Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 11 (13.3.1924)
- Date
- 1924-03-13
- Page
- Seite 111 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Eine Antwort an General v. Seeckt. Die „furchtbaren Enthüllungen" des Herrn Mahr nun vom I ungdo, die Gegenstand unseres Aufsatzes in Nummer 1V waren, finden eine benrerkenswerte Ergänzunig ineinem Briefwechsel, deri zu veröffentlichen wir in der Lage sind. Er lautet: ReichIwehrmini-steri-unl. Berlin, den 14. Februar,1924. 589/2/240 1 III. Hierher ist folgendes mitgetoilt worden: Alis Grund von. Preffenachrichten hat vor der 6. Strafkammer eine Berufungs- Verhandlung stattgefunden, lvelche am 14. 1. 24 durch freisprechendes Urteil entgegen einer Beleidigungsklage -des C. B. -folgendes erhärtet hat: „D er Central-Vereiu beutschex Staatsb ü r g e r j ü d i s che n G l a u b c n % i st bi o O r g a n i - s a t i o n der Juden g e g e n a l les, w a s deutsch fühlt." Die Pressenachrichten besagen, daß in dem Verfahren diese Kampstätigkeit vorn Gericht Gewiesen und auch vorn Gericht zugegeben ist. Es wird ergebenst um Mitteilung gebeten, ob diese Nachricht zutriift, damit hier beurteilt werden kann, ob ein Einschreiten des Inhabers der vollziehenden Gewalt gegen den Verein in Betracht kommt. gez. v. S ch l ü ch e r. Darauf erging folgende Antwort des Vorsitzenden der 6. Strafkamnrer: Berlin, den 19. Februar 1924. Irr dem Prozetz ist Lediglich zur Sprache gekommen, daß der C. V. das bekämpft, was deutsch Lm Sinne von „antisemitisch" fühlt. Das Urteil ist übrigens noch nicht rechtskräftig. Eine Nrteilsabschrift kann auf Wunsch zur Verfügung gestellt werden. Staatsfeindliche Tendenzen des Vereins sind in keiner Weise dargetan. Wir haben der Antwort des Landgerichtsdirektors nichts hinzuzufügen. Dr. strthur Dinkers Jungfernreüe. Angriffe gegen dcrs Zent x u m. Herr Dr. Phil. nat. Arthur Dinter sitzt im thüringischen Landtag und schreibt deshalb in dem in Berlin erscheinenden „Deutschen Tageblatt" seine Aufsätze in seiner großzügigen Art ganz schlicht mit M. d. L., ohne jeden Zusatz. Diese Feststellung soll keine Beleidigung für Herrn Dinter sein, der früher einmal zum Kadi lief, als man seinen Doktor Phil. nat. in Gänsefüßchen setzte. Das „M. d. L." Dinter hat nun für den völkisch-sozialen Block im thüringischen Landtag die P r o g r a m m rede gehalten. Sie hatte darin mit Ludendorffs Verteidigungsrede vor dem Münchener Volksgericht eine gewisse Aehnlichkeit, daß es danach wohl kaum eine Fensterscheibe mehr gab, die Herr Dinter nicht zerschlagen hätte. Es ist also nicht verwunderlich, daß er auch gegen die k a t h o l i f ch e n Deutschen und deren große politische Organisation, das Zentrum, vorgeht. Herr Dinter bekennt sich als Katholiken und erklärt, daß die Völkischen nicht die katholische Religion bekämpfen. Aber jene ultramontanen, international gerichteten, jesuitischen Mächte bekämpfe er, welche die Glaubenslehren der Katholiken zu politischen Zwecken mißbrauchen. Wörtlich fährt er fort: Wir sind Todfeinde eines Systems, welches Politik und Religion verquickt. Darum sind wir Todfeinde der Zent r u m sparte i. Wir sind der Auffassung, daß die bloße Existenz dieser Partei eine fortgesetzte Versündigung an dem Heilandsworte ist: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt", und ich als Katholik bin der Auffassung, daß jeder Katholik, der seine Religion zu politischen Zwecken mißbrauchen läßt, sich ebenso an seiner Religion wie am deutschen Volk und Vaterland versündigt ... Wie ein fremdes Gewächs sitzt die Zentrumspartei im Herzen des deutschen Volkes, es in rechts und links spaltend, und den Parteihader verewigend. Dieses Zentrum ist, wie ich es immer und immer, wieder in meinen Reden betone, im wahrsten Sinne des Wortes eine Partei des Satans, die es versteht, unter dem Deckmantel der Religion ihre Wähler und das den tsche Volk i n d i e H ö l l e z u f ü h r e n." Die „Germania", das führende Zentrumsorgan, nimmt zu diesen Aeußerungen Dinters Stellung, nicht in der Verteidigung, sonder mit schlagkräftigem Angriff. Es schreibt (Nr. 72 vom 7. Mürz): „Es sind immer wieder die nämlichen Schlagworte, mit denen da gearbeitet wird; diese Herrschaften geben sich durchaus keine Mühe, den Begriffsinhalt der Schlagworte näher zu erläutern und zu berveisen, daß die Sache sich wirklich so verhält. Was die „Verquickung von Politik und Religion" betrifft, so scheint Herr Dinter nicht zu-wissen, daß es eine sogenannte integrale Richtung int Katholizismus gibt, die die Zentrumspolitik gerade deshalb kritisiert, weil sie ihr zuwenig religiös betont erscheint. Wer hüt nun recht, Herr, Dinier oder die Integralen? Wahrscheinlich beide nicht, sondern das Zentrum. Die Todfeindschaft der. Völkischen dem Zentrum gegenüber, die Herr Dinter ankündigte, ist vielleicht deshalb verständlich, weil gerade das Zentrum ein mächtiges Hindernis der phrasenhaften Volksverführung bedeutet, die von den Völkischen geübt wird... Den feinen 1 ln er schied zwischen Neutralität gegenüber der katholischen Religion und Todfeindschaft gegenüber dem Zentrum kann Herr Dinter als Katholik eigentlich nicht machen: er müßte wissen, daß es für einen Katholiken auch beut politischen Gegner gegenüber keine Todfeindschaft, geben kann; denn dieser Begriff fällt für den Ka hotrken nicht mehr in die Kategorie erlaubter Politik, sondern unterliegt dem christlichen Sittengesetz der Nächstenliebe, für die es Todfeindschaften nicht gebeil kann. Herr Dinter läuft hier Gefahr, eine Sünde nicht nur wider den Geist, sondern wider deu Heiligen Geist zu begehen, worauf wir ihn als Katholiken aufnlerktam machell wollen/ Die Darstellung der „Germania" __ ergänzt das Charakterbild Dinters in dankenswerter Weise. Ein schlechter Dichter, ein schlechter Politiker, ein schlech.er Katholik. Aber ein/ ist er positiv: ein Hasser. Das „Ferment öer Dekomposition". Mommfen über fernen eigenen Ausspruch. Kaum eine antisemitische Rede wird hernntergehaspelt, kann: ein völkischer Leitartikel zusammen- und abgeschrieben, ohne daß man beu Satz M o m m sens aus seiner „Römischen Geschichte" einslicht: „Auch in der alten Welt war das Judentum ein wirksames Ferment des Kosmopolitismus und der nationalen Dekomposition." Man irrt wohl nicht, wenn man behauptet, daß dieser Satz das einzige ist. ums jene Herren voll Mommfen kennen. Sie wissen also auch nicht, daß gerade über diesen Satz Mourmsen sich in einer Streitschrift „Auch ein Wort über unser Judentum" (1881 bei Weidmann) geäußert hat. Er führt hier aus, daß Dekompositionsprozesse oft notwendig, nie erfreulich sind, für die Herstellung einer allgemeinen deutschen Nationalität sei das Abschlei M der einzelnen Stämme erforderlich. „Daß die Juden in dieser Richtung seit Generationen wirksam eingreisen, halte ich keineswegs für ein Unglück, imb bin überhaupt der Ansicht, daß die Vorsehung weit bessere Begriffe hat als Herr Stöcker, warum dem germanischen Metall für seine Ausgestaltung einige Prozent Israel beizusetzen waren." Soweit geht die Ehrlichkeit der völkischen Hetzer nicht, neben dem Zitat auch Mvmmsens Auffassung über den Begriff der Dekomposition anzusühren. Hierüber hätte sich allerdings Mommfen selbst am wenigsten gewundert, der den Radauantisemitismus als „die Gesinnung der Kanaille" kennzeichnete. Völkische Tränenbomben. Vergebliche Stö r u n g e n in einer Ham b urger Versammlung. Daß der Central-Verem sich bei den Völkischen einer immer mehr steigenden „Beliebtheit" erfreut, erweisen deutlich die fortgesetzten hemmungslosen und unwahren Angriffe, die gegen den Central-Verein in der völkischen Presse und in völkischen Versammlungen gerichtet werden. Ein besonderer Dorn sind den Völkischen die öffentlichen und geschlossenen Anfklürungsv e r s a m m t tt n gen f ü r ch r i st l i ch e K r e ise, denn sie fürchten offenbar, daß eine ruhige und sachliche, nur mit anständigen Mitteln geführte Aufklärung in christlichen Kreisen ihnen das Konzept verderben könnte. Aus diesem Grunde versuchten sie in der Versammlung in Hamburg, in der Georg Bernhard über die „vorjudete Presse" sprach, durch einen Hagel von Zwischenrufen und noch andere Mittel die Versammlung zu stören. Es gelang ihnen nicht. Gewitzigt durch diese Erfahrungen verführen unsere Hamburger Freunde bei der Aufktärungsversamrnlung des Herrn Professor Dr. Wiking „Hebet das .zersetzende" Judentum" bei den Einladungen mit besonderer Vorsicht. Sie konnten allerdings nicht verhindern, daß voll verschiedenen jugendlichen Völkischen tränenerregende Gase, sogenannte Tränenbomben, welche Glasröhren entströmten, in den Saal gelegt wurden, die den Anfang der Versammlung verzögerten. Den: -tatkräftigen Eingreifen von Mitgliedern des Reichsbundes .jüdischer Frontsoldaten gelang es, verschiedene der Attentäter festzuhalten und sie der Polizei zuzusühren. Sie sehen ihrer strengen Bestrafung entgegen. Die Völkischen können sich daraus verlassen, daß solche und noch weit schlimmere Mittel uns nicht veranlassen werden,^ unsere nicht so sehr im Interesse des Judentums als vielmehr im Interesse des Vaterlandes dringend notwendige Aufklärungsarbeit auch nur um einen Deut zurückzustellen. Das brutale Vorgehen völkischer Attentäter hat das eine Gute zur Folge, daß besonnene christliche Kreise deutlich erkennen, mit welchen niedrigen Mitteln der Kampf gegen das Judentum gesührt wird.