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Central-Verein-Zeitung · 1924-02-28 · 9 (28.2.1924) · p. Seite 89

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
9 (28.2.1924)
Date
1924-02-28
Page
Seite 89 (sequence 5)
Language
German
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und entscheidenden Kern -des Er i tischen- Berufes., der durchausim Enthusiasmus, in der begeisterten Hingabe für Positive Werte besteht, keinen Anteil haben, ist eine Behauptung, die durch hundertfache.. Aeußernngen jüdischer Schriftsteller zu. widerlegen ist — für alte, die überhaupt hören können und wollen. Der Anteil der Juden an der eigentlichen dichterischen Produktion erscheint nach dein oben Gesagten a u f s a i L i g g e r i n g. Er urußte es „namentlich in der naluralistischen Generation sein", denn was den Juden zur dichterischen Produktion größten Ranges fehlt, ist wohl jene tiefe Eingewurzeltheit in eine Natur, wie sie erst i n viel e n G e n erätio n e n freien Lebens in einer Landschaft und in einer Bolksgeineiude entstehen kann-. Erheblicher war ihr Anteil erst in jener neuromantischen Bewegung, die am Jahrhundertende von Wien ausging, und deren Hauptinhalt eine Klage um den mangelnden Natnrbesitz war. (Hier kommen Künstler wie Hugo v. Hosinannsthal und Schnitzler besonders in Frage.) Eberlso bei der expressionistischen Gegenbewegung, für die weinger der Besitz der Gegenwart als leidenschaftliches Zukunstverlangen charakteristisch ist, sind Juden (besonders aus Prag) in größerer Zahl-wirksam geworden. Die wahrscheinlich bedeutendsten jüdischen Talente in der jüngsten Generation der deutschen Literatur, Alfred At o m nt b er t und Franz Werfel, sind kennzeichnenderweise extatische Lyriker, für die es viel weniger aus realen Weltbesitz, als auf die innere Vision ankommt. — Soweit aus dem Gebiet der reineil Produktion nach dem eben Gesagten jüdischer Anteil sestzustellen ist. kennzeichnet er sich als der Ansdruck einer ganz allgemeinen Zeitstimmung. zu der die Juden nach Artung und Lage besonders geeignet waren, die aber auch von Violen anderen ausgeübt, durchaus ein gemeinschaftliches Bedürfnis des ganzen deutschen Voltes darstellte.' Also auch in diesem Sinne kann von einer „Berjudung" der deutschen Literatur nicht die Rede sein. . Wir müssen es uns a l s I u d e n verbitten, daß jede neue Bewegurig mit all ihrem Guten und Bösen vondenen, die sich vor jeder Bewegung fürchten, „jüdisch" genannt wird, — nur müssen es lins aber noch viel mehr als Den tsche verbitten. Wie stände denn das deutsche Volk vor der Welt da, wenn es wahr wäre, daß die Anerkennung und Wirkung deutscher Dichter, wie Hauptmann und Stehr, George und Dehinel, ausschließlich das Werk jüdischer Literaten ist! — Es ist natürlich nicht wahr. So weit der jüdische Anteil, besten Umfang hier aus sein bescheidenes Wirklichkeitsmaß zurückgeführt wurde,'reicht, geht er von Schriftstellern aus, die keineswegs verleugnen wollen, das; manche von beit geistigen Mitteln, die sie anwenden, durch ihre jüdische Eigenart bedingt sind. Aber sie wenden diese Mittel an, indem sie mit innerster Leidenschaft d a n a ch st r e b e n , d a s nt e lt s ch I i ch e W e s e n so zu entfalten, wie es im deutschen Volkstum offenbart i st.Zckls organische Glieder des deutschen Voltskörpers zu gelten, haben Schriftsteller jüdischer Herkunft, die durch die Luft, die sie atmen, und die Sprache, die sie sprechen, Deutsche sind, wohl nicht weniger Recht als der Vollöl utfranzose C h a m i s s o, der eine Anzahl der mit Grund populärsten deutschen Gedichte geschaffen hat, und der, obschon er bis an sein Lebensende nie fehlerfrei deutsch sprechen konnte, doch Berlin als seine „l i e b e d e u t s ch e Heimat" begrüßen durfte. Wenn aber ans irgende!ne-m Gebiet, so müßte doch/gerade mehr der Literatur sichtbar, der adelige Wahlspruch tauten: 8 p i r i t u s , « o n s a n a u i s — G e i st, n i ch t Blut! Kauft und Politik. Von Ri chard Elb (Dresden). - Es hängt mit unserer Einstellung zur Kunst, die wir Deutschen im allgemeinen als etwas Hohes, Verehrungswürdiges zu betrachten pflegen, zusammen, daß iur Gegensatz zu Amerika, auch England, und erst recht zu den romanischen Ländern mit ihren heißeren'Temperamenten, T h e a t e r s k a n d a i c bei uns verhältnismäßig selten sind. Sie ereignen sich durch das Hineintragen von Politik in die Bezirke der Kunst. und unter diesem Gesichtswinkel erscheinen mir die beiden Explosionen der jüngsten Zeit — Mark Twains Wort von der Duplizität der Ereignisse -. weniger für einen gewissen Tiefstand unserer Kultur, als vielmehr für-die Zerrissenheit unseres öffentlichen Levens'bezeichnend. Der heftigere und auch grundsätzlich bedeutsamere Skandal fand zweifellos in Dresderr statt, dem Mittelpunkt eines seit langem bekannten politischen Brandherdes, wo die staatlichen S cha u s p i.e l h a u s p r c ut i c r c u aber noch von früher her künstlerisch und gesellschaftlich hochstehende Angelegenheiten bedeuten. In Stuttgart, dem anderen Schauplatz, 'bekämpften nationalistisch erhitzte Gewitter einen toten. Dichter, den Stürmer und Dränger Büchner, oder vielmehr sie revoltierten gegen das Absingen der Marseillaise in seinem Revolutionsstück „Dantöns Tod" — nicht unverständlich, wenn man an die dortige Nähe von den Franzosen hartbedräugter deutscher Gebietsteile denkt und an die daraus hervorgehende Haßstimmung der süddeutschen Bevölkerung. In Dresden ging es um E r n st T o l l e r s Zeittragödie „H i nke m ct n n", d. h. man bekämpfte zunächst nicht das Stück, das die zu Skandalzwecken Mißbrauchten vorwiegend jugendlichen Alters gar nicht kannten oder verstehen wollten, sondern den aus den Münchener Rätetagen übel beleumundeten jungen Dichter und in ihm zugleich den Jude n oder, was ja den Antisemitlingen gleich gilt, den aus jüdischem Blute Stammenden. Und dies ist der Punkt, der eine klare Stellungnahme der deutschen Inden in einem Werk dieser Art und seiner Ausführung erforderte Toller, der ja nach der Sinuesweise aller-Koininuiusten kaum n o ch d u r ch ei n i n n eres B a n d mit d e in I u d e n 1 u m verknüpft ist, erleidet selbst die Tragik, daß der tief menschliche, fraglos edle Kern dieses in vieler Beziehung antideutsch erscheinendcu Stückes übersehen wird, unwirksam bleibt durch diewou Politik durchtränkte Typisierung eines menschlichen Eiuzolschicksals. Der Fünftmdzwanzigjährige, der es gestaltete, steht auch heute noch den Dingen mit uns her viel zu nahe, um mit der leidenschaftlosen Würde des Dichters, der zugleich Richter sein darf, eine einigermaßen objektive, uns aus Wirrnis und Finsterkeit heransführende Kritik an Staat, Gesellschaftsordnung und dergleichen zu üben. Vollends ist auch das Problem eines derart Kriegsoerletzten tote Hinkemann, so unendlich mitleidwürdig es ist, kein Stoff für die Bühne, sondern in noch nicht beruhigter Zeit, wo ein Fünkchen leicht einen Brand -entsacht, höchstens ein neuer, unseren Feinden willkommener Anlaß -innerdeutscher Entzwejung. Wim mag die Kraft bewimdern, die hinter Gefängnis- Wir warnti m wilden Sammlungen! mauern solche stammenden Empörungsschreie in die Wett schleudert, mau mag sich gerührt der dichterischen Zartheit manchen Gedankens hingebeu, um sich dann desto entsetzter von der Wedetiud übertrumpfenden Roheit in der symbolischen Realistik vieler Szenen abzuwendeu — man kommt doch nicht darüber hinweg, daß der Dichter hier ebenso wie seine lärmende Zuhörerschar die Knust zu Politischen Ästerzwecken mißbraucht hat. Freilich mit dem Unterschied, daß das, was ihm dichterische Eingebung, seelischer Notschrei war, von jenen mit der unsach.ichen Geistlosigkeit aller berufsmäßigen Lärmmacher entkräftet werden sollte. Das; die auf den N -a t i o n a l s o z i a l i s m u s eingenchoorenen oder ihm verwandten Sippen bei dem planmäßig vorbereiteten Skandal ihre Hand sehr stark im Spiele hatten, ist natürlich kein Zufall. Toller läßt — an sich bedenklich genug angesichts der überhitzten' Atmosphäre des Stückes — zwei Juden anstreten, die die sorgfältige Regie Ms mutigen und auch geistig hochstehenden. aber doch -eben mit Schauspielerangeii blickenden Direktors Paul Wiecke beider nicht gestrichen hatte. Der eine spricht von Pogromen, die ein Zeitimasjunge vorher ansgernfen hatte, mit den Worten: „Judenp o g r o m e i n G a li z i e n! B r a n d d e r S y n a g o g e! Taus e n d!U e n s ch e n b e i l e b e n d i g e m L e i b e v e r b r a n n t!", worauf Toller eine Stimme rufen läßt: ,,B r a v o! A l l e I u d e u nach Galizien!" — lind als dann der zweite Jude mit bitterer, doch nur zu berechtigter Ironie die Inden als das anserwählte Volk des Leidens bezeichnete -- ein, von welcher Seite es auch kommt, sehr seines Wort —, da hatten die kindlichen Dresdener Geistesheroen ein neues, ihnen sehr genehmes Stichwort zu Zwischenrufen gemeinster Art gefunden. Ein angeblich jüdischer Bankier von auswürts erlitt bei dem Getöse einen Herzschlag, und selbst die Majestät des Todes veranlaßte die entmenschten Rohlinge nicht zur Rück sich nähme. „Ach, nur ein Jude," meinten sie in etwas derberer Ausdrucksiveise. Der Nachhausemarsch nach Schluß der vielfach minutenlang unterbrochenen Vorstellung, die sie dennoch nicht verhindern konnten, vollzog sich unter Absingen des Hakenkreuztiedes: die Schupo, obwohl nicht gerade mit ihnen im Bunde, nahm die Verhaftung der schlimmsten Lärmmacher mehr zum Scheine, „ul aliguick fiat"., vor. W n r n u ugszei ch e n sind die hier geschilderten Vorgänge mit Recht genannt ivorden. Sie sollten es für alle sein, denen die Kunst zu stoch steht, um sie zum Politischen Masseninstrument herabwürdigen zu lassen. So wenig die Annahme „Hinkemauns" an der Dresdener Staatsbühne von Politischen Einflüssen unberührt war, so wenig hatten die Lärmmacher und ihre Hintermänner den Schutz der Moral im Auge — es ging ihnen nur darum, bei dieser ihnen günstigen Gelegenheit, wo sie einen Schein von Recht für sich hatten, der neu gebildeten sächsischen Koalitionsregierung die erste große Schivierigkeit zu bereiten. Der von einem jungen Dichter mit nngebäudigter Kraft abgeschossene Pfeil flog ans ihn selbst zurück, eine vornehme Kunststätte schien sich für einen Abend in ein wüstes Volts- Versammlungslokal verivandett zu haben . . .. Das große Nachspiel im Landtag war von mehreren kleinen umrahmt, von denen eines um seines satirischen Einschlags wällen Erwähnung hier verdient. Vaterländische Verbände protestierten öffentlich gegen das schändliche Stück, von dessen Wiederholung denn auch abgesehen wurde. Zn diesen Protestierenden gehörten die zlvei größten buchhändlerischeu Organisationen Dresdens bzw. Sachsens mit dem Erfolg, daß Zunächst einige Firmen, darunter eine jüdische, ähre Zustimmung ableugneten und austraten. Einen Tag nach der Sch.acht schon war kein Buch von „Hinkemann" mehr zu haben, und jetzt, wo der schlaue Verlag wohl gleich einen Neudruck hergestellt hat, prangt das rote Bändchen vorn in jedem Buchladen. Man entrüstet sich also über das Stück, aber man findet nichts darin, um ein paar Groschen Verdienst willen z u r B e r b r e i t u n g der s i ch er n i ch t in Inder g e s ä h r l i ch e n Vuchlektüre beizutraaen. G e s ch äst und Moral als klnteräbteilung von Kunst und Politik!

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