht, den Chassidism u s modern zn frisieren und aus den Markt zu bringen. Eine prächtige Analyse der Anthroposophie und alles dessen, was mit ihr zusammenhängt, findet sich in dem Buch „A us der Philosophen- E ck e" v o n D r. R o b e r t D r i l l (Frankfurter Sozietäts-Druckerei, Frankfurt a. M. 1923). *Der stattliche Band enthält fünfundzwanzig philosophische Studien über die verschiedensten Fragen, die in unserer Zeit die Geister aller Denkender bewegen. Schiller und Schopenhauer, Hegel und Karl Marx. Rousseau und Proudhon werden mit den Augen eines Zeitgenossen der Relativitätstheorie und des Luftschiffes angeschaut, und siehe da, die g a n z G r o ß e n gehen trotz des Wandels der Zeiten unversehrt hindurch. Viele dieser Abhandlungen gehen uns Juden ganz besonders an, weil es entweder direkt jüdische Dinge betrifft oder Bewegungen und Stimmungen berührt, die in unserer Mitte eine besondere Intensität angenommen haben. Ein großer Teil der jetzigen Generation der Juden leidet noch immer unter dem Schrecken, den ihnen der Materialismus von Anno dazumal (Feuerbach, Molesckiott, Vogt, Büchner) emgeslößt hatte, der durch Haeckel und Ostwald in der Form eines Monismus erneuert wurde, und von dem sie den Untergang aller Religion, und insbesondere der jüdischen, befürchteten. Was sollte dann aus dem Judentum werden? Sein Untergang schien besiegelt. Um dieses Schicksal abzuwenden, konstruierte man flugs einen j ü d i s ch e n N a t i o n a l -i s m u s, der der jüdischen Gemeinschaft als Obdach dienen sollte. Da die Jahrtausende alte Festung einzustürzen drohte, baute man rasch' eine Schutzhütte aus Pappe. Nun durfte man getrost ein „moderner Mensch" sein und Jude bleiben, denn die Nationalität hatten die Feuerbach und Haeckel ja nicht abgeschasst. Aus dem vorliegenden Buch können sie nun von einem modernen Menschen, der ausgerüstet ist mit dem ganzen Wissen seiner Zeit, erfahren, daß die Angst um die Fortexistenz aller Religion (und insbesondere der jüdischen) ganz überflüssig, daß also die Schutzhütte aus Papiermache unnötig ist, da die alte Festung gar nicht daran denkt, vom Erdboden zu verschwinden. Diese Gedanken kornmen dem Leser besonders bei der prächtigen Abhandlung „lieber den angeblichen Zusammenbruch der alten Weltanschauung"" die sich gegen unseren Freund Maurenbrecher richtet. Dieser vielgewandelte Herr zerbrach im Jahre 1913 aus dem Monisten tag zu Düsseldorf die Mauern der gesamten bis dahin herrschenden Weltanschauung, nicht nur in ihrem "Beiwerk, sondern in ihren Kernstücken, und wischte sie von der Erdoberfläche weg: Religion und Kirche stürzten unter den Wevbt neue TtUtglieöec fm den E. V.! wuchtigen Hammerschlägen Maurenbrechers zusammen; Monarchie, konservative Weltanschauung unh alles, was damit zusammenhängt, wäre unstreitig mit in den'Abgrund gerutscht, wäre nicht der Weltkrieg gekommen, der schließlich den erbarmungsloisen Zertrümmerer zum wohlbestallten Wächter all dieser Güter gemacht hat, der sie vor der unheilvollen Zerstörungswut der I üben zu beschützen hat. Mit überlegener Ruhe analysiert Drill die „Philosophie" Mäurenbrochers in ihrer kurzatmigen Oberflächlichkeit, geistigen Bedürfnislosigkeit rmd Leere, und weist nach, daß sie eben das ist, was sie angeblich bekämpfen will, nämlich d o g m a t -i s ch e M e t a P h y s i k . . . Einen guten Uoberblick bietet das Kapitel über d i e I u d e n f r a g e. Der Verfasser ist kein „geleinter Philosemit", darum sind seine Urteile um so beherzigenswerter. Er mustert in knappen Worten alle antisemitischen Hauptanklagen und löst sie der Reihe nach auf: sie zerfallen in" nichts. Lehrreich ist da das angeführte Beispiel des Verstehens von Kant von seiten der Juden und der — anderen. Sehr beachtenswert ist auch die angeführte Statistik, die die Reichsgetreidestelle über die Leistungen der Landwirtschaft in den Jahren 1917/18 herausgegeben hat, und die das Gebaren der Junker, dieser Patentierten Hüter der von den, Juden bedrohten Moral, in ein eigentümliches Licht rückt . . . „Wenn w-ir beide (Christen, und Juden) den Goethe, Schiller. Kant uns erarbeiten, dann werden wir jedenfalls Gemeinschaft miteinander halten können." Ein guter Führer da h i n i st d a s v o r l i egen de B u ch. B. W. Segel. wer ist Henjarnin Mausel? lieber das P r o b l e nt M ussoli n i zerbrechen sich unsere Völkischen seit langem den Kopf. Es ist ihnen unerklärlich, wie man als Staatsmann völkisch gesinnt und doch kein Antisemit sein kann. Wer sich in geistigen Niederungen bewegt, sieht eben alles aus der Froschperspektive und denkt nach der bekannten Regel: „Was man nicht definieren kann, das steh als einen Juden an." Also der „Miesbacher Anzeiger" vom 27. Februar. Er bringt aus der „Augsburger Postzeitung" folgende Nachricht: Benito Mussolinis wahrer Name ist Benjamin Mausel. Er ist polnischer Abstammung, und feine Eltern lebten in Polen noch im Ghetto. So eine kurze Meldung, mag sie nun richtig oder erdichtet sein, ist recht lehrreich. Einmal scheint sie darzulegen, daß es mit dem vielgerühmten Rasseinstinkt unserer. Völkischen nicht weit her sein kann. Nach der anderen Seite hin ergibt sich die Feststellung, daß man ostjüdischem Ghetto entstammen und doch ein völkisch eingestellter, großer Staatsmann sein könnte. mm

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