Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 11 (13.3.1924)
- Date
- 1924-03-13
- Page
- Seite 110 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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110 gebet daran denken sollte, auch auf die Gefahr eines geringeren GeschäftsgewinneZ, feinen Angestellten die Durchführung einer einigermaßen erträglichen Lebenshaltung auch in den Zeiten der jetzigen Geldknappheit zu ermöglichen.' Nach vielfachen Erfahrungen, besonders im Einzelhandel, erweist der Arbeitgeber, von dem es bekannt ist, daß er sein Personal Human behandelt, auch damit seinen eigenen geschäftlichen und wirtschaftlichen Interessen nach außen hin keine schlechten D i eirst e. Schon König Salomo. der auch kein schlechter Wirtschaftspolitiker war, sagt in seinen Sprüchen: „Mancher teilt freigebig aus, und bekommt immer mehr, und ein anderer spart an dem, was sich gebührt, und wird immer iirnte r." Ganz besonders aber gilt der Appell an das jüdische Herz und Gewissen jetzt bei den Betriebseinschränkungen lind Perso nalentlassungen. Bei der Veränderung der Vermögensverhältnisse und der sozialen Schichtung, die in der Nachkriegszeit eingetreten ist, hat wohl jetzt jeder jüdische Arbeitgeber auch in seinem nächsten Familienkreis Personen, die genötigt sind, als Angestellte ihr Brot zu suchen. Und mancher mag sich auch der mehr oder weniger sernliegenden Zeit erinnern, wo er noch nicht Prinzipal, sondern Angestellter war. Jeder weiß daher, wie Arbeitslosigkeit nicht nur wirtschaftlich, sondern auch moralisch wirkt, und er sollte sich daher vor jeder Entlassung, die er ausspricht, doppelt überlegen, ob sich nicht bei einigem guten Willen doch noch ein Durchhalten ermöglichen läßt. Gerade nachdem die wesentlichen Bestimmungen der Demobilmachungsverovdnungen aufgehoben sind, sollte das jüdische Herz jetzt freiwillig gewähren, was bisher staatlicher Zwang durchgesetzt hat. Schon lange vor dem Kriege, noch ehe sich die staatliche Sozialpolitik in nennenswertem Maße auswirkeu konnte, waren es gerade Juden, die den Typus des sozialen Arbeitgebers geschaffen haben, und an die man sich noch heute als Vorbilder sozialen Wirkens gern erinnert. Möge auch die jetzige Zeit in unseren Reihen ähnliche Persönlichkeiten schaffen? Jeder Arbeitslose vermehrt das Heer der Unzufriedenen. Jede Unzufriedenheit aber, die mit Recht oder Unrecht auf das Verhalten eines Juden zurückgeführt wird, vermehrt den Antisemitismus. Wer 100 Mark für den Central-Veuein gibt, und zu gleicher Zeit unbewußt und ungewollt für 10 000 Mar! Antisemitismus schafft, hat die jüdische Sache nicht gefördert. Der größte Teil unserer jüdischen Arbeitgeber erfüllt ja auch seine jüdische Pflicht, ohne daß es einer besonderen Mahnung bedarf. Möge es aber diesen Ausführungen eines Sozialpolitikers, der in den letzten Jahren die Entwicklung von de» verschiedensten Seiten beobachten konnte, vergönnt sein, auch diejenigen zum Nachdenken und Handeln anzuregen, die sich vielleicht diese Seite des Problems noch nicht genügend überlegt haben. Der Krzl Hitlers. Nach den Münchener Prozeßberichten ist Hitler dadurch stark j u d engeg ne r i sch beeinflußt worden, daß ihm sein jüdischer Ar 3 t D r. Stettiner Ne Lektüre kr:egswissen-schaftlicher Bücher verboten habe. Wir erhalten dazu folgende Zuschrift: „In der politischen Tagespresse ist in bem Bericht über den Hitler- Prozeß eine Aussage Hitlers erwähnt, daß ein Dr. Stettiner ihm, dem Hitler, als er in einem Heimatlazarett gelegen, die Lektüre eines kriegswiffenschaftlichen Buches mit den Worten verboten habe: ,Zch hatte Sie für vernünftiger gehalten, Ms daß Sie so etwas lesen". Es wird dem Dr. Stettiner der Vorwurf gemacht, daß er als Jude Kriegssabotage getrieben habe. Da es meines Wissens wahrend des Krieges keinen anderen Arzt meines Namens gegeben hat, möchte ich dazu folgendes erklären: Ich kann mich bei der großen Zahl von Verwundeten, die durch meine Hände ^gegangen sind, nicht mehr jedes Einzelnen erinnern, Ts ist aber ganz ausgeschlossen, daß ich eine devartige Aeußerung getan habe, denn ich hatte und habe, wie vor Mer Wissenschaft, so auch vor der Kriegswissenschaft, der unser Vaterland so vieles zu Danken hat, die größte Hochachtung. Ich steifte mich wahrend des Krieges über Men Lazarettmsassen, der etwas höheres Interesse zeigte und habe derartige Studien stets Unterstützt. Nicht ausgeschlossen ist, daß ich einem Verwundeten, der aus dem Felde gekommen, einen sehr nervösen Eindruck machte, Zunächst eMpfohlen habe, derartige Bücher nicht zu lesen. Ich war von August 1914 bis Ende Februar 1919 als Leiter der erste« tirurgischen Abteilung des VeremslaZaretts Beelitz vom Noten Kreuz erlin (Chefarzt: Dr. v. Golz) tätig und habe die freiwillig übernommene Arbeit stets so aufgefaßt und ausgeführt, möglichst viele Verwundete möglichst schnell wieder geheilt dem Kriegsschauplatz MZuführen. Ich fasse diese von mir ausgeübte Tätigkeit nicht etwa als etwas besonderes aus, sondern Hütte es der Ehre und Würde eines deutschen Arztes und Chirurgen für nicht entsprechend gehalten^ wenn ich anders gehandelt hätte. S.-R. Dr. tzn go Ste ttine r* Herr Abgeordneter Negenborn und üer Rerchsminister öes Innern. Von. Dr. Paul Naithau. An der gleichen Stelle habe ich mich mit dem Herrn Abgeordneten Negenborn über die Einwanderung der Ostjuden nach Oberschlesien beschäftigt. Meine Ausführungen, find in dieser Zeitschrift m der Nmnmer vom 28. Februar dieses Jahres abgedruckt. Seitdem hat der N e i ch s m i ni \t e v des Innern den „Ab-- geordneten Graefe- Thüringen und Genossen" auf eine die gleichen Vorgänge berührende Anfrage eine Antwort erteilt, die besonders wichtig ist, mn die Uebertreibungen und Entstellungen zu beleuchten, die reaktionäre Antisemiten und antisemitische Reaktionäre in der politischen Oeffentlichkeit benutzen zu dem Zwecke, mit den Vorurteilen einer absterbenden Vergangenheit die Wähler irrezuleiten und politisch Zu bewuchere. Wenn das denkende deutsche Volk sich vor Augen hält, daß es in unserem Vaterland auf hundert christliche Einwohner nur einen Juden gibt — wahrscheinlich nicht einmal einen ganzen Juden — so verfällt das Geschrei der Antisemiten über die Verjudung bei uns unrettbar der Lächerlichkeit, und der antisemitische Geschäfts» betrieb dem Bankerott. Solchem Unglück für die — Antisemiten muß natürlich vorgebeugt werden, und daher zitieren antisemitische Agitatoren immer erneut das Gespenst von der jüdischen Masseneinwanderung aus dem Osten zu uns in das Reich. Der Abgeordnete des preußischen Landtags, Herr Negenborn, hat das seinige getan, um jene* Mirchen in der OeffenMchkeit nur dem Schein der Wahrheit zu umkleiden; der Herr Reichstagsabgeordnete Graefe und Genossen wandelten die nämlichen Pfade um entsprechendes Material im Reichstag zu beschaffen. Die Antwort aus die Anfrage dieser Herren erteilte der Reichst minister des Innern, gestützt auf die Auskünfte, die die preußische Regierung erteilt hat; sie ist kompetent; denn es ist vor allem die preußische Grenze, über die die Einwanderung aus dem Osten nach Deutschland gelangt. In der Antwort, die der Roichsminister des Innern gibt, heisst der entsprechende Abschnitt: „Es ist aber eine e r h e b l ich e 11 e bertreib u w g, -daß dieser sogenannte Mensch-enschinuggel einen erschütternden Umfang angenommen habe. Nach sicheren Unterlagen wird es sich im ganzen nur höchstens 1900 Personen handeln. Es ist ebenso unzutreffend, daß es die preußische Regierung Mlder nötigen Energie m der Bekämpfung Dieses Menscherchchrnnggels habe sch len lassen. Im Gegenteil; sie ist es ja gerade^ gewesen, die diesen Menschenschmugael aufgedeckt hat, dessen Evsapüng allerdings, wie es in der Natur dev Sache liegt, weder leicht war, noch -schnell vor sich gehen konnte. Von item Versagen der Preußischen 'Ltaatsregiernng kann demnach keine Rede sein." Weil im Laufe der Zeit Lausend' Menschen — unter ihnen also natürlich auch christliche Polen und Russen — ohne die nötigen Papiere die Grenze überschritten haben, betrachten die antisemitischen Parteien, die deutsche Kultur und das deutsche Volk in ihrer Existenz als gefährdet und bedroht; — die Lächerlichkeit solcher Behauptung macht sie einigermaßen unbrauchbar selbst in den politisch Zurückgebliebenen Teilen Deutschlands. Die Antwort an die Herreu Abgeordneten Graefe und Genossen fährt alsdann fort: „Dabei muß schließlich noch darauf hingewiefen roerden, daß seAst, wenn etwa Tausende — nicht etwa Hunderttausende — von ostjüdifchen Einwanderern auf diese Werse nach Preußen gelangt sein sollten, die Verhältnisse sich tm Laufe der letzten Monate wesentlich verschoben haben. Es ist als sicher anZUnehmen, daß etwa zwei Drittel der ostj üblichen Einwanderer das Land wieder verlassen haben; in Groß-Berlin z. B. hat sich ihre Zahl auf etwa die Hälfte verringert; im Ruhr gebiet befinden sich höchstens nur noch tausend dieser Einwanderer." Dieser ministeriellen Auskunft ist hinzuzusugen, daß nach sorgfältigen Untersuchungen des jüdischen A r bei Le rfür sorge - amt es a-us dem Nuhrgebiet neuesten s über 9000 jüdische Arbeiter ausgewandert sind und das deutsche Reichsgebiet verlassen haben; erklärlicherweise bei der überaus schwierigen und ernsten Lage der Gesamtheit der dortigen arbeitenden Bevölkerung. Was ich schon einmal in dieser Zeitschrift feststellte, entwickelt sich weiter. Die osteuropäischen Jüdischen Arbeiter, die während des Krieges von Den deutschen Militärbehörden überwiegend Z w c n =g s w e i s e in unsere Grenzen hineingebracht worden sind, verlassen in immer größerer Zahl Deutschland unter dem Druck Anserer wirtschaftlichen Notlage, und die deutschen Antisemiten müßten ihnen salzrge Tränen nachweinen, weil sie durch diese Abwanderung jeglichen Vorwand für ihre e-ntsprecherDe AMtation verlieren. Wird Herr WgLovdneter Dr. Itegemboru zu diesen mimsteriellen FeMellungLM — diesen Feststellung^; der preußischen Regierung, die die Reichsreoierung übernimmt, — sich vielleicht äußern, wird er sich bewogen füh^n zu einer ErKarung darüber, ob er seine unhaltbaren Behauptungen aufrechterhält, und zwar alsdann auf Grund welcher Tatsachen; oder ob er bereit ist, seine irrigen Angaben zurück* zmiehmen. Ms Drittes bliebe nur verlegen es Schweigen übrig, und dieses Schweigen wäre am MerbeweMräfftgsten gegen — Den Antisemitismus.